Schwere Zeiten (auf Wiedervorlage)

Liebe Lesende, werte Darbende, folgendes Geständnis wird Sie vielleicht nicht besonders überraschen: Ich habe noch nie eine Folge von Game Of Thrones gesehen. Ein Zitat daraus ist mir trotzdem geläufig: „Winter is coming!“ Traditionell gilt ja der November als die härteste Nuss im Kalender (trübes Wetter, hustende Menschen, erhöhte Selbstmordraten), aber auch der Dezember hat neben all dem Advents- und Weihnachtskitsch reichlich düstere Gedanken zu bieten. Die Populärkultur liefert dazu einige Beispiele. Was will ich Ihnen damit sagen? Stellen Sie sich bitte auf schwere, ja möglicherweise sehr schwere Zeiten ein. Auf einen schweren November, einen harten Dezember und auf bleierne Ostern! Von dem darauffolgenden mörderischen Sommer ganz zu schweigen. Natürlich nur, sofern Sie von den zuständigen öffentlichen Orakeln nicht längst auf Dauerschwere eingeschworen worden sind. Und sofern Sie nicht Michelle Hunziker heißen, denn dann haben Sie das Schwerste ja schon hinter sich. Inspiriert wurde ich zu dieser eindrücklichen Warnung durch Schwester Spahn, Mutti Merkel und den Kollegen Driesen. Ehre, wem Ehre gebührt.

Ohnsorg-Theater 2018

Das Vokabular gab die Marschrichtung vor: Chaos, Megakrise, Deutschland am Abgrund – darunter macht es der nationale Erregungs-Journalismus nicht. Wieder einmal wurden sämtliche Szenarien durchgespielt: Kanzlersturz, Neuwahlen, das Ende der EU, Zombie-Apokalypse … Goodbye Sommerloch, haut in die Tasten! Statt einer lautstarken Eskalation servierte Mutti zum gestrigen Abendessen dann aber doch wieder nur lauwarme Kartoffelsuppe, also einen faulen Kompromiss mit ungewissem Ausgang. Hauptsache es ist Ruhe im Karton. Merkel bleibt Kanzlerin, Seehofer bleibt Innenminister und Löw bleibt Bundestrainer. Ohnsorg-Theater statt Götterdämmerung. Knallen wird es dagegen auf jeden Fall morgen wieder auf der anderen Seite des Atlantiks, zumindest während der offiziellen Fourth-of-July-Böllerei. Raten Sie mal, auf welche chinesischen Produkte Donald Trump bisher noch keine Strafzölle erhoben hat. Richtig: auf Feuerwerkskörper. Kawumm! War was?

Dufte! (Tabula Rasa in der Echokammer)

Gerade war er noch der Aufreger der Saison, schon ist er aussortiert, wegen mangelnder Nachfrage. Was soll man auch mit einem Preis anfangen, den niemand mehr haben will? „Die Marke Echo sei infolge der jüngsten Preisverleihung so stark beschädigt worden, dass „ein vollständiger Neuanfang notwendig sei, findet der BVMI“. Mit anderen Worten: der ganze Quatsch wird demnächst unter neuem Namen wiederauferstehen. Im Marketing nennt man so etwas Rebranding. Danach wird sicher alles besser, sauberer und transparenter werden. Die Liste der Nominierten wird jedes Jahr vom Ethikrat abgesegnet und auf dem Roten Teppich herrscht Kippa-Zwang. Alles wird gut, liebe Musikindustrie! Nehmen Sie sich ein Beispiel am deutschen Filmpreis: seit dem der vom „Bundesfilmpreis“ zur „Lola“ aufgewertet wurde, geht dort politisch korrekt die Post ab und die Oscars können einpacken. Ebenfalls skandalfrei, aber praktisch unbemerkt, verlief in dieser Woche die Verleihung der Duftstars 2018 – vielleicht auch, weil sich die Preisträger danach rechtzeitig genug verduftet haben. Gibt es einen Preis für die Pressemeldung der Woche? Mein Favorit wäre „Schlägerei nach Oralverkehr in der S-Bahn“, dicht gefolgt von den Nachrichten aus Korea und der Meldung, dass die Kanzlerin in Washington zu ihrem Cheeseburger einen Pinot Grigio bestellte. Es ist doch ein seltsamer Planet, auf dem wir leben.

