Meine Opfer sind bei den Gedanken

Was der AfD die Messermorde, sind den Klimahüpfern die Flutkatastrophen (wahlweise auch 30 Grad im Schatten, irgendwas mit Wetter jedenfalls). Es wird wie auf Bestellung Schuld verteilt und Wahlkampf gemacht. Oder eben abgewiegelt und zur Mäßigung aufgerufen. Wie es gerade passt. Denn wenn der Feind bekannt ist, hat der Tag Struktur (offizielles Dalai-Lama-Zitat). Textbausteine und Trauerkerzen gibt es in jedem Fall gratis oben drauf. In diesem Theater bleibt kein Auge trocken und kein hohle Phrase ungenutzt: Merkel hat mitgemessert, Weidel hat mitgeschossen und Laschet hat mitgeregnet. Im Sozialismus wäre das alles übrigens nicht passiert. Schauen Sie doch nach Kuba. Die Leute haben vielleicht nichts zu futtern, aber wenigstens stimmt die CO2-Bilanz. Die wissen einfach nicht, wie gut sie es haben. Buena Vista Tunnelblick. 

Letzten Donnerstag

„Tückische Mikroorganismen wären mein Wunschszenario für den Untergang der Welt. Sinngemäß in Form eines Flugreisenden, der sich im Urwald an einer winzigen Rasurnarbe mit einer seltenen Makakenkrankheit infiziert und sodann in einem Dutyfreeshop in Kuala Lumpur mit einer von Schmierkeimen kontaminierten Mastercard zahlt, die über die ungewaschenen Hände der dort prekär beschäftigten Kassenkraft auf eine Stange Dunhill-Zigaretten übertragen werden und sich schließlich im Hirn eines in Reykjavík lebenden Dalmatiners zu einer hochinfektiösen Hühnergrippe rekombiniert, die mittels einer einzigen Charge Chicken McNuggets, die einer McDonalds-Filiale in Dinslaken mangelhaft erhitzt wurde, schließlich die Menschheit ausradiert. Eine zeitgemäße Landplage, die der Menschheit im pandemischen Todeskampf ihre moralischen Verfehlungen aufzeigt – recht biblisch also.“

So prophetisch äußerte sich der ehrenwerte Blogger Her NO in einem Interview, das ich mit ihm anlässlich eines möglichen Weltuntergangs 2012 führte. Es stammt aus einem kleinen publizistischen Projekt, dass ich damals verfolgte. Leider hat Herr NO (dessen bürgerliche Identität mir bekannt ist, die hier aber niemanden etwas angeht, Sie mögen verzeihen) auf hightatras.org seit nunmehr drei Jahren keine Texte mehr veröffentlich. Aber auch davon geht die Welt nicht unter, ebenso wenig wie durch’s Wetter, durch Donald Trump oder durch Lisa Eckhart. Unverwüstlich ist er, dieser sture kleine Planet. Trotzdem haben die Apokalyptiker natürlich weiterhin Konjunktur. Tatsächlich ist der Weltuntergang eine krisensichere Branche, dort herrscht immer Ausnahmezustand, Endkampf und Schlussverkauf. Was sowohl das Ende als auch den Ursprung unserer Welt angeht, habe ich mich inzwischen dem Last-Thursdayism angeschlossen. Das Universum wurde am letzten Donnerstag erschaffen und wird pünktlich am nächsten Donnerstag wieder implodieren. Alle Anzeichen für eine längere Historie sind nichts weiter als Täuschungen. Das scheint mir die vernünftigste Antwort auf die Fragen und Nöte der Menschheit zu sein. Spalter und Abweichler wie die Last-Tuesday- und Wednesdayisten werden von unserer Bewegung auf’s energischste bekämpft, die Kirche der Last-Saturdaynight-Feveristen wird dagegen nicht ernst genommen, diese Leute sind uns wirklich zu albern.

Es folgen einige nachträgliche Kulturtipps, von mir für Sie exklusiv und gebührenfrei in Ihre vollgefurzten kleinen Quarantäne-Höhlen gefunkt.

