Als die Sonne still verglühte

Ich wache auf, die Tanzfläche scheint leer zu sein. Nur ein einsamer Säufer dreht sich noch um die eigene Achse, seine Arme weit von sich gestreckt. Ich war wohl hinter meinem DJ-Pult eingeschlafen. Wie spät ist es? Mein Kopf dröhnt, der Raum vor mir fängt an zu schwimmen, irgendjemand muss mir Mescalin in mein Bier gekippt haben. Was soll’s, denke ich, halluziniere mir einfach ein Publikum zusammen und mache da weiter, wo ich aufgehört habe. Der Morgen ist jung, das Hirn abgeschaltet, Polen ist offen und die totale teutonische After Hour ist hiermit eröffnet. Deutschsprachige Musik, die fehlte noch, alles muss raus … So jung komm‘ wa nich mehr zusammen!


Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir verlassen jetzt den Orbit unseres Heimatplaneten und tanzen zu Sehnsucht, Muskeln und Meta-Pop: Wir fahren mit der Luftbahn durch die Nacht, wo der Sternenhimmel für uns lacht. Und all die Probleme auf der Erde liegen für uns in weiter Ferne. ++++++++ Zurück auf der Erde, springen wir aus der vierten Etage von Dussmann, um uns noch mal so richtig zu spüren. Was soll man sonst auch machen auf dieser gottverdammten Friedrichstraße? Gott hat für das alles nur sieben Tage gebraucht, und ich finde, genau so sieht’s hier auch aus ++++++++ Auferstehung in Germany und schon geht der ganze Mist wieder von vorne los: Neue Deutsche Welle ist Neue Deutsche Hölle! ++++++++ Dadaismus, bei dem man mit muss: Schlach ma dod, schlach ma dod, schlach ma ruhig dod! ++++++++ Wir sehen uns umgeben von Trümmern und begrüßen die untote Leiche von Kurt Weill, der wusste noch, wie man feiert … Ach, Brandylachen waren, wo man saß, auf dem Tanzboden wuchs das Gras! ++++++++ Geht’s noch? Merkst du, was ich merke? Jeder geschlossene Raum ist ein Sarg. Die Distelmeyer-Gedenkwochen sind hiermit abgeschlossen, Prost! ++++++++ Später, viel viel später sehen wir verdächtige Raumgleiter am Horizont, sehen wir riesige eidechsenartige Panzer, sehen wir tanzende Bären … Hilfe, mein Kopf ++++++++ Irgendwo in der Zwischenzeit singt Ute Lemper über Corona, Paul Celan spritzt sich AstraZeneca auf dem Klo und ich knipse das Mondlicht an. Wir sehen uns an, wir sagen uns Dunkles, wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis! ++++++++ Wir sind betroffen, wir sind besoffen, wir sind die Dichter und Denker, wir sind die Roboter ++++++++ Was machen Sie eigentlich am Montag? Home Office? Projekte? Meeting? Pitch? Kickoff? Na, dann gleich noch mal Deichkind und die Arme in die Luft: Klick dich, fax dich, mail dich hoch, grapsch dich, quetsch dich, schleim dich hoch, kick dich, box dich, schlaf dich hoch. Bück dich hoch, ja! ++++++++ Zurück auf los und nichts wie raus, tonight we gonna party like it’s 1988: Das selbe Land zu lange geseh’n, die selbe Sprache zu lange gehört, zu lange gewartet, zu lange gehofft, zu lange die alten Männer verehrt. Ich bin rumgerannt, zu viel rumgerannt, ist doch nichts passiert ++++++++ Junge Leute sind gelangweilt, junge Leute sind verzweifelt, junge Leute werden zynisch, so war es immer, so wird es immer sein: Es ist so schön, kannst du die Welt so gut versteh’n, ich lieg mit vier Promille im Graben aus Versehen ++++++++ Wo ist die Liebe, wenn man sie braucht? Schmiegen Sie sich jetzt bitte eng an Ihren Tanzpartner. Wenn Sie keinen Tanzpartner haben, schmiegen Sie sich einfach an sich selbst, denn an den Stegen, den Stegen der Einsamkeit, dort am blutwarmen Ufer der Gier entdecken wir das Frühwerk von Veronika Fischer. Ach du meine Güte, ist das schön! ++++++++ Und wenn wir jetzt noch fünf Minuten durchhalten, nicht aufgeben, nur dieses eine Lied noch mitnehmen, dann sind wir Helden für einen Tag ++++++++ Aus, vorbei, ich muss ins Bett. Aber nicht ohne vorher noch die Bühne frei zu machen für die große, unvergleichliche KNEF: Als die Sonne still verglühte, rangen Frauen ihre Hände, liefen Männer bis ans Ende, bis ans Ende dieser Welt. ++++++++ Zu spät, zu früh, zu heiß, zu dicht. Gute Nacht.


