Alte christliche Bauernregel

Lebt Rita Süssmuth eigentlich noch? Falls ja, dann habe ich ihr am gestrigen Abend vor der britischen Botschaft in die Hacken getreten. Aus Versehen natürlich. Das kann schon mal passieren in dem ganzen Gewimmel. Ich habe mich auch sofort bei ihr entschuldigt. Das Botschaftsgebäude erschien mir während des Hacken-Attentats übrigens überraschend unbewacht (so wie Rita Süssmuth auch). Früher war mehr Lametta, sprich: mehr grimmige, uniformierte Herren mit Sonnenbrillen und Maschinengewehren. Gestern habe ich nur einen gesehen. Auch das Wachpersonal macht offenbar den Brexit. Am Brandenburger Tor gibt es inzwischen auch keine britische Video-Beflaggung mehr, nur noch Sonnenschein und Touristen, die sich bei dem schönen Wetter wie üblich in drei Lagen übereinander stapeln.

Als der Brite Adrian Russell Elms, auch bekannt unter dem Namen Khalid Masood, am 22. März auf der Westminster-Brücke in eine Menschengruppe fuhr, waren im irakischen Mossul bereits über 100 Zivilisten tot geborgen worden, ermordet während eines von US-Truppen geführten Luftangriffs. Die Zahl stammt vom irakischen Militär. Dass überhaupt Zivilisten getötet wurden, scheint auch auf amerikanischer Seite niemand zu bestreiten, eine genaue Zahl möchte man bis jetzt aber lieber nicht bestätigen. Nehmen wir also an, es waren rein hypothetisch über 100 Menschen, die vor einer guten Woche im Krieg gegen den Terror ausradiert wurden. Wenn Sie überhaupt eine Meldung zu diesem Vorfall finden, dann wird diese sehr wahrscheinlich Hinweise auf die hinterhältigen Kampfmethoden des Islamischen Staates enthalten. Denn natürlich ist der IS Schuld an den toten Zivilisten. Der Teufel hat immer Schuld, auch und ganz besonders an den eigenen Verfehlungen – alte christliche Bauernregel. Es ist wichtig, das zu wissen. Um vielleicht auch das eigene Ableben irgendwann entsprechend einordnen zu können. Wenn Sie also in Europa oder in einem vergleichbaren Premium-Spot von einem gestörten Autofahrer überrollt werden, sind Sie das Opfer eines feigen Terror-Anschlags, mit allen medialen Pauken und Trompeten. Werden Sie jedoch in einer persischen Ruinenstadt ganz aus Versehen von einer freiheitlich-demokratischen Bombe getroffen (und das kann schon mal passieren in dem ganzen Gewimmel), so sind Sie nicht mehr als ein bedauerlicher namenloser Kollateralschaden. Was rennen Sie denn auch da unten rum, mitten in der Wüste, unter all den Terroristen?

tibbets.enola

Auf tagesschau.de wird derweil der Frage nachgegangen, wie viele Gedenkstätten und Therapieplätze eigentlich den Überlebenden des Berliner Weihnachtsmarkt-Anschlages vom letzten Dezember zustehen.

