Domo Arigato, Mr. Roboto

Science Fiction des Monats: die Bundeswehr startet ihr eigenes Weltraumkommando. Hurra, endlich wird den irren Milliardären aus den USA mal gezeigt, wo der Hammer hängt! Weltraumkommandeur*in Annegret Kramp-Karrenbauer hat zu diesem Zweck auch schon ein Schild enthüllt, in spätestens 50 Jahren sind dann die ersten deutschen Space-Panzer unterwegs. Auch im Bereich der Künstlichen Intelligenz geht es voran: Bereits im nächsten Jahr soll der Bundes-Android Lauterbach durch ein brandneues, störungsfreieres Update ersetzt werden. Karl 22 wird noch mehr Kompetenzen haben als sein Vorgängermodell und die Bürger schnell, unbürokratisch und ungefragt mit Expertenwissen zu den Themen Heuschnupfen, Schlammcatchen, Gender, Glutenfreie Ernährung, Klimawandel, transhumanistische Genetik und Herrenmode versorgen. Barrierefrei und in einfacher Sprache. *bleep-bleep*

Glotz-Content des Monats: Mr. Robot (auf Amazon Prime). Wieder so eine Serie, die erst mit einigen Jahren Verspätung bei mir angekommen ist. Ein zwiespältiges Erlebnis war das. Die ersten beiden Staffeln sind wirklich überragend. Großartige Atmosphäre, originelle Erzählung, toller Soundtrack (der Original Score stammt von Mac Quayle, der u. a. auch die Musik zu The Assassination of Gianni Versace beisteuerte). Dabei sind die Themen nicht wirklich neu: Das gespaltene Ich, die Suche nach der eigenen Identität in einer dystopischen Gesellschaft, Überwachung, Paranoia, Revolution, alles ist drin … aber es passt. Bis der Geschichte irgendwann die Luft ausgeht. Denn mit der dritten Staffel stürzt sie leider mächtig ab, wirkt zerfasert und nur noch planlos. Sehr schade. Mir kam es so vor, als wäre die Hacker-Serie irgendwann selbst gehackt worden – von ein paar überforderten Regie-Azubis, die mit den Figuren nichts mehr anzufangen wussten. Die Hauptfigur hat mich allerdings schon vorher genervt. Die Sache mit seiner dissoziativen Persönlichkeitsstörung, anfangs noch der Motor der ganzen Story, erschien mir irgendwann nur noch als ein überstrapazierter Running Gag. Der Knabe entwickelt sich überhaupt nicht weiter, er scheint im Gegenteil mit fortschreitender Handlung immer dümmer zu werden. Fahrig und dauernuschelnd torkelt er durch eine Welt, die er zwar nicht versteht, aber permanent zu „retten“ versucht. Wesentlich überzeugender sind hier die zahlreichen charismatischen Nebenfiguren, deren Geschichten aber entweder gar nicht oder leider nur sehr unbefriedigend zu Ende erzählt werden. Stattdessen gibt es jede Menge unsinnige Gimmicks, Seitenhiebe auf Trump und die blutig gefolterte Tochter von Meryl Streep zu bewundern. Das Finale verspricht dann ganz kurz doch noch eine clevere Auflösung, ersäuft am Ende aber in larmoyantem Kitsch. Geh ins Licht, Mr. Robot, geh ins Licht!

Schließlich sind da noch die vielen offensichtlichen Referenzen: The Matrix, Fight Club, 12 Monkeys … sowie eigentlich jeder Hackerfilm, den ich bisher gesehen habe. Und es gibt einige Szenen, die sind so eindeutig an David Lynch angelehnt, dass es fast schon eine Frechheit ist. Bei Lynch ist Surrealismus ja Programm, hier wird er dagegen wie eine alberne Garnitur dazwischen gestreut. Auf Wikipedia ist zu lesen, dass der Regisseur Sam Esmail Mr. Robot ursprünglich als Film konzipiert hatte. Wäre er mal bei diesem Konzept geblieben. Das ist Ding eindeutig zu lang und ihm am Ende offenbar über den Kopf gewachsen. Vielleicht ist das alles aber auch nur mein ganz persönliches Problem. Ich habe vermutlich einfach schon zu viel gesehen. Die allwissende bloggende Müllhalde muss ihre Festplatte wohl einfach mal wieder neu formatieren, oder am besten gleich ins Feuer werfen, so wie es die Hacker in Mr. Robot tun. Und die ganze Film- und Serienindustrie gleich hinterher. Burn, Hollywood, burn!