Die Liste:

Deichkind – Luftbahn (2008)
Betterov – Dussmann (2021)
Nina Hagen – Lorelei (1983)
Foyer Des Arts ‎– Familie und Gewaltanwendung (1986)
Blixa Bargeld – Bilbao Song (2002)
Blumfeld – Verstärker (1994)
Lotte Ohm – Die Memoiren des Steven Spielberg 1 & 2 (1998)
Michael Nyman und Ute Lemper – Corona (1992)
Kraftwerk – Die Roboter (1978)
Deichkind – Bück dich hoch (2012)
Pankow – Langeweile (1988)
Faber – Generation YouPorn (2019)
Veronika Fischer – Guten Tag (1976)
Milliarden – Helden (2016)
Hildegard Knef – Die Herren dieser Welt (1970)

I am human and I need to be loved

Da habe ich also in meinen Musik-Archiven gewühlt und beschlossen, da mir gerade sonst nichts besseres einfiel, den DJ in mir zu reaktivieren. So wie früher, als ich noch regelmäßig meinen Freundeskreis mit obskur-eklektischen Playlists beglückt habe. Und was haben wir gerade? Den Monat des schwulen Stolzes? Dann gibt es jetzt also schwule Musik. Im weitesten Sinne. Ich finde es jedenfalls hilfreich, mir hier eine thematische Klammer zu bauen. Ein Gruß geht an dieser Stelle nebenbei mal wieder an den ollen Maschinisten (der Circle Jerk darf nicht abreißen), der mir das heiterste Zitat des Tages bescherte. Bei „Halb Osteuropa hielt die Schenkel geöffnet und den Darmausgang in die Luft“ habe ich fast meine Kaffee ausgespuckt vor lachen. In dem Zusammenhang: War es das denn jetzt für die #ZeroCovid-Gouvernanten? Können die sich jetzt wieder auf #ZeroSugar, #ZeroCo2 und #ZeroBrain konzentrieren? Irgendwas gibt es ja scheinbar immer in Grund und Boden zu verbieten. Ja, der Kampf währet ewig und das Endziel ist stets der Nullpunkt! Aber zurück zur Musik. Also dann, ihr gottlosen Homos und alle, die es noch werden wollen – hier kommt sie, die Playlist des Schmerzes, der Schönheit und des Dramas! Die Links zu den einzelnen Songs stehen jeweils unter dem Text.


K.D. Lang – My Old Addiction (1997)

Sanft geht es los. Die von mir seit vielen Jahren verehrte K.D. Lang hat es geschafft, dass ich mich als militanter Nichtraucher in ein Album verliebt habe, das sich thematisch praktisch nur ums Rauchen dreht. Dabei könnte sie eigentlich auch vom Rasenmähen singen, es würde ganz sicher genau so großartig klingen. Einmal habe ich sie live gesehen. Am Ende des Konzertes setzte sie sich vorne an den Bühnenrand und zündete sich eine Zigarette an. Sofort versammelte sich ein Pulk begeisterter Lesben zu ihren Füßen. Es wirkte wie ein vertrautes Ritual: die androgyne Diva raucht und die Fans huldigen ihr. Ein Marlene-Dietrich-Moment. Passiert das am Ende jedes ihrer Konzerte? Vielleicht können sich ja ein paar nikotinsüchtige Lesben bei mir melden und mich darüber aufklären. My Old Addiction  ist übrigens eine Coverversion und heißt im Original Chet Baker’s Unsung Swan Song.

My old addiction changed the wiring in my brain


Patrick Wolf – Tristan (2005)

Haben Sie diesen blonden deutschen Bubi beim diesjährigen ESC gesehen, mit seiner Jukulele und diesem grenzdebilen Liedchen, das klang wie eine Frühstücksflocken-Werbung? Was wäre wohl passiert, wenn man dem rechtzeitig Patrick Wolf vorgespielt hätte? Hätte das geholfen? Hätte, hätte, Perlenkette. Darf man der offiziellen Biografie von Patrick Wolf Glauben schenken, dann zog dieser bereits im zarten Alter von 16 Jahren allein in ein leerstehendes Haus, wo er fortan mindestens zwölf Instrumente spielte und an seiner eigenen Legende strickte. Ein früher Befreiungsschlag, er konnte wohl einfach nicht anders. 

My name is Tristan and I’m alive!


La Lupe – Puro Teatro (1969)

Vorhang auf für die ultimative kubanische Drama-Queen, unvergleichliche Performerin, Voodoo-Priesterin und Gran Cantante La Lupe! Noch vor Celia Cruz galt sie in den 60er Jahren als „Queen of Latin Music“. Lange sollte ihre Regentschaft leider nicht andauern. 1992 verstarb sie viel zu früh und völlig verarmt in der Bronx. Was für ein Theater! Wenn Sie „Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“ von Pedro Almodóvar gesehen haben, kennen Sie dieses Lied vielleicht noch aus dem Abspann. Sollte mich selbst demnächst ein Nervenzusammenbruch ereilen, so kann ich mir wirklich keine bessere Untermalung vorstellen.

Teatro lo tuyo es puro teatro 


Etienne de Crecy – Prix Choc (1996)

Die späten 90er waren eine gute Zeit zum tanzen und die beste Musik dazu kam aus Frankreich. Von Etienne de Crecy, Alex Gopher, Laurent Garnier, Benjamin Diamond, Stardust, Daft Punk, Cassius und wie sie alle hießen … French House war das glamouröse und humorvollere Gegenstück zum dumpfen Loveparade-Gestampfe. Damals passte ich noch in T-Shirts der Größe XS und habe meinen Hintern zu diesen Klängen unter den besseren Discokugeln der Stadt geschwungen.