Das 20. Jahrhundert / Kalter Rauch im strömenden Regen

Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, öffentlich zu stinken. Weit verbreitet ist das Verspeisen streng riechenden Fast Foods, Döner mit reichlich Zwiebeln zum Beispiel oder Asianudeln aus dem Pappbecher. Einige Mitmenschen versuchen es auch mit einer umfangreichen Vernachlässigung ihrer Körperhygiene. Erfahrene Hardcore-Stinker können sogar beides gleichzeitig, dann gibt es Achselschweiß mit Knoblauchsoße. Unseren Nasen wird wahrlich einiges abverlangt. Am schlimmsten aber, und das kann ich an dieser Stelle gar nicht laut genug hinausrufen, ist das öffentliche Zigarettenrauchen! Ich befürworte ausdrücklich den Konsum von Cannabis und anderen aromatischen Kräutern. Die gemeine Nikotin-Zigarette aber ist mit konsequenter Verachtung zu strafen. Und mit ihr alle, die sie rauchen. Scheintote, dauerröchelnde Aschenbecher sind das! Das Regenwetter verstärkt ihren Gestank nur noch. Kalter Nikotinrauch im strömenden Regen: das ist die olfaktorische Vorhölle der Postmoderne. Gerne dürfen Sie sich diesen Spruch einrahmen oder auf eine Tischdecke häkeln. Nur hören Sie endlich auf mit dieser asozialen Qualmerei! Wenn Sie unbedingt krepieren wollen, spritzen Sie sich meinetwegen Heroin, Badesalz oder Rattengift. Für das Zigarettenrauchen gibt es keine Entschuldigung. Es sei denn, Sie sind Helmut Schmidt oder Hannah Arendt – ein zeitreisender Promiraucher aus dem 20. Jahrhundert also. SIND Sie vielleicht Helmut Schmidt oder Hannah Arendt? Nein? Sehn’se!

Murder Weekly (Hühner, zur Sonne, zur Freiheit!)

„Aber ist es nicht wahrscheinlich, dass jeder, der auf dieser Welt etwas zählt (…) auf dem Weg nach oben den ein oder anderen Menschen umgebracht hat? Wenn man nur genug Leute umbringt, dann errichten sie einem Bronzedenkmäler neben dem Parlament in Delhi – aber das wäre Ruhm, und danach strebe ich nicht. Ich wollte nur die Chance, ein Mensch zu sein – und dafür reichte ein Mord.“

Ich hatte dieses Buch bereits vor Jahren geschenkt bekommen. Seitdem ist es immer wieder durch diverse Regale gewandert, ohne dass ich mich zur Lektüre durchringen konnte. Weshalb eigentlich? Vielleicht interessierte mich Indien einfach nicht genug. Obwohl die Inder und Chinesen doch spätestens in zehn Jahren endgültig das Ruder auf diesem Planeten übernehmen werden (erste Entscheidung im neuen Jahr: Hindi oder Mandarin lernen?) Vielleicht hatte ich auch einfach schon genug Reiseberichte von überspannten Damen gehört, die stets mit einem Haufen Eso-Tinnef, bunten Fotoserien, nervtötenden Weisheiten sowie mit Beschreibungen monströser Durchfallerkrankungen zurückkehrten. Eat, Pray, DiarrheaNatürlich war mir klar, dass die auf ihren Selbstfindungs-Trips genauso wenig über Indien gelernt hatten wie ich zuhause beim Streamen eines Bollywood-Musicals. Kurz vor Weihnachten habe ich dann endlich „Der Weiße Tiger“ von Aravind Adiga gelesen. Bin ich jetzt schlauer? Zumindest habe ich mir danach wieder einmal Gedanken darüber gemacht, was es eigentlich bedeutet, ein freier Mensch zu sein. „Der Weiße Tiger“ erzählt die Geschichte eines ungewöhnlichen Aufstieges, irgendwo zwischen „Slumdog Millionaire“ und “So wirst du stinkreich im boomenden Asien“. Die indische Gesellschaft wird hier als ein korrupter Moloch beschrieben, der sich nach außen als größte Demokratie der Welt verkauft, im Innern aber durch eine brutale Hackordnung zusammengehalten wird, in der immer noch die Herkunft über den Wert und das Schicksal eines Menschen entscheidet. Dass der Held in dieser Geschichte am Ende seinen Herren ermordet (das Wort „Boss“ wäre hier wirklich untertrieben und daher fehl am Platz), um sich so aus den Zwängen seiner niederen Geburt zu befreien, ist dabei gar nicht mal das Spannendste. Viel interessanter ist die Frage, warum so etwas nicht viel öfter passiert, und warum sich so unglaublich Viele mit der ihnen zugewiesenen Rolle als Menschen zweiter oder dritter Klasse abzufinden scheinen.

