Alte christliche Bauernregel

Lebt Rita Süssmuth eigentlich noch? Falls ja, dann habe ich ihr am gestrigen Abend vor der britischen Botschaft in die Hacken getreten. Aus Versehen natürlich. Das kann schon mal passieren in dem ganzen Gewimmel. Ich habe mich auch sofort bei ihr entschuldigt. Das Botschaftsgebäude erschien mir während des Hacken-Attentats übrigens überraschend unbewacht (so wie Rita Süssmuth auch). Früher war mehr Lametta, sprich: mehr grimmige, uniformierte Herren mit Sonnenbrillen und Maschinengewehren. Gestern habe ich nur einen gesehen. Auch das Wachpersonal macht offenbar den Brexit. Am Brandenburger Tor gibt es inzwischen auch keine britische Video-Beflaggung mehr, nur noch Sonnenschein und Touristen, die sich bei dem schönen Wetter wie üblich in drei Lagen übereinander stapeln.

Als der Brite Adrian Russell Elms, auch bekannt unter dem Namen Khalid Masood, am 22. März auf der Westminster-Brücke in eine Menschengruppe fuhr, waren im irakischen Mossul bereits über 100 Zivilisten tot geborgen worden, ermordet während eines von US-Truppen geführten Luftangriffs. Die Zahl stammt vom irakischen Militär. Dass überhaupt Zivilisten getötet wurden, scheint auch auf amerikanischer Seite niemand zu bestreiten, eine genaue Zahl möchte man bis jetzt aber lieber nicht bestätigen. Nehmen wir also an, es waren rein hypothetisch über 100 Menschen, die vor einer guten Woche im Krieg gegen den Terror ausradiert wurden. Wenn Sie überhaupt eine Meldung zu diesem Vorfall finden, dann wird diese sehr wahrscheinlich Hinweise auf die hinterhältigen Kampfmethoden des Islamischen Staates enthalten. Denn natürlich ist der IS Schuld an den toten Zivilisten. Der Teufel hat immer Schuld, auch und ganz besonders an den eigenen Verfehlungen – alte christliche Bauernregel. Es ist wichtig, das zu wissen. Um vielleicht auch das eigene Ableben irgendwann entsprechend einordnen zu können. Wenn Sie also in Europa oder in einem vergleichbaren Premium-Spot von einem gestörten Autofahrer überrollt werden, sind Sie das Opfer eines feigen Terror-Anschlags, mit allen medialen Pauken und Trompeten. Werden Sie jedoch in einer persischen Ruinenstadt ganz aus Versehen von einer freiheitlich-demokratischen Bombe getroffen (und das kann schon mal passieren in dem ganzen Gewimmel), so sind Sie nicht mehr als ein bedauerlicher namenloser Kollateralschaden. Was rennen Sie denn auch da unten rum, mitten in der Wüste, unter all den Terroristen?

tibbets.enola

Auf tagesschau.de wird derweil der Frage nachgegangen, wie viele Gedenkstätten und Therapieplätze eigentlich den Überlebenden des Berliner Weihnachtsmarkt-Anschlages vom letzten Dezember zustehen.