Einen Spiegel! Dass ich mir in die Fresse speien kann!

Schon bald feiert die Radikale Heiterkeit ihren siebten Geburtstag. Am 17. Mai 2014 erschien hier der erste Beitrag, damals noch unter dem oben stehenden Motto, einem Zitat aus Heiner-Müllers „Die Umsiedlerin“. Durch diese erste Assoziation und weil ich netterweise bald vom Kiezneurotiker verlinkt wurde, der wiederum eine tendenziell eher links drehende Leserschaft anzog, hatte auch ich bald ein entsprechendes Völkchen an den Hacken. Irgendein Provinz-Marxist wollte mir gar einen Preis verleihen. Kein Problem, macht alles nichts, Missverständnisse passieren und Ironie ist nun mal nicht jedermanns Sache. Dabei hatte ich mich bereits in jenem ersten Text vom Mai 2014 über das schon damals überholte Links-Rechts-Geseier lustig gemacht. Das war in den folgenden Jahren dann auch eine Art roter Faden: für selbstgerechte Ideologen, egal welcher Farbe und Fasson, hatte und habe ich nur Spott übrig, davon aber reichlich.

Müllers Zitat könnte aktuell wieder von Nutzen sein, da sich einige TV-Darsteller nach der geradezu lächerlich harmlosen Aktion #allesdichtmachen offenbar schon zu Distanzierungen und Widerrufen genötigt sehen. Lange haben sie wirklich nicht durchgehalten. Gerade noch über Angstmacherei gespottet (viel zu spät und viel zu vorsichtig), holt die Angst sie umgehend selbst wieder ein. Sie räumen Fehler ein und geloben Besserung. Öffentlicher Druck, Existenzangst, Arsch auf Grundeis, so kriegen sie die Leute am Ende immer zurück in die Spur. Das hat Tradition, von der katholischen Inquisition über die chinesische Kulturrevolution bis hin zu den Twitter-Prangern unserer Tage. Heute droht keine öffentliche Verbrennung mehr und kein Gulag – wir wollen ja nicht übertreiben – die Aussicht, in irgendeinem beschissenen Tatort nicht mehr mitspielen zu dürfen, reicht schon vollkommen.

Und JA, sage ich, und dreimal JA zu eurer Kritik, Kollegen – mit einem Vorbehalt: dass sie nicht hart genug war, sondern eine Schönfärberei! Denn dreimal schwärzer bin ich als ihr mich abgemalt habt! Einen Spiegel! Dass ich mir in die Fresse speien kann!

Heiner Müller, Die Umsiedlerin oder Das Leben auf dem Lande, 1961

Die Uraufführung von Heiner Müllers „Umsiedlerin“ wurde 1961 zum politischen Eklat. Warum? Müller provozierte durch eine respektlose Satire am sozialistischen Kollektivierungswahn der frühen DDR-Jahre. Der junge Manfred Krug konnte damals im Publikum herzlich darüber lachen, die SED fand es weniger witzig. Das Urteil: konterrevolutionär, antihumanistisch und antikommunistisch. Verbot. Sämtliche an der Aufführung beteiligten Studenten wurden von der Stasi noch in der selben Nacht einzeln verhört und dazu gezwungen, sich schriftlich vom Stück, dem Autor und der Regie zu distanzieren. Müller selbst wurde daraufhin aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen, der Regisseur B.K. Tragelehn wurde „zur Bewährung“ in einen Braunkohletagebau geschickt. Zurück in die Gegenwart: Jemand wie Jan Josef Liefers hat durch seine Ost-Vergangenheit wohl den Vorteil, hier noch Zusammenhänge zu erkennen. Vielleicht bewegt er sich daher auch angstfreier durch die derzeitige Situation als seine Kollegen. Wer diesen Mist schon mal durchgemacht hat, ist eben besser gewappnet. Diejenigen aber, die es eigentlich angehen sollte – all die keifenden Haltungsfunktionäre, die nun wieder nach Konsequenzen und Bestrafung rufen – die werden auch diesmal die Ironie nicht verstehen und die Tradition nicht begreifen, in die sie sich freiwillig stellen.


