Als die Sonne still verglühte

Ich wache auf, die Tanzfläche scheint leer zu sein. Nur ein einsamer Säufer dreht sich noch um die eigene Achse, seine Arme weit von sich gestreckt. Ich war wohl hinter meinem DJ-Pult eingeschlafen. Wie spät ist es? Mein Kopf dröhnt, der Raum vor mir fängt an zu schwimmen, irgendjemand muss mir Mescalin in mein Bier gekippt haben. Was soll’s, denke ich, halluziniere mir einfach ein Publikum zusammen und mache da weiter, wo ich aufgehört habe. Der Morgen ist jung, das Hirn abgeschaltet, Polen ist offen und die totale teutonische After Hour ist hiermit eröffnet. Deutschsprachige Musik, die fehlte noch, alles muss raus … So jung komm‘ wa nich mehr zusammen!


Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir verlassen jetzt den Orbit unseres Heimatplaneten und tanzen zu Sehnsucht, Muskeln und Meta-Pop: Wir fahren mit der Luftbahn durch die Nacht, wo der Sternenhimmel für uns lacht. Und all die Probleme auf der Erde liegen für uns in weiter Ferne. ++++++++ Zurück auf der Erde, springen wir aus der vierten Etage von Dussmann, um uns noch mal so richtig zu spüren. Was soll man sonst auch machen auf dieser gottverdammten Friedrichstraße? Gott hat für das alles nur sieben Tage gebraucht, und ich finde, genau so sieht’s hier auch aus ++++++++ Auferstehung in Germany und schon geht der ganze Mist wieder von vorne los: Neue Deutsche Welle ist Neue Deutsche Hölle! ++++++++ Dadaismus, bei dem man mit muss: Schlach ma dod, schlach ma dod, schlach ma ruhig dod! ++++++++ Wir sehen uns umgeben von Trümmern und begrüßen die untote Leiche von Kurt Weill, der wusste noch, wie man feiert … Ach, Brandylachen waren, wo man saß, auf dem Tanzboden wuchs das Gras! ++++++++ Geht’s noch? Merkst du, was ich merke? Jeder geschlossene Raum ist ein Sarg. Die Distelmeyer-Gedenkwochen sind hiermit abgeschlossen, Prost! ++++++++ Später, viel viel später sehen wir verdächtige Raumgleiter am Horizont, sehen wir riesige eidechsenartige Panzer, sehen wir tanzende Bären … Hilfe, mein Kopf ++++++++ Irgendwo in der Zwischenzeit singt Ute Lemper über Corona, Paul Celan spritzt sich AstraZeneca auf dem Klo und ich knipse das Mondlicht an. Wir sehen uns an, wir sagen uns Dunkles, wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis! ++++++++ Wir sind betroffen, wir sind besoffen, wir sind die Dichter und Denker, wir sind die Roboter ++++++++ Was machen Sie eigentlich am Montag? Home Office? Projekte? Meeting? Pitch? Kickoff? Na, dann gleich noch mal Deichkind und die Arme in die Luft: Klick dich, fax dich, mail dich hoch, grapsch dich, quetsch dich, schleim dich hoch, kick dich, box dich, schlaf dich hoch. Bück dich hoch, ja! ++++++++ Zurück auf los und nichts wie raus, tonight we gonna party like it’s 1988: Das selbe Land zu lange geseh’n, die selbe Sprache zu lange gehört, zu lange gewartet, zu lange gehofft, zu lange die alten Männer verehrt. Ich bin rumgerannt, zu viel rumgerannt, ist doch nichts passiert ++++++++ Junge Leute sind gelangweilt, junge Leute sind verzweifelt, junge Leute werden zynisch, so war es immer, so wird es immer sein: Es ist so schön, kannst du die Welt so gut versteh’n, ich lieg mit vier Promille im Graben aus Versehen ++++++++ Wo ist die Liebe, wenn man sie braucht? Schmiegen Sie sich jetzt bitte eng an Ihren Tanzpartner. Wenn Sie keinen Tanzpartner haben, schmiegen Sie sich einfach an sich selbst, denn an den Stegen, den Stegen der Einsamkeit, dort am blutwarmen Ufer der Gier entdecken wir das Frühwerk von Veronika Fischer. Ach du meine Güte, ist das schön! ++++++++ Und wenn wir jetzt noch fünf Minuten durchhalten, nicht aufgeben, nur dieses eine Lied noch mitnehmen, dann sind wir Helden für einen Tag ++++++++ Aus, vorbei, ich muss ins Bett. Aber nicht ohne vorher noch die Bühne frei zu machen für die große, unvergleichliche KNEF: Als die Sonne still verglühte, rangen Frauen ihre Hände, liefen Männer bis ans Ende, bis ans Ende dieser Welt. ++++++++ Zu spät, zu früh, zu heiß, zu dicht. Gute Nacht.


