Walser B. Goode

Ich weiß nicht, was ich an Martin Walser beunruhigender finden soll: seine Augenbrauen oder den Umstand, dass er Jakob Augstein gezeugt hat. Über seine Literatur kann ich mich nicht äußern, ich habe tatsächlich noch nie ein Buch von ihm gelesen. Am nächsten Freitag wird Walser 90 Jahre alt. Damit wird er dann nicht nur die Gruppe 47 sowie die meisten seiner Kritiker überlebt haben, sondern inzwischen auch Chuck Berry. Spontane Idee für einen Literaturwettbewerb: Schreiben Sie eine Kurzgeschichte, in der sich die Lebenswege von Chuck Berry und Martin Walser kreuzen („kreuzen“ im Sinne einer Begegnung und nicht etwa, wie Walser am Bodensee vielleicht mal Johnny B. Goode im Radio gehört hat). Ein ganz hübscher Spagat, oder? Bitte beschränken Sie sich auf maximal 10.000 Zeichen, in der Kürze liegt die Würze. Als erster Preis winkt ein Verwöhn-Wochenende in Frankfurt am Main, inklusive Übernachtung, Frühstück, Spa (Augenbrauen zupfen nur nach Voranmeldung) und anschließendem Besuch in der Paulskirche.

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Schrauben sind Nägel mit Falten

„Bäume sind Büsche auf Balken. Schrauben sind Nägel mit Falten.“ Als der Poetry Slammer Sebastian 23 diese Zeilen kürzlich in der NDR Talk Show vortrug, sah Barbara Schöneberger aus, als würde sie gerade live einen Schlaganfall erleiden. Man kann das natürlich auch als Ergriffenheit interpretieren. Für übertriebenen Kulturpessimismus besteht dennoch kein Grund. Die Lesungen der Gruppe 47, immerhin die Urmutter aller Poetry Slams, waren nämlich auch nicht viel intelligenter. Die taten damals nur so. Außerdem dichtet es sich mit einem frisch überstandenen Weltkrieg im Rücken natürlich wesentlich depressiver und metaphernreicher: „Denn die Eingeweide der Fische sind kalt geworden im Wind.“ Bis heute weiß niemand (die Schöneberger erst recht nicht), was Ingeborg Bachmann damit gemeint hatte. Aber es klingt immer noch sehr bedeutend, das gebe ich gerne zu.

Murder Weekly (Hühner, zur Sonne, zur Freiheit!)

„Aber ist es nicht wahrscheinlich, dass jeder, der auf dieser Welt etwas zählt (…) auf dem Weg nach oben den ein oder anderen Menschen umgebracht hat? Wenn man nur genug Leute umbringt, dann errichten sie einem Bronzedenkmäler neben dem Parlament in Delhi – aber das wäre Ruhm, und danach strebe ich nicht. Ich wollte nur die Chance, ein Mensch zu sein – und dafür reichte ein Mord.“