Der ehemalige Kiezneurotiker, heute Maschinist, beklagt in diesem Zusammenhang gerade wieder einmal den Verlust seiner einstigen politischen Heimat. Er tut das nicht zum ersten Mal und er ist damit sicher auch nicht alleine. Ein guter Text, der aber langsam auch etwas redundant wirkt. Denn dass ehemals progressive Bewegungen, sobald sie selbst die Nomenklatura stellen, sich ebenso totalitär und machtbesoffen aufführen wie die Mächtigen, die sie einst bekämpft haben, ist eine historische Binsenweisheit. Dabei ist es egal, ob sich diese Leute nun durch eine blutige Revolution, den „langen Marsch durch die Instanzen“ oder einfach nur durch erfolgreiche Lobbyarbeit nach oben gedrängelt haben. Die Dynamik ist immer die selbe. Links Hop – Rechts Hop, der ganze Quatsch dient dabei nur dem Machterhalt von Bürokraten, denn wer sich derart ideologisch aufeinander hetzen lässt, ist eben auch leichter kontrollierbar. Politische Heimat am Arsch. Ich selbst habe nie eine gebraucht. Weshalb sollte ich mir auch eine Rolle in einem Spiel zuschreiben lassen, das ich weder erfunden noch mir selbst je freiwillig ausgesucht habe? Im besten Fall werde ich in dieser Position in Ruhe gelassen, im schlimmsten Fall härter bekämpft als der politische Gegner. Denn ein Gegner erkennt wenigstens die Macht an. Ich nehme diese Kasper gar nicht erst ernst. In diesen Sinne: Weiter machen und weiter lachen!


Als vorgezogenes Geburtstagsgeschenk an mich und alle Leser, die bis hierhin durchgehalten haben, hier noch ein paar spontan ausgewählte Juwelen aus sieben Jahren Radikaler Heiterkeit, mehr oder weniger passend zur obigen Thematik:

United Opfers of Internet

Die Schauspielerin Natalia Wörner (auch bekannt als Rote-Teppich-Abschnittsgefährtin von Heiko Maas) äußerte sich am Rande eines ARD-Adventsessens zur Wahl der neuen CDU-Vorsitzenden: „Ich freue mich total für AKK … Eine Frau, die man sich genau da wünscht, wo sie jetzt ist.“ Das ist entweder kolossal dämlich oder die eleganteste Beleidigung, die ich seit langem gehört habe. Freuen darf sich die Filmwelt auch für FHD (Florian Henckel von Donnersmarck), denn Deutschlands gewaltigste Sturmfrisur ist mal wieder für einen Oscar nominiert. Eventuell muss er die dazugehörige Preisverleihung sogar selbst moderieren. Was gibt es sonst noch zu berichten aus der Redaktionsstube des Grauens? In Krisenzeiten lernen die Franzosen gerne von den Deutschen. Deshalb wird der Weihnachtsmarkt in Straßburg spätestens in zwei Jahren sicherheitstechnisch so hochgerüstet, dass jeder Nachwuchs-Terrorist vor Angst aus den Latschen kippt. Zeichen setzen, Haltung bewahren, Café Latte! Jetzt müssen sie nur noch Putin und Facebook den Strom abdrehen, dann fällt auch die Gelbwesten-Bewegung und alle können friedlich ins neue Jahr hinein feiern. Passend dazu: Wer hat eigentlich die AfD so stark gemacht? Renate Künast weiß es: das Internet!

Infokrieger Alex Jones darf schon seit einigen Monaten nicht mehr ins Internet. Daher rannte er gestern auch über einen Flur in Washington und schrie so lange “Google is evil!“, bis ihm die Polizei mit Verhaftung drohte. Auch die Plattform tumblr ist böse, denn dort dürfen demnächst keine Pornobilder mehr verbreitet werden – eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, denn offenbar sind Pornos die neuen Safe Spaces. Aber es gibt Hoffnung, denn die Startup-Szene schläft nicht! Zu guter Letzt noch eine Twitter-Perle des intersektionalen Daueropfers Sibel Schick: „Wenn ich als Migrantin ohne Studienabschluss nur einen Anteil davon verstehe, was ihr mir sagt, ist eure Sprache nicht barrierefrei und kann von mir aus auch in die Tonne.“ Damit Sie mal wieder Bescheid wissen, Sie unwoken überprivilegiert-toxischen cis-Schweine! Ganz liebe barrierefreie Grüße!