Die Liste:

Deichkind – Luftbahn (2008)
Betterov – Dussmann (2021)
Nina Hagen – Lorelei (1983)
Foyer Des Arts ‎– Familie und Gewaltanwendung (1986)
Blixa Bargeld – Bilbao Song (2002)
Blumfeld – Verstärker (1994)
Lotte Ohm – Die Memoiren des Steven Spielberg 1 & 2 (1998)
Michael Nyman und Ute Lemper – Corona (1992)
Kraftwerk – Die Roboter (1978)
Deichkind – Bück dich hoch (2012)
Pankow – Langeweile (1988)
Faber – Generation YouPorn (2019)
Veronika Fischer – Guten Tag (1976)
Milliarden – Helden (2016)
Hildegard Knef – Die Herren dieser Welt (1970)

Erst kommt das Saufen, dann kommt die Moral

Aber eines Abends wird ein Geschrei sein am Hafen
Und man fragt: Was ist das für ein Geschrei?
Und man wird uns lächeln sehn bei unsren Gläsern
Und man sagt: Was lächeln die dabei? …*

Freitagnachmittag am Spreeufer. Wenige Schritte vom Berliner Ensemble entfernt, lebt der Geist von Bertolt Brecht auf einer Karte weiter, die über 50 einheimische Weißweine aufführt. Brechts Steakhaus müsste eigentlich Brechts Rieslinghaus heißen. Auf Nachfrage empfiehlt uns der pfiffige Kellner einen der billigsten, denn „den trink ick ooch immer jerne!“. Wir vertrauen dem guten Mann sofort, bestellen davon gleich zwei Flaschen, dazu nur eine kleine Käseplatte, und empfehlen uns somit als Alkoholiker alter Schule. Der Stoff ist auch auch dringend nötig, denn der Großteil der übrigen Gäste besteht, wie an dieser Ecke nicht anders zu erwarten, aus einem grauenhaft gekleideten Touri-Pöbel. Zweihundert Meter weiter nördlich geht es visuell nicht ganz so barbarisch zu. Die Arbeitsbienen aus den Büros der Reinhard- und Schumannstraße, die ich kurz zuvor hinter mir gelassen hatte, diese ganzen Pitcher und Pusher, Coder und Kicker, Mover und Shaker, Lobbyisten und Strategen, die flitzen noch in halbwegs akzeptablen Klamotten durch die Gegend. Aber hier unten am Ufer sind die Leinen los, hier ist die große internationale Mutanten-Fiesta in vollem Gange. Speckschwarten quellen unter knappen Freizeitfetzen hervor. Man möchte spontan erblinden oder sich zwei ultrastarke Sonnenbrillen übereinander aufsetzen. Berlin lebt von diesem hässlichen Mob, die Pitcher und Pusher bringen wohl noch nicht genug rein. Watt soll man machen, wa, Prost, runter mit dem Zeuch, denn den trinkt der Kellner ooch immer jerne! Ich werde angerufen, in Moabit gab es eine Schießerei, überall Polizei, Großfahndung, ich soll die Turmstraße möglichst meiden. Der Täter floh auf einem Fahrrad. Auf einem Fahrrad. Wer möchte denn von einem Fahrradfahrer erschossen werden? Auf der Flucht hat er wahrscheinlich noch Pfandflaschen zurückgebracht. Diese Stadt ist wirklich das letzte. 

