Kulturmission (Dr. Pfusch macht „Sitz!“ und James Franco darf alles)

Vielleicht haben Sie es noch nicht gehört: Die französische Bulldogge Rocky ist querschnittsgelähmt. Schuld daran ist Dr. Pfusch, aber der macht jetzt „Sitz!“. Soweit zu den heutigen Sternstunden des Boulevard-Journalismus und zur Frage, was die Hauptstadt aktuell so bewegt.

Mich persönlich bewegte gerade eher die Frage, weshalb James Franco überall mit einem Pappkarton von Zalando durch die Gegend läuft. Die Antwort: Zalando möchte auf diese Weise den Mann als Zielgruppe in den Griff bekommen. Endlich. Denn: „Wir shoppen nicht. Wir entscheiden.“ Entscheiden müssen „wir“ Männer uns zunächst einmal für einen „Anlass“, sonst wird das nichts mit der Man Box. Als Anlässe stehen zur Auswahl: On the road, Streetlife, In Form, Kulturmission und Wildes Wochenende. Der wohl naheliegendste Anlass, Um nicht nackt durch die Gegend laufen zu müssen, ist leider nicht dabei. Natürlich hat Zalando die Idee geklaut, zum Beispiel hier. Egal, dafür haben sie ja James Franco. Der hat bei seinem Werbespot sogar selbst Regie geführt. James Franco macht alles und darf grundsätzlich auch alles: schauspielern, Regie führen, malen, kiffen, musizieren, für Zalando oder ALDI modeln und nebenbei den Weltfrieden ausschwitzen. Tatsächlich wäre dieser Planet ein wesentlich freudloserer Ort ohne James Franco, das entscheide ich jetzt einfach mal. Ganz sicher wird er auch bald schon die tragische Lebensgeschichte der Bulldogge Rocky verfilmen. Mit sich selbst in der Hauptrolle.

Masters of scum, Mothers of Invention

Gelegentlich bilde ich mich auf eigene Kosten weiter, genauer gesagt: ich kaufe mir ein überteuertes Fachmagazin und beömmele mich über das stetig wachsende Arsenal an Bullshit-Vokabular in meiner Branche (also der Branche, durch die ich immer noch den größten Teil meines Einkommens generiere). Besonders im Bereich der Arbeitsbezeichnungen gibt es viel zu lachen. So las ich gerade erst von einem jungen Mann, der als Head of Delivery und Scrum Master vorgestellt wurde. Bitte sehen Sie von aufklärerischen Kommentaren oder Wikipedia-Verlinkungen ab – ich weiß, was diese Begriffe bedeuten. Die größte Weiterbildungs-Maschine unserer Zeit heißt schließlich Google. Sollten Sie stattdessen aber die Mutter des Scrum Masters befragen, was ihr Sohn denn so beruflich macht, wird die Ihnen wahrscheinlich antworten: Was mit Internet. Mütter bringen es immer am besten auf den Punkt. Befragen Sie daher auch die Mütter von Digital Evangelists, von Lead Unit Business Directors und Client Awareness Developing Coaches, die Mütter von Reason Why Strategists und auch die von Branding Experience Consultants. Ich sage: Im Wissen der Mütter liegt die Weisheit der Welt. With kind regards, Ihr Senior Head of Kitchen Poetry und Hustendrops vom Dienst.

Am Ende musste ich weinen.