„Dass die Fahrer und Köche in Delhi alle ‚Murder Weekly‘ lesen, muss nicht heißen, dass sie ihren Herren demnächst den Hals durchschneiden. Sie würden natürlich gerne. Selbstverständlich stellen sich Milliarden Diener heimlich vor, wie sie ihre Arbeitgeber erwürgen – darum bringt die indische Regierung ja auch diese Zeitschrift heraus und verkauft sie für nur viereinhalb Rupien auf der Straße, sodass selbst die Armen sie sich leisten können. Es ist nämlich so: Der Mörder in den Geschichten des Blattes ist immer so gestört und sexuell abartig, dass nicht ein Leser sein will wie er — und am Ende wird er immer von irgendeinem ehrlichen, fleißigen Polizisten (ha!) gefasst, oder er wird vollkommen wahnsinnig und erhängt sich mit einer Bettdecke, nachdem er einen gefühligen Brief an seine Mutter oder seinen Grundschullehrer geschrieben hat, oder er wird vom Bruder der Frau, die er umgebracht hat, verfolgt und erwischt, verprügelt und erdrosselt. Wenn also Ihr Fahrer die ‚Murder Weekly‘ durchblättert, entspannen Sie sich. Für Sie besteht keine Gefahr. Ganz im Gegenteil.“

Können Sie sich noch an Truman Burbank aus der „Truman Show“ erinnern? Sobald der auf den Gedanken kam, aus seiner kleinen Welt auszubrechen, schob ihm die Regie alle möglichen Hindernisse in den Weg: plötzlich aufkommende Unwetter, Plakate mit Warnhinweisen zu den Gefahren des Reisens oder wohlmeinende Freunde, die ihn davon überzeugen wollten, dass es daheim doch immer noch am schönsten ist. Am Ende bricht er doch aus, ohne zu wissen was ihn erwartet. Der weiße Tiger dagegen kennt das Ziel seines Ausbruchs ganz genau. Er macht die Schauergeschichten aus „Murder Weekly“ zu seiner eigenen Biographie, ohne sich vor den Konsequenzen zu fürchten. Wer wirklich frei sein will, darf keine Angst haben. Der Hühnerkäfig der sozialen Kontrolle (Familie, Kollegen, Staat usw.)  – versuchen Sie mal, daraus auszubrechen. Versuchen Sie es. Nein? Nicht mal ein Versuch? Gestern habe ich mir eine Packung Taschentücher gekauft. Was das mit den erhabenen Gedanken zur Freiheit zu tun hat, fragen Sie? Nun, die Taschentuch-Industrie scheint sich neuerdings auch um weltanschauliche Fragen zu kümmern, denn auf einer Packung steht „Dream Big“, auf einer anderen „Enjoy the little things“. Heutzutage steht so ein Quatsch ja überall drauf. Ist das nicht auch eine subtile Art der Kontrolle – die Menschen mit Affirmationen, Glückskeksen und Kalendersprüchen bei der Stange zu halten? Auf dass sie gerade genug Optimismus zum Weitermachen aufbringen, aber bescheiden genug bleiben, nicht zu viel vom Leben zu erwarten? How about „Stop dreaming!“ and „Enjoy the big things!“ Sollte ich mich demnächst als Entrepreneur in der Drogerie-Branche versuchen, werde ich das auf meine Taschentücher drucken lassen. Und noch ein paar aufmunternde Zitate von Nietzsche, Müller und Joan Rivers („If I ever lose my middle finger, I will have nothing left to say!“) Make Naseputzen great again!