*frei nach:

Tropicalismo (É Proibido Proíbír)

Heute brennt die Sonne ganz erbarmungslos, in der Hölle ist die Hitze halb so groß! Diese Zeilen habe ich mir aus dem schaurig-schönen DDR-Musikfilm „Heißer Sommer“ geborgt. Wenn’s passt, dann passt’s. Vor knapp 30 Jahren, um die Wendezeit herum, ritt der Film auf der ersten großen Ostalgie-Welle durchs Babylon-Kino am Rosa-Luxemburg-Platz. Es gab dort damals diese Kult-Vorführungen a’la Rocky Horror Picture Show, die Leute rasteten aus, sangen mit und schmissen Dederon-Badehosen auf die Leinwand – so wurde es mir zumindest erzählt, denn selbst war ich nie dabei. Kurz nach dem Mauerfall stand mir noch nicht der Sinn nach DDR-Kitsch. Für einen Kultur-hungrigen Heranwachsenden gab es in dieser Zeit einiges in der Welt zu entdecken – Frank Schöbel und Chris Doerk beim Gummi-Twist an der Ostsee gehörten für mich nicht unbedingt dazu. Heute aber ist der Abstand groß genug, und wie gesagt: wenn’s passt, dann passt’s. 

swim-trunks

Zum Einstieg in den Berliner Tropensommer habe ich mir gestern Abend Caetano Veloso im Tempodrom angeschaut. Der Altmeister des Tropicalismo ist derzeit mit seinen drei Söhnen auf Tournee. Ein sehr schönes Konzert war das, mit genau der richtigen Mischung aus Poesie, Entspannung und südamerikanischer Party-Stimmung (mit Badehosen wurde nicht geworfen). Auch wenn es auf der Bühne nicht wirklich Thema war, ist die Politik seines Heimatlandes von der Biographie Caetano Velosos nicht zu trennen. Sein Lied É Proibido Proíbír (Es ist verboten, zu verbieten) führte 1968 dazu, dass er zusammen mit Gilberto Gil inhaftiert wurde und später für einige Jahre ins Exil ging. Die aktuelle politische Situation in Brasilien bereitet Veloso also verständlicherweise auch entsprechende Sorgen. Und ich denke daran, dass hier mittlerweile ein Teil des Landes mal wieder vom Sozialismus träumt (die wievielte Ostalgie-Welle wäre das jetzt?), ein anderer Teil vom Nationalsozialismus und daran, wie die grüne Mitte den Weltuntergang immer hitziger von der Kanzel predigt. Mit Verboten würden die alle gerne arbeiten. Die neue, gerechte Welt soll möglichst streng herbei reguliert werden. So sieht er dann wohl aus, der Sommer 2019: alle bekloppt, zu viel Dampf unter der Mütze. Ja, in der Hölle ist die Hitze halb so groß! Das liegt wohl leider nicht nur am Wetter. Es wird Zeit, die Koffer zu packen.

