Impf-Uschi 3000: Das letzte Gefecht

Als Gesellschaftsreporter der Herzen komme ich derzeit kaum zur Ruhe. Während der wiehernde Joko noch Schokoladentafeln für Afrika verhökert (siehe letzten Beitrag), werden gestandenere Promis jetzt im Namen der Volksgesundheit an die finale Front bestellt. Seit Tagen rumort es bereits im Netz: Die #Impfluencer kommen! Denn jetzt geht es um alles: Durchimpfen, Wegimpfen, Abspritzen – wer hat noch nicht, wer will noch mal? Was viele, vor allem jüngere Vakzinierungs-Enthusiasten wahrscheinlich nicht wissen: Uschi Glas krempelt bereits seit 1968 die Ärmel hoch. Auf dem unten abgebildeten Archivfoto sehen wir sie, vorbildlich armfrei, wie sie einen jungen Querdenker im einfühlsamen Gespräch zur Vernunft bringt. Überzeugungsarbeit fängt immer an der Basis an, Genossinnen und Genossen!

P.S: Sollte es Ihnen in der Warteschlange Ihrer lokalen Spritzen-Station zu langweilig werden, so greifen Sie bitte zum neuesten Bestseller aus dem Giftregal!

Das wiehernde Vakuum

Jokolade! Jokolade! Jokolade! So blökten die Plakatwände an den Bushaltestellen der Stadt. Seit Wochen hatte ich sie ignoriert, keine Ahnung, was das sein sollte: Jokolade! Jokolade! Jokolade! Vielleicht haben sie einfach nur die Yogurette umbenannt, dachte ich. Diesen überzuckerten Trash aus den 80ern, der in etwa so viel Yoghurt enthält wie eine Tunfischpizza, kauft doch wahrscheinlich niemand mehr. Aber die würde dann wohl eher Yokolade heißen, oder Yolorette – jetzt neu, veganisiert, entzuckert und zum doppelten Preis! Irgendwann wurde das Geblöke dann mit einem jungen Mann in einer Pelzjacke illustriert, offenbar das Gesicht der Kampagne. Ich habe dann aber wirklich noch eine ganze Weile gebraucht, bis ich den mit dieser dauerwiehernden Hackfresse in Verbindung bringen konnte, die seit Jahren ProSieben unsicher macht – ich bin ganz eindeutig nicht die Zielgruppe. Tatsächlich habe noch nie eine Sendung gesehen, die Jokoladen-Joko Winterscheidt moderiert hat. Trotzdem ist mir sein Gesicht bekannt, ein sicheres Zeichen dafür, wie penetrant dieser Mensch ist. Dieses Gesicht war und ist immer am Wiehern, hahaha, huhuhu, gacker-gacker, wieher-wieher. Warum der so viel wiehert, weiß ich nicht, aber ich werde einen Teufel tun, das herauszufinden. Joko ist nun also ins Fair-Trade-Schokoladen-Business eingestiegen – keine wirklich neue Idee, aber here we go again: mit einem prominenten Gesicht und dem lahmsten Wortspiel der Werbegeschichte. Denn in Afrika werden Kinder für billige Schokolade ausgebeutet, das hat Joko in einer seiner Wieher-Pausen herausgefunden. Und so reiht auch er sich ein die endlose Schlange der Unterhaltungs-Millionäre, die Gutes tun und gerne darüber berichten. Als erfahrener Millennial-Bespaßer füllt er damit quasi das Vakuum zwischen Iris Berben, Til Schweiger und der Generation Fridays for Instagram. Bis demnächst irgendeine 15-Jährige Lara-Lena mit nachhaltig gedrechselten Lippenstiften die Kindersoldaten in Ruanda befreit, muss das reichen.

