Kulturmission (Dr. Pfusch macht „Sitz!“ und James Franco darf alles)

Vielleicht haben Sie es noch nicht gehört: Die französische Bulldogge Rocky ist querschnittsgelähmt. Schuld daran ist Dr. Pfusch, aber der macht jetzt „Sitz!“. Soweit zu den heutigen Sternstunden des Boulevard-Journalismus und zur Frage, was die Hauptstadt aktuell so bewegt.

Mich persönlich bewegte gerade eher die Frage, weshalb James Franco überall mit einem Pappkarton von Zalando durch die Gegend läuft. Die Antwort: Zalando möchte auf diese Weise den Mann als Zielgruppe in den Griff bekommen. Endlich. Denn: „Wir shoppen nicht. Wir entscheiden.“ Entscheiden müssen „wir“ Männer uns zunächst einmal für einen „Anlass“, sonst wird das nichts mit der Man Box. Als Anlässe stehen zur Auswahl: On the road, Streetlife, In Form, Kulturmission und Wildes Wochenende. Der wohl naheliegendste Anlass, Um nicht nackt durch die Gegend laufen zu müssen, ist leider nicht dabei. Natürlich hat Zalando die Idee geklaut, zum Beispiel hier. Egal, dafür haben sie ja James Franco. Der hat bei seinem Werbespot sogar selbst Regie geführt. James Franco macht alles und darf grundsätzlich auch alles: schauspielern, Regie führen, malen, kiffen, musizieren, für Zalando oder ALDI modeln und nebenbei den Weltfrieden ausschwitzen. Tatsächlich wäre dieser Planet ein wesentlich freudloserer Ort ohne James Franco, das entscheide ich jetzt einfach mal. Ganz sicher wird er auch bald schon die tragische Lebensgeschichte der Bulldogge Rocky verfilmen. Mit sich selbst in der Hauptrolle.

Alte christliche Bauernregel

Lebt Rita Süssmuth eigentlich noch? Falls ja, dann habe ich ihr am gestrigen Abend vor der britischen Botschaft in die Hacken getreten. Aus Versehen natürlich. Das kann schon mal passieren in dem ganzen Gewimmel. Ich habe mich auch sofort bei ihr entschuldigt. Das Botschaftsgebäude erschien mir während des Hacken-Attentats übrigens überraschend unbewacht (so wie Rita Süssmuth auch). Früher war mehr Lametta, sprich: mehr grimmige, uniformierte Herren mit Sonnenbrillen und Maschinengewehren. Gestern habe ich nur einen gesehen. Auch das Wachpersonal macht offenbar den Brexit. Am Brandenburger Tor gibt es inzwischen auch keine britische Video-Beflaggung mehr, nur noch Sonnenschein und Touristen, die sich bei dem schönen Wetter wie üblich in drei Lagen übereinander stapeln.

Als der Brite Adrian Russell Elms, auch bekannt unter dem Namen Khalid Masood, am 22. März auf der Westminster-Brücke in eine Menschengruppe fuhr, waren im irakischen Mossul bereits über 100 Zivilisten tot geborgen worden, ermordet während eines von US-Truppen geführten Luftangriffs. Die Zahl stammt vom irakischen Militär. Dass überhaupt Zivilisten getötet wurden, scheint auch auf amerikanischer Seite niemand zu bestreiten, eine genaue Zahl möchte man bis jetzt aber lieber nicht bestätigen. Nehmen wir also an, es waren rein hypothetisch über 100 Menschen, die vor einer guten Woche im Krieg gegen den Terror ausradiert wurden. Wenn Sie überhaupt eine Meldung zu diesem Vorfall finden, dann wird diese sehr wahrscheinlich Hinweise auf die hinterhältigen Kampfmethoden des Islamischen Staates enthalten. Denn natürlich ist der IS Schuld an den toten Zivilisten. Der Teufel hat immer Schuld, auch und ganz besonders an den eigenen Verfehlungen – alte christliche Bauernregel. Es ist wichtig, das zu wissen. Um vielleicht auch das eigene Ableben irgendwann entsprechend einordnen zu können. Wenn Sie also in Europa oder in einem vergleichbaren Premium-Spot von einem gestörten Autofahrer überrollt werden, sind Sie das Opfer eines feigen Terror-Anschlags, mit allen medialen Pauken und Trompeten. Werden Sie jedoch in einer persischen Ruinenstadt ganz aus Versehen von einer freiheitlich-demokratischen Bombe getroffen (und das kann schon mal passieren in dem ganzen Gewimmel), so sind Sie nicht mehr als ein bedauerlicher namenloser Kollateralschaden. Was rennen Sie denn auch da unten rum, mitten in der Wüste, unter all den Terroristen?

