Helau & Fuck your feelings!

„I hurt people for a reason. I like to think of myself as a virtuous troll.“
(Milo Yiannopoulos)

Wie lange denke ich nun schon darüber nach, einen Kommentar zu diesem Knaben abzusondern? Eigentlich hatte mich längst dagegen entschieden. Die Nachricht über Milo Yiannopoulos‘ Trennung von Breitbart News (deren leitender Redakteur er immerhin für einige Jahre war) lässt mich nun aber meine Entscheidung spontan korrigieren. Gut, hier sind sie also, so knapp wie möglich: meine zwei Cent zu Milo, dem blondierten Suppenkasper der amerikanischen Alt-Right-Bewegung. Sehen Sie es einfach als meinen Beitrag zum diesjährigen Karneval – ein Elend, dass ich mir, ähnlich wie die Causa Milo, bisher glücklicherweise nur aus der Ferne zumuten musste. Anfangs hielt ich Milo für eine durchaus bereichernde Figur im öffentlichen Diskurs um Meinungsfreiheit und politische Korrektheit. „Fuck your feelings!“ lautet einer seiner munteren Schlachtrufe, mit anderen Worten: Befindlichkeiten sind keine Meinungen, und beleidigt zu sein ist noch keine politische Haltung. Schwul zu sein übrigens auch nicht. Weshalb Milo sich als libertärer Schwuler auch die Freiheit herausnahm, erzkonservative Ansichten zu vertreten und diese dann mit der eigenen Sexualität kontrovers aufzupimpen. Das war eine kurze Zeit lang auch recht unterhaltsam und hat genau diejenigen getriggert, die er damit triggern wollte. Seine „Dangerous Faggot“-Vorträge, die Ausstellung „Twinks for Trump“ – das hatte schon fast die Qualität Schlingensief’scher Aktionskunst. Vielleicht müsste Schlingensief heute ja auch ein Neurechter sein, um noch eine ähnlich subersive Strahlkraft zu erreichen. Irgendwann hatte Milo schließlich eine ganze Protestbewegung gegen sich und bei Twitter lebenslanges Hausverbot. Alle Achtung, das hat nicht mal die alte Schreckschraube Ann Coulter geschafft!

milo

Muss man eine solche Figur aushalten können? Grundsätzlich ja. Nur ist für mich inzwischen auch klar, dass der ganze reaktionäre Dreck, den er da verbreitet, für ihn letztlich nur Mittel zur Selbstvermarktung ist. Sein bizarrer Performance-Mix aus Hedonismus, Biederkeit, Zynismus und konservativer Empörung ergibt inhaltlich praktisch gar keinen Sinn. Es passt einfach nicht zusammen. Letzlich sehe ich da nur einen selbstverliebten Pausenclown, der sich einer rechten Revolution angebiedert hat, an deren Werte er selbst nicht glaubt. Und der mitgeholfen hat, eine Truppe ins Weiße Haus zu befördern, die heute dreimal so dogmatisch und dünnhäutig daher kommt, wie Milo es seinen Gegnern, den Snowflake Liberals, immer so gerne vorwirft. Den größten Witz in dieser ganzen bigotten Inszenierung stellt nun aber die Begründung für seine Kündigung bei Breitbart News dar. Nach einem Interview, in dem er sich offenbar über potentiellen Sex mit 13-jährigen Jungs geäußert hatte, zeigte Milo als bekennender Katholik plötzlich öffentliche Reue und entschuldigte sich für seine „unglückliche“ Wortwahl. Damit hat er wohl die Chance auf seinen ersten und einzigen authentischen Moment verpasst, denn wenn die katholische Kirche eine Kernkompetenz vorzuweisen hat, dann ja wohl Sex mit Minderjährigen. Helau!