Abbildung: Screenshot aus dem besseren Teil von Mr. Robot

I hated, hated, hated this Movie! (Zitate und Kondensate)

Frage an mich selbst: Werde ich in diesem Leben jemals wieder einen öffentlichen Kinosaal betreten? Wahrscheinlich nicht. Ist das schlimm, besteht gar Anlass zur Nostalgie? Ach ja, der besteht eigentlich immer öfter, je älter ich werde. Aber ich muss auch ehrlich sein: wenn ich mir für schlappe 11 Euro im Monat ein fast unbegrenztes Angebot an Filmen, Serien und Dokumentationen ins Haus holen kann, weshalb sollte ich mich dann für den selben Preis noch in ein fremdes Gebäude schleppen, nur um mir einen einzigen Film anzuschauen, noch dazu genervt von einer halben Stunde Werbung und einer Horde rülpsender Assis? Wer weiß, ob die Kinos überhaupt jemals wieder geöffnet werden? Was der Zeitgeist noch nicht plattgemacht hat, das treibt die Politik ebenso planlos wie energisch in den Ruin. In diesem Sinne: Support your global Streaming-Dealer. Sell him your soul, never look back! 

Es folgen nun also ein paar knappe Notizen zu Filmen, die mir in den letzten Monaten in Erinnerung geblieben sind. Die Überschrift habe ich mir übrigens von dem verstorbenen Filmkritiker Roger Ebert geborgt, einfach aus Jux und Clickbaiterei. Tatsächlich hasse ich nämlich keinen der folgenden Filme, ganz im Gegenteil. Selbst die eine Entgleisung ist eigentlich eine Empfehlung. Vorhang auf:

The White Tiger (2021)

Erst Ende Januar veröffentlicht, ist dies mein jüngstes Filmerlebnis. Ich hatte hier vor knapp vier Jahren schon etwas über die Romanvorlage geschrieben. Entsprechend gespannt war ich nun auf die Verfilmung. Ich fange mit dem Negativen an, denn das ist sehr schnell abgehakt: Natürlich fehlte mir im Vergleich zum Buch einiges, die Geschichte wirkte gerade am Ende arg zusammengepresst. Aber das liegt aber nun mal in der Natur von Romanverfilmungen (ich bin ja schon froh, dass sie keine Serie daraus gemacht haben). Es sind immer nur Kondensate. Abgesehen davon ist das Ding aber ziemlich großartig geworden. Das liegt ganz besonders auch an dem Hauptdarsteller, einem bisher eher unbekannten indischen Nachwuchsschauspieler. Für seine Rolle sollen zahlreiche Bollywood-Stars vorgesprochen haben, gelandet sind sie hier dann bestenfalls in den Nebenrollen. Über Adarsh Gouravs Leistung wurde in vielen Kritiken bereits ausgiebig gejubelt – sehr zu Recht, meine ich. Der Junge besitzt Charisma und Präsenz im Überfluss, so etwas habe ich in der Form schon lange nicht mehr gesehen. Und die zentrale Botschaft des Romans bleibt für mich auch im Film erhalten, universell und über die Zwänge der indischen Kastengesellschaft hinaus: Wer wirklich frei sein will, darf keine Angst haben. Muss ich noch erwähnen, wie aktuell mir dieser Gedanke momentan wieder erscheint? Bestes Zitat hier: I was looking for the key for years, but the door was always open. 

