Worst. Job. Ever.

You’re nothing but a dirty, dirty old man
You do your thinking with a one track mind
Keep talkin‘ about heaven glory
but on your face is a different story

(Nina Simone, Funkier than a Mosquito’s Tweeter)

Wenn Donald Trump versucht, als Präsident ein „Problem“ zu lösen, macht er mindestens zwölf neue auf, das ist inzwischen bekannt. Eine Frage, die mich seit seinem Wahlkampf begleitet: Ist Trump die Endstufe des republikanischen Traums? Wie lange dauert es wohl noch, bis er sie alle mit in den Abgrund reißt? Und wie tief wird dieser Abgrund eigentlich sein? Es spielt keine Rolle. Sie werden es sowieso den Demokraten und der linksliberalen Presse in die Schuhe schieben, und die wiederum den Russen. Donald Trump spielt nicht nach den Regeln, auch das ist bekannt. Trump tritt nicht in Fettnäpfchen, er legt sich in zehn Meter breite Kuhfladen, mit dem Gesicht zuerst. Wie sich das anfühlen muss, seinen Boss aus einem dieser stinkenden Haufen wieder herauszureden, konnte man in dieser Woche am Gesicht von Sarah Huckabee Sanders ablesen, der temporären Ersatz-Dampframme von Sean Spicer. Am Mittwoch – kurz nach der Entlassung des FBI-Chefs, Trumps bisher wohl größter Kuhfladen-Aktion – trat Frau Huckabee vor die amerikanische Presse und erklärte in ihrem Eröffnungs-Statement, dass heute der Geburtstag ihrer Tochter Scarlett sei und die Journalisten daher bitte „nett“ zu sein haben. Fun Fact: der Vater von Sarah Huckabee Sanders, Mike Huckabee, ist der Lieblings-Politiker von Chuck Norris. Und ja, sie hat ironischerweise einen Mr. Sanders geheiratet, und ja, sie hat gerade die Journalisten gebeten, nett zu ihr zu sein – schließlich hat doch die kleine Scarlett heute Geburtstag, verdammt noch mal! Hätte Mel Brooks in den 70er Jahren eine Science Fiction Komödie über das Weiße Haus im Jahre 2017 gedreht, hätte sie ganz genau so ausgesehen.

Nicht nur CNN bezeichnet Donald Trump mittlerweile offen als geistesgestört. Auch Sarah Huckabee Sanders wird wissen, dass ihr Präsident nicht alle Tassen im Schrank hat, und dass es eigentlich vollkommen egal ist, was sie oder ihre Kollegen da jeden Tag auf den Presse-Briefings vortanzen, da Trump sowieso nur noch per Twitter, Fox News und innerhalb seiner eigenen Echokammer kommuniziert. Als Mami Huckabee begriff, dass niemand ihrer Bitte nach Nettigkeit nachkommen würde, entgleiste ihr recht schnell die Mimik. Es würde mich nicht wundern, wenn sie an diesem Mittwoch auf Scarletts Geburtstagsparty noch ein wenig Guantanamo mit den lieben Kleinen gespielt hat. Irgendwo muss der Druck schließlich hin.

Female Trouble

Es war eine dieser Dinner Parties, wie sie in fast jeder Folge stattfinden. Die Frauen kamen zusammen, begrüßten sich überschwänglich, Bussi links, Bussi rechts, sie tranken ein paar Gläser eisgekühlten Pinot Grigio und plauderten. Ein Drehbuch brauchten sie nicht, denn die Dynamik ihrer Zusammenkunft würde von ganz alleine dazu führen, dass die Stimmung nach nur wenigen Minuten dramatisch kippt. Es würde eine Konfrontation geben, keine Frage. Mindestens zwei der Frauen würden dann hysterisch herumschreien, sich gegenseitig ihre Drinks ins Gesicht kippen und wutentbrannt die Szene verlassen. Tränen, Close-Ups und … Cut!