Das deutsche Kultur-Highlight des Jahres – Desiree Nick beleidigt Sido für 99 Euro: „Danke, das du mit deinen Gossen-Songs eine ganze Generation deutscher Jungs in asoziale Penner verwandelt hast! Dann kam Fridays For Future, dann kam Corona, jetzt geht keiner mehr zur Schule!“ 

Meinen Jahresrückblick hatte ich ja bereits im August abgeliefert. Beim Pestarzt las ich nun noch das Best of Shitstorms 2020: „Da oben stehen sie und predigen. Gift und Galle. Tod und Teufel. Pest und Nazis. Von ihrer Kanzel. Aufgebracht. Entrüstet. Todernst. Woke bis in die Haarspitzen.“

Ja, sie stürmen immer noch, rufen zum Boykott und errichten Online-Pranger – nichts Neues also. Seit Jahren halten ein paar selbstgerechte Dauertwitterer und mediale Krawallschachteln (Apokalyptiker*innen inklusive) die Erregungsmaschine Internet mit ihrem hochgejazzten Murks in Schach, und alle spielen mit, springen über’s Stöckchen, immer wieder. Weil sie sich angesprochen fühlen, herausgefordert, getriggert, getreten und zugetrötet. Dabei wäre es so leicht, das Ganze zu ignorieren. Die einfachste Sache der Welt. Wer sind diese Leute? Warum sind die wichtig? Wer will das hören? Lassen wir sie krakeelen in ihren schalldichten Förderblasen. Irgendwann schreien die sich nur noch gegenseitig an. Weisses Rauschen.

Ich habe Tschick von Wolfgang Herrndorf gelesen, mit zehnjähriger Verspätung. Es lag gerade irgendwo rum. Ein sehr gutes Buch. Ich musste an den Fänger im Roggen denken. Sehr schade, dass Herrndorf nicht so lange durchgehalten hat wie J.D. Salinger. Und ich habe Mindhunter auf Netflix geglotzt. Mein Interesse an Serienkillern hatte ich hier schon angedeutet, Mindhunter ist gewissermaßen die Jahreshauptversammlung legendärer Serienkiller – ein ästhetisches und psychologisches Meisterwerk aus dem Hause David Fincher. Ich werde an dieser Stelle aber keine Trailer verlinken, da die der Serie in keiner Weise gerecht werden. Das Ding ist außerdem auch schon wieder zwei oder drei Jahre alt. Ich weiß nicht, warum ich mir so viele Sachen erst mit derart epischer Verspätung zu Gemüte führe. Ich habe eben meinen sehr eigenen Rhythmus. 

In spätestens zehn Jahren werde ich vielleicht auch den großen Quotenhit 2020 nachholen, Corona: Judgement Day. Dann werde ich mir 24 Stunden am Tag bunte Diagramme anschauen und pflichtbewusst so tun als sei die Pest ausgebrochen, versprochen. Ich werde mich zuhause einschließen und panisch in die Teppichkante beißen. Prekäre Lieferboten werden mich regelmäßig mit frischen Hashtags und Impfspritzen versorgen. Ich werde Listen anlegen, Listen über meine Kontakte und über mein Fehlverhalten („Einen Spiegel! Dass ich mir in die Fresse speien kann!“), vor allem aber über das Fehlverhalten meiner Nachbarn, über all die Ketzer und Zweifler und Oma-Mörder (Nieder mit den Last-Tuesday- und Wednesdayisten!). Schließlich werde ich mich selbst mumifizieren und in ein tiefes Erdloch eingraben, sicher ist sicher. Solidarische Grüße aus der Gruft! #stayhome … In der zweiten Staffel (Corona: Die Auferstehung) werde ich dann wieder ausgebuddelt, wahrscheinlich an einem Donnerstag. Auf der Erdoberfläche haben Luisa, Carola und Simon-Sören-Zacharias währenddessen ihren glutenfreien Windmühlen-Sozialismus errichtet – sauber, fair und virenfrei, ein Paradies auf Erden. Recht biblisch also. 