Trailer The White Tiger


The Vast of Night (2019)

Irgendwo wurde dieser Film als Retro-Science-Fiction-Juwel beschrieben, und so dämlich das einerseits klingt, so passend ist es andererseits auch. Dabei ist Geschichte eher ein Kammerspiel als klassische Science Fiction. Schauplatz ist eine Kleinstadt in New Mexico Ende der 50er Jahre. Während der Rest der Einwohner die heimische Basketball-Mannschaft anfeuert, halten zwei Teenager, beide Technik-Nerds, an einem warmen Sommerabend in ihren Studentenjobs die Stellung, das Mädchen in einer Telefonzentrale, der Junge als DJ eines kleinen Radiosenders. Bald jagen sie einem seltsamen Geräusch nach, für das es bis zum Ende des Films keine eindeutige Erklärung geben wird. The Vast of Night ist das Filmdebüt von Andrew Patterson, das er mit einem eher bescheidenen Budget selbst finanziert hat. Eine Hommage an die UFO-Paranoia des kalten Krieges, die ohne UFOs auskommt, aber atmosphärisch großartig erzählt wird. Bestes Zitat: There’s something in the sky!

Trailer The Vast of Night


Inside Llewyn Davis (2013)

Der stand schon länger auf meiner Liste, denn ich bin sowohl ein Fan von guten Musikfilmen als auch von Oscar Isaac. Letzterer hat fast den gesamten Soundtrack selbst eingesungen, was schon mal mindestens die Hälfte des Charmes ausmacht. Ansonsten könnte man das auch einfach als einen weiteren Road Movie der Coen Brüder beschreiben. Speziell wird dieser hier aber durch die Anspielung auf die realen Vorbilder der Folkszene im New York der 60er Jahre. Die Handlung orientiert sich recht nahe an der Biografie des Folkmusikers Dave Van Ronk, der damals hinter dem beginnenden kommerziellen Erfolg seiner Kollegen zurückblieb. So sieht man Oscar Isaac dann auch vorwiegend frierend, fluchend und frustriert durch die Landschaft ziehen. Dabei trifft er allerlei skurrile Figuren und darf unter anderem mit Justin Timberlake und Adam Driver Please Mr. Kennedy singen. 

Die Idee von Inside Llewyn Davis hat mich ein wenig an Grace of my Heart (1996) erinnert, einen Film, der lose auf dem Leben von Carole King basiert und der mich damals sehr beeindruckt hat. Auch wegen dem wunderbaren Soundtrack, der in diesem Fall komplett neu komponiert wurde. So ist dies also eine Empfehlung im Doppelpack, Inside Llewyn Davis und Grace of my Heart, in beiden lernt man ganz nebenbei auch etwas über eine prägende Ära der Popgeschichte. Bestes Zitat: Hooka Tooka Soda Cracker, does your mama chew tobacco?

Trailer Inside Llewyn Davis


The Score (2001)

Der beste Heist Movie, den ich kenne. Netflix hat den, wahrscheinlich zum 20-jährigen Jubiläum, wieder ins Programm genommen – für mich Anlass genug, ihn mir zum X. Mal anzuschauen. Er wird nicht alt. Auch wenn man den entscheidenden Plot Twist am Ende schon auswendig kennt. Robert DeNiro als Besitzer eines kanadischen Jazz-Clubs, der nebenbei Tresore ausräumt, Edward Norton in einer seiner besten Rollen und Marlon Brando in seiner letzten? Wer kann da bitte widerstehen? Bestes Zitat: Dany, Dany, I wish you had not come down here, man.

The Score (ein Clip, kein Trailer)


Days and Nights (2014)

Nun komme ich zu einer mittelschweren Naturkatastrophe. Dass ein Film so schlecht sein kann, dass er schon wieder gut wird, ist ein beliebtes Mantra von B-Movie- und Trash-Liebhabern. Wie aber bezeichnet man ein theatralisch überambitioniertes Projekt, dass einen irgendwo zwischen Kopfschütteln und Wachkoma zurücklässt? Das eigentlich Schlimme, ja Tragische an diesem Film ist, dass hier ein Ensemble von großartigen Schauspielern wirklich großartig spielt, der Regisseur aber rein gar nichts damit anzufangen weiß. Weil er sich nicht entscheiden kann, ob er Ingmar Bergman, Tarkowski oder Wes Anderson sein will. Praktisch jede Szene strotzt nur so vor unverschämten Zitaten und Holzhammer-Symbolik, selbst vor Stalker schreckt dieser altkluge Regie-Depp nicht zurück. Und dann soll das auch noch eine Tschechow-Adaption sein, in Neu England, Anfang der 80er … Ich habe darauf gewartet, dass irgendwann eine Kuh vom Himmel fällt, um das Ganze doch noch als Meta-Komödie zu entlarven. Passiert aber nicht. Es ist, was es ist. Ein grandios gespielter pathetischer Mist, unbedingt anschauen! (Kein Zitat, da der ganze gottverdammte Film ein Zitat ist.)