Abbildung: Gerhard Richter, irgendwas mit Streifen

Being Fred Armisen

In wohl jedem Familienstammbaum sind mehr oder weniger finstere Geheimnisse verborgen, zumindest gibt es ein paar weiße Flecken, also unbekannte Größen. Wenn man da nur lange genug wühlt, findet sich mitunter Erstaunliches. Wer hätte zum Beispiel nicht gern den unehelichen Nachkommen eines Königshauses in seiner Ahnenreihe, eine glamouröse transsexuelle Spionin oder wenigstens einen legendären Axtmörder? Ich bin in der Hinsicht nun etwas neidisch auf den Schauspieler Fred Armisen. Dessen Großvater war – das ist kein Witz – ein zu seiner Zeit berühmter japanischer Tänzer und Choreograf, der im Berlin der 30er Jahre vom Propaganda-Ministerium der Nazis angestellt wurde, gleichzeitig als Geheimagent für die Japaner arbeitete, in Wirklichkeit aber von einem Jahrtausende alten koreanischen Adelsgeschlecht abstammte. All dies durfte der zurecht erstaunte Fred Armisen (und ich nachträglich mit ihm) im Rahmen von „Finding your Roots“ erfahren. In dieser Sendereihe wurden schon viele prominente Familiengeheimnisse enthüllt (unter anderem, dass Carly Simon Wurzeln in Kuba hat oder Jimmy Kimmel entfernte Verwandte in Thüringen), mit der Geschichte von Fred Armisens Großvater konnte aber bisher niemand mithalten. Dabei ist Armisens eigener Lebenslauf auch schon recht drollig: er war bereits Punkmusiker, Mitglied der Blue Man Group, einer der schrägsten Darsteller bei Saturday Night Live und zwischenzeitlich mit einer Scientologin verheiratet. Er ist außerdem der Schöpfer von Portlandia sowie einer Talking-Heads-Parodie-Band und kann nach eigenen Angaben den Inhalt jedes beliebigen Buches allein anhand der Umschlaggestaltung treffsicher wiedergeben. Ich nehme stark an, dass er nebenbei mindestens auch noch undercover für den KGB arbeitet. Manchmal wäre ich wirklich gerne Fred Armisen.

Armisen

Foto: © billy-kidd.com

Wir übergeben den Flammen die Werke von Kevin Spacey

Anders als ich an dieser Stelle locker-flockig prognostizierte, ist das Thema natürlich noch lange nicht durch. Es wäre wohl auch reichlich naiv, anzunehmen, Herr Weinstein wäre der einzige Schmuddelfink der Unterhaltungsindustrie gewesen. Und wenn es schon an der Spitze bröselt, sind die unteren Ebenen natürlich erst recht zum Abschuss freigegeben. Darf man sich als prominenter Schauspieler aus Gründen der allgemeinen Rufschädigung eigentlich auch selbst noch nachträglich aus einer Produktion herausschneiden lassen? Also zum Beispiel aus einem Film von Alfred Hitchcock, Roman Polanski oder Woody Allen? Wie ist das vertraglich geregelt?

Texte wie dieser fangen normalerweise mit einer moralischen Stellungnahme an. Wie also stehe ich nun dazu, dass sich Kevin Spacey Mitte der 80er Jahre mal besoffen auf einen 14-Jährigen Jungen gelegt haben soll? Oder dass sich Louis C.K. offenbar gerne vor seinen Kolleginnen einen runterholte? Verurteile ich das? Ich werde es Ihnen nicht verraten, denn genau das ist ein Teil des Problems im derzeitigen Empörungs-Karneval: dieser Drang zur Positionierung. Wo Spaceys frühere Arbeitgeber nur Schadensbegrenzung aufgrund befürchteter Umsatzeinbußen betreiben, tut eine großer Teil der dazugehörigen Branche weiterhin so, als ginge es hier ganz plötzlich um eine Null-Toleranz-Agenda im Sinne des Jugendschutzes und des Feminismus. Wie machen wir denn dann jetzt weiter, wo wir gerade beim großen Reinemachen sind? Vielleicht mit einer kleinen Bücherverbrennung? Ich denke da an die Werke von Paul Verlaine, der hatte bekanntermaßen ein sexuelles Verhältnis mit dem minderjährigen Arthur Rimbaud. Thomas Mann und Vladimir Nabokov, die alten Perverslinge, wären auch längst reif für den Scheiterhaufen – wehret den Anfängen! Und im Bereich der populären Musik sieht es dann richtig düster aus, am besten wir stampfen den gesamten Back-Katalog des letzten Jahrhunderts ein. Was für ein übler Haufen an Junkies und Päderasten!

