Gott ist eine Umschalttaste

Viel war in letzter Zeit über den Wandel der deutschen Sprache zu lesen. Über Gender-Sternchen und Binnenlaute, über die Abschaffung der Damen und Herren sowie die inklusive Umwandlung von Bundestrojanern (neu: auskundschaftende Personen) und sonstigen Terroristen (neu: Terrorisierende). Aber sind damit die Potentiale von Rechtschreibung und Grammatik wirklich schon ausgeschöpft? Wenn Ihnen das alles noch nicht weit genug gehen sollte, wenn Sie die deutsche Schriftsprache grundsätzlich als experimentelle Performance begreifen und Texteditoren gerne richtig bluten lassen, wenn Sie darüber hinaus ein Herz für Gott und Vaterland haben, sich für Chemtrails, den Nahen Osten, die Bilderberger, Schusswaffen, Solarenergie, Zahnersatz und das ewige Leben interessieren, dann schauen Sie unbedingt bei DEN GERMANEN vorbei! Hier werden Sie nicht nur formal, sondern auch inhaltlich überwältigt werden. Tatsächlich haben DIE GERMANEN in Personalunion ihres Gründers, Vorsitzenden und offenbar einzigen Mitgliedes ein Textwerk zusammengestellt, das in seiner schieren Ausführlichkeit alles in den Schatten stellen wird, was Sie bisher im Internet gelesen haben. Denken Sie an eine Mischung aus Ulysses, der Bibel und dem Telefonbuch, garniert mit gut der Hälfte aller jemals bei Youtube veröffentlichten Aufklärungsvideos. Ver-STEHEN Sie, was I-C-H Ihnen damit SAGEN will ???

Gottes Beuteltiere

Ich hatte gehofft, dem großen Christenschubsen zu entkommen. Am frühen Abend bin ich dann aber doch in einen Schwarm dieser frommen Rucksackträger geraten. Sie tragen immer Rucksäcke, wirklich jeder Einzelne von denen. Weshalb eigentlich? Und wer bitte soll die hässlichen Beutel alle durchsuchen? Eine viertel Million gottverdammter Rucksäcke. Haben wir mittlerweile nicht mindestens Sicherheitsstufe Zwölfeinhalb? Dunkelrot? Terror Grande? Der größte Teil des Kirchentags-Budgets wird übrigens vom Berliner Senat aus Steuergeldern finanziert. Obwohl nur ca. 16 Prozent der Hauptstädter Mitglied der Evangelischen Kirche sind, Tendenz abnehmend. Man hofft wohl darauf, dass die Rucksäcke ausreichend Zaster zurück in die Stadt tragen. Return on Investment. Dabei sind Protestanten doch für ihre Knauserigkeit bekannt, auch 500 Jahre nach Luther. Die meisten übernachten irgendwo privat oder unter einer Brücke. Zum Essen bringen sie sich Früchteriegel mit. Nicht einmal die Taschendiebe werden was davon haben.

It’s the terror of knowing what this world is about

Das Thema muss noch sacken, hatten sie ihm gesagt, das braucht noch Zeit. Vielleicht nach dem nächsten Anschlag, hatten sie gesagt, diese Sesselpuper in Köln! Jetzt kann er sich des inneren Jubels nicht länger erwehren. Live-Stream, seit 20 Minuten. Und es geht gerade erst richtig los. Von wegen sacken lassen! Hatte er es ihnen nicht gesagt? Seit Monaten liegt er denen beim Sender jetzt schon in den Ohren. Fünf verschiedene Drehbuch-Entwürfe über deutsche IS-Heimkehrer gammeln auf seinem Schreibtisch vor sich hin. Das müssen wir machen, hatte er ihnen immer wieder vorgebetet. Worauf wartet ihr denn noch, worauf? Jetzt müssen wir das machen, Leute, noch in diesem Quartal! Noch vorm Sommer. Wenigstens dieses Jahr noch. Bevor die Gelder wieder weg sind. Bevor RTL das macht, mit der Verres und dem Schweighöfer oder irgendeiner dieser alten Quotenschlunzen! Dann ist der Stoff verbrannt. Wir können das doch besser mit dem Terror und der Angst, mit den Menschen und den Emotionen. Wir sind doch der WDR. Ja, natürlich können wir das alles noch biegen. Ja klar, ich rede mit den Autoren. Das kriegen wir auch noch ergreifender hin, das schleifen wir noch. Mit ein wenig mehr Fokus auf die Ehe der Eltern und das soziale Umfeld. Vielleicht noch ein bißchen Recherche im Milieu? Ist das im Budget? Direkt bei den Hartzern? Plattenbau? Zu abgedroschen? Besser im Eigenheim? Schwuler Bruder? Vergewaltigte Schwester? Drogen? Irgendwie aktueller? Politischer? Mit Bezug auf Erdogan? Böhmermann? NATO? Lindenstraße? Hanni und Nanni? Kein Problem. Aber mit Feingefühl, ganz sensibel, die Balance halten, ja, wir sind doch der WDR. Wir holen die Leute dort ab, wo sie sind, ganz authentisch, in ihrem Alltag, ja natürlich. Mann, das wird gut!

