Merrily we roll along

Guten Abend, meine Damen und Herr*innen, ich begrüße Sie zur Idiotenschau. Das wichtigste zuerst: Meike und Sascha haben sich getrennt. Berlins digitalstes Ehepaar ist nicht mehr, schon seit letztem Jahr. Klingt eher unaktuell, ist es aber nicht. Denn Meike macht keine halben Sachen und hat schon kurz nach der Trennung ein Buch über den Anfang und das Ende der männlichen Zivilisation veröffentlicht, mit dem sie noch immer fleißig Klinken putzt. Das Private ist politisch, natürlich, erst recht bei Mighty Meike und erst recht auf Twitter, und daher wird ihr Beziehungsmüll auch weiterhin zu gesellschaftlicher Relevanz hochgejazzt. Sascha Lobo dagegen ist offenbar schon wieder neu verheiratet, mit einer ähnlich sendungsbewussten Trulla, nur eben einem jüngeren Modell. Soll vorkommen. Jeder nur eine Tüte Popcorn bitte. Von den Promi-News zur Politik: Die Taliban weigern sich, die Frauenquote umzusetzen, deshalb werden ihnen jetzt die Hartz-IV-Bezüge gekürzt. So geht Außenpolitik mit harter Hand. Und für den plötzlichen Popularitätsschub von Olaf Scholz gibt es eine ganz einfache Erklärung: Bitte klicken Sie hier. Die Fähigkeit, im richtigen Augenblick ein süßes Hundebaby in die Kameras zu halten, unterscheidet den Polit-Profi eben noch immer von den Amateuren aus der zweiten Reihe. Apropos Wahlkampf: rennen die jungen Leute (wie von einschlägigen ÖRR-Aktivisten immer wieder hartnäckig verbreitet) einig und geschlossen den apokalyptischen Angstneurosen einer schwedischen Autistin hinterher, so gebührt ihnen unser aller tränenreicher Dank. Stellt sich allerdings heraus, dass sie in Wirklichkeit vielleicht doch lieber die FDP wählen, so handelt es sich dabei um eine von finstereren Mächten ferngesteuerte unverantwortliche Rasselbande, die schleunigst umerzogen gehört. Deutschen demokratischen Dank für Ihre Gebühren.

Düstere Gedanken, ohne erkennbaren Zusammenhang: Neulich schaute ich mir ein altes Interview mit David Foster Wallace an, bei dem er, wie so oft, ein Bandana trug, also diesen seltsamen, einst modischen Kopfverband. Es war quasi sein Markenzeichen. Damit sah er immer ein wenig aus wie ein Mitglied der Suicidal Tendencies – was leider sehr ironisch ist, da er bekanntermaßen Selbstmord beging. David Foster Wallace litt seit seiner Jugend an schweren Depressionen und nahm wohl auch entsprechend lange Medikamente dagegen ein. Irgendwann hielt er es trotzdem nicht mehr aus. Im Alter von 46 Jahren erhängte er sich an einem Balken seines Hauses. Ein Schriftsteller, der sich erhängt, wird natürlich umgehend zur Kultfigur, vor allem wenn er ein solches Buch hinterlässt. Infinite Jest bzw. Unendlicher Spass – hat das überhaupt jemand gelesen? Ich jedenfalls nicht. Stattdessen schaue ich mir Interviews mit dem Autoren an, das ist schon anstrengend genug. Infinite Jest schien mir schon immer eines jener Werke zu sein, durch das Kritiker sich pflichtbewusst durchwühlen und das sich Bildungs-Poser gerne ins Regal stellen – das aber niemand wirklich vollständig erfasst, geschweige denn verstanden hat. So wie frühere Generationen den Ulysses. Ich mag mich irren, also noch einmal die Frage: Wer hat’s gelesen? Ich bitte um Handzeichen.


An dieser Stelle folgen wieder einige Glotz-Empfehlungen – ein paar ausgewählte Dokumentarfilme, die ich (wo sonst) auf Netflix entdeckt habe. Trailer verlinke ich diesmal nicht, Googeln’se das Zeug doch selbst. Bei Interesse.