Bumm-Bumm-Bumm …


Xiu Xiu – I Luv The Valley Oh (2004)

Ein Song wie eine offene Wunde. Worum es hier genau geht, erschließt sich mir bis heute nicht. Es klingt brutal, nach Missbrauch, Trauma, Selbsthass, Verzweiflung, Suizid – genug Stoff für eine lebenslange Therapie, der sich hier in der Mitte in einem einzigen kurzen Urschrei entlädt. Auch dazu ist Musik schließlich da: um die ganze Scheiße rauszuschreien, wie einen Blutschwall in die Welt zu spucken. Die anderen müssen es dann aufwischen. 

And I won’t rest while you break my will, Je t’aime the valley, Je t’aime the valley OHHH!!!

A Man and his Pussy: Jamie Stewart von Xiu Xiu


Johnny Hartman – Down in the Depths (1956)

Wo könnte man wohl den eigenen emotionalen Tiefpunkt besser besingen als im höchsten Gebäude der Stadt? Hoch oben über den Menschen, die sich sorgenfrei in den Nachtklubs amüsieren, während man seinen Liebeskummer selbstmitleidig in teurem Champagner ersäuft, hier im Penthouse im 90. Stock. Das Original dieses Cole-Porter-Klassikers stammt aus dem Musical Red, Hot and Blue und wurde 1936 erstmals von Ethel Merman auf einer Broadway-Bühne geschmettert. Ich selbst wurde zum ersten Mal durch die üppige Swing-Version von Lisa Stansfield mit dem Lied bekannt gemacht (auf dem Cole Porter Tribute-Sampler Red, Hot + Blue von 1990). Am besten gefällt mir allerdings die Version von Johnny Hartman, einem heute etwas in Vergessenheit geratenen Jazz-Sänger, der zu seinen besten Zeiten auch ein großartiges Album mit John Coltrane aufnahm. 

I’m deserted and depressed in my regal eagle’s nest, down in the depths on the ninetieth floor


Rufus Wainwright – The Art Teacher (2004)

Es gibt wenige Musiker, die ich so nachhaltig vergöttere wie diesen. Vielleicht noch Prince oder Dvořák, es sind wirklich nicht viele. Die ersten vier Alben von Rufus Wainwright gehören für mich bis heute zu den besten und originärsten Werken zeitgenössischer Musik. Zweimal habe ich ihn in Berlin live erlebt, einmal in der Volksbühne und einmal in der Kreuzberger Passionskirche. Letzteres war tatsächlich eine Art Erweckungserlebnis, nie hat mich ein Konzert derart emotional aufgewühlt. Rufus stammt aus einer bekannten kanadischen Musikerfamilie, ist aber (ebenso wie seine Schwester, siehe den nächsten Eintrag in der Liste) schon früh erfolgreich und pompös aus deren Schatten getreten. Ich kenne wirklich niemanden, der sensibles Songwriting so kunstvoll mit Camp und operettenhaftem Pomp verbindet wie dieser Mann. Erwähnte ich schon seine ersten vier Alben? Unbedingt anhören!

He asked us what our favorite work of art was, and never could I tell him, it was him


Martha Wainwright – Bloody Mother Fucking Asshole (2005)

Rufus’ kleine Schwester. Keine sehr faire Beschreibung, aber das ist sie nun mal. Beide haben ein eher angespanntes Verhältnis zu ihrem Vater, und wie sich schon am Titel unschwer erkennen lässt, hat Martha dieses Verhältnis in einer deutlich aggressiveren Art verarbeitet als ihr feinsinniger Bruder. Denn Bloody Mother Fucking Asshole ist nichts anderes als die Abrechnung mit einem abwesenden, egomanischen Vater. Da kommt Stimmung auf zum Weihnachtsfest! Ich weiß nicht, was genau in dieser Familie alles schief gelaufen ist, aber Martha Wainwright hat ihre Stimme trotzdem gefunden – rau, verletzlich und unvergleichlich. 

Poetry has no place for a heart that’s a whore 


Blumfeld – Tausend Tränen Tief (1999)

Erst kürzlich hörte ich mich noch einmal durch das Gesamtwerk von Blumfeld (wodurch sich unter anderem auch der letzte Beitrag in diesem Blog erklärt). Vor allem die ersten beiden Alben haben mich dabei plötzlich ganz neu aufgepeitscht. Alles braucht seine Zeit, und zur Zeit der frühen Blumfeld-Ära hatte ich wohl gerade kein Ohr für deutsche Texte. Dann kam „Old Nobody“ und „Tausend Tränen tief“. Ein Schock, zumindest für viele alte Fans der „Hamburger Schule“. Schlager-Pop? Kitsch? Gefühle? Watt’n datt? Ganz große Kunst ist das, sage ich. Nichts weniger. Kudos an Jochen Distelmeyer, dass er sich das getraut hat und auch an Helmut Berger, dass er da mitgemacht hat.

Ein Lied von zwei Menschen, wie Liebe sich anfühlt


Joanna Newsom – Good Intentions Paving Company (2010)

Diese Frau. Also wirklich. Am Anfang ihrer Karriere trieb sie mit ihrem schrillen Organ und ihrem Harfenspiel so manchen Kritiker die Wände hoch. Vielleicht hatten sie ihr deshalb auch das unselige Etikett „Freak Folk“ angeheftet – eine Schublade, die ebenso dämlich ist wie eigentlich jede Schublade, die sich der Musikjournalismus über die Jahre so ausgedacht hat. Joanna Newsoms eigenständiges Talent war schon immer unbestreitbar, in den folgenden Jahren sollte es sich nur noch wunderlicher und wunderbarer entfalten. Mit Joni Mitchell wurde sie verglichen, mit Rickie Lee Jones und natürlich mit Kate Bush. Aber sie lebt und musiziert in ihrer ganz eigenen Welt. 