Trailer Days and Nights


Wie denn, was denn, keine Serien? Doch, eine einzige. Als Bonus möchte ich nämlich noch die aktuell beste Reality Show der Welt empfehlen: Buried by the Bernards! Auf der stetig wachsenden Müllhalde an Sendungen, in denen man anderen Leuten beim Häuser renovieren, Kuchen backen, abnehmen, heiraten und wasweißichnoch zusehen soll, ist diese drollige kleine Familiensaga eine echte Wohltat. Die Bestatter-Familie aus Memphis ist von Natur aus so komisch, dass man offenbar nur noch die Kamera draufhalten musste. Sie lachen, futtern, gehen sich gegenseitig ganz furchtbar auf die Nerven und bringen in ihrem herrlich geschmacklosen Sarg-Discount nebenbei noch die Nachbarschaft unter die Erde. Erste Bekanntheit erlangten die Bernards durch eine Reihe von selbstproduzierten Werbespots, in denen der exzentrische Onkel am Ende stets aus dem Sarg springt und den unschlagbar niedrigen Preisknüller heraus posaunt. Für den hätten sie wahrscheinlich auch Prince Phillip beerdigt – was dem Vereinten Königreich da an Kosten erspart geblieben wäre! Bestes Zitat (frisch aus dem Sarg): 1.850? My Family spent 5.000 Dollars!

Who’s gonna drive you home tonight? (Ich streame weiter)

Ich bin auf der Flucht. Im Autoradio höre ich die Fahndungsnachricht, sie kennen jetzt meinen Namen. Ich wechsle den Sender, drehe die Musik auf und singe, schreie mit, so laut ich kann: „Gloria, don’t you think you’re falling? If everybody wants you, why isn’t anybody caaaalling?“ Vor mir liegt Miami Beach, Schauplatz meines nächsten Mordes. Es wird der letzte sein, der beste und glamouröseste. „Gloria, I think they got your number … I think they got the alias that you’ve been living under …“ Das Meer ist so blau, wie ich es erwartet habe und Laura Branigan begleitet mich in den Untergang. Ich habe nichts mehr zu verlieren.


Tatort Netflix. Ich habe die perfekte Serie gefunden, endlich, wenn auch mit etwas Verspätung: The Assassination of Gianni Versace (veröffentlicht 2018 auf FX). Perfekt auf mich zugeschnitten, ich bin wohl die Zielgruppe. Weil ich nun mal eine Schwäche für charismatische Serienkiller habe, für ihre Motive, ihre Psyche und ihren Lebenslauf. Vielleicht auch, weil mein lieber Gatte mir bereits vor Jahren erzählte, dass er den späteren Versace-Mörder Andrew Cunanan Mitte der 90er Jahre tatsächlich mal in einer Bar in San Francisco kennengelernt hatte. Es war nur eine kurze Begegnung, er hat es überlebt. Die Serie haben wir uns nun zusammen angeschaut. Dort wird Cunanan als ebenso psychopathischer wie einsamer Charakter dargestellt, ein Besessener und Größenwahnsinniger, der sich vor seinen Mitmenschen immer wieder neu erfindet. Ständig präsentiert er neue, fantastische Versionen seiner Biografie, während seine wahre Lebensgeschichte in Rückblenden rekonstruiert wird. Darin eingebunden sind auch die Geschichten seiner Opfer, inklusive die von Gianni Versace (dessen Mord zwar den erzählerischen Rahmen bildet, insgesamt aber höchstens zehn Prozent der Handlung einnimmt). Die Familie Versace hat sich ausdrücklich von dieser Produktion distanziert und leugnet bis heute, dass Cunanan und Versace vor seiner Ermordung jemals persönlichen Kontakt hatten. In der Filmversion finden deren Begegnungen dann meist auch in künstlich inszenierten Umgebungen oder in traumähnlichen Sequenzen statt. Vielleicht ist es gar nicht wichtig, ob die beiden sich wirklich kannten oder nicht, denn durch den Mord bleiben ihre Namen für immer miteinander vereint. Zum Schulabschluss soll Andrew Cunanan von seinen Mitschülern den Titel „Most Likely To Be Remembered“ verliehen bekommen haben. Diese Prophezeiung dürfte sich nun endgültig erfüllt haben.

