Was weg muss, muss weg

Bekanntermaßen gibt es endlos viele Gründe, sich über Berlin aufzuregen. Am schönsten echauffieren sich natürlich immer noch die Berliner selbst, allen voran die guten alten Kiez-Opas. Zu denen gehört inzwischen auch dieser Kollege von der Berliner Zeitung. „Wenn ich etwas in Berlin nicht mehr ertragen kann, dann ist es die Unsitte, mit großer Selbstverständlichkeit auf Englisch vollgerülpst zu werden“ schreibt Jochen-Martin Gutsch. Und wenn ich etwas in Berlin nicht mehr ertragen kann, dann ist es das verbitterte Gejammer dieser alternden Ost-Bohéme, die auf dem besten Wege ist, das mentale Erbe der Wilmersdorfer Witwen anzutreten. Je älter sie werden, desto mehr jammern sie: Berlin ist übergeschnappt und peinlich. Berlin ist keine Weltstadt. Berlin hat Minderwertigkeitskomplexe. Berlin ist dies, Berlin ist das. Man kann hier keinen Kaffee mehr bestellen und deutsch gesprochen wird auch nicht mehr. Coffee? Ick gloob, ick spinne! Früher war mehr Mauer und mehr Gemütlichkeit, da war die Stadt noch überschaubar und nicht diese globalisierte, babylonische Hipsterhölle mit ihren dünnbeinigen jungen Menschen und diesen ganzen komischen Kaffeesorten! Das wird man ja wohl noch sagen dürfen! Apropos Großeltern in der Großstadt: Wissen Sie, worum uns die internationale Presse, inklusive der New York Times, ganz sicher schon bald beneiden wird? Um die original Berliner Hass-weg-Oma. Die Hass-weg-Oma ist sozusagen der verlängerte analoge Arm der Anti-Hass-Sprech-Bewegung. Dafür wird sie gleichzeitig vom Berliner Senat gelobt und von der Staatsanwaltschaft wegen Sachbeschädigung verfolgt. Crazy Shit. Coffee anyone?

Journalismus ist Jazz und ich bin fast berühmt.

In der IMDb-Rangliste der beliebtesten Filme belegt The Shawshank Redemption regelmäßig den ersten Platz. Ich mache mir nichts aus Gefängnisdramen, darf aber anmerken, dass mein persönlicher Lieblingsfilm, The Hudsucker Proxy, nicht nur im selben Jahr wie der Spitzenreiter gedreht wurde, sondern auch mit dem selben Hauptdarsteller. Welchen Platz er in der genannten Rangliste belegt, weiß ich nicht, unter den ersten 250 scheint er jedenfalls nicht zu sein. Passend dazu eine kurze Rückblende: Vor fast genau 22 Jahren, im Sommer 1995, also ein Jahr nach Shawshank und Hudsucker, hatte mir jemand einen duften Studentenjob vermittelt: Ich saß als Nachtschicht in einem großen Trickfilm-Studio in der Kastanienallee und scannte Zeichnungen für den nächsten Benjamin-Blümchen-Film ein. Manchmal war ich dort nachts ganz allein, mit einem Generalschlüssel zu dem gesamten Studio. Ich hätte den Laden einfach ausräumen können, es gab keinen Wachschutz, niemand passte wirklich auf. Stattdessen ging ich zwischendurch öfter mal ins Schlot nebenan, um mir ein wenig Live-Jazz reinzuziehen. Ungefähr bis vier Uhr morgens, dann ging ich, ordentlich beschwingt, wieder zurück zu Benjamin Blümchen. Warum ich das erzähle? Weil diese Episode mir schließlich meinen ganz eigenen Eintrag in der Internet Movie Database beschert hat. Geben Sie dort mal meinen Namen ein, Sie werden staunen. Sicher, ich wäre lieber als Darsteller gelistet (z.B. als einer von Amy Archers moralisch abgewrackten Reporter-Kollegen), aber der Weg nach Hollywood ist lang und steinig. The Hudsucker Proxy ist – nur für den Fall, dass Sie es noch nicht wussten, meine lieben Leser – ein dramatisch unterschätztes Juwel der Coen-Brüder, ein großes Fest für alle Freunde des intelligent überdrehten Bild- und Wortwitzes, ein Geschenk für die Verehrer von Tim Robbins und Jennifer Jason Leigh und nicht zuletzt die Erklärung für die Erfindung des Hula-Hoop-Reifens! Heute soll er mir aber vor allem als Nachtrag zum Internationalen Tag der Pressefreiheit dienen. Der Journalismus ist ein ehrenhaftes und schützenswertes Geschäft. Edel und gut sind die Menschen, die in ihm arbeiten. So war es immer schon und so wird es immer bleiben. Gute Nacht, die Schreibmaschine raucht …