„Vor 30, 40 Jahren hat man dem Künstler zugestanden, gewissermaßen ein halber Outlaw zu sein. Mittlerweile in unserer eben, wie ich sagen würde, hysterisch-bigott hypermoralisierten Gesellschaft, wo wir angeblich so viel toleranter sind und libertärer, erwarten wir von einem Künstler, dessen Antriebskraft natürlich auch das Abgründige sein muss, die Lust daran, über die Stränge massiv zu schlagen, – das sollen auf einmal alles brave Schwiegersöhne und Benimmlehrer sein? Das ist spießiger und furchtbarer als der Geist der 50er und 60er, wo der Bürger sagte, oh, oh, diese verkommenen Künstler, aber man ließ sie verkommene Künstler sein.“

(Thea Dorn im Interview mit dem Deutschlandfunk vom 10.11.2017)

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P.S. Kulturtipp des Tages: Halten Sie mal Auschau nach „Difficult People“, der großartigen Web-Comedy mit Billy Eichner, die seit mindestens drei Jahren Witze über Kevin Spaceys Privatleben reißt. You’re welcome!

La La Land ist abgebrannt

Über wen haben wir in dieser Woche viel zu wenig gelesen? Über Harvey Weinstein natürlich. Viel zu wenig über die schlüpfrigen Treffen in Hotelzimmern, über seinen offenen Bademantel, seine Zudringlichkeiten, seine Dauererektion und darüber, was das alles mit dem Filmgeschäft der letzten 20 Jahre gemacht hat. Da geht noch mehr, ganz sicher. Während viele A-Lister bereits ihre Oscars und Golden Globes wie Nazi-Memorabilia im Keller verstecken, melden sich noch immer neue Opfer zu Wort. Der Chor der Gedemütigten, Begrapschten und Empörten wird täglich größer. Wir wissen: in Zeiten von Social Media muss Schadensbegrenzung im Express-Tempo absolviert werden. Wer auch nur einen Tag zu lange mit einem Kommentar wartet, steht im Verdacht, die finsteren Umtriebe des Produzenten unterstützt zu haben und wird unweigerlich mit ihm im Strudel des PR-Desasters untergehen. Was denkt Heidi Klum? Warum schweigt Matt Damon? Hillary, what took you so long? Dabei kannten sie doch alle die Gerüchte und hatten sie so gut es ging ignoriert. Den Rest übernahm im Zweifelsfall Weinsteins Rechtsabteilung und die Kaffeekasse der Firma. Mitmachen, Klappe halten, Preise kassieren – ein gutes Geschäft für (fast) alle Seiten. So läuft das. Bis schließlich das Machtgefälle kippt und die Schweigegelder aufgebraucht sind. Irgendwann ist eben immer Schluß, Empires must fall. Und so befindet sich der dicke Harvey, das Monster und Arschloch der Stunde, nun im freien Fall. Und Hollywood ekelt sich vor sich selbst. Wir werden jetzt noch maximal eine Woche lang Kommentare, Statements, Abgrenzungen und Hashtag-Feminismus erleben. Danach wird das Gras gebeten, auch über diese Sache zu wachsen. So meine Prognose.

roberts_weinstein

Höhere Wesen befahlen: Internet vollschreiben!