Dass sowas von sowas kommt …

Ein seltsam erheiterndes Bild war das am gestrigen Abend. Die mächtigste Frau der Welt schob neben mir einen Einkaufswagen an der Käsetheke vorbei. Ja, ich habe die Kanzlerin im Supermarkt gesehen und muss somit meine Aussage vom letzten März korrigieren. Die Eigenwerbung des Ullrich-Verbrauchermarktes in Mitte hat also nicht gelogen, Sie können hier tatsächlich namhafte Politikprominenz auf der Jagd nach frischen Lebensmitteln sichten – auch jene, die das eigene Haltbarkeitsdatum bereits überschritten haben. Was tat ich in diesem Moment? Ich lies meinen Wagen stehen und brach in Gesang aus: „Hast du etwas Zeit für mich? Dann singe ich ein Lied für dich …“ Weiter kam ich nicht, denn schon warf sich mir der Bodygard in den Weg, einen spontanen Wutbürger-Angriff vermutend, mindestens aber einen akustischen Terroranschlag. Es folgte eine turbulente Verfolgungsjagd über die Rolltreppe, während Merkel sich seelenruhig nach dem Preis eines Goudas erkundigte. Atemlos (durch die Nacht) erreichte ich den Ausgang, nun singend ins englische wechselnd: „The president is on the line, as ninety-nine red balloons go by!“ Draußen auf der Straße nahm ich sogleich einen türkischen Journalisten als Geisel und zog mich in den Keller der tschechischen Botschaft zurück, während hinter mir das Feuer eröffnet wurde. Gut, den zweiten Teil dieser Geschichte habe ich ein klein wenig ausgeschmückt, aber es ist gerade wieder Berlinale, da erlaube ich mir ein paar cineastische Bilder.

Apropos nationales Liedgut: Welches ist wohl das populärste deutsche Volkslied der letzten hundert Jahre? Richtig, es ist der Abgesang auf die Sozialdemokratie. Bereits seit 1914 wird es gesungen, besonders leidenschaftlich von ehemaligen Mitgliedern und Anhängern. Es gibt kaum einen neurotischeren Menschenschlag als enttäuschte SPD-Wähler. Stur und wütend singen sie ihr Lied, wahrscheinlich auch noch die nächsten einhundert Jahre lang. Einhundert Gramm Tilbury Gouda kosten bei Ullrich derzeit übrigens nur noch 59 Cents. Beeilen Sie sich, das Angebot gilt nur noch bis heute!

Am Ende musste ich weinen.