Seit einer halben Stunde muss sie aufs Klo. Entsprechend unruhig trommelt sie mit den Fingern auf den Sitzungstisch. Die Präsentation stockt. Die zwei Heinis von der Agentur suchen verzweifelt nach einer vermissten Powerpoint-Folie. Das Trommeln macht die beiden zusätzlich nervös. „Das ist uns jetzt aber wirklich peinlich, Frau Bundeskanzlerin.“ Heini Nr. 1 wischt mit schwitzigen Fingern über sein Laptop, während Heini Nr. 2 verkrampft in die Runde grinst. *Trommel-trommel-trommel* Sie seufzt. Die sind sowieso nur hier, weil ihr Chef die Empfangs-Susi der Jungen Union vögelt. Alle wissen das. Sie schaut jetzt zu Tauber rüber, der ihr das vereinbarte Zeichen gibt. Zweimal die linke Augenbraue nach oben bedeutet: Durchhalten, gleich machen wir Mittagspause. Plötzlich kommen die Heinis doch noch mal richtig in Schwung. Die vermisste Folie ist wieder aufgetaucht. Virales Marketing ist das Thema. Sie reden von Likes und Learnings, und sie präsentieren voller Stolz ein Video mit dem Titel „Sie werden nicht glauben, was dieses krebskranke Entenbaby in Sachsen-Anhalt seiner Mutter zum Geburtstag schenkte. Am Ende musste ich weinen.“ Das Entenbaby heißt Angela. „So stellen wir eine unterschwellig emotionale Bindung zur Kanzlermarke her“, erklärt der Heini Nummer eins. „Laut einer aktuellen Studie identifizieren sich 70 Prozent aller Wähler eher mit einem niedlichen Küken als mit einer politischen Botschaft. In den sozialen Netzwerken sind es sogar 80 Prozent, und bei den AfD-Followern mehr als 95 Prozent.“ Ihr schwirrt der Kopf. Ich fang auch gleich an zu heulen, denkt sie. Die Agentur-Heinis von gestern hatten wenigstens ihre Klappe gehalten, erinnert sie sich. Obwohl sie anfangs nicht gleich verstanden hatte, weshalb. Ja, weshalb hielten die eigentlich ständig bunte Bildchen in die Luft, ohne etwas zu sagen? Tauber hatte ihr schließlich erklärt, dass es sich bei der seltsamen Truppe um die derzeit angesagteste Social-Media-Agentur vom Maybachufer handelte. Deren Spezialität waren „postsprachliche“ Kampagnen, die ausschließlich aus Emojis bestehen. Um diese innovative Idee erlebbar zu machen, wurde auch die Präsentation konsequenterweise komplett mit Emojis abgehalten. Ohne Worte. Zwischenzeitlich hatte sie sich gefühlt wie beim Inklusionsfasching in einer Taubstummen-Kita. „Schauen Sie mal, Frau Merkel, wie süß es watschelt!“, ruft Heini Nr. 1 gerade und holt sie zurück in die Gegenwart. Sie gibt Tauber Zeichen. Dreimal beide Augenbrauen nach oben bedeutet: Sofort abbrechen! „Sehr schön. Vielen Dank, meine Herren!“

„OMG, Angela, OMG! Diesmal wird die Wahl auf Facebook entschieden, auf Twitter und auf BuzzFeed. Die Presse kannst du endgültig in der Pfeife rauchen. Das Kanzlerduell interessiert auch niemanden mehr. Schau mal, wie die Amis das gemacht haben. Wir müssen jetzt ganz andere Kanäle bespielen!“ „Ja ja, ich weiß. Aber doch nicht mit Entenbabies oder tanzenden Kackhaufen mit Gesichtern drauf! Apropos: Ich geh jetzt mal für kleine Mädchen. Wenn ich wiederkomme, will ich endlich ein paar vernünftige Ideen hören, Tauber! Denk doch mal über dieses Gorilla-Marketing nach.“ „Guerilla, Angela, Guerilla!“

Ende 2017: die Schwarz-Rot-Rot-Grün-Gelbe Koalition steht. Die Idee, in letzter Minute eine Gruppe von Studenten der Humboldt-Universität zu engagieren, die mit #MerkelBleibt-Schildern das Kanzleramt besetzten, hat sich ausgezahlt. Zur gleichen Zeit verhandelt Frauke Petry mit den Russen über einen Militäreinsatz zur Stürmung des Regierungsviertels. Und die Empfangs-Susi der Jungen Union ist im siebten Monat schwanger.

Willkommen im Panic Room, bitte nehmen Sie Platz!