Criss_Cunanan

Die perfekte Serie kann für mich nur eine Miniserie sein. Sechs bis zehn Episoden, das reicht. In diesem Fall sind es neun. Ein kompakter dramatischer Bogen. Keiner dieser aufgeblasenen Glotz-Marathons, bei dem ich spätestens nach der zweiten Staffel die weiße Fahne schwenke, weil mein anfängliches Interesse sich längst in Erschöpfung und in Missgefallen über endlose Storylines und ständig neue hanebüchene Plot-Twists aufgelöst hat. Auch das Casting ist nahezu perfekt. Neben Hauptdarsteller Darren Criss hat mich vor allem Judith Light in einer Nebenrolle begeistert. Kinder der 80er Jahre kennen sie vielleicht noch aus der Sitcom „Wer ist hier der Boss?“. Hier spielt sie nun die Witwe eines der Mordopfer von Andrew Cunanan, die Homeshopping-Queen Marilyn Miglin, die ihr Leben vor allem auf Selbstbeherrschung und Verdrängung aufgebaut hat. In ihrer kalten Maskerade aus hochtoupierter Betonfrisur, High Heels und eisernem Willen wirkt sie fast noch beängstigender als der Mörder Cunanan in seinen psychopathischsten Momenten. Dazwischen blitzt aber auch bei ihr immer wieder subtile Verzweiflung durch, die Maske wird langsam brüchig. Eine unglaubliche, ja unheimliche Performance.  

Light_Miglin

Ach, und die Musik, die hat ein eigenes Kapitel verdient. Es gibt den Original Score von Mac Quayle, der dafür kunstvoll Elemente von Giorgio Moroder, Ambient und italienischer Oper kombinierte. Und es gibt das, was ich als das große Ryan-Murphy-Disco-Drama bezeichnen möchte. Ryan Murphy ist vor allem als Produzent von Glee bekannt geworden (die Serie, durch die übrigens auch Darren Criss erstmals größere Bekanntheit erlangte). Dort sangen und tanzten sich aufgekratzte High School Kids alle paar Minuten die Seele aus dem Leib. Das war vielleicht noch nicht wirklich die Krone der TV-Unterhaltung, aber schon dort bewies er ein sicheres Gespür dafür, alten Popsongs neues Leben einzuhauchen. Dieses Gespür wurde in seinen anspruchsvolleren Produktionen der letzten Jahre noch extrem verfeinert. Auch wenn er nicht immer selbst Regie führt, bleibt seine Handschrift im Soundtrack doch immer unverkennbar.

Als The Assassination of Gianni Versace vor mehr als zwei Jahren beworben wurde, machte vor allem eine Szene die Runde: Darren Criss tanzt als Andrew Cunanan, nur mit knapper rosa Unterhose bekleidet, durch ein Hotelzimmer, es läuft „Easy Lover“ von Philip Bailey und Phil Collins, während auf dem Bett ein alter Mann um sein Leben kämpft. Erinnerungen an die alberne Verfilmung von „American Psycho“ wurden wach, aber glauben Sie mir: das hier ist viel, viel besser. Und es gibt diese Szene, in der Andrew in einem Pub sitz, an irgendeiner Landstraße, unterwegs von einem Mord zum nächsten. Wie hypnotisiert schaut er sich den Auftritt einer Sängerin an (Aimee Mann in einer kleinen Gastrolle), die eine Akustik-Version von „Drive“ (The Cars, 1984) zum Besten gibt. „You can’t go on thinking nothing’s wrong …“ scheint sie nur für ihn zu singen. Was folgt, ist die vielleicht traurigste und herzzerreißendste Minute der gesamten Geschichte, sie spielt sich allein in Andrews Gesicht ab. Die finale Mordszene wird schließlich mit „Vienna“ von Ultravox unterlegt. All das hätte sehr leicht in manipulativen Schmalz umkippen können. Tut es aber nicht, dazu ist es zu präzise inszeniert. In diesen Momenten glaubt man fast, die Songs seien einzig und allein für diese eine Szene und ihren Protagonisten komponiert worden.