Bob Ross: Happy Accidents, Betrayal & Greed

Was ich hier gelernt habe: Als Bob Ross mit seinen putzigen Do-it-yourself-Videos auch hierzulande bekannt wurde (ich glaube, das war in den späten 90ern), war der Mann selbst längst mausetot und sein Erbe wurde von einer raffgierigen ehemaligen Geschäftspartnerin vermarktet. Diese hatte sich noch kurz vor dessen Tod und gegen seinen ausdrücklichen Willen den Namen Bob Ross vertraglich unter der Nagel gerissen und verdient mit Bob Ross Inc. bis heute Millionen. Sein eigener Sohn, den Ross ursprünglich als Nachfolger vorgesehen hatte, klagte dagegen, ging bisher aber leer aus. Was ich außerdem gelernt habe: Erfinder der kitschigen Express-Landschaftsmalerei war eigentlich der in Ostpreußen geborene Wilhelm Alexander, Bob Ross verhalf ihr allerdings aufgrund seiner einschmeichelnden TV-Präsenz zum weltweiten Durchbruch. Was ich nicht gelernt habe: Ein schneebedecktes Gebirge in nur 20 Minuten zu malen.

John Was Trying to Contact Aliens

Ein besonderes Porträt, ebenso kurz wie anrührend. Wir lernen einen echten Außenseiter kennen, einen Mann namens John Shepherd, der zurückgezogen im Haus seiner Großeltern lebt und dort im Laufe der letzten 30 Jahre eine monströse Anlage zusammengebastelt hat, mit der er unermüdlich Außerirdische zu kontaktieren versucht. Da der sensible und sympathische Kauz außerdem noch über eine umfangreiche eklektische Musiksammlung verfügt, beschallt er das Weltall nicht einfach mit kryptischen Signalen, sondern abwechselnd mit Jazz, deutschem Progrock und Reggae aus den 70ern. Irgendwann lernt John dann allen Wahrscheinlichkeiten zum Trotz einen Gleichgesinnten kennen, einen Freund und Lebenspartner. Und da sitzen sie dann beide, bärtig, langhaarig und glücklich, mitten in der amerikanischen Provinz. Zwei Aliens, die sich gefunden haben. Sehr schön.

Best Worst Thing That Ever Could Have Happened

„Dein Leben musst du vorwärts leben, verstehen wirst du es rückwärts“. Selten passte dieser Kalenderspruch besser als auf die Geschichte, die hier erzählt wird, und das gleich im doppelten Sinn. Es ist die Geschichte eines legendären Flops. 40 Jahre ist es mittlerweile her, da landete Stephen Sondheim, der Großmeister des anspruchsvollen Musiktheaters, zwischen zwei fulminanten Erfolgen – Sweeney Todd (1979) und Sunday in the Park with George (1984) – auch mal einen richtigen Misserfolg. Sein Titel: Merrily We Roll Along, ein Musical über die Träume junger Menschen (basierend auf einem gleichnamigen Theaterstück aus den 30er Jahren), und das, was ca. 25 Jahre später aus diesen Träumen geworden ist. Auf der Bühne wird ihre Geschichte rückwärts erzählt, das heißt die Protagonisten sind am Anfang des Stückes um die 40, verbittert und zynisch, und am Ende wieder so jung und hoffnungsvoll wie ihre Darsteller. Denn, und das sollte wohl der Clou sein, die Besetzung von Merrily We Roll Along bestand ausschließlich aus noch unbekannten Nachwuchsdarstellern, einige davon noch im Teenager-Alter. Eine charmante Idee, aber irgendetwas daran hat damals nicht funktioniert. Nach einer Serie chaotischer Voraufführungen, spontaner Umbesetzungen sowie fast durchgehend vernichtenden Kritiken wurde das Stück vorzeitig abgesetzt. Was sich die jungen Darsteller als Start einer glänzenden Broadway-Karriere erhofften, zerplatzte so innerhalb weniger Wochen im Nichts. Einer von ihnen war übrigens Jason Alexander, der dann zehn Jahre später als George Costanza in Seinfeld berühmt wurde. Er und einige andere der nach dieser frühen Enttäuschung sehr unterschiedlich verlaufenen Biographien finden am Ende zu einer Art Broadway-Klassentreffen wieder auf der Bühne zusammen. Sie stimmen die alten Lieder wieder an und liegen sich heulend in den Armen: „Growing up, understanding that growing never ends“ … Ein faszinierendes Beispiel für Life imitating art. Für Sondheim-Nerds natürlich besonders lohnend, mit jeder Menge Originalaufnahmen, Interviews und Proben von 1981.