Seit einer halben Stunde muss sie aufs Klo. Entsprechend unruhig trommelt sie mit den Fingern auf den Sitzungstisch. Die Präsentation stockt. Die zwei Heinis von der Agentur suchen verzweifelt nach einer vermissten Powerpoint-Folie. Das Trommeln macht die beiden zusätzlich nervös. „Das ist uns jetzt aber wirklich peinlich, Frau Bundeskanzlerin.“ Heini Nr. 1 wischt mit schwitzigen Fingern über sein Laptop, während Heini Nr. 2 verkrampft in die Runde grinst. *Trommel-trommel-trommel* Sie seufzt. Die sind sowieso nur hier, weil ihr Chef die Empfangs-Susi der Jungen Union vögelt. Alle wissen das. Sie schaut jetzt zu Tauber rüber, der ihr das vereinbarte Zeichen gibt. Zweimal die linke Augenbraue nach oben bedeutet: Durchhalten, gleich machen wir Mittagspause. Plötzlich kommen die Heinis doch noch mal richtig in Schwung. Die vermisste Folie ist wieder aufgetaucht. Virales Marketing ist das Thema. Sie reden von Likes und Learnings, und sie präsentieren voller Stolz ein Video mit dem Titel „Sie werden nicht glauben, was dieses krebskranke Entenbaby in Sachsen-Anhalt seiner Mutter zum Geburtstag schenkte. Am Ende musste ich weinen.“ Das Entenbaby heißt Angela. „So stellen wir eine unterschwellig emotionale Bindung zur Kanzlermarke her“, erklärt der Heini Nummer eins. „Laut einer aktuellen Studie identifizieren sich 70 Prozent aller Wähler eher mit einem niedlichen Küken als mit einer politischen Botschaft. In den sozialen Netzwerken sind es sogar 80 Prozent, und bei den AfD-Followern mehr als 95 Prozent.“ Ihr schwirrt der Kopf. Ich fang auch gleich an zu heulen, denkt sie. Die Agentur-Heinis von gestern hatten wenigstens ihre Klappe gehalten, erinnert sie sich. Obwohl sie anfangs nicht gleich verstanden hatte, weshalb. Ja, weshalb hielten die eigentlich ständig bunte Bildchen in die Luft, ohne etwas zu sagen? Tauber hatte ihr schließlich erklärt, dass es sich bei der seltsamen Truppe um die derzeit angesagteste Social-Media-Agentur vom Maybachufer handelte. Deren Spezialität waren „postsprachliche“ Kampagnen, die ausschließlich aus Emojis bestehen. Um diese innovative Idee erlebbar zu machen, wurde auch die Präsentation konsequenterweise komplett mit Emojis abgehalten. Ohne Worte. Zwischenzeitlich hatte sie sich gefühlt wie beim Inklusionsfasching in einer Taubstummen-Kita. „Schauen Sie mal, Frau Merkel, wie süß es watschelt!“, ruft Heini Nr. 1 gerade und holt sie zurück in die Gegenwart. Sie gibt Tauber Zeichen. Dreimal beide Augenbrauen nach oben bedeutet: Sofort abbrechen! „Sehr schön. Vielen Dank, meine Herren!“

„OMG, Angela, OMG! Diesmal wird die Wahl auf Facebook entschieden, auf Twitter und auf BuzzFeed. Die Presse kannst du endgültig in der Pfeife rauchen. Das Kanzlerduell interessiert auch niemanden mehr. Schau mal, wie die Amis das gemacht haben. Wir müssen jetzt ganz andere Kanäle bespielen!“ „Ja ja, ich weiß. Aber doch nicht mit Entenbabies oder tanzenden Kackhaufen mit Gesichtern drauf! Apropos: Ich geh jetzt mal für kleine Mädchen. Wenn ich wiederkomme, will ich endlich ein paar vernünftige Ideen hören, Tauber! Denk doch mal über dieses Gorilla-Marketing nach.“ „Guerilla, Angela, Guerilla!“

Ende 2017: die Schwarz-Rot-Rot-Grün-Gelbe Koalition steht. Die Idee, in letzter Minute eine Gruppe von Studenten der Humboldt-Universität zu engagieren, die mit #MerkelBleibt-Schildern das Kanzleramt besetzten, hat sich ausgezahlt. Zur gleichen Zeit verhandelt Frauke Petry mit den Russen über einen Militäreinsatz zur Stürmung des Regierungsviertels. Und die Empfangs-Susi der Jungen Union ist im siebten Monat schwanger.

