Otto Normalverbraucher

„Die Familie von Thomas de Maizière ist in besonderer Weise mit der deutschen Geschichte verwoben. Aus dem Raum Metz stammend, flüchten seine Vorfahren – hugenottische Protestanten – im 17. Jahrhundert vor der religiösen Verfolgung in Frankreich nach Brandenburg-Preußen. Der Gedanke der Pflichterfüllung gegenüber dem Staat, der einst Zuflucht bot, ist seitdem in der Familie fest verwurzelt. Vater Ulrich dient in drei deutschen Armeen: der Reichswehr in der Endphase der Weimarer Republik, der Wehrmacht und der Bundeswehr.“*

Der Innenminister ist ein Musterbeispiel gelungener Integration: fleißig, fromm, militärisch gedrillt und dem deutschen Staat ebenso treu ergeben wie (praktisch von Geburt an) großzügig von ihm finanziert. Thomas de Maizière weiß, was sich gehört. Deshalb ließ er es sich auch nicht nehmen, einem Berliner Taxifahrer mit türkischen Wurzeln zu dessen hervorragenden Deutschkenntnissen zu gratulieren. In der letzten Ausgabe von Hart aber Herzlich Fair war das, in der es natürlich um die Ungezogenheit der Türken im Allgemeinen und um die von Erdogan und seinen Anhängern im Besonderen ging. Ganz besonders beeindruckt zeigte sich de Maizière davon, dass der ihm vorgeführte Berliner, der hier seit vierzig Jahren lebt und unter anderem Architektur studiert hat, den Begriff „Otto Normalverbraucher“ ins Spiel brachte, ja tatsächlich. Das sei doch ein hohes sprachliches Niveau, so der Minister, zwar noch mit einem kleinen Akzent, aber dennoch … Thomas de Maizière lebt in Dresden, unverständliches Genuschel ist er also gewöhnt. In diesem Sinne: Herzlichen Glückwunsch! Wenn der so gelobte Taxifahrer jetzt noch dreimal hintereinander „Bruttosozialprodukt“ fehlerfrei aussprechen kann, lädt der Minister ihn als Belohnung vielleicht zu einem Schnitzel mit Soße ein. So kann er dann gleich noch beweisen, ob er schon mit Messer und Gabel essen kann. In der selben Sendung wurde übrigens die Frage gestellt, weshalb sich so viele „Deutschtürken“ als Bürger zweiter Klasse fühlen.

Es ist nur ein Beispiel von vielen. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber mir fällt sie immer sofort auf, diese gut gemeinte Blut-und-Boden-Arroganz der selbst ernannten Biodeutschen. Sie reden von „Integration“, meinen in Wahrheit aber immer Assimilation. Deutsch ist man für diese Leute nach frühestens dreihundert Jahren. Wer eine etwas dunklere Hautfarbe hat, darf gerne noch mal hundert Jahre drauf packen. Davor gibt es maximal Duldung und Noten für gutes Betragen oder akzentfreie Aussprache. Der Berliner Taxifahrer tut mir leid. Sein Dilemma ist, dass er sich nicht entscheiden kann, wem er sich mehr unterwerfen soll – dem perfekt assimilierten Hugenotten de Maizière oder dem nationalistischen Großmaul Erdogan. Ein Lehrstück in Sachen Selbstaufgabe und vaterländischer Demut. Grauenhaft.

*Quelle: Konrad-Adenauer-Stiftung

Hallelujah, liebes Abendland (everybody in this party is shining like Illuminati)!

„In den größten Krisen und Erschütterungen des nationalen Lebens erst bewähren sich die wahren Männer, aber auch die wahren Frauen. Da hat man nicht mehr das Recht, vom schwachen Geschlecht zu sprechen, da beweisen beide Geschlechter die gleiche wilde Kampfentschlossenheit und Seelenstärke. Die Nation ist zu allem bereit.“

(Joseph Goebbels, 18. Februar 1943)

Bei der Ankündigung dieses Themas werden die Moderatoren der großen bunten Jahresrückblick-Shows ihren professionell besorgten Gesichtsausdruck aufsetzen: der nationale Widerstand ist im Abkürzungsrausch und das aufgeklärte Deutschland bekommt vorweihnachtliche Magenschmerzen. HOGESA, PEGIDA, FRAGIDA – was hätte wohl der Reichs-Propagandaminister zu diesen Vereinigungen gesagt, deren Namen allesamt klingen wie Wohnungsbaugenossenschaften? Mir selbst fällt jedenfalls nicht viel ein zu diesem Haufen schlecht tätowierter Ronnies und Nancies, die sich die Verteidigung des Abendlandes auf die Fahnen geschrieben haben. Nein, mir brennt etwas ganz anderes unter den Fingerkuppen.