Jim & Andy: The Great Beyond

Dass Jim Carrey nicht alle Tassen im Schrank hat, ist bekannt. Nie zuvor, und wahrscheinlich auch nie wieder danach, wurde dies aber deutlicher als während der Dreharbeiten zu Man on the Moon, in dem er Andy Kaufman spielte. Wobei er ihn eben nicht spielte, Jim Carrey war Andy Kaufman. Und er hat diesen, jegliches Method Acting überschreitenden Wahnsinn, mit dem er damals sämtliche Kollegen und selbst Regisseur Miloš Forman die letzten Nerven raubte, dokumentarisch festhalten lassen. Die Produzenten von Man on the Moon hielten die Aufnahmen jahrelang unter Verschluss, weil sie einen Image-Schaden sowohl für den Film als auch für dessen Hauptdarsteller befürchteten. Nun aber kann man sich diese herrliche Shit Show in all ihrer Pracht anschauen. Es gibt hier allerdings doch weitaus mehr zu sehen als den vermeintlich außer Kontrolle geratenen Ego Trip eines Schauspielers. Indem er derart konsequent in seiner Rolle aufging, ließ Carrey sein großes Vorbild Andy Kaufman tatsächlich wiederauferstehen – und zwar so realistisch, dass selbst Kaufmans Schwester irgendwann überzeugt war, mit dem echten Andy zu reden. Irre. Anarchisch. Großartig. Unvergleichlich. Und am Ende doch noch ein Link.

Meine Opfer sind bei den Gedanken

Was der AfD die Messermorde, sind den Klimahüpfern die Flutkatastrophen (wahlweise auch 30 Grad im Schatten, irgendwas mit Wetter jedenfalls). Es wird wie auf Bestellung Schuld verteilt und Wahlkampf gemacht. Oder eben abgewiegelt und zur Mäßigung aufgerufen. Wie es gerade passt. Denn wenn der Feind bekannt ist, hat der Tag Struktur (offizielles Dalai-Lama-Zitat). Textbausteine und Trauerkerzen gibt es in jedem Fall gratis oben drauf. In diesem Theater bleibt kein Auge trocken und kein hohle Phrase ungenutzt: Merkel hat mitgemessert, Weidel hat mitgeschossen und Laschet hat mitgeregnet. Im Sozialismus wäre das alles übrigens nicht passiert. Schauen Sie doch nach Kuba. Die Leute haben vielleicht nichts zu futtern, aber wenigstens stimmt die CO2-Bilanz. Die wissen einfach nicht, wie gut sie es haben. Buena Vista Tunnelblick. 

Zitti E Buoni

Endlich hat beim europäischen Liederwettstreit mal die richtige Truppe gewonnen. Rumms-Bumms-Radetzkymarsch! Sicher, die klingen wie sämtliche Indierock-Gruppen der frühen 2000er Jahre zusammengerollt, aber es geht hier bitte sehr nicht um Originalität, sondern um die Party. Ich hatte mir Anfang dieser Woche gerade noch rechtzeitig Will Ferrels Eurovisions-Hommage „The Story of Fire Saga“ angeschaut, und sämtliche dort trällernden Parodien hätten gestern Abend eins zu eins auch auf der realen ESC-Bühne auftreten können. Da gibt es keine ironische Distanz mehr, keinen doppelten Boden, das ist alles eine große, laute, bunte Suppe. Die Italiener von MÅNESKIN haben nun aktuell nicht nur dem Rest der tanzenden Muppets und eng korsettierten Damen vor Windmaschinen die Show gestohlen, sondern teilen sich ihren Namen auch mit einer deutschen Gin-Marke. Sexy sind sie auch. Und die Botschaft ist schließlich ebenfalls nicht verkehrt: Klappe halten und gut ist!

Apropos Klappe, Schnauze, Ruhe im Karton – da war doch noch was anderes furchtbar aufregendes in dieser Woche … Eine deutsche Politikerin labert öffentlich Dünnpfiff, wird daraufhin durch’s Internet geschleift und Schuld daran sind wie üblich die toxisch-männlichen Nazi-Iwans. Schlimme Sache. Ich hatte vor der Lärmbelästigung durch diese Frau übrigens bereits vor drei Jahren gewarnt (im letzten Absatz). Aber auf mich hört ja mal wieder keiner. WIESO HÖRT EIGENTLICH NIE JEMAND AUF MICH!? Accidenti! Santo cazzo Madre di Cristo! Brutto figlio di puttana bastardo! Vaffanculo! (fluchend ab)

Einen Spiegel! Dass ich mir in die Fresse speien kann!