Na? Ist er noch da, der Kick? Der Kitzel? Dieser gruselige Schauer, der Sie heute morgen überfiel, als Sie die frohe Kunde aus den USA ereilte? Schieben Sie noch immer Panik? Rast Ihr Herz in einem besorgniserregenden Tempo? Ist Ihr Adrenalin-Pegel auf einem neuen Rekordstand? Gehen Ihnen die Facebook-Memes aus? Sind Sie schon vollkommen durchgedreht und knabbern an der Tischkante? Geben Sie mir die Hand und atmen Sie tief durch. Eins, zwei drei … Ja, genau so. Ich habe auch nicht damit gerechnet, nein, das gebe ich ehrlich zu. Meine Eignung als politisches Orakel scheint begrenzt zu sein. Aber wissen Sie was? Es ist gut, sich der eigenen Angst und Ohnmacht zu stellen. Es kann sogar sehr heilsam sein. Und sorgen Sie sich nicht darum, ob Ihre verdammte Krankenkasse dafür die Kosten übernimmt (die wird sowieso bald abgeschafft), denn diese Therapie gibt es vollkommen gratis. Schauen Sie Ihrer Angst stattdessen direkt ins Gesicht. Donald Trump mag ein größenwahnsinniger Hallodri sein, der es meisterhaft verstanden hat, den schöngeistigen Teil der Menscheit verbal die Wände hochzutreiben. Was er aber ganz sicher nicht ist: Adolf Hitler. In New York haben nun mal alle eine große Klappe. Das brauchen sie auch, denn anders können sie dort gar nicht überleben. Weder Nine Eleven noch die strickenden Hipster aus Brooklyn haben aus der Stadt einen Streichelzoo machen können. Donald, die alte Knallcharge, he tells it like it is! Dafür lieben ihn seine Anhänger. Sehr wahrscheinlich hat er ihnen aber auch eine ganze Menge Zeug erzählt, an das er sich in in einigen Monaten nicht mehr erinnern wird. Oder erinnern will. The more you tell, the more you sell. Wollt ihr euer eigenes Casino? Mit goldenen Badewannen? Noch ein Swimming Pool auf’s Dach? Wer will den Chinesen mal so richtig in den Arsch treten? Oder der deutschen Kanzlerin? Dem Islamischen Staat? Kein Problem! Jetzt geht hier die Post ab. Oder auch nicht. Spannend wird es auf jeden Fall. Also nehmen Sie schon mal Platz. Wollen Sie Popcorn? Mittlere Größe? XXL? Jetzt seien Sie mal nicht so bescheiden! Sie Loser!

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Steht nicht auf Verlierer: Amerikas künftige First Lady.

 

Die Nachgeburt

Bitte gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen! Also wirklich, bitte verlassen Sie den Tatort, Sie behindern hier nur die Ermittlungsarbeit mit Ihrer dummen Gafferei! Oder wollen Sie wirklich live und in Echtzeit dabei zuschauen, wie ich erfolglos versuche, die neueste Veröffentlichung von Alexa Hennig von Lange zu ignorieren? Na gut. Sollten Sie sich noch an die Zeit kurz vor dem Millennium erinnern können, dann lässt der Name Alexa Dingens von Bummens vielleicht noch die ein oder andere Glocke in Ihrem Gedächtnis läuten. Das war jene sommersprossige junge Dame, die mit ihren crazy Jugendbüchern durch die Medien gereicht wurde, zeitgleich mit Benjamin von Stuckrad-Barre. Ohne ein „von“ hat es die Popliteratur damals nicht gemacht. Die Rolle des tragischen Berliner Partymädchens habe ich ihr damals schon nicht abgekauft, sondern eher als mediokre Travestie empfunden. Aber so lief das in den 90ern: man kam irgendwo aus der westfälischen Provinz zum Studieren oder Arbeiten in die Techno-Hauptstadt, zog dreimal eine Nase Koks in irgendeinem Kellerclub in Mitte, drehte mal richtig frei auf dem Kopfsteinpflaster, und schon war man der Nabel der Welt – es winkten Buchverträge und Auftritte bei Harald Schmidt. Dann kam Charlotte Roche und es wurde alles noch viel schlimmer (merke: schlimmer geht immer!)