Der Weltuntergang als Running Gag in der Radikalen Heiterkeit:

Wer nicht hüpft, der ist für Kohle! (März 2019)
… umso mehr sind wir des Beifalls sicher (April 2017)


Zum Feste nur das Beste – famose Texte aus dem Archiv des Herrn NO (2008-2011):

Herr No übt Medienkritik und befleißigt sich dabei des Stilmittels der sogenannten spitzen Feder

Die Sintflut ist der Hochdruckreiniger des Herrn

Herr No entlarvt den Begriff der Schönheit erneut als sinnlos

Sie erhalten Anschluss an den ICE Friedrich Nietzsche aus Gleis 7


Abbildung oben: Screenshot aus Mindhunter

Die Sonne und du

„Vom Ich zum Wir“ – das kenne ich noch als Einpeitsch-Mantra aus dem realsozialistischen Schulunterricht: Du bist nichts, das Kollektiv ist alles. Seitdem versuche ich konsequent das Gegenteil zu leben. Nur um jetzt wieder mit dieser kollektivistischen #irgendwasmitwir-Scheiße zugedröhnt zu werden. Und jetzt alle: #wirbleibenzuhause! Ja, macht mal. Bleibt zuhause. Und wenn ihr schon dabei seid, stellt doch bitte auch eure Webcams ab. Macht wenigstens ein paar Tage lang mal die Backen dicht. Bitte. Jetzt. Sofort. Dichtmachen. Abschalten. Kamera zukleben. Stecker ziehen. Schnauze halten! Nur ein paar Tage Sendepause für diese augen- und ohrenvergiftende Kitsch-Offensive, ist das denn wirklich zu viel verlangt? Ich will das nicht mehr sehen. Nicht mehr hören. Macht das weg. Ich interessiere mich nicht für eure armselige opportunistische Lockdown-Selbstdarstellungs-Sülze, für eure Wohnzimmer, eure quakenden Kinder und eure Katzen. Ich will nicht wissen, wie ihr diese crazy Krise mit Makramee, Putzen, Yoga oder Minigolf im hauseigenen Keller übersteht. Hört bitte auf, in die Kameras zu heulen, mit den Händen Herzchen zu machen und euch bei sonst wem zu bedanken. Ihr macht jeden Mist mit, ihr seid ganz genau so wie die grauenhaften Emo-Werbespots, die PENNY und die Telekom über euch drehen. Oma, Opa, dein Boss, deine Mutter und deine Gören – alle im Videochat vereint, so tapfer und so süß! Hilfe!


Papi, schenk mir einen Computer! Hilfe für die ganze Familie!
Liebling, nimm die Rüstungsspirale! Tanz den Gummitwist!
(Der Plan, „Gummitwist“)


Natürlich sind die Leute trotzdem draußen, spätestens seitdem auch die Sonne draußen ist. Gut, es sind ein paar weniger als üblich und einige tragen jetzt Mundschutz. Selbst in Berlin hat sich wohl etwa ein Viertel der Menschen durch das mediale Dauergeschisse ausreichend Angst einjagen lassen. Außerdem sind die Kneipen zu, das hat schon eine gewisse verkehrsberuhigende Wirkung. Der Rest macht aber einfach weiter wie bisher, flitzt durch die Gegend und lässt sich den Frühling auf den Bauch scheinen. Überhaupt, die Sonne – wenn die mal explodiert, haben wir aber wirklich ein Problem. Jetzt habe ich doch glatt „wir“ gesagt. Hilfe!