Ich hatte dieses Buch bereits vor Jahren geschenkt bekommen. Seitdem ist es immer wieder durch diverse Regale gewandert, ohne dass ich mich zur Lektüre durchringen konnte. Weshalb eigentlich? Vielleicht interessierte mich Indien einfach nicht genug. Obwohl die Inder und Chinesen doch spätestens in zehn Jahren endgültig das Ruder auf diesem Planeten übernehmen werden (erste Entscheidung im neuen Jahr: Hindi oder Mandarin lernen?) Vielleicht hatte ich auch einfach schon genug Reiseberichte von überspannten Damen gehört, die stets mit einem Haufen Eso-Tinnef, bunten Fotoserien, nervtötenden Weisheiten sowie mit Beschreibungen monströser Durchfallerkrankungen zurückkehrten. Eat, Pray, DiarrheaNatürlich war mir klar, dass die auf ihren Selbstfindungs-Trips genauso wenig über Indien gelernt hatten wie ich zuhause beim Streamen eines Bollywood-Musicals. Kurz vor Weihnachten habe ich dann endlich „Der Weiße Tiger“ von Aravind Adiga gelesen. Bin ich jetzt schlauer? Zumindest habe ich mir danach wieder einmal Gedanken darüber gemacht, was es eigentlich bedeutet, ein freier Mensch zu sein. „Der Weiße Tiger“ erzählt die Geschichte eines ungewöhnlichen Aufstieges, irgendwo zwischen „Slumdog Millionaire“ und “So wirst du stinkreich im boomenden Asien“. Die indische Gesellschaft wird hier als ein korrupter Moloch beschrieben, der sich nach außen als größte Demokratie der Welt verkauft, im Innern aber durch eine brutale Hackordnung zusammengehalten wird, in der immer noch die Herkunft über den Wert und das Schicksal eines Menschen entscheidet. Dass der Held in dieser Geschichte am Ende seinen Herren ermordet (das Wort „Boss“ wäre hier wirklich untertrieben und daher fehl am Platz), um sich so aus den Zwängen seiner niederen Geburt zu befreien, ist dabei gar nicht mal das Spannendste. Viel interessanter ist die Frage, warum so etwas nicht viel öfter passiert, und warum sich so unglaublich Viele mit der ihnen zugewiesenen Rolle als Menschen zweiter oder dritter Klasse abzufinden scheinen.

„Dass die Fahrer und Köche in Delhi alle ‚Murder Weekly‘ lesen, muss nicht heißen, dass sie ihren Herren demnächst den Hals durchschneiden. Sie würden natürlich gerne. Selbstverständlich stellen sich Milliarden Diener heimlich vor, wie sie ihre Arbeitgeber erwürgen – darum bringt die indische Regierung ja auch diese Zeitschrift heraus und verkauft sie für nur viereinhalb Rupien auf der Straße, sodass selbst die Armen sie sich leisten können. Es ist nämlich so: Der Mörder in den Geschichten des Blattes ist immer so gestört und sexuell abartig, dass nicht ein Leser sein will wie er — und am Ende wird er immer von irgendeinem ehrlichen, fleißigen Polizisten (ha!) gefasst, oder er wird vollkommen wahnsinnig und erhängt sich mit einer Bettdecke, nachdem er einen gefühligen Brief an seine Mutter oder seinen Grundschullehrer geschrieben hat, oder er wird vom Bruder der Frau, die er umgebracht hat, verfolgt und erwischt, verprügelt und erdrosselt. Wenn also Ihr Fahrer die ‚Murder Weekly‘ durchblättert, entspannen Sie sich. Für Sie besteht keine Gefahr. Ganz im Gegenteil.“

Können Sie sich noch an Truman Burbank aus der „Truman Show“ erinnern? Sobald der auf den Gedanken kam, aus seiner kleinen Welt auszubrechen, schob ihm die Regie alle möglichen Hindernisse in den Weg: plötzlich aufkommende Unwetter, Plakate mit Warnhinweisen zu den Gefahren des Reisens oder wohlmeinende Freunde, die ihn davon überzeugen wollten, dass es daheim doch immer noch am schönsten ist. Am Ende bricht er doch aus, ohne zu wissen was ihn erwartet. Der weiße Tiger dagegen kennt das Ziel seines Ausbruchs ganz genau. Er macht die Schauergeschichten aus „Murder Weekly“ zu seiner eigenen Biographie, ohne sich vor den Konsequenzen zu fürchten. Wer wirklich frei sein will, darf keine Angst haben. Der Hühnerkäfig der sozialen Kontrolle (Familie, Kollegen, Staat usw.)  – versuchen Sie mal, daraus auszubrechen. Versuchen Sie es. Nein? Nicht mal ein Versuch? Gestern habe ich mir eine Packung Taschentücher gekauft. Was das mit den erhabenen Gedanken zur Freiheit zu tun hat, fragen Sie? Nun, die Taschentuch-Industrie scheint sich neuerdings auch um weltanschauliche Fragen zu kümmern, denn auf einer Packung steht „Dream Big“, auf einer anderen „Enjoy the little things“. Heutzutage steht so ein Quatsch ja überall drauf. Ist das nicht auch eine subtile Art der Kontrolle – die Menschen mit Affirmationen, Glückskeksen und Kalendersprüchen bei der Stange zu halten? Auf dass sie gerade genug Optimismus zum Weitermachen aufbringen, aber bescheiden genug bleiben, nicht zu viel vom Leben zu erwarten? How about „Stop dreaming!“ and „Enjoy the big things!“ Sollte ich mich demnächst als Entrepreneur in der Drogerie-Branche versuchen, werde ich das auf meine Taschentücher drucken lassen. Und noch ein paar aufmunternde Zitate von Nietzsche, Müller und Joan Rivers („If I ever lose my middle finger, I will have nothing left to say!“) Make Naseputzen great again!