Schon bald feiert die Radikale Heiterkeit ihren siebten Geburtstag. Am 17. Mai 2014 erschien hier der erste Beitrag, damals noch unter dem oben stehenden Motto, einem Zitat aus Heiner-Müllers „Die Umsiedlerin“. Durch diese erste Assoziation und weil ich netterweise bald vom Kiezneurotiker verlinkt wurde, der wiederum eine tendenziell eher links drehende Leserschaft anzog, hatte auch ich bald ein entsprechendes Völkchen an den Hacken. Irgendein Provinz-Marxist wollte mir gar einen Preis verleihen. Kein Problem, macht alles nichts, Missverständnisse passieren und Ironie ist nun mal nicht jedermanns Sache. Dabei hatte ich mich bereits in jenem ersten Text vom Mai 2014 über das schon damals überholte Links-Rechts-Geseier lustig gemacht. Das war in den folgenden Jahren dann auch eine Art roter Faden: für selbstgerechte Ideologen, egal welcher Farbe und Fasson, hatte und habe ich nur Spott übrig, davon aber reichlich.

Müllers Zitat könnte aktuell wieder von Nutzen sein, da sich einige TV-Darsteller nach der geradezu lächerlich harmlosen Aktion #allesdichtmachen offenbar schon zu Distanzierungen und Widerrufen genötigt sehen. Lange haben sie wirklich nicht durchgehalten. Gerade noch über Angstmacherei gespottet (viel zu spät und viel zu vorsichtig), holt die Angst sie umgehend selbst wieder ein. Sie räumen Fehler ein und geloben Besserung. Öffentlicher Druck, Existenzangst, Arsch auf Grundeis, so kriegen sie die Leute am Ende immer zurück in die Spur. Das hat Tradition, von der katholischen Inquisition über die chinesische Kulturrevolution bis hin zu den Twitter-Prangern unserer Tage. Heute droht keine öffentliche Verbrennung mehr und kein Gulag – wir wollen ja nicht übertreiben – die Aussicht, in irgendeinem beschissenen Tatort nicht mehr mitspielen zu dürfen, reicht schon vollkommen.

Und JA, sage ich, und dreimal JA zu eurer Kritik, Kollegen – mit einem Vorbehalt: dass sie nicht hart genug war, sondern eine Schönfärberei! Denn dreimal schwärzer bin ich als ihr mich abgemalt habt! Einen Spiegel! Dass ich mir in die Fresse speien kann!

Heiner Müller, Die Umsiedlerin oder Das Leben auf dem Lande, 1961

Die Uraufführung von Heiner Müllers „Umsiedlerin“ wurde 1961 zum politischen Eklat. Warum? Müller provozierte durch eine respektlose Satire am sozialistischen Kollektivierungswahn der frühen DDR-Jahre. Der junge Manfred Krug konnte damals im Publikum herzlich darüber lachen, die SED fand es weniger witzig. Das Urteil: konterrevolutionär, antihumanistisch und antikommunistisch. Verbot. Sämtliche an der Aufführung beteiligten Studenten wurden von der Stasi noch in der selben Nacht einzeln verhört und dazu gezwungen, sich schriftlich vom Stück, dem Autor und der Regie zu distanzieren. Müller selbst wurde daraufhin aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen, der Regisseur B.K. Tragelehn wurde „zur Bewährung“ in einen Braunkohletagebau geschickt. Zurück in die Gegenwart: Jemand wie Jan Josef Liefers hat durch seine Ost-Vergangenheit wohl den Vorteil, hier noch Zusammenhänge zu erkennen. Vielleicht bewegt er sich daher auch angstfreier durch die derzeitige Situation als seine Kollegen. Wer diesen Mist schon mal durchgemacht hat, ist eben besser gewappnet. Diejenigen aber, die es eigentlich angehen sollte – all die keifenden Haltungsfunktionäre, die nun wieder nach Konsequenzen und Bestrafung rufen – die werden auch diesmal die Ironie nicht verstehen und die Tradition nicht begreifen, in die sie sich freiwillig stellen.


Der ehemalige Kiezneurotiker, heute Maschinist, beklagt in diesem Zusammenhang gerade wieder einmal den Verlust seiner einstigen politischen Heimat. Er tut das nicht zum ersten Mal und er ist damit sicher auch nicht alleine. Ein guter Text, der aber langsam auch etwas redundant wirkt. Denn dass ehemals progressive Bewegungen, sobald sie selbst die Nomenklatura stellen, sich ebenso totalitär und machtbesoffen aufführen wie die Mächtigen, die sie einst bekämpft haben, ist eine historische Binsenweisheit. Dabei ist es egal, ob sich diese Leute nun durch eine blutige Revolution, den „langen Marsch durch die Instanzen“ oder einfach nur durch erfolgreiche Lobbyarbeit nach oben gedrängelt haben. Die Dynamik ist immer die selbe. Links Hop – Rechts Hop, der ganze Quatsch dient dabei nur dem Machterhalt von Bürokraten, denn wer sich derart ideologisch aufeinander hetzen lässt, ist eben auch leichter kontrollierbar. Politische Heimat am Arsch. Ich selbst habe nie eine gebraucht. Weshalb sollte ich mir auch eine Rolle in einem Spiel zuschreiben lassen, das ich weder erfunden noch mir selbst je freiwillig ausgesucht habe? Im besten Fall werde ich in dieser Position in Ruhe gelassen, im schlimmsten Fall härter bekämpft als der politische Gegner. Denn ein Gegner erkennt wenigstens die Macht an. Ich nehme diese Kasper gar nicht erst ernst. In diesen Sinne: Weiter machen und weiter lachen!