Und jetzt noch flott die obligatorische Neujahrsansprache. Ein mörderisches, brutales Jahr war es, so liest man überall. Eines, in dem man permanent betroffen zu sein hatte und sich gleichzeitig fragen musste, weshalb das Leben eines einzelnen Menschen, z.B. das eines Popstars oder einer ehemaligen Weltraumprinzessin, so viel mehr Aufmerksamkeit erhält als das von zwölf Zerquetschten. Und warum letztere immer noch wichtiger sind als eine halbe Million Kriegsopfer. Die Antwort ist, denke ich, recht simpel: Der eine schrieb „Last Christmas“, die anderen mussten es sich auf dem Weihnachtsmarkt anhören – wahrscheinlich auch noch wenige Sekunden vor ihrem Tod – und der Rest hatte weder für das eine noch für das andere ausreichend Freizeit und Gelegenheit. Die Chancen, ein halbwegs menschenwürdiges Leben zu führen, vielleicht sogar eines, in dem man sich Urlaubsreisen leisten kann, Glühwein trinkt und nebenbei ein paar Spenden für die dritte Welt abdrückt – ganz zu schweigen von einer glamourösen, unsterblichen Existenz zwischen Kokainrausch und Klatschpresse – diese Chancen sind ganz offenbar noch immer ungleich verteilt. In diesem Sinne: Goodbye, George, und all ihr anderen. It’s hard to love, there’s so much to hate.

Hatte ich etwa ein Messer in Sibirien?

What’s the matter with your life?
Is the poverty bringing you down?
Is the mailman jerking you ‚round?
Did he put your million dollar check
In someone else’s box?

(Prince, Pop Life)

Es gibt diese Szene in der ersten „Jack Reacher“-Verfilmung, in der Werner Herzog als sadistischer Gangsterboss einen seiner Lakaien dazu zwingt, sich die eigenen Finger abzubeißen. Eine seltsam beeindruckende Szene ist das. Es geht um einen Loyalitätsbeweis dem Boss gegenüber, und natürlich geht es um Bestrafung. Dazu wispert The Mighty Herzog einen dramatischen Monolog über seine harten Jahre in einem sibirischen Gulag. Er habe dort nur überlebt, in dem er seine eigenen Hände qualvoll verstümmelte. Während er diese Geschichte erzählt, steht im Hintergrund ein weiterer Befehlsempfänger mit einer Knarre bereit, um die Dringlichkeit des Ganzen zu untermauern. Als der wimmernde Lakai schließlich begreift, was von ihm erwartet wird, als ihm die Aussichtslosigkeit seiner Lage bewusst wird und er seinen Boss um ein Messer bittet, erwidert dieser nur kühl: „Hatte ich etwa ein Messer in Sibirien?“ Was folgt, ist klar. Unter lautem Geschrei versucht der arme Kerl, sich die Finger abzuknabbern. Am Ende wird er trotzdem erschossen.