Andy Cohen kommt in die Hölle. Zumindest wenn es nach den Tugendwächtern gediegener Unterhaltungskultur geht. Ich mag Andy Cohen, aber ich komme ja selbst auch in die Hölle. Andy ist ein kleiner Junge Ende vierzig, der sich im Süßwarenladen der US-amerikanischen Medienlandschaft reich und zufrieden gefuttert hat. Und der darüber immer noch jeden einzelnen Tag abwechselnd staunen und hysterisch kichern kann. Andy Cohen ist Produzent, TV- und Radio-Moderator, Autor und Society-Luder  – ein Hans Dampf in allen glitzernden Gassen. In New York ist er der Nachbar von Sally Field, der beste Freund von Sarah Jessica Parker und Anderson Cooper sowie überhaupt mit allem bekannt und vernetzt, was Rang, Namen und mindestens drei Platin American Express-Kärtchen besitzt. Vor allem aber ist er der Mastermind hinter den Real Housewives of (New York, Beverly Hills, Atlanta uws. – sie breiten sich aus wie Metastasen) … Dingenskirchen, einem der erfolgreichsten Reality-Trash-Programme der letzten Jahre. Das Rezept ähnelt dem vergleichbarer Formate: ein Haufen Wahnsinniger macht sich vor der Kamera zum Affen. Im Fall der Housewives-Serien ist das eine Gruppe überspannter Luxusweiber, die sich mit künstlich inszenierten Dramen gegenseitig durch die Gegend mobbt. Es ist wie auf dem Schulhof eines sozialen Problembezirkes. Nur dreißig Jahre später, mit jeder Menge Bling, Botox und Xanax. Aber es funktioniert. Einige der Housewives haben durch diese Sendung bereits sehr lukrative Medienkarrieren hingelegt. Damit ist eigentlich alles gesagt. Sollten Sie noch nichts von diesem Elend dieser faszinierenden Welt gehört haben und sich vielleicht gerade ein wenig von den französischen Präsidentschaftswahlen ablenken wollen (und auf diesem Wege gleich noch gratis ein paar Gehirnzellen verlieren wollen), dann schauen Sie doch mal hier.

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See you in Hell, Andy! (Quelle: instagram.com/bravoandy)

Was hatte ich erwartet? Nur weil Freundin X mir wieder einmal – ganz ehrlich und ganz im Vertrauen – erzählt hatte, wie kaputt das Leben von Freundin Y ist, was das für eine überspannte Ziege sei, wie die ihren Mann betrügt und er sie natürlich auch, dass sie über ihre Verhältnisse lebt, ihre Kinder nicht richtig erzieht, schwer alkoholabhängig ist und sicher bald in der Psychiatrie landen wird, heißt das noch lange nicht, dass X und Y nicht die allerbesten Freundinnen sind und immer füreinander da sein werden. Natürlich. So funktionieren Frauenfreundschaften. Zumindest einige. Glauben Sie mir, ich habe es erlebt. Die Housewives sind real und sie sind überall. Zum Wohl!

Kulturmission (Dr. Pfusch macht „Sitz!“ und James Franco darf alles)

Vielleicht haben Sie es noch nicht gehört: Die französische Bulldogge Rocky ist querschnittsgelähmt. Schuld daran ist Dr. Pfusch, aber der macht jetzt „Sitz!“. Soweit zu den heutigen Sternstunden des Boulevard-Journalismus und zur Frage, was die Hauptstadt aktuell so bewegt.

Mich persönlich bewegte gerade eher die Frage, weshalb James Franco überall mit einem Pappkarton von Zalando durch die Gegend läuft. Die Antwort: Zalando möchte auf diese Weise den Mann als Zielgruppe in den Griff bekommen. Endlich. Denn: „Wir shoppen nicht. Wir entscheiden.“ Entscheiden müssen „wir“ Männer uns zunächst einmal für einen „Anlass“, sonst wird das nichts mit der Man Box. Als Anlässe stehen zur Auswahl: On the road, Streetlife, In Form, Kulturmission und Wildes Wochenende. Der wohl naheliegendste Anlass, Um nicht nackt durch die Gegend laufen zu müssen, ist leider nicht dabei. Natürlich hat Zalando die Idee geklaut, zum Beispiel hier. Egal, dafür haben sie ja James Franco. Der hat bei seinem Werbespot sogar selbst Regie geführt. James Franco macht alles und darf grundsätzlich auch alles: schauspielern, Regie führen, malen, kiffen, musizieren, für Zalando oder ALDI modeln und nebenbei den Weltfrieden ausschwitzen. Tatsächlich wäre dieser Planet ein wesentlich freudloserer Ort ohne James Franco, das entscheide ich jetzt einfach mal. Ganz sicher wird er auch bald schon die tragische Lebensgeschichte der Bulldogge Rocky verfilmen. Mit sich selbst in der Hauptrolle.