Spurlos

Ich beobachte, wie sie bedächtig jede Frucht und jede Knolle einzeln auf das Laufband legt. Solche Leute sehe ich beim Einkaufen jetzt immer öfter: radikale Verpackungsvermeider. Kein Plastik, keine Folie, kein Papier. Und nach der Bezahlung stopfen sie dann auch alles einzeln und unverpackt in ihre verfilzten Rucksäcke. Man kennt das aus den Bioläden, jetzt ist es auch bei den großen Discountern üblich. Sie haben die Leute also nicht umsonst mit ihren grünen Wohlfühl-Kampagnen zugedröhnt. REWE ist nachhaltig, EDEKA ist Bio, LIDL spendet für Pandabären und Nena rettet den Planeten mit Möhrchen von PENNY. Jetzt fühlen sie sich also auch hier zuhause. Und sie wollen sich nicht daran mitschuldig machen, wenn irgendwo ein Delfinbaby an einer deutschen Gemüseverpackung erstickt. Also rollt auch die Dame vor mir ein Tomätchen, drei Radieschen, ein Petersilien-Strunk und noch ein paar dreckige Kartoffeln über das Band, und ich stelle mir vor (irgendwie muss ich die Wartezeit ja überbrücken), wie sie vorhin vielleicht noch kräftig in der Nase gebohrt hat und hier gerade mehr Krankheiten verteilt als die berühmte Kloschüssel aus Trainspotting (The Worst Toilet in Scotland, remember?) … In Zeiten der allgemeinen Virenpanik ein unterhaltsamer Gedanke. Ist die Ausrottung der menschlichen Rasse schlussendlich nicht auch der konsequenteste Umweltschutz? Später wird die Kassiererin ihr Warenband großflächig mit Chemikalien säubern und die Reste in einer Plastiktüte entsorgen. Aber da ist die Gemüseschubserin längst über alle Berge, überzeugt, alles richtig gemacht zu haben. Unterwegs wird sie sich vielleicht noch mit einem Coffee-To-Go stärken, natürlich nur aus fairen, per Esel herangekarrten Genossenschafts-Bohnen und ohne Becher. Sie wird sich den Kaffee frisch in den offenen Mund gießen lassen. So wird sie dann das mit veganer Mandelmilch gestreckte Gesöff gurgeln, während sie eine große Zucchini auf dem Kopf balanciert (der Rucksack ist bereits voll) und auf ihrem in der nachbarschaftlichen Kolchose liebevoll reparierten Second-Hand-Fahrrad in den Sonnenuntergang schlingert – nachhaltig, keine Spuren hinterlassend, sich selbst langsam auslöschend im dunkler werdenden Horizont.

Wahrscheinlichkeiten

Neuer Name, neue Resistenzen, altes Spiel, ich kann es nur wiederholen: Same Same But Different. Wie wahrscheinlich ist es, sich den aktuellen chinesischen Killervirus einzufangen? Fakten! Fakten! Fakten! Wolln’se haben? Könn’se kriegen! Aktuell sind etwas mehr als 20.000 Menschen weltweit infiziert, ein paar hundert sind in China daran gestorben. Die mediale Erregung ist mal wieder wesentlich schneller als der Erreger selbst. Natürlich sterben mehr Menschen durch Langeweile, Krankenhauskeime, Nikotin oder den unsachgemäßen Gebrauch eines Thermomixers. Hitler hat sogar noch mehr auf dem Gewissen. Und Stalin erst. Oder Mao, Dschingis Khan, der Dreißigjährige Krieg, die Pest und die Alien-Invasion von 1423! Gestorben wird immer. Also regen Sie sich mal wieder hübsch ab. Noch unwahrscheinlicher als am Corona-Virus zu erkranken ist es übrigens, auf der Friedrichstraße einen Mann mit einer Melone auf dem Kopf zu treffen (gemeint ist hier der Hut, nicht die Frucht – letzteres ist zum Beispiel auf sommerlichen Wochenmärkten gar nicht so selten). Und dennoch ist mir heute genau das passiert. Es war eine klassische Melone, so wie englische Lords, Egon Olsen und die Steampunk-Bewegung sie gerne tragen. Kurz nachdem ich den Mann mit der Melone sah, kam die Sonne raus. Adieu, ihr grauen Wolken! Ich habe meinen ganz persönlichen Groundhog Day also mit etwas Verspätung erlebt und weiß jetzt, wie das Wetter gemacht wird. Fakten! Fakten! Fakten! Alles wird gut.