I’ve been fessing, double-fast, addressing questions nobody asked

Die Frau hat einen Vogel: Joanna Newsom


Elaine Stritch – Ladies Who Lunch (1970)

Wenn ich Martha Wainwrights Stimme als rau beschrieben habe, dann haben wir es hier mit einer Kettensäge zu tun. Elaine Stritch wurde für die Uraufführung von Stephen Sondheims Musical „Company“ nicht engagiert, weil sie eine großartige Sängerin war, sondern weil wohl niemand anderes diese bitterböse Hymne auf reiche gelangweilte Society Ladies so markerschütternd herausschreien konnte wie sie. Ein Monument des postmodernen Zynismus. I’ll drink to that!

A toast to that invincible bunch, the dinosaurs surviving the crunch. Let’s hear it for the ladies who lunch – Everybody rise!!!


Scott Walker – Plastic Palace People (1968)

Meinen Lebensabend stelle ich mir idealerweise so vor: Auf der weitläufigen Terrasse meiner überdimensionierten Strandvilla mit Blick auf den Pazifik tanze ich, bereits am frühen Nachmittag hackedicht abgefüllt mit den Schätzen meines hochwertigen Weinkellers, in einem Designer-Kaftan zu Scott Walker, am liebsten zu seinem zweiten Solo-Album. So soll es sein, viel mehr brauche ich nicht. 

Don’t pull the string, don’t bring me down, don’t make me land


Lady Gaga & Kermit, the Frog – Gypsy (2013)

Was soll ich dazu sagen? Schöner, alberner, bombastischer und berührender wird es nicht mehr. Lady Gaga wurde einst mit dem Album „The Fame“ berühmt. Ruhm und Berühmtheit waren ein Konzept, dass sie auf der Überholspur mit fast täglich neuen Kostümen und Ideen karikierte. Heute, so scheint es, ist sie dort angekommen, wo alle erfolgreichen Entertainer wohl irgendwann landen – in einer Blase selbstgerechter Weinerlichkeit, die Lippen aufgespritzt, das Konto gut gefüllt, den nächsten Filmvertrag schon in der Tasche. Zwischendurch aber hat sie dann auch immer mal wieder so etwas abgeliefert, und dafür muss man sie einfach lieben.

I don’t wanna be alone forever, but I love gypsy life


Robin Guthrie & Harold Budd – Neil’s Theme (2004)

In dem Film „Mysterious Skin“ gehen zwei Jungs mit der gemeinsamen Erfahrung eines sexuellen Missbrauchs sehr unterschiedlich um. Der eine macht dicht, verdrängt und glaubt fortan daran, von Außerirdischen entführt worden zu sein, der andere wird zum Stricher. Gewalt und Poesie formen hier eine faszinierende Einheit. Der Soundtrack von Robin Guthrie (dem Mitbegründer der Cocteau Twins) und Harold Budd passt dazu wie angegossen. Sphärisch, verträumt, außerirdisch.

Neil’s Theme


t.a.t.u. – How Soon Is Now? (2002)

Der Begriff queer bedeutete ursprünglich ja mal so etwas wie schräg, sonderbar oder suspekt. In diesem Sinne passt diese schauerlich-schöne Coverversion bestens ins Konzept. Wenn hier eines bewiesen wird, dann dass man einen wirklich guten Song nicht zerstören kann. In meinem fiktiven Drehbuch zu einer postapokalyptischen Komödie sitzt Morrissey einsam in einer Moskauer Karaoke-Bar und muss sich das anhören. Er hat wie immer schlechte Laune. Spätestens aber, wenn die beiden t.a.t.u.-Mädels „I am human and I need to be loved, just like everybody else does!“ von der Bühne knödeln, erweicht sein Herz, er springt auf und stimmt mit ein. 

You shut your mouth, how can you say I go about things the wrong way?


George Michael – Freedom! ’90 (1990)

Auch hier singt jemand vom Berühmt sein, vom Hadern mit dem eigenen Image und von den Fesseln der Musikindustrie. Was George Michael hier geschaffen hat, vor allem auch in der Verbindung mit dem legendären Video, ist nichts weniger als die geniale Verschmelzung von Rebellion und Glamour auf der allerhöchsten Stufe. Eine Hochzeit von Verweigerung und Größenwahn. Billig war das nicht. Es treten auf: Linda Evangelista, Naomi Campbell, Tatjana Patitz, Christy Turlington und Cindy Crawford sowie ein paar männliche Models, die damals leider nicht ganz so berühmt waren. Der Sänger selbst hatte sich herausgenommen aus dem Spiel, nur die brennende Lederjacke und die explodierende Gitarre erinnern noch an ihn. Regisseur des Videos war David Fincher. Ja, wer denn sonst? Vielleicht war das bereits das Ende des Pop, wie wir ihn kannten. Vor mehr als 30 Jahren. Verdammt!

All we have to do now is take these lies and make them true somehow

Gebt endlich auf, es ist vorbei.