Einem inneren Zwang gehorchend, starre ich eine Frau in der S-Bahn an. Ich kann nicht anders. Normalerweise gucke ich als moralisch abgewrackter Großstädter natürlich durch die Menschen hindurch. Aber normal gibt es heute nicht. Da ist sie also, direkt vor mir, Mitte 40 schätze ich. Schau sie dir ganz genau an, sage ich zu mir, da sitzt dein Pulitzer-Preis, präge dir jedes Detail gut ein! Sie bearbeitet ihr Smartphone mit spitzen Fingern und lächelt dabei irre. Ihr äußere Erscheinung ist in jeder Hinsicht ästhetisch prekär. Die Haare strahlen in einem 99 Cent-Aua-Blond, für das sie selbst auf dem bulgarischen Drogenstrich gesteinigt werden würde. Die Gesichtshaut ist überbräunt und zugrunde geraucht, darüber ein brutales schwarzes Augen-Make-Up, das mir sagen möchte: Ich bin eine ganz harte Schwester, habe aber auch eine gefühlvolle Seite, außerdem hatte ich heute morgen nur fünf Minuten Zeit, und wer bist du alte Schwuchtel eigentlich, dich über mein Make-Up lustig zu machen!!?? Tätowierungen, natürlich, überall. Und jede Menge Silber-Bling. Ihre Kleidung ist so schrecklich wie praktisch: ein enger Kapuzen-Pullover, robuste grüne Bergsteigerhosen, an den Füßen ein paar quietschbunte Badelatschen von Ed Hardy. Diese Latschen sind eigentlich das auffälligste an ihr. Sie trägt keinen Mantel oder eine auch nur annähernd dem Wetter entsprechende Überbekleidung. Dafür hat sie zwei riesige Plastiktüten dabei, die mit chemischen Reinigungsprodukten aller Art gefüllt sind. Nein, eine Obdachlose ist sie nicht. Ich tippe auf eine tendenziell rechtsradikale Schrebergärtnerin mit Putz-Zwang. Oder eine Überlebende der letzten großen Love Parade, die gerade erst aus dem Koma erwacht ist und kurz danach eine Rossmann-Filiale überfallen hat. Warum sie bei minus zehn Grad Außentemperatur in dieser Aufmachung durch die Stadt läuft? Die Antwort liefert sie sogleich selbst, als ihr beide Plastiktüten umfallen und der Inhalt quer durch die Bahn kullert. „Chaos heute!“ ruft sie fröhlich. Am Potsdamer Platz steigt sie aus. Es ist Berlinale. Vielleicht war das gerade einfach nur Maggie Gyllenhaal. Oder Claudia Roth. So. Wo ist jetzt mein Pulitzer?

Dieses Gefühl zu erreichen

Sich verwirklichen – damit meine ich lediglich, dass man in dieses Wohlgefühl zurückkehrt, was man mal empfunden hat, wo einem sozusagen eine Ahnung kam:  So möcht’ ich leben! Und diese Ahnung kam einem deshalb, weil man das in so’nem Moment irgendwie plötzlich erlebt hat. Und immer wieder will man reinkriechen in dieses schöne Gefühl und will es immer wieder haben. Es wird mit der Zeit immer schwieriger …

Mhmm …

… weil man immer, immer anspruchsvoller wird, also anspruchsvoller im Sinne von allem Möglichen.

Ich schwör‘ dir, hinten raus wird’s weniger mit dem Anspruch.

Gottseidank, ich freu mich drauf!

Der König der Welt (Jetzt is‘ aber auch mal gut, Frau Winslet!)

„Ich habe Preisverleihungen immer als die größte Erniedrigung, die sich denken lässt, empfunden, nicht als Erhöhung. Denn ein Preis wird einem immer nur von inkompetenten Leuten verliehen, die einem auf den Kopf machen wollen und die einem ausgiebig auf den Kopf machen, wenn man ihren Preis entgegennimmt. Und sie machen einem mit vollem Recht auf den Kopf, weil man so gemein und so niedrig ist, ihren Preis entgegenzunehmen.“

Thomas Bernhard

Durch die sinkende Titanic hatte er sich geschunden, durch Baz Luhrmanns grelle Pop-Spektakel sowie durch das gesamte Alterswerk von Martin Scorsese, durch Blut und Schnee, über rote Teppiche, entlang tausender gebleichter Gebisse und dämlicher Fragen – und das alles nur, um schließlich und endlich jene Bestätigung zu erhalten, die ihm selbst das jahrelange Schaulaufen mit einem Dutzend Supermodels nie verschaffen konnte. Hätte Leonardo DiCaprio am vergangenen Sonntag seinen gottverdammten Oscar nicht gewonnen, wäre wohlmöglich die Hölle zugefroren. Was wiederum sein Engagement gegen die Erderwärmung in Frage gestellt hätte. Ende gut, alles gut! Apropos Erderwärmung: noch schneller als die Polkappen schmelzen übrigens die Gesichtszüge von Kate Winslet. Während DiCaprios Dankesrede schwenkte die Kamera kurz zu ihrem bebenden Antlitz im Publikum. Er mag ja der König der Welt sein, sie aber ist die Königin der routinierten Ergriffenheit. Seit Jahren sammelt sie Filmpreise wie andere Leute Rabattmarken, und jedes Mal variiert sie die gleiche emotionale Erschütterung nur um Nuancen. Ob bei ihrem eigenen Oscar-Gewinn, den Critics Choice-, Peoples Choice- der Whoever’s-Choice Awards, den Golden Globes oder dem Ehrenpreis der Stadt Wuppertal – egal: sobald der Umschlag geöffnet und ihr Name aufgerufen wird, triff Kate Winslet sogleich der Schlag. Oh no! Really??!!! Oh my god, oh my god, oh my god! O!M!G! Is this really happening??? Sie kann es nicht fassen. Damit hat sie nicht gerechnet, nein im Leben nicht! So ein schöner Preis schon wieder! Gäbe es einen Award für die konsequenteste Schmierenkomödie im Award-Gewinnen, so könnte es nur heißen: „And the winner is … Kate Winslet!“ Bumms, und wieder trifft sie der Schlag! Wahrscheinlich würde ihr diese Idee gefallen. Vielleicht hat sie es sogar genau darauf angelegt? Frau Winslets durchaus dunkler Sinn für Humor ist spätestens seit ihrem Cameo-Auftritt in Ricky Gervais‘ „Extras“ bekannt. Das wollen wir mal nicht vergessen.