Alles Banane (Vermischtes)

Schon gehört? Auf der Art Basel Miami hat ein Künstler eine Banane an die Wand geklebt. Das Werk wurde für 120.000 Dollar verkauft. Ein anderer Künstler verspeiste daraufhin die Banane und erklärte dies spontan zu einem Happening – Publikum und Presse waren entzückt. Irgendwann hätte man das matschige Ding sowieso ersetzen müssen, nehme ich an. Wer eine Banane an der Wand für 120.000 Dollar kauft, ist ja weniger am Nährwert als am Marktwert der Frucht interessiert. Inzwischen hat jemand „Epstein didn’t kill himself“ an die Wand gepinselt. Was kommt danach? Ein mexikanischer Kinderchor, der „Ok, Boomer!“ singt? Kunst ist das, was Sie dazu erklären und entsprechend verkaufen können. So war es immer, so wird es immer sein. Alles andere ist Banane. Was gibt es zum Jahresende sonst noch interessantes anzumerken? Wer über vierzig ist und sich in Berlin mal wieder richtig alt fühlen will (Ok, Generation X), der geht früh morgens in den Magendoktor am S-Bahnhof Wedding. Dort trinken junge Hipster ironisch Bier und tanzen zu NDW-Hits aus der Jukebox, der Musik ihrer Eltern. Vielleicht eine Empfehlung für den nächsten Horrortrip des Pestarztes (falls er nicht schon längst dort gewesen ist), er hat sicher schon Schlimmeres erlebt. Ganz schlimm war aber offenbar das gesamte Jahr 2019. Vor allem in Deutschland herrschte große Not: Klimanotstand in Sindelfingen, Nazinotstand in Dresden, Wohnungsnotstand in Berlin und Dauernotstand bei der SPD. German Angst, next Level. Lesen Sie dazu den aktuellen Megaseller „Der ganz große Bumms“. Wer jetzt immer noch nicht durchdreht, geht nicht mit der Zeit!

Wer nicht hüpft, der ist für Kohle! (Klima in Zeiten religiöser Dürre)

Have a drink. Lighten up. You could die soon.
(Bianca Del Rio)

Die Natur ist dem Menschen ein kostbares Gut, ganz besonders die frische Atemluft – daran werde ich immer dann erinnert, wenn ich in eine Berliner S-Bahn einsteige. Wir müssen dankbar sein für jeden Atemzug, der uns noch bleibt, denn eigentlich sind wir längst am Ende. Die Atmosphäre, das Grünzeug, das Wetter, der ganze Planet sind doch schon völlig hinüber. Nach dem, was man so hört. Es ist nicht mehr fünf vor Zwölf, es ist fünf Minuten nach Weltuntergang. Wir sollten uns längst panisch in ein Erdloch verkrochen haben, aufhören herumzureisen, zu twittern und die Klospülung zu betätigen. Wir sollten unsere Smartphones wegschmeißen, uns von selbstgezüchteten Rübchen ernähren und schließlich darauf hoffen, dass die Apokalypse sich so noch gnädig umkehren lässt. Stattdessen machen einfach alle weiter wie bisher. So geht das doch nicht!