Alte christliche Bauernregel

Lebt Rita Süssmuth eigentlich noch? Falls ja, dann habe ich ihr am gestrigen Abend vor der britischen Botschaft in die Hacken getreten. Aus Versehen natürlich. Das kann schon mal passieren in dem ganzen Gewimmel. Ich habe mich auch sofort bei ihr entschuldigt. Das Botschaftsgebäude erschien mir während des Hacken-Attentats übrigens überraschend unbewacht (so wie Rita Süssmuth auch). Früher war mehr Lametta, sprich: mehr grimmige, uniformierte Herren mit Sonnenbrillen und Maschinengewehren. Gestern habe ich nur einen gesehen. Auch das Wachpersonal macht offenbar den Brexit. Am Brandenburger Tor gibt es inzwischen auch keine britische Video-Beflaggung mehr, nur noch Sonnenschein und Touristen, die sich bei dem schönen Wetter wie üblich in drei Lagen übereinander stapeln.

Als der Brite Adrian Russell Elms, auch bekannt unter dem Namen Khalid Masood, am 22. März auf der Westminster-Brücke in eine Menschengruppe fuhr, waren im irakischen Mossul bereits über 100 Zivilisten tot geborgen worden, ermordet während eines von US-Truppen geführten Luftangriffs. Die Zahl stammt vom irakischen Militär. Dass überhaupt Zivilisten getötet wurden, scheint auch auf amerikanischer Seite niemand zu bestreiten, eine genaue Zahl möchte man bis jetzt aber lieber nicht bestätigen. Nehmen wir also an, es waren rein hypothetisch über 100 Menschen, die vor einer guten Woche im Krieg gegen den Terror ausradiert wurden. Wenn Sie überhaupt eine Meldung zu diesem Vorfall finden, dann wird diese sehr wahrscheinlich Hinweise auf die hinterhältigen Kampfmethoden des Islamischen Staates enthalten. Denn natürlich ist der IS Schuld an den toten Zivilisten. Der Teufel hat immer Schuld, auch und ganz besonders an den eigenen Verfehlungen – alte christliche Bauernregel. Es ist wichtig, das zu wissen. Um vielleicht auch das eigene Ableben irgendwann entsprechend einordnen zu können. Wenn Sie also in Europa oder in einem vergleichbaren Premium-Spot von einem gestörten Autofahrer überrollt werden, sind Sie das Opfer eines feigen Terror-Anschlags, mit allen medialen Pauken und Trompeten. Werden Sie jedoch in einer persischen Ruinenstadt ganz aus Versehen von einer freiheitlich-demokratischen Bombe getroffen (und das kann schon mal passieren in dem ganzen Gewimmel), so sind Sie nicht mehr als ein bedauerlicher namenloser Kollateralschaden. Was rennen Sie denn auch da unten rum, mitten in der Wüste, unter all den Terroristen?

tibbets.enola

Auf tagesschau.de wird derweil der Frage nachgegangen, wie viele Gedenkstätten und Therapieplätze eigentlich den Überlebenden des Berliner Weihnachtsmarkt-Anschlages vom letzten Dezember zustehen.

Gypsys, tramps and tweets

Wissen Sie, wer fast genauso gerne und viel twittert wie der aktuelle amerikanische Präsident? Cher. Ja, genau. Die gute alte „I got you babe“-, „Gypsys tramps and thieves“-, „If I could turn back time“-, mondsüchtige, großartige Cher. Als diese vor einiger Zeit mal per Twitter gefragt wurde, wie sie denn den Geburtstag ihrer Kollegin Madonna gefeiert hat, zwitscherte sie zurück: Mit einer Darmspiegelung. Natürlich war die Frage damals ironisch gemeint, die Antwort ebenso. Die beiden Diven waren viele Jahre lang nicht gut aufeinander zu sprechen, so hieß es. Nun wurden sie am Rande des gestrigen Women’s March in Washington einträchtig nebeneinander gesichtet. Und mit ihnen (also außerhalb des VIP-Zeltes) hunderttausende weiterer Frauen. Donald Trump: bringing women together since 2017. Cher twittert weiter. Donald ebenso. Zwei glitzernde siebzigjährige Exzentriker, die ganz genau verstanden haben, wie das heute funktioniert mit den Medien und der Aufmerksamkeit. Now go and hashtag THAT!