Ryan Murphy hat ein goldenes Händchen für solche Momente. Damit heben sich seine Serien auch wohltuend vom Großteil seiner Konkurrenz ab, die musikalisch gerne besonders dick aufträgt und dabei immer verlässlich daneben greift. Denn einfach nur deprimierende Songs über ohnehin schon deprimierende Szenen legen oder hektischen Technoschrott über hektische Verfolgungsjagden, bis den Zuschauern die Ohren bluten, das kann jeder. Dazu braucht man nicht mehr als die Sensibilität einer Scheibe Toastbrot bzw. eines durchschnittlichen ZDF-Redakteurs. Was dagegen in The Assassination of Gianni Versace passiert, ist die Erhebung von vermeintlich schnödem Radiopop auf ein neues dramatisches Level, wo Disco, New Wave, Oper, Camp und griechische Tragödie eine perfekte Symbiose eingehen. Im Dienste der perfekten Serie. Oh je, immer dieses schlimme P-Wort, ich weiß … aber ich kann nicht anders!

Fazit: Thema, Form, Darsteller, Soundtrack – alles perfekt. Fast. Einen einzigen Schönheitsfehler gibt es, aber selbst der wird am Ende noch durch einen brillanten Regie-Einfall neutralisiert. Es geht um Penélope Cruz bzw. um Donatella Versace. Eine seltsame Besetzung. Im Vergleich mit dem realen Vorbild erscheint Frau Cruz immer drei Nummern zu elegant, zu attraktiv und zu farblos. Da helfen auch das falsche Gebiss und das angestrengte Genuschel nicht. Aber dann: in einer der letzten Einstellungen schaut die trauernde falsche Donatella in einen mit dem Versace-Logo geprägten Spiegel. Ihr Gesicht verschmilzt mit dem Kopf der Medusa und sie sieht sich selbst für einen kurzen Augenblick entstellt, wahnsinnig, zur Fratze verzerrt. Ein Ausblick auf ihr zukünftiges Erscheinungsbild. Perfekt.


Abschließend möchte ich bekennen, dass ich meinen Gatten um seine damalige Begegnung mit Andrew Cunanan beneide. Ich finde die meisten Menschen dermaßen langweilig, dass mir die Bekanntschaft eines Serienkillers als faszinierende Abwechslung erscheint. Man sollte von seinen Mitmenschen aber auch nicht zu viel erwarten, jedenfalls nichts, was man nicht auch selber tun kann (alte Volksweisheit). In diesem Sinne sollte ich vielleicht einfach mal selbst … Also Sie hören von mir.


Trailer: „The Assassination of Gianni Versace“

Ich streame

Kenn’se den schon? „Treffen sich zwei Prostituierte. Fragt die eine: rauchst du eigentlich nach dem Sex? Antwortet die andere: Keine Ahnung, ich hab noch nie nachgeschaut.“ Der Mensch braucht Unterhaltung. Ich brauche Unterhaltung. Wo finde ich Unterhaltung? Die Industrie hilft. Die großen digitalen Streamingdienste, die Lagerfeuer des 21. Jahrhunderts, sie sind vielleicht die wahren Profiteure der Stunde. Man könnte meinen, sie wären es auch, die sich diesen ganzen Viren-Mumpitz ausgedacht haben, und nicht Bill Gates und die Impfnazis vom transatlantischen Echsenrat. Könnte man meinen. Man kann alles mögliche meinen und glauben und sich die Köpfe darüber einschlagen. Die Wahrheit aber (*drumroll*) lautet: alle sind Schuld und alle haben Recht. Es kommt bei der Rechthaberei doch immer nur auf die Perspektive an. Wissenschaft, Logik, Fakten, diese vermeintlich scharfen Waffen der Aufklärung, werden am Ende immer zu Knechten der Glaubenskrieger und der Ideologen. Ja, jede einzelne Idee über die Welt ist wahr, ganz egal, wie spinnert sie klingen mag. Glauben’se nicht? Was? Wie?