Als vorgezogenes Geburtstagsgeschenk an mich und alle Leser, die bis hierhin durchgehalten haben, hier noch ein paar spontan ausgewählte Juwelen aus sieben Jahren Radikaler Heiterkeit, mehr oder weniger passend zur obigen Thematik:

Zwei mal Drei macht Vier Widdewiddewitt und Drei macht Neune

Ein plattgelatschtes Thema ist das, ich wiederhole mich wohl langsam. Also versuche ich es einfach etwas anders zu formulieren: die großen Social Media Plattformen, ob Facebook, Twitter oder YouTube, schulden den Regierungen dieser Welt nichts. Keine Erklärung, keinen Respekt, keine Rechenschaft und wenn es nach mir ginge, nicht mal Steuern. Aber ja, bitte, ich weiß es doch: wenn sie im Geschäft bleiben wollen, liegt es in ihrem eigenen Interesse, sich mit den Kaspern aus den Parlamenten so gut es geht zu arrangieren. Sie wissen natürlich, dass sie mit Kaspern reden, mit halbgebildeten Ideologie-Marionetten. Aber sie reden trotzdem mit ihnen, denn die Kasper drohen mit Regulierungen, das ist nun mal ihr Job. Und dann läuft es immer nach der gleichen Tour: es wird munter reguliert, belehrt, zensiert und gesperrt, bis diejenigen, die sich das nicht gefallen lassen wollen, einfach zur nächsten Plattform ziehen. Daraufhin rufen die Kasper dann wie auf Knopfdruck: „Schaut her, dort sind die jetzt also, dort radikalisieren sie sich!“ Dass sie die armen Irren selbst dorthin getrieben haben, reflektieren die Kasper nicht, denn das ist nicht ihr Job. 

Und nun schauen Sie mal (Screenshots von tagesschau.de):

Fällt Ihnen was auf? Nein? Sehr gut. Das einzige, was Sie sich merken müssen, ist, dass Weißrussland jetzt Belarus heißt. Denn wenn Sie das russische „Беларусь“ (das übersetzt nichts anderes als „weißrussisch“ bedeutet) einfach mit dem deutschen Alphabet nachschreiben, wird alles gut. In Deutschland wird immer alles gut, deshalb brauchen Sie hier auch kein Telegram. Dafür gibt’s die Deutsche Post.

2020: Kafka on Speed

War was? Ist was? Kommt noch was? Atmen Sie noch? Können Sie noch lesen? Sehr schön, dann bekommen Sie an dieser Stelle schon mal einen vorgezogenen Jahresrückblick, bzw. eine Zwischenbilanz, wie auch immer. Wer hat denn noch Zeit, bis zum Dezember zu warten? Bis dahin hat die zweite Welle des Killer-Virus uns vielleicht längst den Garaus gemacht! Ich fasse also so flott wie möglich zusammen: Grundsätzlich ging und geht es in diesem Jahr darum, Menschen davon abzuhalten, sich gegenseitig ins Gesicht zu rotzen. Ein wichtiges Anliegen. Stellen Sie sich vor: ich wurde in meiner Kindheit noch dazu erzogen, selbst daran zu denken, mir regelmäßig die Hände zu waschen und im Falle einer Nies-Attacke einfach ein Taschentuch zu benutzen. Ohne öffentliche Anleitung und Piktogramme. Unglaublich. Derlei anarchisch neoliberaler Terror ist für die Bevölkerung heute natürlich nicht mehr zumutbar, weshalb es staatlicher Vorschriften sowie einer umfangreichen Vermummungs-Bürokratie bedarf, um den drohenden Volkstod abzuwenden. Bis jetzt scheint dies auch gelungen. Aber nur, weil Sie alle so brav mitgemacht haben, nicht wahr?