end

Vor zehntausend Jahren (grobe Schätzung), als die Luft noch jungfräulich rein war und die Menschen mit Tierfellen bekleidet durch das Ende der Eiszeit stapften, da huldigten sie den Naturgewalten wie Göttern. Überhaupt war ja der Götterglaube ursprünglich stark ans Wetter gebunden. Sonne, Regen, Sturm und Donner wurden wahlweise als Belohnung oder als Strafmaßnahme für menschliches Verhalten interpretiert. Der Klima-Aktivismus unserer Tage propagiert die Erbsünde inzwischen zwar lieber mit akademischen Studien als mit der Bibel, das Prinzip ist aber ähnlich. Früher wurden wir halt für aufmüpfige Fragen oder abweichende Sexualpraktiken bestraft, heute für den Konsum von Plastik und Cheeseburgern. Die Krise der Kirche ist eine institutionelle, aber keine Glaubenskrise. Denn glauben wollen die Menschen weiterhin leidenschaftlich und wahrhaftig, am liebsten an die eigene Schuld und Schlechtigkeit. Na gut, eigentlich an die des Nachbarn, der Schwiegermutter, der Regierung, der Männer oder ganz einfach an die Schuld aller Erwachsenen – die sind schließlich schon länger am Leben, die alten Pottsäue! Was glauben Sie, liebe Gemeinde: welche Rolle spielt eigentlich der Ausstoß von Kohlendioxid für die langfristige Entwicklung des Klimas auf der Erde? Hilft es Ihnen vielleicht, das mal von ein paar kulleräugigen Teenagern erklärt zu bekommen? Haben Sie jetzt endlich Angst? Sie müssen die Angst spüren, sonst wird das nichts mit der Weltverbesserung. Die beliebte bayerische Social-Media-Influenzerin Katharina Schulze forderte im letzten Wahlkampf „mehr Emotionen“ in der Politik. Ja, noch mehr Emotionen. Als gäbe es nicht längst diesen komplett infantilisierten, durchgehashtagten, auf solides Teletubby-Niveau heruntergedummten Zirkus, mit dem uns die angesagten Panik-Themen täglich neu verkauft werden. Aber auch das ist ja nicht neu, wir erinnern uns an Karl, den Käfer. Der wurde bekanntlich nicht mal gefragt … vor allem nicht, ob er seine Vita für einen schlechten Öko-Schlager missbrauchen lassen möchte. Wahrscheinlich hieß er nicht mal Karl. Aber ich schweife ab. Politische Propaganda greift nun mal traditionell gerne auf Kinder, Käfer und auch Entenbabies zurück, um zu überzeugen. Und „wer nicht hüpft, der ist für Kohle!“ (Neulich auf einem #FridaysForFuture-Account gelesen, Rechtschreibung verbessert.) Amen.

Thoughts become things

Das Abstimmungsergebnis war mehr als überwältigend. Die Belegschaft und die Bewohner des „Happy Hostels“ in der Moabiter Paulstraße sprachen sich in der vergangenen Woche so gut wie einstimmig für den Verbleib der beliebten Aufschrift „Thoughts become things“ an der nördlichen Fassade des Gebäudes aus. Auch der Smiley soll bleiben. Die einzige Gegenstimme kam von Manfred Miesmuschel, dem Hausmeister des Hostels und Initiatoren der Abstimmung. Herr Miesmuschel weigert sich seitdem, das Ergebnis anzuerkennen. Die provokante Botschaft gehöre schleunigst entfernt, so der langgediente Hausmeister, denn sie decke sich in keinster Weise mit seiner Lebensrealität. So würde er schon seit Jahren an eine junge großbusige Verlobte denken, die sein einsames Dasein bereichern solle, trotzdem hätte sich diese bisher nicht materialisiert. Er denke außerdem beinah täglich an neue Foltermethoden, mit denen er die frechen Hostelbewohner für ihre schlampig hinterlassenen Billigzimmer bestrafen könne, aber auch hier wäre aus seinen Gedanken nie irgendein „Ding“ geworden. Miesmuschel spricht von bewusster Irreführung und von psychischer Grausamkeit. Eine zivilrechtliche Klage schließt er nicht aus.

