Gott ist eine Umschalttaste

Viel war in letzter Zeit über den Wandel der deutschen Sprache zu lesen. Über Gender-Sternchen und Binnenlaute, über die Abschaffung der Damen und Herren sowie die inklusive Umwandlung von Bundestrojanern (neu: auskundschaftende Personen) und sonstigen Terroristen (neu: Terrorisierende). Aber sind damit die Potentiale von Rechtschreibung und Grammatik wirklich schon ausgeschöpft? Wenn Ihnen das alles noch nicht weit genug gehen sollte, wenn Sie die deutsche Schriftsprache grundsätzlich als experimentelle Performance begreifen und Texteditoren gerne richtig bluten lassen, wenn Sie darüber hinaus ein Herz für Gott und Vaterland haben, sich für Chemtrails, den Nahen Osten, die Bilderberger, Schusswaffen, Solarenergie, Zahnersatz und das ewige Leben interessieren, dann schauen Sie unbedingt bei DEN GERMANEN vorbei! Hier werden Sie nicht nur formal, sondern auch inhaltlich überwältigt werden. Tatsächlich haben DIE GERMANEN in Personalunion ihres Gründers, Vorsitzenden und offenbar einzigen Mitgliedes ein Textwerk zusammengestellt, das in seiner schieren Ausführlichkeit alles in den Schatten stellen wird, was Sie bisher im Internet gelesen haben. Denken Sie an eine Mischung aus Ulysses, der Bibel und dem Telefonbuch, garniert mit gut der Hälfte aller jemals bei Youtube veröffentlichten Aufklärungsvideos. Ver-STEHEN Sie, was I-C-H Ihnen damit SAGEN will ???

Stay in and find out

Vor langer, langer Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat … Nein, anders: der Unterschied zwischen meinem jüngeren und meinem jetzigen Ich macht sich wohl vor allem in der Gestaltung meiner Wochenenden bemerkbar. Tanzte ich damals noch regelmäßig durch rauschhafte 48-Stunden-Nächte – begleitet von New Yorker Drag Queens, osteuropäischen Fetisch-Skinheads und obskuren Performance-Künstlern aller Nationen, zugedröhnt bis in die Nebenhöhlen, von Kronleuchtern hängend und mit allem kopulierend, was mir dabei in den Weg kam – so kann ich mir heute an einem Samstag nichts Schöneres vorstellen, als zuhause zu bleiben, die Füße hochzulegen und in aller Ruhe ein gutes Buch zu lesen. Und natürlich das Internet vollzuklugscheißern. So schrieb ich heute unter anderem auch einen Leserbrief an den SPIEGEL, in dem ich der Redaktion den Unterschied zwischen „Outing“ und „Coming out“ zu erklären versuchte. Anlass dafür war dieser Artikel. Sollten Sie demnächst also über einen Bischof lesen, der aus dem Schrank kam anstatt sich selbst anzuzeigen, dann ist das mein Verdienst. Habe die Ehre.

Gedicht von der Erhaltung der Energie

Es ist das Wetter, sagt die Omi. Es ist der Moslem, sagt der Nachbar. Es ist der Fremde, sagt der Bekannte. Es sind die Waffen, sagt der Pazifist. Es ist mein Beruf, sagt der Soldat. Es ist die Merkel, sagt der Kevin. Es ist das Kapital, sagt die Sahra. Es ist eine Botschaft, sagt der Attentäter. Es ist der Mann, sagt die Frau. Es sind die Eltern, sagt der Therapeut. Es ist das Pack, sagt der Mob. Es ist fünf vor zwölf, sagt der Prophet. Es ist ein Mars-Jahr, sagt der Astrologe. Es ist ein Facepalm, sagt der Student. Es ist ein Katzenbaby, sagt Facebook. Es ist was es ist, sagt die Liebe. What goes around comes around, sagt die Physik.