Club der Visionäre

Burn down the disco
Hang the blessed DJ
Because the music that they constantly play
It says nothing to me about my life
(The Smiths, Panic)

Der Club der Visionäre ist abgebrannt – eines dieser hippiesken Open-Air-Kleinode an der Spree, wo man gerne von einem Bein auf’s andere wippte und sich dabei von Mücken zerstechen ließ. Ich war vor einigen Sommern auch mal dort, verbinde aber keine besonderen Erinnerungen mehr damit. Weil es eben auch kein so besonderer Ort war – vielleicht ein bißchen wie die alte Bar 25, aber nicht so exklusiv und verpeilt. Keine neue Musik, keine neuen Eindrücke, wirklich nichts Neues, geschweige denn Visionäres gab es dort. Ein schlimmes Drama soll der Brand aber nun sein, quasi die Notre Dame von Kreuzberg/Treptow, und schon wird wieder vom großen Club-Sterben geredet. Ja, wenn in Berlin nicht jede marode Bretterbude mindestens ein halbes Jahrhundert lang unverändert bespielt werden kann, ist immer vom großen Club-Sterben die Rede, von Gentrifizierung und Weltuntergang. Wann hat das eigentlich angefangen? Waren wir hier nicht mal dafür bekannt, jede Woche umzuziehen, keinen Stein auf dem anderen zu lassen, im Zweifelsfall alles abzufackeln, den DJ aufzuhängen und woanders wieder neu anzufangen? Nein? Habe ich das vielleicht nur geträumt? Oder war das doch nur der Zweite Weltkrieg? Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, dass meine Eltern in den 80er Jahren darüber gejammert hätten, dass ihr Lieblings-Tanzschuppen von 1962 dicht gemacht hätte. Man ging mit der Zeit, hat sich selbst weiter entwickelt. Das neue Berlin aber entwickelt sich nicht mehr, es will ein Museum bleiben. Ein fair gehandelter Schluck Club Mate, ohne Visionen.

Ohnsorg-Theater 2018

Das Vokabular gab die Marschrichtung vor: Chaos, Megakrise, Deutschland am Abgrund – darunter macht es der nationale Erregungs-Journalismus nicht. Wieder einmal wurden sämtliche Szenarien durchgespielt: Kanzlersturz, Neuwahlen, das Ende der EU, Zombie-Apokalypse … Goodbye Sommerloch, haut in die Tasten! Statt einer lautstarken Eskalation servierte Mutti zum gestrigen Abendessen dann aber doch wieder nur lauwarme Kartoffelsuppe, also einen faulen Kompromiss mit ungewissem Ausgang. Hauptsache es ist Ruhe im Karton. Merkel bleibt Kanzlerin, Seehofer bleibt Innenminister und Löw bleibt Bundestrainer. Ohnsorg-Theater statt Götterdämmerung. Knallen wird es dagegen auf jeden Fall morgen wieder auf der anderen Seite des Atlantiks, zumindest während der offiziellen Fourth-of-July-Böllerei. Raten Sie mal, auf welche chinesischen Produkte Donald Trump bisher noch keine Strafzölle erhoben hat. Richtig: auf Feuerwerkskörper. Kawumm! War was?

Freilaufend

Der angenehmste und gleichzeitig kürzeste Weg von Moabit zum Potsdamer Platz (und zurück) führt für mich zu Fuß durch den Großen Tiergarten. Wann immer das Wetter und meine Zeitplanung es erlauben, schlage ich so den prekären Verkehrsverhältnissen dieser Stadt ein Schnippchen. Leider werde ich dabei meist aber auch von einer Armada an Radfahrern, Joggern, Touristen und Hundehaltern begleitet, der ganzen Schauergesellschaft des urbanen Frühsommers also. Am heutigen Abend nun bildete ich mit ihnen allen eine Art unverhoffter Schicksalsgemeinschaft, denn nördlich der Straße des 17. Juni gab es einen „Lauf“. Plötzlich sahen wir uns von einer Lawine grell gekleideter Wahnsinniger umzingelt, alle mit einem blinkenden Stab in der Hand, die sämtliche Wege blockierten – ein endloser, schnaufender Hornissenschwarm, flankiert von dicklichen Damen in Ordnerwesten, die uns am Fortkommen hindern wollten. Wer sich den Läufern dennoch in den Weg warf, wurde sofort angeschnauzt, zuerst von den Ordner-Muttis, dann von den Schnaufenden selbst. Vielleicht laufen sie ja für eine guten Zweck, dachte ich, für den Weltfrieden, für krebskranke Kinder, vielleicht auch nur um die „Goldene Eieruhr 2018“, auf jeden Fall verstanden sie keinen Spaß. Irgendwann schlug ich mich einfach quer übers Gras, dem Schwarm so gut es eben ging ausweichend. Mittendrin hatte sich auch noch eine karibische Trommelgruppe aufgebaut, die von Tutti-Frutti-Gabi (einer ca. 60-jährigen aufgekratzten weißen Dame, die ich spontan auf diesen Namen taufte) mit einem extatischen Ausdruckstanz begleitet wurde. Ich lebe in Europas größter Freiluft-Psychiatrie, so viel steht fest. Und der Sommer hat gerade erst begonnen.