Zurück zur Unterhaltung. Ich streame. Alle streamen. Es gibt ja nun auch wirklich genug Zeug zum streamen. Vor allem Serien. Serien sind das neue Heroin. Oder zumindest das neue Saufen. So billig. Und so viel. Jede Menge endlose blutige Wikinger-Schlachten, dystopische Endzeitdramen und politische Meta-Satiren. Das einzige, was mich in letzter Zeit allerdings wirklich gut unterhalten hat, war Comedians in Cars getting Coffee, diese zugegeben nicht mehr ganz frische Sendung mit Jerry Seinfeld. Auf dem guten alten Netflix. Nicht alle Folgen sind toll, aber die tollen sind dafür ganz besonders toll. Zum Beispiel die mit J. B. Smoove (u.a. bekannt aus Curb Your Enthusiasm), aus der übrigens auch der oben stehende Witz stammt. Den bekommen Seinfeld und Smoove von einer alten Dame erzählt, als sie gerade ein Café verlassen wollen. Unterwegs sind die beiden in einem feuerroten Studebaker Avanti von 1964, über den sich J. B. Smoove freut wie ein kleiner Schuljunge. Eine elegante Karre ist das. Googeln Sie mal den Studebaker Avanti von 1964. Ach was, habe ich doch längst für Sie getan: bitte sehr! Jerry Seinfeld sucht für jeden seiner Gäste das passende Fahrzeug aus. Im Fall seines alten Kollegen Michael Richards (a.k.a. Cosmo Kramer) ist das zum Beispiel ein furchtbar abgeranzter alter VW-Bus. Auch so eine tolle Folge. Richards erzählt, wie er in New York mal gegen ein obdachloses Schach-Genie verlor. Zweimal hintereinander. Auch sonst scheint er nicht allzu weit von Kramer entfernt zu sein. Die Folgen sind jeweils nur eine gute Viertelstunde lang. Ein beschwingtes Konzentrat von Anekdoten, Punchlines und unverhofften Lebensweisheiten. Dazu ein hübscher Oldtimer und eine gute Tasse Kaffee, was braucht man mehr?

lennybruce

Natürlich lese ich auch. Gerade erst die Autobiographie von Lenny Bruce. Aber ach, was soll ich sagen? Man kann inzwischen selbst Lenny Bruce streamen. In The Marvelous Mrs. Maisel (Amazon Prime) tritt er gleich in der ersten Folge auf. Gut, das habe ich mir dann auch angeschaut. Ein paar Folgen. Gar nicht schlecht. Schönes Zeitkolorit. Mit Blossom Dearie im Soundtrack, wie reizend! Tatsächlich schaue ich das auch jetzt gerade nebenbei, während ich diesen Text tippe. Nur noch eine Folge. Und noch eine. Wie viele Staffeln hat das Ding? Mannomann, die wissen aber auch, wie sie einen bekommen! Mein Bewusstseinsstrom, algorithmisiert. Danke, Jeff Bezos! Na gut, Seinfelds Kaffefahrt und Mrs. Maisel – das war es dann aber auch, oder? Nicht ganz, denn Netflix hat gerade eine Satire auf den Eurovision Song Contest angekündigt, einen Film, keine Serie. Von und mit Will Ferrell. Wenn ich das richtig verstanden habe, ist der offizielle ESC dieses Jahr ja ausgefallen. Oder wurde der auch auf Zoom übertragen? Ich habe das wirklich verpasst. Auf jeden Fall wird er jetzt nachträglich wohl von einem Amerikaner gerettet, besser gesagt vom Volcano Man! Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich muss weiter glotzen, streamen, strömen. Alles so schön bunt hier!