Oben der Himmel, unten der Zaster

„Eine Million. Seine ganzen Probleme auf einen Schlag gelöst. Kraft weiß, dass das nicht stimmt. Aber zumindest könnte er sich auf sein Versagen als Person konzentrieren. Aller irdischen Sorgen ledig, dürfte er sich ganz der Auslotung seiner eigenen Unzulänglichkeit widmen.“

(Jonas Lüscher, Kraft)

Evan Spiegel, 26, Snapchat-Gründer und derzeit jüngster Selfmade-Milliardär der Tech-Branche, gibt pro Jahr angeblich eine knappe Million Dollar für seinen Personenschutz aus. Das erscheint sinnvoll, denn mit dem Reichtum, zumal in solchen Dimensionen, wächst auch die Zahl derer, die einem auf die Pelle rücken: gute alte „Bekannte“, Speichellecker, Steuerfander, Raubmörder und am schlimmsten: ehemalige Geschäftspartner. Einen seiner Mitgründer musste Evan Spiegel kürzlich nach einem gerichtlichen Vergleich mit über 150 Millionen Dollar abfinden. Damit der endlich Ruhe gibt. Irgend jemand bleibt beim digitalen Goldrausch eben immer auf der Strecke. Man erinnere sich an Mark Zuckerberg und die berüchtigten Winklevoss-Zwillinge. Letztere mussten sich damals im Facebook-Streit mit läppischen 65 Millionen zufrieden geben. Und die mussten sie sich auch noch teilen, die Armen. Wer sich heute im Kampf der Social Media-Giganten mit weniger als einer Milliarde abspeisen lässt, spielt nur noch in der zweiten Reihe. Für Snapchat soll Zuckerberg dem kleinen Evan drei Milliarden Dollar angeboten haben. Der hat natürlich abgelehnt. Dafür hat er inzwischen bereits vier Milliarden auf der Kante, Tendenz steigend. Die Geschichte wiederholt sich. Wer im Billionaire Boys Club mitspielen will, der darf nicht käuflich sein. Das eigene Produkt ist alles. Und wo Menschen sich gegenseitig Schnappschüsse mit infantilen Filtern per Telefon (neuerdings auch per Brille) zuschicken, da ist die Gewinnspanne nach oben offen. Sky’s the limit!

Eine Million? Lächerlich. Was soll ich denn mit einer mickerigen Million? Die bringe ich locker in einem Jahr durch, auch ohne Personenschutz. Das Ziel ist die Milliarde. Darunter läuft es nicht. Besser wären natürlich zwei oder drei Milliarden. Oder fünf. Damit geht dann das große Einkaufen los: Immobilien, Flugzeuge, Firmenanteile, sündhaft teure Kunst und ausreichend Designer-Unterwäsche für die nächsten hundert Jahre. Ab zehn Milliarden kommt dann noch ein eigener Flughafen hinzu. Mit 50 Milliarden lege ich ein paar Fernsehsender und Verlage oben drauf. Sollte ich die 100 Milliarden knacken, investiere ich in die Raumfahrt und mit 500 Milliarden lasse ich schließlich das Silicon Valley sprengen, gründe auf dessen Trümmern meinen eigenen Staat und baue mir ein neues Internet! Der Rest wird gespendet. (Autor nach Diktat durchgedreht.)

Gypsys, tramps and tweets

Wissen Sie, wer fast genauso gerne und viel twittert wie der aktuelle amerikanische Präsident? Cher. Ja, genau. Die gute alte „I got you babe“-, „Gypsys tramps and thieves“-, „If I could turn back time“-, mondsüchtige, großartige Cher. Als diese vor einiger Zeit mal per Twitter gefragt wurde, wie sie denn den Geburtstag ihrer Kollegin Madonna gefeiert hat, zwitscherte sie zurück: Mit einer Darmspiegelung. Natürlich war die Frage damals ironisch gemeint, die Antwort ebenso. Die beiden Diven waren viele Jahre lang nicht gut aufeinander zu sprechen, so hieß es. Nun wurden sie am Rande des gestrigen Women’s March in Washington einträchtig nebeneinander gesichtet. Und mit ihnen (also außerhalb des VIP-Zeltes) hunderttausende weiterer Frauen. Donald Trump: bringing women together since 2017. Cher twittert weiter. Donald ebenso. Zwei glitzernde siebzigjährige Exzentriker, die ganz genau verstanden haben, wie das heute funktioniert mit den Medien und der Aufmerksamkeit. Now go and hashtag THAT!