Süßer Vogel Jugend

Und so begab es sich also wie jedes Jahr zur Sommerzeit, dass sich Schulklassen von nah und fern im Stadtbild ausbreiteten. Befreit aus der Enge stickiger Hostels und Klassenräume und fast ausnahmslos gekleidet in die kurzlebigen Lumpen des PRIMARK-Imperiums, eroberten sie die öffentlichen Plätze, Bahnhöfe und Einkaufszentren. Dort präsentierten sie sich so unbekümmert wie ungelenk, laut schnatternd, immerzu zappelnd und dennoch als eine einzige träge Masse, zusammengehalten von klebrigen Milkshakes, Snapchat-Freundschaften und schmerzhaftem Hormonstau. Etwas abseits, im Schatten ihrer Gruppen, schüchterner und mürrischer als der Rest, drückten sich die Sonderlinge herum. Nur sie konnten den Gesang der Vögel hören in all dem Lärm. Aus ihnen würden später die Nobelpreisträger, Popstars und Serienmörder ihrer Zeit werden. So begab es sich wie jedes Jahr zur Sommerzeit.

Everybody hurts

Heute morgen ist Iris Radisch vor einer Baustelle der Berliner Wasserbetriebe an mir vorbei gelaufen. Sie war in eine Decke eingewickelt (das Wetter kühlt ja gerade wieder ab), mit der sie ein klein wenig aussah wie eine Obdachlose. Ist Iris Radisch obdachlos? Vielleicht war die Decke auch ein teurer Designer-Poncho, den sie später im Borchardt, im Brot & Rosen, der Berghain-Kantine, einem Kreuzberger Molekular-Italiener oder wo auch immer das Feuilleton der ZEIT sich abends so beim Wein trifft, ausführen wollte. Ja, vielleicht. Schlimm, was man sich morgens schon so für Gedanken über fremde Leute macht. Und dann hackt man die schlimmen Gedanken auch noch schamlos ins Internet, auf dass sie sich verbreiten wie der Geruch von frischen Kuhfladen. Schlimm, schlimm. Wer sich das nicht länger bieten lassen möchte, wer genug hat von übler Nachrede, kuhfladigen Shitstorms und sonstigem digitalen Proleten-Voodoo, der tröste sich mit einer Folge von Jimmy Kimmels Celebrities Read Mean Tweets. Nicht mehr ganz frisch, aber immer wieder erfrischend. Schauen Sie sich bitte alle Folgen an, es lohnt sich. Ich habe hier die Nr. 5 ausgewählt, weil das Ende so schön ist. #endegutallesgut

Das Meer der Möglichkeiten (Ich erkläre einen Roman mit quantenphilosophischem Halbwissen)