Vor zwanzig Jahren erschien Blumfelds Album „Testament der Angst“. Ich gehe jetzt mal forsch davon aus, dass Jochen Distelmeyer damals nicht wissen konnte, dass er damit den Soundtrack für eine Saison schreiben würde, die erst zwei Jahrzehnte in der Zukunft zur vollen Blüte kommen würde. Wir sehen hier also entweder den Beweis für dessen visionäres Genie oder einfach nur dafür, dass sich im Grunde genommen nichts geändert hat. Nicht in den Hirnen der großen Verfügungsmasse „Volk“. Die Medien helfen ihnen beim dumm sein, ein starker Staat hilft ihnen beim stumm sein. Weshalb dieses Lied in den letzten Monaten nicht längst das ihm angemessene Revival erlebt hat, ist mir ein Rätsel. Muss ich also wieder ran, der Musikredakteur von der dunklen Seite des Mondes. Bitte sehr. Habe die Ehre.

Zitti E Buoni

Endlich hat beim europäischen Liederwettstreit mal die richtige Truppe gewonnen. Rumms-Bumms-Radetzkymarsch! Sicher, die klingen wie sämtliche Indierock-Gruppen der frühen 2000er Jahre zusammengerollt, aber es geht hier bitte sehr nicht um Originalität, sondern um die Party. Ich hatte mir Anfang dieser Woche gerade noch rechtzeitig Will Ferrels Eurovisions-Hommage „The Story of Fire Saga“ angeschaut, und sämtliche dort trällernden Parodien hätten gestern Abend eins zu eins auch auf der realen ESC-Bühne auftreten können. Da gibt es keine ironische Distanz mehr, keinen doppelten Boden, das ist alles eine große, laute, bunte Suppe. Die Italiener von MÅNESKIN haben nun aktuell nicht nur dem Rest der tanzenden Muppets und eng korsettierten Damen vor Windmaschinen die Show gestohlen, sondern teilen sich ihren Namen auch mit einer deutschen Gin-Marke. Sexy sind sie auch. Und die Botschaft ist schließlich ebenfalls nicht verkehrt: Klappe halten und gut ist!

Apropos Klappe, Schnauze, Ruhe im Karton – da war doch noch was anderes furchtbar aufregendes in dieser Woche … Eine deutsche Politikerin labert öffentlich Dünnpfiff, wird daraufhin durch’s Internet geschleift und Schuld daran sind wie üblich die toxisch-männlichen Nazi-Iwans. Schlimme Sache. Ich hatte vor der Lärmbelästigung durch diese Frau übrigens bereits vor drei Jahren gewarnt (im letzten Absatz). Aber auf mich hört ja mal wieder keiner. WIESO HÖRT EIGENTLICH NIE JEMAND AUF MICH!? Accidenti! Santo cazzo Madre di Cristo! Brutto figlio di puttana bastardo! Vaffanculo! (fluchend ab)

Walpurgisnacht

Und wegen der Eier. Damit die nicht opressed sind.*


So, jetzt haben wir es geschafft. Der *Maschinist und ich haben endgültig unseren eigenen Circle Jerk etabliert, in dem wir uns monatlich mindestens einmal gegenseitig über den grünen Klee loben. Tatsächlich musste ich über seinen aktuellen Text gerade an mehreren Stellen wieder heftig lachen. Danke also dafür und danke auch für die Aufmerksamkeit und die Blumen! Derart gelobt und angepriesen als allwissende klugscheißende Müllhalde, möchte ich dem Kollegen dann gleich noch mal nachhaltig in die Hacken treten. Denn zwischen all den Leck-mich-nach-mir-die-Sintflut-Statements der letzten Zeit lese ich bei ihm dann doch immer noch den vorsichtigen Wunsch nach Abgrenzung und Absicherung heraus. Damit er nur nicht von den Falschen gelesen, gemocht oder gar geteilt wird. Ich sag dir was, mein Lieber: das funktioniert nicht, das kannst du nicht steuern, musst du auch gar nicht. Gib es endlich auf. Ob halbschwul oder viertelpolnisch, das interessiert niemanden mehr, der Zug ist seit zwanzig Jahren abgefahren. Die Afd-Vorsitzende ist lesbisch und lebt mit einer Syrerin zusammen, selbst die hat dich identitätstechnisch also längst eingeholt. Homosexuelle sind heute das Establishment, das Patriarchat, der Feind. Sofern sie sich nicht bedingungslos dem gallopierenden Irrsinn der woken Brigaden unterwerfen, über die du in deinem Blog zur Recht die Messer wetzt.

Und das noch: Ich will wirklich niemandem Lana del Rey madig machen, aber wer Mazzy Star kennt, hat mehr vom Leben. Denn ja, natürlich gab es das alles schon mal, besser, origineller, älter, und davor auch schon mal, undsoweiterundsofort. Es stimmt, ich wusste es immer schon besser. Ich kenne die Welt, seit zehntausend Jahren. Keine Chance, kein Entrinnen. Pleased to meet you, hope you guess my name.