Fast 20 Jahre später haben sich die Themen der einst flippigen Autorin naturgemäß etwas verändert. Es treten auf: fünf Kinder, ein Ehemann und ein Apfelgarten in der Uckermark. Oder irgendwo da in der Nähe. Auf jeden Fall in Brandenburg, in der „Region“. Dort nisten sich schon seit Jahren die gestressten Vertreter der Berliner Kulturszene ein, kaufen alte Scheunen auf, züchten Hühner und veröffentlichen Bücher über Landflucht, übers Kuchenbacken und die eigene Familiengründung. Frau Dingens von Bummens kommt mit ihrem Beitrag zu dem Thema zwar ein wenig spät um die Ecke, aber sie war halt auch sehr beschäftigt. Mit den Kindern und so. Seltsamerweise bewirbt der Verlag nun ihr neues Buch u.a. mit der steilen Behauptung „Kinder gelten heute als Anschlag auf die gute Laune, als Sargnagel im Lebensplan.“ Seit wann das denn? Ich zumindest nehme genau das Gegenteil davon wahr. Nie wurde ein größeres Bohei um den Nachwuchs gemacht als aktuell. Kinder sind heute wieder die absolute Nummer Eins bürgerlicher Heilsversprechen. Überall türmen sich Mami-Blogs, Hashtags und ein Gebirge an Ratgeber-Literatur und Magazinen für die sendungsbewusste Vollwert-Patchwork-Familie aus der IKEA-Reklame. Und auch bei Familie Hennig von Lange muss alles raus: Die Sorgen. Die Nöte. Die Windeln. Die Spaghetti. Das Smartphone. Der Geschirrspüler. Und die Babysitterin. Ach je … Willkommen in der Villa Kunterbunt! Familien sind das neue Koks. Googeln Sie mal „nido“. Es fehlt nur noch das Mutterkreuz aus glutenfreiem Kruppstahl.

Zugegeben: ich bin auch ein klein wenig neidisch auf Menschen, die es schaffen, jeden Aspekt ihrer öden Biografie so unbekümmert und produktiv zu vermarkten. Insofern ist mir Alexa Dummdidumm von Hopsassa ein heimliches Vorbild. Ja, irgendwann werden sie dann wohl auch erscheinen – meine eigenen literarischen Ergüsse! Mindestens fünf Romane habe ich schon in der Schublade. Notizen über ein schillerndes Leben zwischen Diktatur, Alkohol, Sperma und UFO-Sichtungen. Mit heißer Hand getippt und garantiert ohne Ratschläge zur Kindererziehung. Vielleicht werden sie aber auch erst nach meinem Ableben veröffentlicht. So eilig habe ich es eigentlich nicht. Als treuer Jünger Friedrich Nietzsches vermute ich, dass auch mein Werk wohl eher für die Nachgeborenen bestimmt sein wird. Jetzt gehen Sie bitte weiter, hier gibt es nichts zu sehen!

Schmerzen, Zumba, Pasta, Wow! (Baumkuchen und Sauerstoff)

Heute morgen kam mir eine Frau in orangefarbener Funktionskleidung entgegen gehechelt – leuchtend wie eine Wetterboje, bewaffnet mit einem Ungetüm von Kopfhörern, zwei Nordic-Walking-Plastikstöckchen und einem dieser überteuerten Baumkuchen vom Café um die Ecke. Eigentlich konnte ich nur die Papiertüte des Cafés eindeutig erkennen. Aber es wird wohl ein Baumkuchen drin gewesen sein, wegen dem rennen sie dort alle hin. Da hechelte sie also an mir vorbei, eine leuchtende, schwitzende, Baumkuchen-balancierende Selbstoptimierungs-Maschine auf dem Weg in eine ganz sicher minutiös verplante Woche. Energie!

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Fast Forward: Hamburg im Spätsommer des Jahres 2095. Der BAUER-Verlag feiert die Veröffentlichung von GERIA, der zehnmillionsten Frauenzeitschrift in der Geschichte des Unternehmens. Stargast des Abends ist die 145-jährige Iris Berben, die auch den Titel der neuen Zeitschrift ziert und aus ihrem Sauerstoffzelt heraus zu den geladenen Gästen spricht. Frau Berben fühlt sich noch immer keinen Tag älter als 65, sie aquajoggt täglich sieben Kilometer, ernährt sich von fair eingeflogenem Plankton, trinkt Rote-Beete-Hyaluron-Hormon-Smoothies und telefoniert jeden Abend mit dem Urenkel vom Dalai Lama. Wichtig für ein erfülltes und aktives Leben, auch jenseits der 120, sei vor allem eine positive Ausstrahlung, sagt sie. Kasteien Sie sich nicht mit Diäten, meine Damen! Schlemmen Sie auch mal! Pasta und Baumkuchen. Aber nicht zu viel. Alles in Maßen! Und mindestens 16 Stunden Schlaf! Und immer schön positiv denken! Und Sauerstoff, sagt sie noch, ganz viel Sauerstoff! *Hechel*