Familienaufstellung

Ganz ehrlich: wann haben Sie das letzte Mal Ihre Mutter angerufen und ihr gesagt, wie dankbar Sie ihr sind? Beziehungsweise wie enttäuscht, überfordert, wütend, unter Duck gesetzt, vernachlässigt oder sonstwie emotional ausgelaugt Sie sich fühlen. Vielleicht sprechen Sie aber überhaupt nicht mehr mit Ihrer Mutter. Haben Sie den Kontakt abgebrochen? Liegt sie gar schon unter der Erde, ohne dass Sie die Chance zu einer letzten, alles klärenden Aussprache hatten? Bekommen Sie allein bei dem Gedanken daran marternde Kopfschmerzen, psychosomatische Magenkrämpfe und Tobsuchtsanfälle? Oder lieben Sie Ihre Mutter ganz einfach aus ehrlichem Herzen? Haben Sie Ihren Frieden mit ihr gemacht? Vielleicht mit Hilfe einer Therapie? Analyse? Systemische Beratung? Klangschalen? Elektroschocks? Familienaufstellung? Die Rasselbande vom SPIEGEL hat da längst ihre ganze eigene Form der therapeutischen Aufarbeitung gefunden. Sie lässt ihre Neurosen einfach in regelmäßigen Abständen auf die Titelseite ihres eigenen Magazins photoshoppen. Dort wird aus der Übermutti Merkel dann wahlweise die Verräterin, Trümmerfrau, Geisterfahrerin und schließlich aktuell „Mutter Angela“. Hat sie das alles verdient? Wahrscheinlich.

(Morgen ist Sonntag. Notiz an mich selbst: Mutti anrufen!)

Schock, Hurra und Psychoterror (die Nerven liegen blank)

Apropos Lügenpresse, liebe Nation – lassen Sie uns heute einmal dahin spazieren, wo ein Handwerk betrieben wird, vor dem selbst Kai Diekmann ehrfurchtsvoll auf die Knie fallen muss. Dahin, wo jede Woche die Prominenz gegen Todesängste, Ehekrisen und gemeine Psychosekten kämpft und wo dunkle Orakel die Glamourwelt zerfräsen. Schon meine Oma hatte uns in der Endphase des kalten Krieges gerne diese bunten Heftchen über die Grenze geschmuggelt: Das Goldene Blatt, Die Aktuelle, Frau im Spiegel, Frau mit Herz, Frau mit Katze, Frau mit irgendwas. Tatsächlich hatte ich ursprünglich vor, mein Blog als Hommage an diese Blätter „Frau ohne Gewissen“ zu nennen, leider ist das aber auch der deutsche Titel eines alten Billy-Wilder-Filmes mit Barbara Stanwyck (hatte ich das schon erwähnt?). Bereits damals, also zu Omas Zeiten, haben wir uns beömmelt über die reißerischen Titelseiten im Stile alter Edgar-Wallace-Filme, deren vermeintlich dramatische Hintergründe dann im Innenteil zwischen Backrezepten, Kreuzworträtseln und Stützstrumpf-Annoncen als heiße Luft verpufften. Ja, es ist alles erfunden, es ist schwachsinnig und dreist, ein von skrupellosen Matschbirnen an den Haaren herbeigezogener Unsinn. Aber es funktioniert. Manchmal sogar so gut, dass die Kanzlerin zurücktreten muss. So geschehen Ende der letzten Woche. Alles für die Schlagzeile!

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Diese Kollegen hier befassen sich bereits seit längerer Zeit mit dem Phänomen der bunten Blättchen und klopfen regelmäßig deren schräge Überschriften auf ihren Wahrheitsgehalt ab. Ich betrachte diese Arbeit mit gemischten Gefühlen. Einerseits mag es ehrenhaft erscheinen, die Öffentlichkeit über die Methoden der Klatschblatt-Mafia aufzuklären, andererseits: ist das nicht auch ein wenig so, als würde man jeden Morgen wieder seinen Finger in den frisch dampfenden Haufen des Nachbarhundes stecken, um dann empört auszurufen: „Aha! Stinkt immer noch nach Scheiße!“ … ? Wer dort draußen im Land der Kaffeekränzchen glaubt denn tatsächlich, dass die Familien Jauch, Fischer und Grimaldi Woche für Woche von solch hanebüchenen Schicksals-Schlägen heimgesucht werden? Erfahrungsgemäß sind die Menschen meist klüger als sie von Journalisten, Medienexperten, Kulturwissenschaftlern und sonstigen Studienabbrechern gehalten werden. Gönnt ihnen den Spaß, sage ich. Gebt ihnen ihre Sängerinnen am Randes des Nervenzusammenbruchs, Moderatoren mit 17 unehelichen Kindern und Adlige mit Hodenkrebs! Macht euch locker. Weltfrieden! Hurra!