tibbets.enola

Auf tagesschau.de wird derweil der Frage nachgegangen, wie viele Gedenkstätten und Therapieplätze eigentlich den Überlebenden des Berliner Weihnachtsmarkt-Anschlages vom letzten Dezember zustehen.

Gypsys, tramps and tweets

Wissen Sie, wer fast genauso gerne und viel twittert wie der aktuelle amerikanische Präsident? Cher. Ja, genau. Die gute alte „I got you babe“-, „Gypsys tramps and thieves“-, „If I could turn back time“-, mondsüchtige, großartige Cher. Als diese vor einiger Zeit mal per Twitter gefragt wurde, wie sie denn den Geburtstag ihrer Kollegin Madonna gefeiert hat, zwitscherte sie zurück: Mit einer Darmspiegelung. Natürlich war die Frage damals ironisch gemeint, die Antwort ebenso. Die beiden Diven waren viele Jahre lang nicht gut aufeinander zu sprechen, so hieß es. Nun wurden sie am Rande des gestrigen Women’s March in Washington einträchtig nebeneinander gesichtet. Und mit ihnen (also außerhalb des VIP-Zeltes) hunderttausende weiterer Frauen. Donald Trump: bringing women together since 2017. Cher twittert weiter. Donald ebenso. Zwei glitzernde siebzigjährige Exzentriker, die ganz genau verstanden haben, wie das heute funktioniert mit den Medien und der Aufmerksamkeit. Now go and hashtag THAT!

Siebzehn Euro fuffzich

Heute mache ich mir ein paar bunte Gedanken zu einem eher grauen Thema. Ich bezahle seit ungefähr zwei Jahren den obligatorischen „Rundfunkbeitrag“. Mehr oder weniger regelmäßig. Ja, es war ein eher ruckeliger Start mit mir und den eintreibenden Behörden, die ersten Brocken habe ich nachträglich und nur unter Androhung von Zwangsmaßnahmen überwiesen. Ab diesem Jahr aber, so lautet mein edler Vorsatz, werde ich meine 17,50 Euro nun auch brav monatlich entrichten. Was bekomme ich dafür? Nichts. Jedenfalls nichts, worum ich gebeten habe. Drei Dutzend aufgekratzte Quiz-Sendungen, depressive Kriminalbeamte, endloses Gequassel und ein Unterhaltungsprogramm weit jenseits meiner Schmerzgrenze. Kann man machen, aber weshalb soll ich das finanzieren? Sie sehen, ich bin ein GEZ-Muffel alter Schule. Da ich aber nicht hinter Gittern weitermuffeln möchte, lüge ich mir den staatlichen Zwang nun als altruistische Maßnahme zurecht. Marietta Slomka möchte anbauen? Aber sicher. Dieter Nuhr braucht neue Winterreifen? Ich verstehe. Für das Catering der nächsten Inga-Lindström-Verfilmung fehlen noch ein paar Lachsbrötchen? Kein Problem, ich überweise gerne. Und auch die WDR-Redakteurin Elke Thommessen möchte versorgt werden. Aktuell kommt sie ihrem Bildungsauftrag nach, indem sie Serdar Somuncu verklagt. Das ist sicher recht anstrengend, kostet Zeit und Nerven (und vielleicht auch das ein oder andere Lachsbrötchen). Katsching! Herrn Somuncus Reaktion darauf ist konsequent, das muss man ihm lassen: Er wird einfach Bundesanzler. File under: Der längere Hebel.