Außer Atem

Wenn George Clooney mit der Kanzlerin Kaffee trinkt und Meryl Streep einem im Biomarkt die letzten fair gehandelten Brühwürfel vor der Nase wegschnappt, dann ist wieder Berlinale-Zeit! Laut der hiesigen Idiotenpresse halten die Hollywood-Stars während ihrer eher kurzen Besuche die Stadt regelmäßig „in Atem“. Hechel-hechel-hechel! Hat Clooney mit den Flüchtlingen in Tempelhof Kekse gebacken? Ist Tilda Swinton in die falsche U-Bahn eingestiegen? Und wo ist eigentlich Clive Owen? Natürlich kümmert das niemanden wirklich. Zumindest nicht die Berliner. Es ist ein uralter Gemeinplatz, dass sich in dieser Stadt niemand für Prominenz interessiert. Nein, man ignoriert sie oder mit dem Volksmund gesprochen: man schaut sie mit dem Arsch nicht an. Schließlich sind sie überall. Tatsächlich kann man kaum noch in Ruhe an einer Bar sitzen, ohne von einer dahergelaufenen preisgekrönten Kino- oder TV-Visage um Zigaretten angebettelt zu werden. In Berlin ist es inzwischen einfacher, an ein Selfie mit Jake Gyllenhaal oder Lady GaGa zu kommen als an einen Termin im Bürgeramt. We fake it, but we fake it right. Eine Woche noch. Dann ist die jährliche Eierschaukelei der von ihrer eigenen Bedeutung hysterisch durchdrungenen Filmbranche wieder vorbei. Aber die Plakate waren ganz nett dieses Jahr. Immerhin.

Tote im Pool / Tütensuppen in Moabit

Als ich noch in Prenzlauer Berg wohnte, dem Bezirk everybody loves to hate, da bin ich ständig, das heißt täglich, in bekannte Schauspieler hinein gestolpert. Ob beim Kaffee trinken, beim Gemüsehändler oder an der Bushaltestelle: stets umringten mich Bambi-Preisträger aller Größen und Altersstufen, oft auch komplette Tatort-Besetzungen. Ob dort noch immer eine so hohe Schauspielerdichte herrscht, weiß ich nicht. In Moabit sehe ich jedenfalls immer nur Inga Busch. Dort geht sie zwischen Knast und Trödelhändler mit ihrem Hund Gassi und erkannt habe ich sie nur, weil sie sich wirklich sehr viel Mühe gibt, erkannt zu werden. Entweder erwische ich sie immer zufällig genau in den Momenten, in denen sie method-acting-mäßig für die nächste Pippi Langstrumpf-Verfilmung probt oder sie ist tatsächlich so verpeilt. Letzteres liegt nahe, denn ich erinnere mich, vor vielen Jahren mal einen Fernsehbeitrag über sie gesehen zu haben (in dem man unter anderem erfahren konnte, dass sie sehr gerne Tütensuppen isst) und da war sie ganz genau so verpeilt. Ich möchte hier aber nicht Inga Busch verhohnepipeln (zumindest nicht übermäßig), sondern mich stattdessen darüber freuen, dass der Glanz der Filmwelt auch in diesem Kiez ein klein wenig funkelt. Außerdem bin ich sicher, dass Frau Busch trotz Verpeiltheit ganz sicher eine ganz und gar harmlose Person ist. Nicht so Nicolas Cage: immer wenn der einen Film dreht, müssen offenbar dutzende von Menschen in einem Swimming Pool ertrinken! Hier der Beweis:

tylervigen

P.S. Weitere aufschlussreiche Zusammenhänge dieser Art gibt es auf tylervigen.com zu bestaunen.