Willkommen im Panic Room, bitte nehmen Sie Platz!

Na? Ist er noch da, der Kick? Der Kitzel? Dieser gruselige Schauer, der Sie heute morgen überfiel, als Sie die frohe Kunde aus den USA ereilte? Schieben Sie noch immer Panik? Rast Ihr Herz in einem besorgniserregenden Tempo? Ist Ihr Adrenalin-Pegel auf einem neuen Rekordstand? Gehen Ihnen die Facebook-Memes aus? Sind Sie schon vollkommen durchgedreht und knabbern an der Tischkante? Geben Sie mir die Hand und atmen Sie tief durch. Eins, zwei drei … Ja, genau so. Ich habe auch nicht damit gerechnet, nein, das gebe ich ehrlich zu. Meine Eignung als politisches Orakel scheint begrenzt zu sein. Aber wissen Sie was? Es ist gut, sich der eigenen Angst und Ohnmacht zu stellen. Es kann sogar sehr heilsam sein. Und sorgen Sie sich nicht darum, ob Ihre verdammte Krankenkasse dafür die Kosten übernimmt (die wird sowieso bald abgeschafft), denn diese Therapie gibt es vollkommen gratis. Schauen Sie Ihrer Angst stattdessen direkt ins Gesicht. Donald Trump mag ein größenwahnsinniger Hallodri sein, der es meisterhaft verstanden hat, den schöngeistigen Teil der Menscheit verbal die Wände hochzutreiben. Was er aber ganz sicher nicht ist: Adolf Hitler. In New York haben nun mal alle eine große Klappe. Das brauchen sie auch, denn anders können sie dort gar nicht überleben. Weder Nine Eleven noch die strickenden Hipster aus Brooklyn haben aus der Stadt einen Streichelzoo machen können. Donald, die alte Knallcharge, he tells it like it is! Dafür lieben ihn seine Anhänger. Sehr wahrscheinlich hat er ihnen aber auch eine ganze Menge Zeug erzählt, an das er sich in in einigen Monaten nicht mehr erinnern wird. Oder erinnern will. The more you tell, the more you sell. Wollt ihr euer eigenes Casino? Mit goldenen Badewannen? Noch ein Swimming Pool auf’s Dach? Wer will den Chinesen mal so richtig in den Arsch treten? Oder der deutschen Kanzlerin? Dem Islamischen Staat? Kein Problem! Jetzt geht hier die Post ab. Oder auch nicht. Spannend wird es auf jeden Fall. Also nehmen Sie schon mal Platz. Wollen Sie Popcorn? Mittlere Größe? XXL? Jetzt seien Sie mal nicht so bescheiden! Sie Loser!

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Steht nicht auf Verlierer: Amerikas künftige First Lady.

 

I’m in my room!