When the saints go marching in

Wer sich mit der S-Bahnlinie 5 auf der Ost-West-Achse durch Berlin bewegt, hört dieses schöne Lied mehrmals am Tag. Seit Jahren gehört es zum festen Repertoire der dreiköpfigen rumänischen Unterhaltungstruppe, die hier die Reisenden beglückt. Früher hatten sie ab und zu noch La Bamba eingestreut, inzwischen aber gibt es nur noch When the saints go marching in … frisch aus dem klapprigen Verstärker, untermalt von altersschwachen Flohmarkt-Trompeten und lautstarkem „Gesang“. Keine dreißig Sekunden dauert die Vorstellung, dann geht der Pappbecher herum und die drei Heiligen hüpfen bereits in den nächsten Wagon.

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Was Sie hier sehen, meine sehr verehrten Leser, ist das Foto des Jahres. Zumindest für mich. Tatsächlich finde ich dieses Bild wunderschön. Es sieht aus wie eine Kunst-Installation, perfekt komponiert und ausgeleuchtet. Schließlich war es auch ein Ausstellungsraum, in dem der russische Botschafter in Istanbul erschossen wurde. Sehen Sie die putzigen Bilder mit den russischen Basiliken im Hintergrund? Darunter liegt die Brille des Botschafters. Ein Attentat vor laufender Kamera – für so etwas würden CNN-Reporter ihre eigene Großmutter hinrichten. Ein Attentäter, der sie direkt ansieht, mit der Kanone fuchtelt und ihnen seine Botschaft neben der noch warmen Leiche in High Definition entgegenbrüllt. Bingo! Stattdessen müssen sie meist mit wackeligen Handy-Bildern vorlieb nehmen. Die gab es in diesem Jahr wieder reichlich und in Dauerschleife. Der allmächtige Herrgott segne die Firmen Apple, Samsung und Nokia! Oder um es mit den Worten des jungen Mannes auf dem Foto zu sagen: „Allahu Akbar!“ Oh when the saints go marching in … Wackeln heißt live, wackeln heißt Action! Die restliche Sendezeit (maximal zwei Tage pro Anschlag) wird mit dem Mikrophon vor einem ehemaligen und nichtssagenden Tatort herumgestanden. Was ihnen bleibt in dieser schweren Zeit, ist die Hoffnung, dass es möglichst bald wieder irgendwo anders knallt, und dass dann wieder jemand rechtzeitig mit dem Smartphone wackelt. Tapetenwechsel für müdegeplapperte Journalisten.

Most of the Mostest!

Was bekommt man, wenn die 100 kreativsten Business People für die 50 innovativsten Unternehmen der Welt arbeiten und dabei die 125 Geheimnisse der produktivsten Menschen anwenden? Fliegende Autos? Sprechende Toaster? Freie Energie? Weltfrieden? Oder doch nur die Zahl 275? Denken Sie mal drüber nach! Dieser Beitrag wurde Ihnen präsentiert von den 39 brillantesten Köpfen unter 49, inspiriert von den 66 behämmertsten Zeitschriftentiteln der letzten 20 Jahre.

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Ich hab noch eine Leiche in Berlin (Die Zahl des Tieres)

„An diesem Wochenende richtete sich Claus-Brunner mit Stromschlägen selbst. Dafür hatte er Kabel abisoliert und an seinen Handgelenken befestigt. Als gelernter Mechatroniker wusste er, wie er die Sicherungen überbrücken musste. Dann betätigte er den Lichtschalter, knipste regelrecht sein Leben aus.“ (Berliner Kurier)

Die Piratenpartei macht ein letztes Mal Schlagzeilen. Und was für welche! Sex, Stalking, Kabel und verwesende Leichen – in der Hauptstadt wird es wirklich nie langweilig. Wem das alles aber noch nicht gruselig genug ist, dem darf ich mitteilen: die Wahlbeteiligung lag am vergangenen Sonntag offiziellen Angaben zufolge bei genau 66,6 Prozent. Nicht nur bibeltreue Christen, rituelle Selbstmörder, Hobby-Magier und Iron-Maiden-Fans wissen, was das bedeutet. Schon erhebt sich das Tier aus dem Wasser der Spree. Drei Köpfe hat das Tier: Rot, Grün und Violett. Und siehe: Es wird ihm Vollmacht gegeben über jeden Volksstamm und jede Sprache, jeden Radweg, jeden Hundehaufen, jeden Puff und jedes Finanzamt. So steht es geschrieben. So ähnlich zumindest.

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