Lassen Sie jetzt also nur nicht locker, halten Sie durch und bleiben Sie am Ball! Haben Sie schon die App installiert? Kennen Sie die neuen Regeln? Die neuen Zahlen? Sie wollen doch nicht enden wie der irre Attila?! Wollen Sie etwa alte lungenkranke Menschen auf dem Gewissen haben? Kleine unschuldige Kinder? Hundebabies? Kleine unschuldige lungenkranke Hundebabies?! Wirklich? Leugnen Sie Corona? Das Klima? Den Holocaust? So einer sind Sie also! Mörder! Spalter! Schädling! Bitte bessern Sie sich, besinnen Sie sich und denken Sie bitte immer daran: Staatlicher Rundfunk ist Liebe, Widerspruch ist Hass, Freiheit ist Faschismus und Ihre Gesundheit geht uns alle an! Mutti lässt Sie nicht im Stich, Mutti lässt Sie nie allein, auch wenn Sie das vielleicht ab und zu wollen. Was wissen Sie denn schon, was Sie wollen? Kommen Sie also zurück auf den rechten Pfad und lassen Sie sich nicht beirren, egal wie widersprüchlich Ihnen die Anweisungen und Regelungen der letzten Monate auch erscheinen mögen: Maske auf, Maske ab, Schließen, Öffnen, Verbieten, Zulassen, Teilverbieten, Teilzulassen, Abstandhalten, Zusammenhalten – das hat schon alles seine Richtigkeit. Bitte verzweifeln Sie nicht an den Zuständen. Das Geschwitze und Gestöhne, das Gezeter und Gemecker, das Anscheißen und Denunzieren, der ganze kafkaeske Irrsinn, er war nicht umsonst. Ihr Einsatz und Ihre Treue werden belohnt werden, ganz sicher!

Das wird die perfekte Welle, das ist der perfekte Staat.

T-Shirt: Snicklink

Stunning and brave

Die sozialen Medien haben, so eine meiner steilen Thesen, zu etwa gleichen Teilen eine ebenso verdummende wie lehrreiche Wirkung auf ihre Nutzer. So hat die Schauspielerin und Twitter-Aktivistin Rose McGowan gerade etwas gelernt – nämlich, dass der Schlachtruf „Believe all women!“ wohl doch nur eine Abkürzung von „Believe all women that can serve your political agenda!“ war. Und dass teilweise die selben Leute, denen im Fall Brett Kavanaugh vor zwei Jahren eine Frau im Zeugenstand als Schuldbeweis schon vollkommen ausreichte (#stunningandbrave), im Fall Joe Biden Vergewaltigungsvorwürfe ganz plötzlich kritisch hinterfragen. Was bleibt ihnen auch anderes übrig, als sich schützend vor ihren Kandidaten zu stellen? Er ist das letzte traurige Aufgebot. Etwas anderes ist den Demokraten nicht mehr geblieben. Nach Jahren der woken Diversity-Kampagnen haben sie dann doch keine nonbinäre muslimische Rollstuhlfahrerin of Color nominiert, sondern Joe Biden. Einen alten weißen halbdementen Pussygrabber. Genau die Sorte also, vor der sie uns doch eigentlich so mutig beschützen wollten. So sieht sie aus, die Politik hinter den Hashtags. Jetzt hat es also auch Rose McGowan endlich verstanden.

Musik zur Zeit:

Tropicalismo (É Proibido Proíbír)

Heute brennt die Sonne ganz erbarmungslos, in der Hölle ist die Hitze halb so groß! Diese Zeilen habe ich mir aus dem schaurig-schönen DDR-Musikfilm „Heißer Sommer“ geborgt. Wenn’s passt, dann passt’s. Vor knapp 30 Jahren, um die Wendezeit herum, ritt der Film auf der ersten großen Ostalgie-Welle durchs Babylon-Kino am Rosa-Luxemburg-Platz. Es gab dort damals diese Kult-Vorführungen a’la Rocky Horror Picture Show, die Leute rasteten aus, sangen mit und schmissen Dederon-Badehosen auf die Leinwand – so wurde es mir zumindest erzählt, denn selbst war ich nie dabei. Kurz nach dem Mauerfall stand mir noch nicht der Sinn nach DDR-Kitsch. Für einen Kultur-hungrigen Heranwachsenden gab es in dieser Zeit einiges in der Welt zu entdecken – Frank Schöbel und Chris Doerk beim Gummi-Twist an der Ostsee gehörten für mich nicht unbedingt dazu. Heute aber ist der Abstand groß genug, und wie gesagt: wenn’s passt, dann passt’s. 