Als ich mein Hotelzimmer betrete, habe ich seit mehr als 24 Stunden nicht mehr geschlafen. Es ist 22.30 Uhr Ortszeit (bzw. 10.30 pm) und die Zombiestimme in meinem Kopf raunt mir zu, dass es noch einige Zeit dauert wird, bis ich zur Ruhe kommen werde. Ich wusste, dass es laut werden wird. Ich wusste auch, dass die Wände in diesem Hotel dünn sind. So etwas erfährt man heute auf einschlägigen Buchungsplattformen, wo „Susanne und Hans-Peter aus Göttingen“ Bewertungen wie „Zentrale Lage, freundliches Personal, aber sehr dünne Wände!“ abgeben. Susanne und Hans-Peter hatten Recht. Nach dem letzten großen Erdbeben wurden die meisten Gebäude hier offenbar nur noch mit Presspappe wieder aufgebaut – das tut dann nicht so weh, wenn mal wieder alles zusammenkracht. Tatsächlich sind die Wände so dünn, dass sich das Leben meines Nachbarn in dem Moment akustisch vor mir ausbreitet, da er sein Zimmer betritt. Die Tür nebenan kracht laut ins Schloss und das erste, was ich zu hören bekomme, ist „I’M IN MY ROOM!!!“. Ich sitze auf meinem Bett, umringt von Plastiktüten und Lufthansa-Snacks, und lausche. Mein Nachbar stöhnt und grunzt ausgiebig. Irgendwann telefoniert er offenbar. Ich höre lautstarkes Gezeter und Gefluche. Es ist kein freundliches Gespräch. „FUCK! SHIT! FUCKIN‘ SHIT! FUCK!!!“ So geht das eine ganze Weile. Hier sind wir nun beide, ich in Zimmer 219, er in Zimmer 218, ein Zombie und ein pöbelnder Geisteskranker, nur getrennt durch ein wenig Presspappe. Nach ungefähr einer Stunde, ich habe inzwischen geduscht und den Fernseher angestellt, poltert und flucht mein Nachbar noch immer munter vor sich hin. Mir wird klar, dass ich wohlmöglich auch in dieser Nacht nicht schlafen werde. Durch das Fenster höre ich Sirenen. Vielleicht werde ich nie wieder schlafen können! Meine Stimmung schwankt jetzt zwischen Selbstmitleid und Abenteuerlust. Ich gehe raus auf den Hotelflur und lausche kurz an der Tür von Zimmer 218. Stille. Dann klopfe ich. Ein aggressives „WHAAAT??!!“ ist die Antwort.

Keine zwei Minuten später sind wir die besten Freunde. Mein Nachbar heißt Brian, ist gerade aus Australien eingeflogen und mindestens so gejetlagt wie ich. Sein Zimmer ist ein Saustall. Auf dem kleinen Nachtisch steht eine halbleere Flasche Wodka, daneben ein offener Laptop. Brian ist etwas älter als ich, glatzköpfig und nur mit dem Hotelbademantel bekleidet. Er ist sichtbar kaputt, aber wesentlich angenehmer als das Tourette-artige Gegrunze durch die Presspappe hindurch vermuten ließ. Er entschuldigt sich für den Krach und erzählt etwas von seiner Freundin, die ihn nicht zurückruft. Er hat sich da in etwas reingesteigert. Wir beschließen, dass wir uns zusammen besaufen sollten. Es gibt jetzt kein zurück mehr. Da ich keinen Wodka mag, bin ich kurz darauf auf der Straße, auf der Suche nach dem nächstgelegenen Liquor Store. Ta-dah! San Francisco bei Nacht. Wir befinden uns in Downtown, an der Grenze zum Tenderloin District und alle sind sie da: die Penner, die Junkies, die Nutten und noch mehr Sirenen. Feuerwehr, Polizei und die Straßen so steil wie Sprungschanzen. Alles fühlt sich vertraut an. Ich war hier schon einmal. Vielleicht bin ich aber auch nur in einem alten Tom Waits-Video gelandet. In Woerner’s Cigars & Liquors kaufe ich eine kleine Flasche Jim Beam und wanke zurück zum Hotel. Ich werde in Ruhe gelassen. Mit Zombies legt sich auch in dieser Gegend niemand gerne an. Der Rest der Nacht verschwimmt in einem Brei aus Halluzinationen. Brian hat plötzlich einen Stierkopf und will mich aus dem Fenster werfen. Kopfschmerzen.