happyhostel

Was wir in den letzten Wochen (außerhalb von Moabit) sonst noch lernen konnten: Obwohl sämtliche Boulevard-Medien es hartnäckig voneinander abschrieben, will Oprah Winfrey dennoch nicht Präsidentin der Vereinigten Staaten werden. Jetzt müssen sie leider woanders nach der Rettung vor Donald Trump suchen. Frau Winfrey sollte sich was schämen und sich ein Beispiel an anderen Milliardären nehmen, die sich gerade mal wieder um die Zukunft der Menschheit sorgen. George Soros zum Beispiel, der kurz vor dem Sensenmann noch mal moralische Bauchschmerzen bekommt und vor dem Untergang unserer Zivilisation warnt. Oder Chamath Palihapitiy, ein ehemaliger Facebook-Mitarbeiter und Silicon-Valley-Investor, dem es mittlerweile peinlich ist, am Aufstieg der Sozialen Medien beteiligt gewesen zu sein und der jetzt anstatt von Selfies und Katzenvideos lieber vom Sieg gegen den Krebs und die Erderwärmung predigt. Die ganz großen Aufgaben also – darunter machen sie es nicht, die neureichen Weltverbesserer.

Zur gleichen Zeit kam es in Frankreich zu Tumulten, weil einige Supermärkte die Preise für Nutella ins Bodenlose purzeln ließen. Wenn Sie das noch nicht deprimierend genug finden, so hören Sie sich doch bitte mal eine Rede der neuen Grünen-Vorsitzenden Annalena Baerbock an. Danach bleibt Ihnen nur noch der Strick oder ein Blick auf die Fassade des „Happy Hostels“. Denken Sie positiv, affirmieren Sie ein Einhorn!

… umso mehr sind wir des Beifalls sicher

„Selten hatte ein Jahr, global wohl und nicht nur in der Sicht habituell ‚kritischer‘ Intellektueller, mit einer so tief depressiven Stimmung und derart düsteren Prognosen begonnen wie dieses. Wer die Nacht vom 31. Dezember 2016 auf den 1. Januar 2017 mit den üblich freundlichen Neujahrs-Floskeln zu bestreiten suchte, wirkte naiv oder fiel, schlimmer, dem Verdacht anheim, nicht auf der kollektiv angepeilten Höhe politischer und ethischer Verantwortung zu leben. Wie in einem öffentlich ausgeschriebenem Tugend-Wettbewerb war man bemüht, sich wechselseitig mit Sarkasmen oder auch ernsthaften Ausdrücken der Sorge um das Wohl der Menschheit zu überbieten und wachzuhalten.“

(Hans Ulrich Gumbrecht, Entspanntes Katastrophenjahr: die Gegenwart in Stimmungsbildern, 8.4.2017)

clouds

„Die Lust am Untergang“ von Friedrich Sieburg habe ich vor ungefähr sechs Jahren durch die Neuauflage der Anderen Bibliothek entdeckt. Kurz darauf hatte ich das Glück, auch noch eine alte Taschenbuch-Ausgabe von Sieburgs „Nur für Leser: Jahre und Bücher“ für 50 Cents in der Grabbelkiste eines Flohmarktes zu finden. Wenn Sie, so wie ich, die düsteren Neurosen Ihrer Umwelt gerne mit Abstand betrachten und sich außerdem für eleganten Sprachgebrauch begeistern können, dann lesen Sie Friedrich Sieburg. „Die Lust am Untergang“ erschien erstmals 1954, und Sie ahnen bereits, dass es sich dabei um ein eher zeitloses Buch handeln muss, sonst würde ich Sie hier nicht so wortreich damit belästigen. Wäre ich der Leiter eines linksliberalen schwäbischen Lesekreises, so würde ich jetzt vermutlich pathetisch ausrufen: Wir dürfen Friedrich Sieburg nicht den Rechten überlassen! Da ich aber nur der Vorsitzende (und einziges Mitglied) der anarchistischen Literatur-Brigade „Butterblumen und Zement“ bin, sage ich: Wir dürfen Friedrich Sieburg selbstverständlich jedem überlassen, der ihn gerne lesen möchte – den Linken, den Rechten, der Mitte und allen sich um die eigene Achse drehenden Disco-Tanten (natürlich wollte ich „Diskutanten“ schreiben, aber bei „Butterblumen und Zement“ lassen wir nun mal keinen Kalauer ungenutzt in der Schublade). Wir können nur hoffen, dass sie alle in dem Autoren jenen klugen Geist erkennen, der sich wohltuend über jede Art ideologischer Vereinnahmung hinwegsetzt. Lange bevor der Begriff der German Angst populär wurde, gelang Siegburg in „Die Lust am Untergang“ die unterhaltsame Beschreibung eines (nicht nur) sehr deutschen Gemütszustandes: „Die Weltuntergangsstimmung durch scharfsinnige Analysen ins allgemeine Bewusstsein zu heben und sie gleichzeitig doch auch zu genießen, gehört zu den Lieblingsbeschäftigungen des Menschen von heute, sei es in Form von Philosophie, im Gespräch oder im Kommentieren von Zeitungsnachrichten. Propheten wollen wir alle sein, und je gelassener wir unseren düsteren Spruch verkünden, umso mehr sind wir des Beifalls sicher.“