Siebzehn Euro fuffzich

Heute mache ich mir ein paar bunte Gedanken zu einem eher grauen Thema. Ich bezahle seit ungefähr zwei Jahren den obligatorischen „Rundfunkbeitrag“. Mehr oder weniger regelmäßig. Ja, es war ein eher ruckeliger Start mit mir und den eintreibenden Behörden, die ersten Brocken habe ich nachträglich und nur unter Androhung von Zwangsmaßnahmen überwiesen. Ab diesem Jahr aber, so lautet mein edler Vorsatz, werde ich meine 17,50 Euro nun auch brav monatlich entrichten. Was bekomme ich dafür? Nichts. Jedenfalls nichts, worum ich gebeten habe. Drei Dutzend aufgekratzte Quiz-Sendungen, depressive Kriminalbeamte, endloses Gequassel und ein Unterhaltungsprogramm weit jenseits meiner Schmerzgrenze. Kann man machen, aber weshalb soll ich das finanzieren? Sie sehen, ich bin ein GEZ-Muffel alter Schule. Da ich aber nicht hinter Gittern weitermuffeln möchte, lüge ich mir den staatlichen Zwang nun als altruistische Maßnahme zurecht. Marietta Slomka möchte anbauen? Aber sicher. Dieter Nuhr braucht neue Winterreifen? Ich verstehe. Für das Catering der nächsten Inga-Lindström-Verfilmung fehlen noch ein paar Lachsbrötchen? Kein Problem, ich überweise gerne. Und auch die WDR-Redakteurin Elke Thommessen möchte versorgt werden. Aktuell kommt sie ihrem Bildungsauftrag nach, indem sie Serdar Somuncu verklagt. Das ist sicher recht anstrengend, kostet Zeit und Nerven (und vielleicht auch das ein oder andere Lachsbrötchen). Katsching! Herrn Somuncus Reaktion darauf ist konsequent, das muss man ihm lassen: Er wird einfach Bundesanzler. File under: Der längere Hebel.

When the saints go marching in

Wer sich mit der S-Bahnlinie 5 auf der Ost-West-Achse durch Berlin bewegt, hört dieses schöne Lied mehrmals am Tag. Seit Jahren gehört es zum festen Repertoire der dreiköpfigen rumänischen Unterhaltungstruppe, die hier die Reisenden beglückt. Früher hatten sie ab und zu noch La Bamba eingestreut, inzwischen aber gibt es nur noch When the saints go marching in … frisch aus dem klapprigen Verstärker, untermalt von altersschwachen Flohmarkt-Trompeten und lautstarkem „Gesang“. Keine dreißig Sekunden dauert die Vorstellung, dann geht der Pappbecher herum und die drei Heiligen hüpfen bereits in den nächsten Wagon.

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Was Sie hier sehen, meine sehr verehrten Leser, ist das Foto des Jahres. Zumindest für mich. Tatsächlich finde ich dieses Bild wunderschön. Es sieht aus wie eine Kunst-Installation, perfekt komponiert und ausgeleuchtet. Schließlich war es auch ein Ausstellungsraum, in dem der russische Botschafter in Istanbul erschossen wurde. Sehen Sie die putzigen Bilder mit den russischen Basiliken im Hintergrund? Darunter liegt die Brille des Botschafters. Ein Attentat vor laufender Kamera – für so etwas würden CNN-Reporter ihre eigene Großmutter hinrichten. Ein Attentäter, der sie direkt ansieht, mit der Kanone fuchtelt und ihnen seine Botschaft neben der noch warmen Leiche in High Definition entgegenbrüllt. Bingo! Stattdessen müssen sie meist mit wackeligen Handy-Bildern vorlieb nehmen. Die gab es in diesem Jahr wieder reichlich und in Dauerschleife. Der allmächtige Herrgott segne die Firmen Apple, Samsung und Nokia! Oder um es mit den Worten des jungen Mannes auf dem Foto zu sagen: „Allahu Akbar!“ Oh when the saints go marching in … Wackeln heißt live, wackeln heißt Action! Die restliche Sendezeit (maximal zwei Tage pro Anschlag) wird mit dem Mikrophon vor einem ehemaligen und nichtssagenden Tatort herumgestanden. Was ihnen bleibt in dieser schweren Zeit, ist die Hoffnung, dass es möglichst bald wieder irgendwo anders knallt, und dass dann wieder jemand rechtzeitig mit dem Smartphone wackelt. Tapetenwechsel für müdegeplapperte Journalisten.