Was lernen wir daraus? Vorsicht ist geboten bei der Wahl der Arbeitsstelle! Ich selbst war noch nie in Sibirien, geschweige denn in einem Gulag, und habe bis jetzt auch noch alle meine Finger. Ich tippe diesen Text zwischen zwei Projekten, einem gut bezahlten und einem eher unbezahlten. Ich teile mir meine Zeit selbst ein. Niemand redet mir rein und niemand hält mir eine Knarre an den Kopf. Ich komme, ich gehe, ich arbeite, wann es mir beliebt. Weil ich es kann. Weil ich mir das nun mal herausnehme. Weil ich das schon immer so gemacht habe. Das ist kein Luxus, das ist meine Entscheidung. Das Geld kommt, das Geld geht, und dann kommt es wieder. Es ist nur Geld. Wenn ich genug habe, verteile ich etwas. Wenn nicht, wird später gezahlt. Das gilt für den Online-Versand ebenso wie für das Finanzamt. Mit Arbeit wird sowieso niemand reich. Reich wird man, indem man das Geld für sich arbeiten lässt, das sollte doch bekannt sein. Weshalb schreibe ich das? Ich habe es endgültig satt, mir das Gejammer anderer Menschen über ihre ach so grimmige Arbeitswelt anzuhören. Oder darüber zu lesen. Darüber, wie furchtbar gestresst sie sind. Darüber, dass die Arbeit sie auffrisst, dass sie gemobbt werden, dass sie sich ungerecht behandelt fühlen, dass der Arbeitsmarkt immer brutaler wird, man aber nichts dagegen tun kann, weil: wir sitzen ja alle im selben Boot … Bringt euch um! Ich meine das ganz ehrlich und unironisch. Bringt euch um! Oder kündigt. Nein, entschuldigt bitte, kündigen wäre natürlich zu viel verlangt. Also Selbstmord. Es ist November, das liegt gerade wieder im Trend. Fenster auf und raus. Bitte sehr. Nur geht mir bitte nicht mehr auf die Nerven mit eurem Selbstmitleid und dem endlosen Gesabbel darüber, wer an all dem Schuld hat. Der Chef, die Firma, der Markt, der Staat, das System, die Mutti und der Papa, der Freihandel und die UFOs – die „da oben“ sind ja grundsätzlich immer schuld. Sicher, ihr wisst es nicht besser, ihr wurdet so erzogen, konditioniert und klein gehalten, mit einem unbezwingbaren Glauben an das Böse und an die Übermacht der Anderen. Ihr hängt euch Tarantino-Poster ins Zimmer, bloggt über die Revolution und seid doch bis ins Knochenmark zerfressen von kleinbürgerlichen Existenzängsten, Sozialneid und Paranoia. Ich war wirklich sehr geduldig, viele Jahre lang, aber jetzt habe ich genug. Jetzt habe ich es satt, euer Opfergeheul. Ich habe eure permanent behauptete Ausweglosigkeit satt, diese ewige pseudoapokalyptische Eierschaukelei, diesen ganzen verdammten Kindergarten. Ich sitze nicht in eurem Boot. Ich höre nicht mehr hin, ich klicke nicht mehr drauf. Eher kaue ich mir jeden Finger einzeln ab.

Ich hab noch eine Leiche in Berlin (Die Zahl des Tieres)

„An diesem Wochenende richtete sich Claus-Brunner mit Stromschlägen selbst. Dafür hatte er Kabel abisoliert und an seinen Handgelenken befestigt. Als gelernter Mechatroniker wusste er, wie er die Sicherungen überbrücken musste. Dann betätigte er den Lichtschalter, knipste regelrecht sein Leben aus.“ (Berliner Kurier)

Die Piratenpartei macht ein letztes Mal Schlagzeilen. Und was für welche! Sex, Stalking, Kabel und verwesende Leichen – in der Hauptstadt wird es wirklich nie langweilig. Wem das alles aber noch nicht gruselig genug ist, dem darf ich mitteilen: die Wahlbeteiligung lag am vergangenen Sonntag offiziellen Angaben zufolge bei genau 66,6 Prozent. Nicht nur bibeltreue Christen, rituelle Selbstmörder, Hobby-Magier und Iron-Maiden-Fans wissen, was das bedeutet. Schon erhebt sich das Tier aus dem Wasser der Spree. Drei Köpfe hat das Tier: Rot, Grün und Violett. Und siehe: Es wird ihm Vollmacht gegeben über jeden Volksstamm und jede Sprache, jeden Radweg, jeden Hundehaufen, jeden Puff und jedes Finanzamt. So steht es geschrieben. So ähnlich zumindest.

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Smile! What’s the use of crying …

… es gibt eine Idee … einen abstrakten Entwurf, aber kein wahres Ich, nur eine Erscheinung, etwas Schemenhaftes, und obwohl ich in der Lage bin, mein kaltes Starren zu verbergen, und du mir die Hand schütteln kannst und dabei Fleisch spürst, das dein Fleisch umschließt, und vielleicht sogar das Gefühl hast, unser Lebensstil sei vergleichbar: Ich bin einfach nicht da.