Fröhlich sein und singen

The first mistake of art is to assume that it’s serious.
(Lester Bangs)

Zum Jahreswechsel 1981/82 stand Nina Hagen in einem New Yorker Tonstudio und nahm ihr erstes Soloalbum auf, meiner Meinung nach auch ihr bestes. Zumindest ist es ihr originellstes. In den fünf Jahren zuvor waren ihr zuerst die DDR, danach Westberlin, die BRD, Europa und schließlich der gesamte Planet zu eng geworden. Sie hatte ihr erstes UFO in Malibu gesichtet, den Drogen abgeschworen, zu Jesus und zur transzendentalen Meditation gefunden und ihre Tocher Cosma Shiva zur Welt gebracht. Das alles hat sie dann in NunSexMonkRock reingerotzt und mit den Versatzstücken ihrer ganz eigenen kulturellen Folklore durch den Fleischwolf gejagt. Ein chaotischeres und experimentelleres Werk gab es auch in Nina Hagens Karriere danach nicht mehr. Immer wenn mich musikalisch gar nichts mehr berührt, wenn mir alles zu glatt, zu langweilig und vorhersehbar erscheint, höre ich mir NunSexMonkRock an. Spätestens, wenn Nina in Iki Maska anfängt, „Frrröhlich sein und singen, stolz das blaue Halstuch tragen …“ zu trällern (gefolgt von ’O sole mio, Ziggy Stardust und Bertolt Brecht), fange ich an zu grinsen. Dass sie unsere alten Pionierlieder auf der anderen Seite des Ozeans zu kakophonischem Postpunk zerschredderte, während ich in ihrer Ostberliner Heimat als real existierender Pionier noch brav die Original-Versionen in der Schule singen musste, finde ich heute noch drollig. „ … andern Freude bringen, ja das wollen wir!“

Dabei wusste ich damals noch gar nicht, wer Nina Hagen war. Ich hatte gerade erst ABBA überwunden und wurde von meinem älteren Bruder mit dieser wilden Joan Jett bekannt gemacht, für mich eine Offenbarung an musikalischer Rebellion. I love Rock’n’Roll, put another dime in the jukebox, baby! Ich hatte ja keine Ahnung. In der Klasse meines Bruders gab es dann dieses Mädchen, Tochter einer Pankower Akademiker-Familie, die kam jede Woche mit einer anderen Haarfarbe zur Schule und wurde entsprechend oft auch zur Direktion bestellt. Dort wurden mit ihr Gespräche geführt, über ihre Haare, ihre Haltung, ihren Klassenstandpunkt, ihre Zukunft, blablabla … sicher auch über den kleinen Sticker mit dem Gesicht ihrer großen Heldin Nina-Persona-Non-Grata-Hagen, den sie immer an ihrer Jacke trug. Zu der Zeit, Mitte der 80er, hatte Nina gerade Nina Hagen in Ekstasy veröffentlicht und war bei David Letterman zu Gast. Auch drollig: Lettermans langjähriger Band Leader Paul Shaffer war einer der Studiomusiker auf NunSexMonkRock. In New York wurde die Welt eben auch irgendwann sehr klein. Aber es gab ja noch Kalifornien, Rio, Ibiza und das Weltall.

Da ich gerade bei obskuren Meisterwerken der Musikgeschichte bin, hinterlasse ich hier noch einige unsortierte Notizen aus den Archiven:

Düster und von Heroin geprägt waren bekanntlich die letzten zwanzig Jahre im Leben der Sängerin Nico. 1974 veröffentlichte sie ihr Album The End, das ihre damalige Plattenfirma mit dem Satz bewarb „Why commit suicide if you can buy this record?“

Ein Jahr später erschien Lou Reed’s Metal Machine Music, das praktisch nur aus Gitarren-Rückkopplungen besteht. Der legendäre Musikjournalist Lester Bangs erklärte es zum „großartigsten Album in der Geschichte des menschlichen Trommelfells“. Bangs behauptete außerdem, das Album Idi Amin vorgespielt zu haben, der daraufhin beschloss, Metal Machine Music zur Nationalhymne von Uganda zu machen – eine Sternstunde des Gonzo-Journalismus.

Vincent Gallos Album When aus dem Jahr 2001 enthält das wahrscheinlich schönste Stück Musik, das jemals Paris Hilton gewidmet wurde. Sehr wahrscheinlich auch das einzige. Es heißt I Wrote This Song for the Girl Paris Hilton. So einfach können Songtitel sein. Das deutsche SPEX-Magagzin veröffentlichte anlässlich dieses Albums eine Titelgeschichte, zu der Vincent Gallo die Redaktion der Legende nach erpresst haben soll. Unter der SPEX-Leserschaft gab es einen ziemlichen Tumult deswegen – wohl auch, weil Gallo sich offen dazu bekannte, die Republikaner zu unterstützen. Vergleiche mit Charles Manson kamen auf (Gallo trug damals gerade Bart), das wahnsinnige Genie usw. … die alte Klischeekiste. Der Journalist, der Gallo interviewt hatte, eröffnete übrigens später ein Schokoladen-Geschäft im Prenzlauer Berg.

Apropos Manson: Wären Sharon Tate und ihre Freunde heute noch am Leben, wenn Charles Manson den Plattenvertrag bekommen hätte, den er sich so sehnlichst wünschte? Das erinnert an die Frage, wie sich die Weltgeschichte entwickelt hätte, wenn Hitler einst an der Wiener Kunstakademie aufgenommen worden wäre. Tatsächlich war die berüchtigte Mordserie im August 1969 als Racheaktion an Terry Melcher (dem Sohn von Doris Day) geplant, der es nach Probeaufnahmen abgelehnt hatte, ein Album mit Manson zu produzieren. Melcher hatte in diesem Sommer sein Haus aber gerade an die schwangere Sharon Tate vermietet. Hätte Dennis Wilson von den Beach Boys nur diese Hippie-Mädels nicht am Straßenrand aufgegabelt, die sich später als Mitglieder der Manson Family (Charlie’s Angels) herausstellten, hätte er Manson wohl auch nicht mit Terry Melcher bekannt gemacht undsoweiterundsofort … hätte, hätte, Schicksalskette … Invisible tears in my eyes, incredible pain in my heart.