swim-trunks

Zum Einstieg in den Berliner Tropensommer habe ich mir gestern Abend Caetano Veloso im Tempodrom angeschaut. Der Altmeister des Tropicalismo ist derzeit mit seinen drei Söhnen auf Tournee. Ein sehr schönes Konzert war das, mit genau der richtigen Mischung aus Poesie, Entspannung und südamerikanischer Party-Stimmung (mit Badehosen wurde nicht geworfen). Auch wenn es auf der Bühne nicht wirklich Thema war, ist die Politik seines Heimatlandes von der Biographie Caetano Velosos nicht zu trennen. Sein Lied É Proibido Proíbír (Es ist verboten, zu verbieten) führte 1968 dazu, dass er zusammen mit Gilberto Gil inhaftiert wurde und später für einige Jahre ins Exil ging. Die aktuelle politische Situation in Brasilien bereitet Veloso also verständlicherweise auch entsprechende Sorgen. Und ich denke daran, dass hier mittlerweile ein Teil des Landes mal wieder vom Sozialismus träumt (die wievielte Ostalgie-Welle wäre das jetzt?), ein anderer Teil vom Nationalsozialismus und daran, wie die grüne Mitte den Weltuntergang immer hitziger von der Kanzel predigt. Mit Verboten würden die alle gerne arbeiten. Die neue, gerechte Welt soll möglichst streng herbei reguliert werden. So sieht er dann wohl aus, der Sommer 2019: alle bekloppt, zu viel Dampf unter der Mütze. Ja, in der Hölle ist die Hitze halb so groß! Das liegt wohl leider nicht nur am Wetter. Es wird Zeit, die Koffer zu packen.

Alte Frise, neue APO (jetzt mit gratis Holocaust-Content)

Sascha Lobo kommt nach einem anstrengenden Tag im Internet nach Hause, nimmt sein Irokesen-Toupet ab und fällt in die stylische Retro-Sitzecke. „Hallo Meike!“, begrüßt er seine Frau, die gerade wieder über ihre Befindlichkeiten twittert. „Du, Sascha“, sagt sie „ich erkenne dich nicht mehr.“ „Echt jetzt? Das ist ja interessant.“ „Ja, total. Ich habe das mal gegoogelt, das ist so ein richtiges Syndrom, also eine anerkannte psychische Störung, wenn man seinen eigenen Partner nicht mehr erkennt.“ Lobo setzt kurz sein Toupet wieder auf. „Jetzt besser?“ Meike schüttelt den Kopf. „Da müssen wir mal was zu bloggen.“ „Hab ich schon.“ „Wieviele Zugriffe?“ „2.500.“ „So wenig? Vielleicht kann ich das ja noch im SPIEGEL verwerten: Entfremdung in Zeiten des Populismus – wie toxischer Online-Hass unsere Beziehungen vergiftet!…“ „Ok, und ich blogge dann einfach darüber, wie ich dich beim bloggen beobachte und dich dabei nicht mehr erkenne.“ „I like that. Aber nicht wieder die Pingbacks deaktivieren! Ich geh jetzt mal meine Keynote für morgen zusammen kopieren. Nacht, Schatz!“

blue

Ich gestehe: Ich fand den Lobo mal gut. „Wir nennen es Arbeit“ hieß dieses Buch, das mir damals ein Ex-Freund schenkte und das Lobos Aufstieg zur medialen Speerspitze der „Digitalen Bohéme“ begleitete. Wie lange ist das nun schon wieder her? Im St. Oberholz wurden plötzlich die Fensterplätze knapp und Irokesen-Sascha wurde als Internet-Experte von einer Talkshow zur nächsten gereicht. Sein Narzissmus und die Selbstvermarktung störten mich dabei nicht. Im Gegenteil, darum ging es doch: um das Ende der Privatheit, um die permanente Sichtbarkeit. Irgendwann ging das aber nach hinten los, der einstige Experte war mit dem Internet restlos überfordert und spielt sich heute in den Sozialen Medien vorwiegend als Blockwart auf – zusammen mit Sixtus, Böhmermann und all den anderen selbsternannten Tugendwächtern der Digitalen Republik Deutschland. Inzwischen ist der rote Iro als Meinungsmacher auch längst von einem blauen abgelöst worden, denn Youtuber sind die neuen Blogger – ach was, sie sind sogar die neue APO! Ja, mindestens. Während Sascha und Meike also langsam zu kopfschüttelnden älteren Eminenzen mutieren (der Blogger-Variante von Helmut und Loki Schmidt) hat sich die Generation Emoji längst hinter neue Experten geschart. Die zeigen denen jetzt mal, was eine Harke bzw. eine optimale Meinung ist, ganz locker, flockig und unabhängig, wie das bei den jungen Leuten halt so ist, easy-peasy, yolo, Dude, klick like and subscribe!