Ich erlaube mir hier nun noch ein weiteres, etwas längeres Zitat und wünsche meinen geschätzten Lesern auf diesem Wege schon jetzt frohe Ostern sowie einen beschwingten Weltuntergang!

„Vor mir, im Flugzeug saßen jüngst zwei Männer, denen ich zuhören mußte, ob ich wollte oder nicht, denn sie sprachen sehr laut. Die beiden Männer waren, wie sich herausstellte, ein Däne und ein Schweizer, echte Europäer also, viel echter, als wir es je sein können. Sie bereiteten sich einige angenehm gruselige Stunden damit, den europäischen Schicksalsfaden zu spinnen und sich gegenseitig auszumalen, wie schlimm es um den von ihnen so brillant repräsentierten Kontinent stünde. Die fünfte Kolonne befand sich, wenn man ihnen glauben sollte, bereits tief im Herzen unserer Länder. Mit den Engländern war überhaupt nicht zu rechnen (‚die sind total fertig!‘), und von den Franzosen wollten sie lieber überhaupt nicht reden (‚ha, ha‘). Und die Deutschen warteten nur ihre Stunde ab, um sich an die Brust der Russen zu werfen. Europa war erledigt, und die Amerikaner verlören nur ihre Zeit, und mit ihnen sei es übrigens auch nicht weit her. Fuchs, Pontecorvo, die Namen fielen wie Schläge einer Totenglocke. Mir wurde trüb zumute, obwohl ich gerade die von den tüchtigen englischen Panzern zerwühlten deutschen Felder unter mir sehen konnte. Die beiden prahlten förmlich mit der Hinfälligkeit unserer Welt, und je düsterer ihre Prognosen wurden, um so fröhlicher wurde ihre Stimmung, bis sie schließlich in Frankfurt das Flugzeug im Zustand höchster Aufgekratztheit verließen. Ich schwöre, daß sie während der Reise keinen Tropfen Alkohol getrunken hatten, und doch leuchteten ihre Augen wie im Rausch. Ich sah ihnen lange nach. Das waren rechte Schwäger, die es nicht verschmähten, dem Schicksal ins starre Antlitz zu blicken und daraus eine Wollust ohnegleichen bezogen. Männer der Wirklichkeit, tüchtig, mit prallen Aktentaschen, – aber eben Genießer besten europäischen Schlages. ‚The night of the knock when none shall sleep‘ heißt es in einem berühmten Gedicht von Auden. Das lautet angstvoll genug, eben weil man nie wissen kann, ob die Polizei klopft oder das Schicksal. Aber hier war heller Tag, obendrein schönster Sonnenschein, und die beiden Männer würden nach diesem genußreichen Gespräch vorzüglich schlafen, dessen war ich sicher. Vielleicht waren sie ausgezogen, das Fürchten zu lernen, und es war ihnen gelungen. Oh, sicher war es ihnen gelungen, denn sonst hätten sie nicht so geschwelgt und gestrahlt.“