(Bret Easton Ellis, American Psycho)

„Lächle doch mal!“ Ich kann mich noch gut an diese dumme Aufforderung erinnern. Damals dachte ich tatsächlich, es wären nur ein paar vereinzelte Egozentriker, die sich so etwas herausnehmen. Bemitleidenswerte Gestalten, die nach einem Lach-dich-frei-Yoga-Motivations-Trommelkurs-Wochenende von ihrer frisch antrainierten Glückseligkeit dermaßen durchdrungen waren, dass sie nun unbedingt meinen Gesichtsausdruck missionieren wollten. Ein natürlich zum Scheitern verurteilter Versuch, denn sie haben damit immer genau das Gegenteil erreicht. Aber sie sind eben längst nicht allein, es werden immer mehr. Es ist eine Massenbewegung, die ihren missionarischen Eifer mittlerweile in die sozialen Medien verlagert hat. Wohin auch sonst? Dort wird man für jedes veröffentlichte Selfie, das keine perfekt im Kreis grinsende Visage zeigt, sofort ermahnt: „Guck nicht so böse!“ „Warum so ernst?“ „Lächle doch mal!“ Weshalb man nun eigentlich lächeln soll, sagen sie aber nie. Es gibt keine Begründung, außer vielleicht dem still vorausgesetzten Einverständnis darüber, dass jedes nicht lächelnde Gesicht eine elementare Bedrohung darstellt für das harmoniesüchtige Disneyland, das sie sich offenbar als Realität zurechtgelegt haben. Warum so ernst? Ich habe gar nichts gegen lächelnde oder lachende Gesichter. Nein, im Gegenteil. Wem nach Lachen zu Mute ist, der soll dies bitte unbedingt tun. Schließlich handelt es sich dabei um ein menschliches Ur-Bedürfnis, nicht wahr? Eines, mit dem aber gerade christlich geprägte Kulturen ein eher ambivalentes Verhältnis verbinden. Lachen ist hier Schuld und Befreiung zugleich. Hat Jesus vielleicht gelacht am Kreuz? Sie haben doch Der Name der Rose gelesen? Also lächeln und lachen Sie aus vollem Herzen, nur zu, ich tue es ja mitunter selbst ganz gerne (spät nachts, in meinem unterirdischen Verließ, während ich die Häute meiner filetierten Opfer zum Trocknen aufhänge). Ich kann mir allerdings auch kaum etwas schlimmeres, aufdringlicheres und faschistoideres vorstellen als die Verordnung von guter Laune. Von einem dieser verzweifelten Gebiss-Testimonials. „Lächle doch mal!“

Letzte Woche las ich über den Freitod eines Bloggers. Ich gebe ehrlich zu, dass der mir bis zu seiner Todesnachricht vollkommen unbekannt war. Nicht so dem Rest des Internets: es gab Nachrufe von Gala bis BILD und einmal quer durch die bis ins Mark erschütterte Bloggeria. In nur wenigen Minuten breitete sich sein gesamtes Leben vor mir aus. Es gab da also diesen unsagbar sympathischen und beliebten Menschen, diesen bestens vernetzten Hans Dampf in allen Gassen, diesen Kommunikator, Motivator, diesen Familienvater und stets wohlmeinenden, breit lächelnden Weltverbesserer, der das Netz am Ende dazu nutzte, einen der eitelsten und gleichzeitig ehrlichsten Selbstmorde hinzulegen, der mir bislang begegnet ist. Inklusive Twitter-Ankündigung und Abschiedsbrief auf seinem Blog (der inzwischen vom Netz genommen wurde). Es war alles eine Lüge, schrieb er dort. Das Lächeln, dieses verdammte Dauergrinsen, das er auf allen Bildern zur Schau stellte – eine Maske, dahinter der Abgrund. That’s the time you must keep on trying. Smile, what’s the use of crying, you’ll find that life is still worthwhile, if you just smile.

