Schwere Zeiten (auf Wiedervorlage)

Liebe Lesende, werte Darbende, folgendes Geständnis wird Sie vielleicht nicht besonders überraschen: Ich habe noch nie eine Folge von Game Of Thrones gesehen. Ein Zitat daraus ist mir trotzdem geläufig: „Winter is coming!“ Traditionell gilt ja der November als die härteste Nuss im Kalender (trübes Wetter, hustende Menschen, erhöhte Selbstmordraten), aber auch der Dezember hat neben all dem Advents- und Weihnachtskitsch reichlich düstere Gedanken zu bieten. Die Populärkultur liefert dazu einige Beispiele. Was will ich Ihnen damit sagen? Stellen Sie sich bitte auf schwere, ja möglicherweise sehr schwere Zeiten ein. Auf einen schweren November, einen harten Dezember und auf bleierne Ostern! Von dem darauffolgenden mörderischen Sommer ganz zu schweigen. Natürlich nur, sofern Sie von den zuständigen öffentlichen Orakeln nicht längst auf Dauerschwere eingeschworen worden sind. Und sofern Sie nicht Michelle Hunziker heißen, denn dann haben Sie das Schwerste ja schon hinter sich. Inspiriert wurde ich zu dieser eindrücklichen Warnung durch Schwester Spahn, Mutti Merkel und den Kollegen Driesen. Ehre, wem Ehre gebührt.

Dufte! (Tabula Rasa in der Echokammer)

Gerade war er noch der Aufreger der Saison, schon ist er aussortiert, wegen mangelnder Nachfrage. Was soll man auch mit einem Preis anfangen, den niemand mehr haben will? „Die Marke Echo sei infolge der jüngsten Preisverleihung so stark beschädigt worden, dass „ein vollständiger Neuanfang notwendig sei, findet der BVMI“. Mit anderen Worten: der ganze Quatsch wird demnächst unter neuem Namen wiederauferstehen. Im Marketing nennt man so etwas Rebranding. Danach wird sicher alles besser, sauberer und transparenter werden. Die Liste der Nominierten wird jedes Jahr vom Ethikrat abgesegnet und auf dem Roten Teppich herrscht Kippa-Zwang. Alles wird gut, liebe Musikindustrie! Nehmen Sie sich ein Beispiel am deutschen Filmpreis: seit dem der vom „Bundesfilmpreis“ zur „Lola“ aufgewertet wurde, geht dort politisch korrekt die Post ab und die Oscars können einpacken. Ebenfalls skandalfrei, aber praktisch unbemerkt, verlief in dieser Woche die Verleihung der Duftstars 2018 – vielleicht auch, weil sich die Preisträger danach rechtzeitig genug verduftet haben. Gibt es einen Preis für die Pressemeldung der Woche? Mein Favorit wäre „Schlägerei nach Oralverkehr in der S-Bahn“, dicht gefolgt von den Nachrichten aus Korea und der Meldung, dass die Kanzlerin in Washington zu ihrem Cheeseburger einen Pinot Grigio bestellte. Es ist doch ein seltsamer Planet, auf dem wir leben.

Was weg muss, muss weg

Bekanntermaßen gibt es endlos viele Gründe, sich über Berlin aufzuregen. Am schönsten echauffieren sich natürlich immer noch die Berliner selbst, allen voran die guten alten Kiez-Opas. Zu denen gehört inzwischen auch dieser Kollege von der Berliner Zeitung. „Wenn ich etwas in Berlin nicht mehr ertragen kann, dann ist es die Unsitte, mit großer Selbstverständlichkeit auf Englisch vollgerülpst zu werden“ schreibt Jochen-Martin Gutsch. Und wenn ich etwas in Berlin nicht mehr ertragen kann, dann ist es das verbitterte Gejammer dieser alternden Ost-Bohéme, die auf dem besten Wege ist, das mentale Erbe der Wilmersdorfer Witwen anzutreten. Je älter sie werden, desto mehr jammern sie: Berlin ist übergeschnappt und peinlich. Berlin ist keine Weltstadt. Berlin hat Minderwertigkeitskomplexe. Berlin ist dies, Berlin ist das. Man kann hier keinen Kaffee mehr bestellen und deutsch gesprochen wird auch nicht mehr. Coffee? Ick gloob, ick spinne! Früher war mehr Mauer. Und mehr Gemütlichkeit. Da war die Stadt noch überschaubar und nicht diese globalisierte, babylonische Hipsterhölle mit ihren dünnbeinigen jungen Menschen und diesen ganzen komischen Kaffeesorten!

Journalismus ist Jazz und ich bin fast berühmt.

In der IMDb-Rangliste der beliebtesten Filme belegt The Shawshank Redemption regelmäßig den ersten Platz. Ich mache mir nichts aus Gefängnisdramen, darf aber anmerken, dass mein persönlicher Lieblingsfilm, The Hudsucker Proxy, nicht nur im selben Jahr wie der Spitzenreiter gedreht wurde, sondern auch mit dem selben Hauptdarsteller. Welchen Platz er in der genannten Rangliste belegt, weiß ich nicht, unter den ersten 250 scheint er jedenfalls nicht zu sein.

Passend dazu eine kurze Rückblende: Vor fast genau 22 Jahren, im Sommer 1995, also ein Jahr nach Shawshank und Hudsucker, hatte mir jemand einen duften Studentenjob vermittelt: Ich saß als Nachtschicht in einem großen Trickfilm-Studio in der Kastanienallee und scannte Zeichnungen für den nächsten Benjamin-Blümchen-Film ein. Manchmal war ich dort nachts ganz allein, mit einem Generalschlüssel zu dem gesamten Studio. Ich hätte den Laden einfach ausräumen können, es gab keinen Wachschutz, niemand passte wirklich auf. Stattdessen ging ich zwischendurch öfter mal ins Schlot nebenan, um mir ein wenig Live-Jazz reinzuziehen. Ungefähr bis vier Uhr morgens, dann ging ich, ordentlich beschwingt, wieder zurück zu Benjamin Blümchen. Warum ich das erzähle? Weil diese Episode mir schließlich meinen ganz eigenen Eintrag in der Internet Movie Database beschert hat. Sicher, ich wäre lieber als Darsteller gelistet (z.B. als einer von Amy Archers moralisch abgewrackten Reporter-Kollegen), aber der Weg nach Hollywood ist lang und steinig. The Hudsucker Proxy ist – nur für den Fall, dass Sie es noch nicht wussten, meine lieben Leser – ein dramatisch unterschätztes Juwel der Coen-Brüder, ein großes Fest für alle Freunde des intelligent überdrehten Bild- und Wortwitzes, ein Geschenk für die Verehrer von Tim Robbins und Jennifer Jason Leigh und nicht zuletzt die Erklärung für die Erfindung des Hula-Hoop-Reifens! Heute soll er mir aber vor allem als Nachtrag zum Internationalen Tag der Pressefreiheit dienen. Der Journalismus ist ein ehrenhaftes und schützenswertes Geschäft. Edel und gut sind die Menschen, die in ihm arbeiten. So war es immer schon und so wird es immer bleiben. *Röchel*