Ein interessantes Thema: Menschen, die andere Menschen schicksalhaft in Autos mitnehmen. Wäre der Regisseur Jonathan Demme nicht zur richtigen Zeit in das richtige Taxi gestiegen (wieder mal in den 80ern und wieder in New York City), wäre aus seiner Fahrerin später wohl auch nicht eines der mysteriösesten One Hit Wonder der Popgeschichte geworden. Goodbye Horses von Q Lazzarus wurde seitdem in mehreren von Demmes Filmen verwendet, am bekanntesten im Schweigen der Lämmer. Bis heute ist nicht bekannt, was aus der Sängerin geworden ist. Nach einem kurzen Auftritt in Philadelphia (auch von Jonathan Demme) ist sie der Öffentlichkeit abhanden gekommen. Hier gibt es ein wenig mehr Hintergrund zu der Geschichte.

Die Welt ist voll von obskurer und interessanter Musik. Einen nicht geringen Teil davon haben wir Mike Patton zu verdanken. Obwohl als Sänger von Faith No More zu beachtlichem kommerziellen Erfolg gelangt, bleibt er für mich noch immer eines des unterschätztesten musikalischen Genies der letzten 30 Jahre. Ich empfehle das Album Disco Volante von Mr. Bungle (1995), eines von Pattons zahlreichen Avant Garde Projekten. Das ist besser als jeder LSD-Trip, danach werden auch Sie UFOs sehen.

Wussten Sie, dass der in Thüringen geborene Pianist Fritz Schulz-Reichel unter seinem  Pseudonym Crazy Otto 1955 den ersten Platz der amerikanischen Album-Charts belegte? Oder dass die Stone Temple Pilots ursprünglich Shirley Temple’s Pussy heißen sollten? Und dass es von John Cages 4′33″ – einer „Komposition“, die keine einzigen Ton, sondern nur Stille enthält – Cover-Versionen gibt? Falls nicht, wissen Sie das jetzt.

Play that funky Music Rammstein

Die Kunst des musikalischen Mashups besteht bekanntlich darin, populäre Songs unterschiedlichster Herkunft zu einem möglichst harmonischen Brei zusammenzurühren. Der überraschte Hörer erlebt dabei unerwartete rhythmische und melodische Gemeinsamkeiten. Das ist nichts für zarte Puristen-Seelen, aber genau das Richtige für mein dunkles hedonistisches Party-Herz. Sehr erfreut war ich daher, diese Perle entdeckt zu haben. Lieber DJ Cummerbund, Sie sind ein gottverdammtes Genie! Ich zitiere einen der Youtube-Kommentatoren: This is why the internet was invented …

Tatsächlich ist das Internet bis zum Rand gefüllt mit Mashups aller Art und Qualitäten. Beispiele gefällig? Nicht ganz so unterhaltsam wie Play that Funky Music Rammstein, aber eine hübsche Alternative zur aktuellen Weihnachtsbeschallung ist dieser Brei aus Marilyn Manson und Mariah Carey. Old School Madonna geht ja auch immer – z.B. mit nicht weniger als 15 anderen Popsongs zusammen ins Bett. Und kurz vorm Weltuntergang tanzen meine letzten drei Gehirnzellen ganz sicher zu diesem Prachtstück. Ach, Sie glauben, eine minderjährige Sandra mit Schulterpolstern verträgt sich nicht mit Kurt Cobain? Sie haben ja keine Ahnung, unter der Discokugel sind wir alle gleich. In diesem Sinne: Frohes Fest!

Ich habe 160.000 Menschen geseh’n, die sangen so schön …

Im Musikvideo war zuerst eine US-Flagge zu sehen, vielleicht war das der Fehler. Und dann dieser Refrain … Als Bruce Springsteen damals sein wütendes Lied über einen gescheiterten Vietnam-Veteranen veröffentlichte, schuf er damit eher unfreiwillig einen patriotischen Monsterhit, der die eigene Botschaft unter einem unwiderstehlichen Stampf-Rhythmus begrub. Und als die Jungs von Sandow ihr Born in the GDR als sarkastischen Kommentar zum Springsteen-Konzert 1988 in Weißensee rausrotzten, war es wohl auch unvermeidlich, dass die Nummer spätestens nach der Wende bei vielen als alternative Ost-Nationalhymne im Gedächtnis kleben blieb. Schrei den Leuten entgegen, wo sie geboren wurden, egal wie wütend oder wie spöttisch, und sie schreien zurück „Ja, das sind wir!“, auch wenn es gar nicht stimmt. Geboren, geboren, irgendwo sind wir geboren … Dagegen kommt man nicht an, erst recht nicht, wenn man solche Refrains schreibt. Selbst schuld. Am besten man ergibt sich der Masse, gibt ihnen, was sie zum Schreien, zum Stampfen und zum Fäuste recken braucht, legt noch eine Schippe drauf und peitscht sie richtig ein. Ich habe 160.000 Menschen geseh’n, die sangen so schön, so schön … Wann spielen Springsteen und Sandow endlich gemeinsam in Berlin und schreien ihr Publikum auf die alten Tage noch mal so richtig in Grund und Boden? Als Zugabe tanzt dann David Hasselhoff mit Katarina Witt zu Dancing in the Dark.