Der große Zukunftsschwindel

Ich laufe durch den Hauptbahnhof, vorbei an den digitalen Werbesäulen. „Kai Pflaume wird heute 53 Jahre alt!“ wird mir mehrmals mitgeteilt. Na, wer hätte das gedacht!? 53 Jahre! Das alte Schwiegersöhnchen! Moderiert nun schon seit Jahrzehnten tapfer alles weg, was Schwiegermüttern gefällt. Schwiegertochter gesucht. Oder Schwiegereltern im Glück. Goldene Hochzeit. Schwippschwagers Traumhochzeit. Herzblatt. Herzkranzgefäß. Herzkranke Schwiegermutter heiratet den Schwiegersohn sein Nachbarn seine Katze … Irgendsowas. Hier im Bahnhofsgebäude ist es vergleichsweise ruhig. Gerade erst habe ich den großen Reisebus-Protestkorso überlebt. Schönes Chaos mal wieder. Zehntausend Busse, die die Innenstadt verstopften, weil sie jetzt bitte auch Corona-Geld von der Regierung haben wollen – so wie die Lufthansa oder wer auch immer gerade wieder aus dem großen Steuertöpfchen naschen durfte. Dabei hupten die verdammten Busse so laut, dass den genervten Passanten die Trommelfelle platzten und nun erst Recht niemand mehr Mitleid mit der Branche hat. Läuft.

Vor dem Futurium dreht sich ein riesiger Teller auf einem ebenso riesigen Stab. Ich sehe das heute zum ersten Mal. Was ist das? Ein Gruß aus der Zukunft? Eine fliegende Untertasse mit abgekacktem Motor? Das neueste Physikprojekt der 5b aus der Gesamtschule Hellersdorf? Ein Denkmal für den mentalen Zustand Berlins? Die Untertasse scheint jeden Moment abzuheben und in die Spree zu sausen. Ich darf nicht zu lange hinschauen, sonst wird mir schwindelig. Schon spüre ich einen leichten Kreisel im Kopf. Im Futurium selbst war ich noch nicht drin. Kein Ahnung, was die da machen. Wahrscheinlich was ähnliches wie im Muppet-Labor, „wo die Zukunft schon heute gemacht wird.“ Dr. Bunsenbrenner, übernehmen Sie! Die Stadt schein langsam wieder zu ihrer alten Form hochzulaufen. Immer im Kreis. Und Kai Pflaume wird heute 53 Jahre alt. Muss man wissen.

Darm mit Charme (Jeanette Biedermann hat keine Angst vor dem Tod!)

Es gibt dieses Buch tatsächlich. Beweis Nummer eins: hier, Beweis Nummer zwei: ich habe heute in der U-Bahn eine Frau darin lesen sehen. Ihr Gesichtsausdruck war etwas verkniffen (laut brigitte.de ist das Buch „unterhaltsam und verständlich geschrieben“), vielleicht war sie ja noch nicht bereit, die charmante Seite ihres Verdauungstraktes anzuerkennen. Ich schaue mir gerne an, was die Leute in der U-Bahn so lesen. Überwiegend sind es die in Grund und Boden beworbenen Schinken der Spiegel-Bestseller-Liste. Ab und zu werde ich aber auch überrascht. „Darm mit Charme“ war zumindest für mich eine Überraschung, obwohl auch auf dem Umschlag dieses Buches ein kleiner „Spiegel“-Aufkleber pappte. Seit die E-Books die öffentlichen Verkehrsmittel erobert haben, lassen sich zwar immer weniger Buchtitel erkennen, dafür lässt sich aber der Inhalt leichter mitlesen – zumindest wenn man neben der lesenden Person sitzt. Ich bin ein unanständiger Mensch.

Anständiger ist es wohl, statt bei fremden Leuten mitzulesen, sich dem U-Bahn-Fernsehen an der Decke zu widmen. Dort werden in Dauerschleife Nachrichten im Häppchenformat gesendet, knappe Mitteilungen, die durch noch knappere Einzeiler angeteasert werden. Furchtbar stupide ist das, aber ungeheuer hypnotisierend. Im Segment V.I.P. NEWS stand dort mal: „Jeanette Biedermann hat keine Angst vor dem Tod“. Diese Botschaft habe ich dann gefühlte dreißig mal gelesen, bevor ich schließlich ausgestiegen bin. Es wurde mein Mantra des Tages. Sollte jemand noch ein eigenes Mantra brauchen, ich wäre jetzt bereit, es abzugeben: JEANETTE BIEDERMANN HAT KEINE ANGST VOR DEM TOD!