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Ich werde von dem Telefon neben meinem Bett geweckt. Eine Dame vom Zimmerservice erkundigt sich in gebrochenem Englisch nach meinem Befinden. Ich schalte das Radio ein. Open up your Golden Gates, California, here I come! Ich habe nicht viel Zeit, ich bin hier nur auf der Durchreise. Ein Familienbesuch steht an. Ich habe Hunger. Zurück auf die Straße. Die Sirenen sind immer noch da. Ich laufe durch die teuerste Stadt der USA. Erst kürzlich hat San Francisco, so höre ich, New York in Sachen Immobilienpreise überholt. Das Geld aus dem Silicon Valley und der nicht abreißende Start-Up-Irrsinn pflastern die Straßen mit digitalem Zaster. Gleichzeitig ist die Stadt verhältnismäßig nett zu ihren vielen Obdachlosen (die meisten von ihnen kommen von außerhalb): es gibt eine Grundversorgung, jede Menge Touristen mit Kleingeld in der Tasche und ein liberales Klima. Sowohl meteorologisch als auch sozial. In jedem zweiten Hauseingang scheint jemand zu schlafen. Als ich am Abend wieder in mein Zimmer will, funktioniert die Schlüssel-Karte nicht. Ich denke darüber nach, wie es wohl so wäre, auf der Straße zu übernachten, neben all den anderen. Wieder Kopfschmerzen. Habe ich vielleicht letzte Nacht im Rausch mit Brian die Schlüssel getauscht? Gleichzeitig bemerke ich den riesigen Wasserfleck vorm Zimmer 218. Zumindest hoffe ich, dass es Wasser ist. Ob ich noch mal klopfen soll? Hinter Brians Tür ist es jetzt vollkommen still. Nach mehreren vergeblichen Versuchen, meine Tür mit der defekten Karte zu öffnen, gehe ich zur Rezeption. Ich bekomme eine Ersatzkarte, die ebenfalls nicht funktioniert. Irgendwann einigen wir uns darauf, dass wohl die Batterie des Türöffners leer sein muss und ein alter chinesischer Hausmeister macht sich daran, meine Zimmertür nach allen Regeln der Kunst zu zerlegen. Den Fleck vor Nummer 218 würdigt er keines Blickes. Mir wird angeboten, in ein anderes Zimmer umzuziehen. Ich sehe es als Wink des Schicksals, als Chance für einen Neustart. Der Hausmeister hilft mir, meine Sachen in den 9. Stock zu bringen. Brian sehe ich nicht wieder.

Einige Tage später, ich bin unterwegs mit der Familie zu einer Weinverkostung im El Dorado County, fahren wir durch eine Gegend, die aussieht wie die Karikatur eines Redneck-Dorfes: Holzhütten, Pick-Up-Trucks und bärtige Waldschrat-Typen mit schlechten Tatoos. Keine ironischen Hipster-Rednecks aus der Stadt – das sind die Originale. Es gibt sie auch hier, einzeln verstreut in Nordkalifornien. Dies hier, so erzählt man mir, wäre Donald-Trump-Gebiet. Make America great again, yeah! Wieder einmal. Überall wird gebaut, als gäbe es kein Morgen. Obwohl sie kaum noch Wasser haben, der Staat trocknet aus. Darauf noch einen Chardonnay! Wir reden über Politik. Trump ist irre, darauf können wir uns einigen. Aber er ist gut für die Medien. Jeden Tag ist er auf irgendeiner Titelseite. Ein Quotenrenner, ein Aufreger, besser als jeder Terroranschlag und sämtliche transsexuellen Kardashians zusammen. Wie soll man auch sonst diesen endlosen Vorwahlkampf füllen? Nur zur TIME Magazin’s Person Of The Year hat er es nicht geschafft. Abgehängt von Angela Merkel und dem IS-Führer. Das wird ihm nicht gefallen. Trump findet seine Anhänger übrigens nicht nur bei weißen Unterschichten-Rambos. Gerade erst hatte sich Lee Radziwill – ehemaliges Glamour Girl der Ostküsten-High Society und Schwester von Jackie O. – in einem Interview als Donald-Trump-Fan geoutet. Sie macht auf ihre alten Tage Promotion für ihre Autobiographie, was sonst. Trotzdem: Trump wird es nicht machen. Wahrscheinlich will er nicht mal wirklich Präsident werden. Es wäre auch der schlecht bezahlteste Job, den er je hatte. Eher zieht noch Brian aus Zimmer 218 ins Oval Office. Stellt schon mal den Wodka kalt!

So here we fucking go

Wenn Helene Fischer wenigstens Mitglied bei Scientology wäre … Es würde ihren roboterhaften Frohsinn erklären und außerdem ihrer Biografie etwas Würze verleihen. Und ist sie nicht auch für Florian Silbereisen das, was einst Katie Holmes für Tom Cruise war? Aber es spielt keine Rolle, denn man kommt nicht heran an diese biedere Stimmungsnudel – nicht mit Spott, nicht mit Kritik, höchstens mit Salzsäure.