Dem Redakteur ist nach Feiern zu Mute. Er ruft jetzt mal den Alex an, dessen Buch liegt ganz oben auf seinem Stapel. So eine arme Sau, der hat seit zwei Jahren keine Förderung mehr bekommen für sein Geschreibsel, ist bestimmt schon wieder mit der Miete im Rückstand. Der hat Druck, der kommt nicht mal mehr als dritter Schreiber von links bei den Daily Soaps unter, der hat Schulden von hier bis nach Mexiko, der ist flexibel, der schreibt alles rein in sein scheiß Drehbuch. Wie schaut’s aus, Alex, noch kurz zu Johnny ins Sorsi e Morsi … Eher nicht? Dann vielleicht noch bei mir zu Hause? Dann sprechen wir das noch mal schnell durch. Der Ansatz ist gut, hab ich dir ja schon gesagt, aber … Nein, keine Angst, es bleibt natürlich dein Buch, ist doch ganz klar. Wir reden hier über minimale Anpassungen, es geht nur noch um Nuancen. Kannst du gleich noch ein paar Bier mitbringen, vom Späti? Bist du so nett? Oder einen Roten, jetzt nicht den allerbilligsten vielleicht. Und Zigaretten? Ja, das wird gut. Das geht jetzt erst richtig los. Das müssen wir jetzt machen. Endlich. Diesmal ist der Samstag Abend drin, das sag ich dir. 20.15 Uhr, im ERSTEN! Diesmal schieben die uns nicht in den Dienstag oder Mittwoch, kurz nach Mitternacht, wenn nur noch deine Mutter einschaltet, um zu sehen, was du da die letzten Jahre eigentlich getrieben hast. Prime Time, Baby! Rezensionen im Feuilleton, Deutscher Fernsehpreis! Wie klingt das, Alex? Die Füße des Redakteurs fangen an zu wippen. Den Live-Stream lässt er nebenher weiterlaufen.

Bodycount (Der Tod ist keine Option mehr)

„Es kostet verdammt viel Geld, so billig auszusehen“, so sprach einst die große Dolly Parton. Aber um sie soll es hier nicht gehen. Wie viel Geld Gina-Lisa Lohfink für die Karikatur ausgegeben hat, zu der sie sich im Laufe ihrer traurigen Karriere verformt hat, ist mir nicht bekannt. Aber was weiß ich denn überhaupt über diesen ganzen Affenzirkus verkrachter, aufgespritzter und zutätowierter Existenzen, der sich seit Jahren durch die Demütigungs-Formate des kommerziellen Fernsehens wurschtelt? Muss ich überhaupt etwas darüber wissen? Muss ich zum Beispiel wissen, ob der zwölfte Wodka Red Bull von Gina-Lisa möglicherweise mit K.O.-Tropfen gestreckt war, damals vor fünf Jahren, und wer daraufhin nun die juristische Schuld auf sich laden soll für eine aus dem Ruder gelaufene zugedröhnte Afterparty mit zwei Nachwuchsfußballern, die sie in irgendeiner Proletendisco aufgegabelt hat? Wirklich? Ernsthaft? Weshalb interessiert mich der „Fall“ Gina-Lisa überhaupt? Vielleicht tut sie mir einfach nur leid in all dem Irrsinn, den sie da angerichtet hat. Vielleicht passiert da auch gerade etwas Interessantes. Etwas, das sie tatsächlich eine neue Rolle finden lässt. Wie Phönix aus der Asche steigt sie gerade empor aus dem Sumpf der medialen Resterampe, in dem für sie zuletzt nur noch Jobs auf Porno-Messen im Angebot waren. Vor dem Amtsgericht Moabit erscheint sie als Silikon-Ausgabe von Katharina Blum, die übergroße Sonnenbrille als Schutzschild vorm Gesicht. Sie ist jetzt ein Opfer der Justiz, der Medien und des Patriacharts. Eine feministische Ikone. Ja, Zack, die Bohne – wer hätte das gedacht! Das #TeamGinaLisa feuert sie dabei an und ölt mit Kampfbegriffen wie Slut Shaming und Rape Culture die PR-Maschine der neuen Heldin. Erinnerungen an die Ellen-Jamesianerinnen aus John Irvings „The World According to Garp“ werden wach. Derweil fragt Gina-Lisa in einem exklusiven Interview mit dem SPIEGEL dramatisch “Muss ich erst umgebracht werden?“ und zumindest auf diese Frage kann ich eine Antwort geben.

Nein, das nun ganz bestimmt nicht. Der Tod ist keine Option mehr. Nein, nicht für dich, Gina-Lisa. Nicht in einem Jahr, in dem die Großen, die wirklich Berühmten, die Legenden sterben wie die Fliegen. Einem Jahr, in dem die Anschlags-Toten mittlerweile im Wochentakt und immer in mindestens zweistelliger Höhe bekannt gegeben werden. Und es ist gerade einmal Halbzeit. Die Toten des letzten Jahres sind dabei schon vergessen und die ertrunkenen Flüchtlinge werden sowieso nicht mehr gezählt. Nein, dein Ende wäre nur noch eine Randnotiz, begraben unter einem Berg von Leichen und politischen Mega-Krisen. Halte noch etwas durch, Gina-Lisa. Die neue Rolle steht dir gar nicht so schlecht. Wir wissen doch, wie es weitergehen wird. Wer glaubt, dass dein Management nicht längst Auftritte bei Marcus Lanz reserviert und Verträge mit Buchverlagen aushandelt, der hat die Regeln in diesem Zirkus noch immer nicht verstanden.