P.S. Beim popmusikalisch gebildeten Teil meiner Leserschaft renne ich wahrscheinlich offene Türen ein. Allen anderen sei aber hiermit dieses zeitlose Meisterwerk von Brian Wilson empfohlen – einem Mann, der schon immer seine beste Kunst an der Schnittstelle von Depression und Leichtigkeit herzustellen wusste. Ja, es ist das komplette Album. Bitte sehr:

Bodycount (Der Tod ist keine Option mehr)

„Es kostet verdammt viel Geld, so billig auszusehen“, so sprach einst die große Dolly Parton. Aber um sie soll es hier nicht gehen. Wie viel Geld Gina-Lisa Lohfink für die Karikatur ausgegeben hat, zu der sie sich im Laufe ihrer traurigen Karriere verformt hat, ist mir nicht bekannt. Aber was weiß ich denn überhaupt über diesen ganzen Affenzirkus verkrachter, aufgespritzter und zutätowierter Existenzen, der sich seit Jahren durch die Demütigungs-Formate des kommerziellen Fernsehens wurschtelt? Muss ich überhaupt etwas darüber wissen? Muss ich zum Beispiel wissen, ob der zwölfte Wodka Red Bull von Gina-Lisa möglicherweise mit K.O.-Tropfen gestreckt war, damals vor fünf Jahren, und wer daraufhin nun die juristische Schuld auf sich laden soll für eine aus dem Ruder gelaufene zugedröhnte Afterparty mit zwei Nachwuchsfußballern, die sie in irgendeiner Proletendisco aufgegabelt hat? Wirklich? Ernsthaft? Weshalb interessiert mich der „Fall“ Gina-Lisa überhaupt? Vielleicht tut sie mir einfach nur leid in all dem Irrsinn, den sie da angerichtet hat. Vielleicht passiert da auch gerade etwas Interessantes. Etwas, das sie tatsächlich eine neue Rolle finden lässt. Wie Phönix aus der Asche steigt sie gerade empor aus dem Sumpf der medialen Resterampe, in dem für sie zuletzt nur noch Jobs auf Porno-Messen im Angebot waren. Vor dem Amtsgericht Moabit erscheint sie als Silikon-Ausgabe von Katharina Blum, die übergroße Sonnenbrille als Schutzschild vorm Gesicht. Sie ist jetzt ein Opfer der Justiz, der Medien und des Patriacharts. Eine feministische Ikone. Ja, Zack, die Bohne – wer hätte das gedacht! Das #TeamGinaLisa feuert sie dabei an und ölt mit Kampfbegriffen wie Slut Shaming und Rape Culture die PR-Maschine der neuen Heldin. Erinnerungen an die Ellen-Jamesianerinnen aus John Irvings „The World According to Garp“ werden wach. Derweil fragt Gina-Lisa in einem exklusiven Interview mit dem SPIEGEL dramatisch “Muss ich erst umgebracht werden?“ und zumindest auf diese Frage kann ich eine Antwort geben.

Nein, das nun ganz bestimmt nicht. Der Tod ist keine Option mehr. Nein, nicht für dich, Gina-Lisa. Nicht in einem Jahr, in dem die Großen, die wirklich Berühmten, die Legenden sterben wie die Fliegen. Einem Jahr, in dem die Anschlags-Toten mittlerweile im Wochentakt und immer in mindestens zweistelliger Höhe bekannt gegeben werden. Und es ist gerade einmal Halbzeit. Die Toten des letzten Jahres sind dabei schon vergessen und die ertrunkenen Flüchtlinge werden sowieso nicht mehr gezählt. Nein, dein Ende wäre nur noch eine Randnotiz, begraben unter einem Berg von Leichen und politischen Mega-Krisen. Halte noch etwas durch, Gina-Lisa. Die neue Rolle steht dir gar nicht so schlecht. Wir wissen doch, wie es weitergehen wird. Wer glaubt, dass dein Management nicht längst Auftritte bei Marcus Lanz reserviert und Verträge mit Buchverlagen aushandelt, der hat die Regeln in diesem Zirkus noch immer nicht verstanden.