Das Meer der Möglichkeiten (Ich erkläre einen Roman mit quantenphilosophischem Halbwissen)

Wäre ich Literatur-Redakteur beim Stern oder der Brigitte, so würde ich Marion Braschs Roman „Wunderlich fährt nach Norden“ als „perfekte Sommerlektüre“ anpreisen. Und wäre ich ein öffentlich-rechtlicher Kultur-TV-Kasper, so läge mir wohlmöglich sogar die Bezeichnung „ostdeutscher Roadtrip“ auf den Lippen. Ja, wäre, wäre … bin ich aber alles nicht. Gottseidank. Daher habe ich das Buch vielleicht auch erst ein Jahr nach seinem Erscheinen gelesen. Dass es überhaupt erschienen ist, liegt in der simplen Markt-Mechanik des Verlagswesens begründet. Marion Brasch hat vor drei Jahren den autobiographischen Roman „Ab jetzt ist Ruhe“ beim Fischerverlag veröffentlicht. Und da dieses Buch (aufgrund von Braschs berühmter Familiengeschichte) nicht nur sehr spannend zu lesen, sondern offenbar auch recht erfolgreich war, folgte das Unvermeidliche: ein zweiter Roman. Sogenannte „Medienpersönlichkeiten“ (Moderatoren, TV-Darsteller, Musiker oder manchmal auch einfach nur deren Nachkommen) haben zwar außer ihrer eigenen Biographie selten etwas literarisch interessantes mitzuteilen, aber das ist im Literaturbetrieb mittlerweile zweitrangig. Die Marke muss gemolken werden. Aus diesem Grund sind unter anderem auch die komplett überflüssigen Sequel- und Prequel-Romane zu Sven Regeners „Herr Lehmann“ erschienen sowie gefühlte 99 Prozent des Gesamtwerkes von Wladimir Kaminer.

apart-typewriter

Was ist nun dran an „Wunderlich fährt nach Norden“ (ich erhebe ranicki-esk die Hände) …? Ist überhaupt etwas dran? Ja und nein. Es liest sich gut weg. Marion Brasch hat eine lakonische Erzählweise, die niemanden überfordert. Ein Mann fährt ans Meer (es wird im Buch nicht genau benannt, aber atmosphärisch ist das ganz offensichtlich eine Reise von Berlin an die Ostsee), und gerät in ein provinziell-existentialistisches Sommermärchen. Er verliebt sich ein wenig, wird zusammengeschlagen, von Mücken zerstochen und trinkt permanent Kaffee und billigen Whisky. Am Ende seiner Reise hat er sich die handelnden Personen wohlmöglich allesamt nur eingebildet. Die Geschichte wirkt sehr unfertig und skizzenhaft. Der Klugscheisser in mir hätte der Autorin geraten, daraus eine Kurzgeschichte zu machen und zu warten, bis ihre Ideen-Schublade ausreichend Material für einen Sammelband ausspuckt. Aber nein, es muss ja immer gleich ein Roman sein. Die Menschen wollen Romane kaufen, ka-tsching! Da ich Marion Brasch aber für eine grundsätzlich sympathische Person halte (obwohl sie immer die selbe Jacke trägt und so merkwürdig verklemmt schmunzelt), möchte ich ihr Buch nun zumindest aus quantenphilosophischer Perspektive aufwerten. Ich habe fast zeitgleich zur Lektüre des Wunderlich-Buches einem Vortrag von Dr. Ulrich Warnke gelauscht, dessen Erkenntnisse ich hier locker und flockig in etwa so zusammenfassen möchte: quantenphilosophisch sind alle Organismen, uns Menschen eingeschlossen, materielle Raum-Zeit-Konstruktionen, die in einem Meer von Möglichkeiten schwimmen. Realität ist eine von unserer Wahrnehmung abhängige subjektive Konstruktion. Und draußen sind es 30 Grad im Schatten. So. Herr Wunderlich fährt also nicht einfach nur ans Meer, er schwimmt sich durch das „Meer der Möglichkeiten“ seiner eigenen Realitäts-Konstruktion. Wäre ich Literatur-Redakteur bei der FAZ, hätte ich wohl genau so etwas über Marion Braschs Buch geschrieben. Ja, wäre, wäre …

Abbildung: Todd Mclellan „Apart Typewriter“