Wo ich gerade so abfällig über Blogger blogge: Vielleicht ist einigen meiner Leser ja noch die Episode aus Ricky Gervais’ „Extras“ bekannt, in der Kate Winslet zynisch kommentierte, die beste Möglichkeit einen Oscar zu gewinnen, bestehe immer noch darin, die Hauptrolle in einem Holocaust-Film zu spielen. Kurz darauf erhielt sie dann tatsächlich ihren Oscar für die Rolle der Hanna Schmitz in „Der Vorleser“. Leben imitiert Satire – das soll ja öfter mal vorkommen. Davon inspiriert wurde offenbar auch die umtriebige Marie Sophie Hingst, die sich für ihren Blog gleich eine ganze Holocaust-Familiengeschichte ausdachte und dafür unlängst noch als „Bloggerin des Jahres“ ausgezeichnet wurde. Wer berühmt werden will, darf halt nicht zimperlich sein. Nun ist der ganze Schwindel aufgeflogen. Ironischerweise machte ausgerechnet der SPIEGEL die Geschichte öffentlich, obwohl man dort ja nicht erst seit dem Dichter-Skandal um Relotius dafür bekannt ist, „Haltungsjournalismus“ und „künstlerischer Freiheit“ einen größeren Stellenwert einzuräumen als nüchternen Fakten. Der Zweck heiligt die Mittel, immer wieder.

P.S. Nachdem ich mich nachträglich noch etwas in die Causa Hingst eingelesen habe, inkl. der öffentlichen #ReadOnMyFake-Gruppentherapie, kann ich feststellen, dass die Dame durchaus das Zeug zu einer Sektenführerin hat. Die wusste offenbar genau, welche Knöpfe sie bei den Medien und ihrer emotional gehirngewaschenen Anhängerschaft drücken musste. Vielleicht haben die es nicht besser verdient. Die Tatsache, dass Hingst u.a. der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem ein paar falsche Opfer untergejubelt hat, lügen sich einige ja bereits als mutiges Literaturprojekt zurecht. Oy vey, my dear! Aber aus der Story lässt sich doch bestimmt noch ein ergreifendes Filmdrama stricken, im Stil von „Can you ever forgive me?“ … Wer ruft Kate Winslet an?

Wie einen Nagel in den Kopf

Der Sozialismus ist der phantastische jüngere Bruder des fast abgelebten Despotismus, den er beerben will; seine Bestrebungen sind also im tiefsten Verstande reaktionär. Denn er begehrt eine Fülle der Staatsgewalt, wie sie nur je der Despotismus gehabt hat, ja er überbietet alles Vergangene dadurch, dass er die förmliche Vernichtung des Individuums anstrebt: als welches ihm wie ein unberechtigter Luxus der Natur vorkommt und durch ihn in ein zweckmäßiges Organ des Gemeinwesens umgebessert werden soll. Seiner Verwandtschaft wegen erscheint er immer in der Nähe aller exzessiven Machtentfaltungen, wie der alte typische Sozialist Plato am Hofe des sicilischen Tyrannen; er wünscht (und befördert unter Umständen) den cäsarischen Gewaltstaat dieses Jahrhunderts, weil er, wie gesagt, sein Erbe werden möchte. Aber selbst diese Erbschaft würde für seine Zwecke nicht ausreichen, er braucht die untertänigste Niederwerfung aller Bürger vor dem unbedingten Staate, wie niemals etwas Gleiches existiert hat; und da er nicht einmal auf die alte religiöse Pietät für den Staat mehr rechnen darf, vielmehr an deren Beseitigung unwillkürlich fortwährend arbeiten muss – nämlich weil er an der Beseitigung aller bestehenden Staaten arbeitet –, so kann er sich nur auf kurze Zeiten, durch den äußersten Terrorismus, hier und da einmal auf Existenz Hoffnung machen. Deshalb bereitet er sich im Stillen zu Schreckensherrschaften vor und treibt den halb gebildeten Massen das Wort „Gerechtigkeit“ wie einen Nagel in den Kopf, um sie ihres Verstandes völlig zu berauben (nachdem dieser Verstand schon durch die Halbbildung sehr gelitten hat) und ihnen für das böse Spiel, das sie spielen sollen, ein gutes Gewissen zu schaffen.

Friedrich Nietzsche, Der Sozialismus in Hinsicht auf seine Mittel
(aus „Menschliches, Allzumenschliches“, 1878)