Bevor ich mir aber die Finger verätze, nehme ich Abstand von Frau Fischer und schaue lieber dorthin, wo Popkultur noch schmutzig, albern und verheißungsvoll um die Ecke glitzert. Aus den Resten einer gescheiterten American-Idol-Karriere, der Asche von John Waters, den alten Perücken von Nina Hagen und den Gebeinen von Miley Cyrus stieg Anfang des Jahres der Stern von Adore Delano empor. Hinter deren quietschbunter Fassade steckt der 24-jährige Danny Noriega aus Kalifornien – ein augenrollender, etwas nervtötender, dauerfluchender, liebenswerter Mensch, der während der sechsten Staffel von RuPaul’s Drag Race zu Ruhm und Ehre gelangte. Was soll man sonst auch anstellen mit einem solchen Gesicht, das wie der feuchte Traum eines Meth-süchtigen Manga-Zeichners aussieht? Zeitgleich zum Finale von Drag Race veröffentlichte Adore Delano dann flott ein eigenes Album mit dem Titel „Farbenspiel“ – nein, Moment, „Til Death do us Party!“ ist wohl der Name. Womit sie vielleicht nicht gleich Madame GaGa vom Thron stoßen wird, aber immerhin genügend Wumms mitbringt, um uns ganz sicher noch für eine Weile zu unterhalten. Everybody get some cherry candy yum yum!

AdoreDelano

Die Aufteilung der Welt (Chlorhühnchen-Tourette)

„Die ,amerikanischen Sitten’, vor denen europäische Professoren und wohlgesinnte Bürger so heuchlerisch die Augen zum Himmel aufschlagen, sind in der Epoche des Finanzkapitals buchstäblich zu Sitten einer jeden Großstadt in jedem beliebigen Lande geworden.“

(W. I. Lenin, 1916)*

„Ich werde die Einfuhr von Chlorhühnchen verhindern.“

(Angela Merkel, 2014)

Selbst wenn es der Kanzlerin gelingen sollte, die anglo-imperialistischen Chlorhühnchen im Sinne der Volksgesundheit an den deutschen Grenzen abzuschmettern, so können sich die Viecher immerhin noch Hoffnung machen, als „Wort des Jahres“ im kollektiven Gedächtnis hängenzubleiben. Vor kurzem konnte man beobachten, wie sich Anne Will und ihre Gäste in ein wahres Chlorhühnchen-Tourette hineinsteigerten – das Thema der Talkshow war natürlich das umstrittene Freihandelsabkommen mit den USA. Das Wutbürgertum findet im Schnitt pro Monat drei neue Kampfbegriffe, gegen die es Sturm läuft. Und die Chlorhühnchen sind in dem Moment, in dem ich diesen Text auf die Welt loslasse, wahrscheinlich schon wieder Schnee von gestern. Damit möchte ich nicht andeuten, es sei verkehrt, wütend oder vergesslich zu sein (am besten beides zusammen). Man muss die Chlorhühnchen nicht mögen, man muss auch den Kapitalismus nicht mögen. Man kann selbstverständlich in seinem von Autoexporten und globalen Waffengeschäften mitfinanzierten Eigenheim hocken und auf seinen verschmierten Touchscreens (wer weiß schon, wie und wo die Dinger zusammengelötet werden) per Facebook Scheinabstimmungen darüber führen, was sich gut und gerecht anfühlt. Darauf eine Bionade! Auch ein wenig Luft ablassen vorm Brandenburger Tor soll ja ab und zu helfen. Aufgeklärter und bewusster wird man auf diese Art aber sicher nicht, höchstens noch ein wenig selbstgerechter. In diesem Text tauchte übrigens sechs Mal das Wort „Chlorhühnchen“ auf. Ich korrigiere mich: sieben Mal. #Chlorhühnchen … Acht mal! Eat this, Anne Will!

* aus „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“