Dass ein findiger Remixer vor einigen Jahren auf die Idee kam, Auszüge aus der Sportpalast-Rede von Joseph Goebbels in einen von Madonna gesprochenen Bibeltext zu mixen (siehe Video unten, ab Min. 3:20), soll mir hier nur als dankbarer Aufhänger für das eigentliche Schockthema zum Jahresausklang dienen. Ich setze nun meinen professionell besorgten Gesichtsausdruck auf und sage: ja, es ist passiert, das neue Album von Frau Ciccone wurde „geleakt“, sprich: unautorisiert den Massen zum Fraß vorgeworfen. Ob dahinter nun Edward Snowden oder vielleicht doch nur eine postmoderne PR-Kampagne steckt, ist bis zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht bekannt. Ich war selbstverständlich tief empört über den ganzen Vorgang und tat das, was jeder anständige alternde Fan in einer solchen Situation tut: ich habe mir das Zeug umgehend heruntergeladen und angehört.

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Worum es nun eigentlich gehen soll, ist der Schock, der mich angesichts dieser angeblich so unfertigen unautorisierten Rohdaten überfiel. Ein positiver Schock. Vielleicht hatte ich doch langsam die Hoffnung aufgegeben, dass da noch etwas frisches, aufmunterndes, irgendwie neues von ihr kommen würde. Etwas anderes als das ewige verzweilfelte Brüste hochschnallen und Versinken im Irrsinn einer zu langen Karriere. Und was nun der finale Dolchstoß des ganzen Elends hätte werden können – nämlich die späte Erkenntnis, dass auch die Queen of Pop nicht immun ist gegen Cyber-Crime und Bullying, wodurch nun auch selbst das letzte PEGIDA-Mitglied hinter den sieben Bergen weiß, wie Madonnas Gesicht ohne Photoshop aussieht und ihre Musik ohne Autotune klingt – wird nun offenbar zum Ausgangspunkt einer erneuten glorreichen Wiedergeburt. Denn genau aus diesen Demütigungen speist sich der Inhalt der meisten der neuen Songs, die butterweich und berührend wie schon lange nicht mehr von der Psyche einer öffentlichen Frau berichten. Und wenn es tatsächlich eine kostspielige Ehescheidung von einem britischen Regisseur braucht, um so etwas wie „Heartbreak City“ zu schreiben (ich gehe davon aus, dass wir es hier mit einem weiteren Kapitel ihrer nun bereits seit zwei Alben andauernden bitteren Abrechnung mit Guy Ritchie zu tun haben und nicht mit dem Beziehungsende zu einem dieser brasilianischen Models), dann hat sich der ganze Schlamassel doch mehr als gelohnt. Alles für die Kunst. Sollte das fertige Album im nächsten Frühjahr dann doch nicht einhalten, was die Leaks versprachen (das Krisenmanagement hat nicht lange auf sich warten lassen: inzwischen bietet das Haus Ciccone einen Teil der Songs offiziell auf iTunes an), so bleibt mir dennoch die Gewissheit, dass sie es noch drauf hat: Mittelfinger, Weltfrieden, brennende Kreuze, Größenwahn, Erleuchtung und Selbstironie („Everybody in this party is shining like Illuminati“). Auch wenn sie sich aktuell wieder angreifbar zeigt: die Frau hat mehr Teflon auf der Haut als Merkel, Wowereit und der Papst zusammen. Alles wird abgewaschen, mit ein paar flotten Beats („Wash all over me“). Und weiter geht’s. Behold, the next Tour is coming soon. Auf dass wieder Heerscharen von besserverdienenen Homosexuellen mit Hard-Candy-Jahres-Abo den Kontostand ihrer heiligen Mutter Gottes in noch astronomischere Höhen katapultieren mögen. Hallelujah, liebes Abendland, so lange Madonna tanzt, geht hier niemand unter!