Wäre ich Literatur-Redakteur beim Stern oder der Brigitte, so würde ich Marion Braschs Roman „Wunderlich fährt nach Norden“ als „perfekte Sommerlektüre“ anpreisen. Und wäre ich ein öffentlich-rechtlicher Kultur-TV-Kasper, so läge mir wohlmöglich sogar die Bezeichnung „ostdeutscher Roadtrip“ auf den Lippen. Ja, wäre, wäre … bin ich aber alles nicht. Gottseidank. Daher habe ich das Buch vielleicht auch erst ein Jahr nach seinem Erscheinen gelesen. Dass es überhaupt erschienen ist, liegt in der simplen Markt-Mechanik des Verlagswesens begründet. Marion Brasch hat vor drei Jahren den autobiographischen Roman „Ab jetzt ist Ruhe“ beim Fischerverlag veröffentlicht. Und da dieses Buch (aufgrund von Braschs berühmter Familiengeschichte) nicht nur sehr spannend zu lesen, sondern offenbar auch recht erfolgreich war, folgte das Unvermeidliche: ein zweiter Roman. Sogenannte „Medienpersönlichkeiten“ (Moderatoren, TV-Darsteller, Musiker oder manchmal auch einfach nur deren Nachkommen) haben zwar außer ihrer eigenen Biographie selten etwas literarisch interessantes mitzuteilen, aber das ist im Literaturbetrieb mittlerweile zweitrangig. Die Marke muss gemolken werden. Aus diesem Grund sind unter anderem auch die komplett überflüssigen Sequel- und Prequel-Romane zu Sven Regeners „Herr Lehmann“ erschienen sowie gefühlte 99 Prozent des Gesamtwerkes von Wladimir Kaminer.

apart-typewriter

Was ist nun dran an „Wunderlich fährt nach Norden“ (ich erhebe ranicki-esk die Hände) …? Ist überhaupt etwas dran? Ja und nein. Es liest sich gut weg. Marion Brasch hat eine lakonische Erzählweise, die niemanden überfordert. Ein Mann fährt ans Meer (es wird im Buch nicht genau benannt, aber atmosphärisch ist das ganz offensichtlich eine Reise von Berlin an die Ostsee), und gerät in ein provinziell-existentialistisches Sommermärchen. Er verliebt sich ein wenig, wird zusammengeschlagen, von Mücken zerstochen und trinkt permanent Kaffee und billigen Whisky. Am Ende seiner Reise hat er sich die handelnden Personen wohlmöglich allesamt nur eingebildet. Die Geschichte wirkt sehr unfertig und skizzenhaft. Der Klugscheisser in mir hätte der Autorin geraten, daraus eine Kurzgeschichte zu machen und zu warten, bis ihre Ideen-Schublade ausreichend Material für einen Sammelband ausspuckt. Aber nein, es muss ja immer gleich ein Roman sein. Die Menschen wollen Romane kaufen, ka-tsching! Da ich Marion Brasch aber für eine grundsätzlich sympathische Person halte (obwohl sie immer die selbe Jacke trägt und so merkwürdig verklemmt schmunzelt), möchte ich ihr Buch nun zumindest aus quantenphilosophischer Perspektive aufwerten. Ich habe fast zeitgleich zur Lektüre des Wunderlich-Buches einem Vortrag von Dr. Ulrich Warnke gelauscht, dessen Erkenntnisse ich hier locker und flockig in etwa so zusammenfassen möchte: quantenphilosophisch sind alle Organismen, uns Menschen eingeschlossen, materielle Raum-Zeit-Konstruktionen, die in einem Meer von Möglichkeiten schwimmen. Realität ist eine von unserer Wahrnehmung abhängige subjektive Konstruktion. Und draußen sind es 30 Grad im Schatten. So. Herr Wunderlich fährt also nicht einfach nur ans Meer, er schwimmt sich durch das „Meer der Möglichkeiten“ seiner eigenen Realitäts-Konstruktion. Wäre ich Literatur-Redakteur bei der FAZ, hätte ich wohl genau so etwas über Marion Braschs Buch geschrieben. Ja, wäre, wäre …

Abbildung: Todd Mclellan „Apart Typewriter“