AR-Penck_Zukunft

Hunderttausend Jahre Mauer weg, yeah – fällt mir dazu überhaupt noch etwas ein? Ja, das noch: Es war ein überraschend kurzer Fußmarsch über die Oberbaumbrücke. Ich wollte damals nur raus, zusammen mit allen anderen, die noch nicht abgehauen waren. Endlich das große unbekannte Disneyland mit eigenen Augen erleben, das eigentlich nur am anderen Ende der Straße lag, am gegenüberliegenden Ufer, und von dem meine Mutter immer meinte, dass das doch alles zusammengehöre und eines Tages auch wieder … Wirklich, Mutter, wirklich? Wie denn und wann denn? Und dann ging plötzlich alles wie von selbst. Zaun auf und einfach rüber auf die andere Seite gelaufen. Goodbye Genosse Oberstleutnant „Wir meinen es doch nur gut mit euch“ vom Ministry of Love, ich schaue jetzt selber mal nach. Ganz herzlichen Dank auch noch für euren schönen „Schutzwall“ und euren Scheiß „Klassenkampf“, war eine lehrreiche Erfahrung, ja wirklich, aber jetzt reicht es auch mal. Der Rest steht hier.


Abbildung: A. R. Penck, „Die Zukunft der Emigranten“, 1983

Gott ist tot (Stimmen)

Zwei große Stimmen sind verstorben. Karel, der Goldene aus Prag und kurz zuvor Jessye, die Göttliche aus Augusta, Georgia. Nein, ich möchte nicht, dass die beiden in Frieden ruhen. Sie sollen bitte weiter trällern, schmettern und jubilieren, irgendwo da draußen, wo ständig Götter sterben und wieder neue geboren werden. Sie merken, ich fühle mich heute ziemlich erhaben, vielleicht sogar geläutert. OMG! Und so verschwende ich auch nicht viele Worte, sondern mache die Bühne frei für eine der großartigsten Sanges-Diven aller Zeiten, Jessye Norman. Es war mir eine Wonne …

Tropicalismo (É Proibido Proíbír)

Heute brennt die Sonne ganz erbarmungslos, in der Hölle ist die Hitze halb so groß! Diese Zeilen habe ich mir aus dem schaurig-schönen DDR-Musikfilm „Heißer Sommer“ geborgt. Wenn’s passt, dann passt’s. Vor knapp 30 Jahren, um die Wendezeit herum, ritt der Film auf der ersten großen Ostalgie-Welle durchs Babylon-Kino am Rosa-Luxemburg-Platz. Es gab dort damals diese Kult-Vorführungen a’la Rocky Horror Picture Show, die Leute rasteten aus, sangen mit und schmissen Dederon-Badehosen auf die Leinwand – so wurde es mir zumindest erzählt, denn selbst war ich nie dabei. Kurz nach dem Mauerfall stand mir noch nicht der Sinn nach DDR-Kitsch. Für einen Kultur-hungrigen Heranwachsenden gab es in dieser Zeit einiges in der Welt zu entdecken – Frank Schöbel und Chris Doerk beim Gummi-Twist an der Ostsee gehörten für mich nicht unbedingt dazu. Heute aber ist der Abstand groß genug, und wie gesagt: wenn’s passt, dann passt’s. 

swim-trunks

Zum Einstieg in den Berliner Tropensommer habe ich mir gestern Abend Caetano Veloso im Tempodrom angeschaut. Der Altmeister des Tropicalismo ist derzeit mit seinen drei Söhnen auf Tournee. Ein sehr schönes Konzert war das, mit genau der richtigen Mischung aus Poesie, Entspannung und südamerikanischer Party-Stimmung (mit Badehosen wurde nicht geworfen). Auch wenn es auf der Bühne nicht wirklich Thema war, ist die Politik seines Heimatlandes von der Biographie Caetano Velosos nicht zu trennen. Sein Lied É Proibido Proíbír (Es ist verboten, zu verbieten) führte 1968 dazu, dass er zusammen mit Gilberto Gil inhaftiert wurde und später für einige Jahre ins Exil ging. Die aktuelle politische Situation in Brasilien bereitet Veloso also verständlicherweise auch entsprechende Sorgen. Und ich denke daran, dass hier mittlerweile ein Teil des Landes mal wieder vom Sozialismus träumt (die wievielte Ostalgie-Welle wäre das jetzt?), ein anderer Teil vom Nationalsozialismus und daran, wie die grüne Mitte den Weltuntergang immer hitziger von der Kanzel predigt. Mit Verboten würden die alle gerne arbeiten. Die neue, gerechte Welt soll möglichst streng herbei reguliert werden. So sieht er dann wohl aus, der Sommer 2019: alle bekloppt, zu viel Dampf unter der Mütze. Ja, in der Hölle ist die Hitze halb so groß! Das liegt wohl leider nicht nur am Wetter. Es wird Zeit, die Koffer zu packen.