It’s the terror of knowing what this world is about

Das Thema muss noch sacken, hatten sie ihm gesagt, das braucht noch Zeit. Vielleicht nach dem nächsten Anschlag, hatten sie gesagt, diese Sesselpuper in Köln! Jetzt kann er sich des inneren Jubels nicht länger erwehren. Live-Stream, seit 20 Minuten. Und es geht gerade erst richtig los. Von wegen sacken lassen! Hatte er es ihnen nicht gesagt? Seit Monaten liegt er denen beim Sender jetzt schon in den Ohren. Fünf verschiedene Drehbuch-Entwürfe über deutsche IS-Heimkehrer gammeln auf seinem Schreibtisch vor sich hin. Das müssen wir machen, hatte er ihnen immer wieder vorgebetet. Worauf wartet ihr denn noch, worauf? Jetzt müssen wir das machen, Leute, noch in diesem Quartal! Noch vorm Sommer. Wenigstens dieses Jahr noch. Bevor die Gelder wieder weg sind. Bevor RTL das macht, mit der Verres und dem Schweighöfer oder irgendeiner dieser alten Quotenschlunzen! Dann ist der Stoff verbrannt. Wir können das doch besser mit dem Terror und der Angst, mit den Menschen und den Emotionen. Wir sind doch der WDR. Ja, natürlich können wir das alles noch biegen. Ja klar, ich rede mit den Autoren. Das kriegen wir auch noch ergreifender hin, das schleifen wir noch. Mit ein wenig mehr Fokus auf die Ehe der Eltern und das soziale Umfeld. Vielleicht noch ein bißchen Recherche im Milieu? Ist das im Budget? Direkt bei den Hartzern? Plattenbau? Zu abgedroschen? Besser im Eigenheim? Schwuler Bruder? Vergewaltigte Schwester? Drogen? Irgendwie aktueller? Politischer? Mit Bezug auf Erdogan? Böhmermann? NATO? Lindenstraße? Hanni und Nanni? Kein Problem. Aber mit Feingefühl, ganz sensibel, die Balance halten, ja, wir sind doch der WDR. Wir holen die Leute dort ab, wo sie sind, ganz authentisch, in ihrem Alltag, ja natürlich. Mann, das wird gut!

Dem Redakteur ist nach Feiern zu Mute. Er ruft jetzt mal den Alex an, dessen Buch liegt ganz oben auf seinem Stapel. So eine arme Sau, der hat seit zwei Jahren keine Förderung mehr bekommen für sein Geschreibsel, ist bestimmt schon wieder mit der Miete im Rückstand. Der hat Druck, der kommt nicht mal mehr als dritter Schreiber von links bei den Daily Soaps unter, der hat Schulden von hier bis nach Mexiko, der ist flexibel, der schreibt alles rein in sein scheiß Drehbuch. Wie schaut’s aus, Alex, noch kurz zu Johnny ins Sorsi e Morsi … Eher nicht? Dann vielleicht noch bei mir zu Hause? Dann sprechen wir das noch mal schnell durch. Der Ansatz ist gut, hab ich dir ja schon gesagt, aber … Nein, keine Angst, es bleibt natürlich dein Buch, ist doch ganz klar. Wir reden hier über minimale Anpassungen, es geht nur noch um Nuancen. Kannst du gleich noch ein paar Bier mitbringen, vom Späti? Bist du so nett? Oder einen Roten, jetzt nicht den allerbilligsten vielleicht. Und Zigaretten? Ja, das wird gut. Das geht jetzt erst richtig los. Das müssen wir jetzt machen. Endlich. Diesmal ist der Samstag Abend drin, das sag ich dir. 20.15 Uhr, im ERSTEN! Diesmal schieben die uns nicht in den Dienstag oder Mittwoch, kurz nach Mitternacht, wenn nur noch deine Mutter einschaltet, um zu sehen, was du da die letzten Jahre eigentlich getrieben hast. Prime Time, Baby! Rezensionen im Feuilleton, Deutscher Fernsehpreis! Wie klingt das, Alex? Die Füße des Redakteurs fangen an zu wippen. Den Live-Stream lässt er nebenher weiterlaufen.

Ohne Eier im Bikini

Hinter den Kulissen rennt eine junge Frau nervös auf und ab. Schlechte Laune liegt in der Luft. Im schönsten Proletendeutsch bellt sie vor laufender Kamera ihre innere Zerrissenheit heraus: soll sie jetzt dort hinauf gehen auf die große verheißungsvolle Vermessungs-Rampe und sich der Jury präsentieren? Oder soll sie doch gleich wieder nach Hause gehen? „Ich hab die Eier nicht!“, ruft sie mehrmals laut. Die anderen, weniger verzweifelten Kandidatinnen stellen sich artig an, eine nach der anderen – neue Saison, neues Glück. Am Ende der Rampe werden sie angeglotzt, beurteilt, ignoriert, aussortiert. Wolfgang Joop, der mittlerweile aussieht wie die exhumierte Leiche von Inge Meysel, ist hier bereits zum zweiten Mal als netter Onkel vom Dienst angestellt. Warum er sich das antut? Den Grund dafür (Geldsorgen, Eitelkeit, Demenz, Botox im Hirn?) wird er vermutlich mit ins Grab nehmen. Solange starrt er mit leerem Blick auf eine endlos scheinende Parade von langen dünnen Beinen. Der Satz, auf den hier alle warten, lautet: „Wir sehen uns morgen im Bikini!“ Heidi Klum is back in town.