Und jetzt noch flott die obligatorische Neujahrsansprache. Ein mörderisches, brutales Jahr war es, so liest man überall. Eines, in dem man permanent betroffen zu sein hatte und sich gleichzeitig fragen musste, weshalb das Leben eines einzelnen Menschen, z.B. das eines Popstars oder einer ehemaligen Weltraumprinzessin, so viel mehr Aufmerksamkeit erhält als das von zwölf Zerquetschten. Und warum letztere immer noch wichtiger sind als eine halbe Million Kriegsopfer. Die Antwort ist, denke ich, recht simpel: Der eine schrieb „Last Christmas“, die anderen mussten es sich auf dem Weihnachtsmarkt anhören – wahrscheinlich auch noch wenige Sekunden vor ihrem Tod – und der Rest hatte weder für das eine noch für das andere ausreichend Freizeit und Gelegenheit. Die Chancen, ein halbwegs menschenwürdiges Leben zu führen, vielleicht sogar eines, in dem man sich Urlaubsreisen leisten kann, Glühwein trinkt und nebenbei ein paar Spenden für die dritte Welt abdrückt – ganz zu schweigen von einer glamourösen, unsterblichen Existenz zwischen Kokainrausch und Klatschpresse – diese Chancen sind ganz offenbar noch immer ungleich verteilt. In diesem Sinne: Goodbye, George, und all ihr anderen. It’s hard to love, there’s so much to hate.

Die Nachgeburt

Bitte gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen! Also wirklich, bitte verlassen Sie den Tatort, Sie behindern hier nur die Ermittlungsarbeit mit Ihrer dummen Gafferei! Oder wollen Sie wirklich live und in Echtzeit dabei zuschauen, wie ich erfolglos versuche, die neueste Veröffentlichung von Alexa Hennig von Lange zu ignorieren? Na gut. Sollten Sie sich noch an die Zeit kurz vor dem Millennium erinnern können, dann lässt der Name Alexa Dingens von Bummens vielleicht noch die ein oder andere Glocke in Ihrem Gedächtnis läuten. Das war jene sommersprossige junge Dame, die mit ihren crazy Jugendbüchern durch die Medien gereicht wurde, zeitgleich mit Benjamin von Stuckrad-Barre. Ohne ein „von“ hat es die Popliteratur damals nicht gemacht. Die Rolle des tragischen Berliner Partymädchens habe ich ihr damals schon nicht abgekauft, sondern eher als mediokre Travestie empfunden. Aber so lief das in den 90ern: man kam irgendwo aus der westfälischen Provinz zum Studieren oder Arbeiten in die Techno-Hauptstadt, zog dreimal eine Nase Koks in irgendeinem Kellerclub in Mitte, drehte mal richtig frei auf dem Kopfsteinpflaster, und schon war man der Nabel der Welt – es winkten Buchverträge und Auftritte bei Harald Schmidt. Dann kam Charlotte Roche und es wurde alles noch viel schlimmer (merke: schlimmer geht immer!)

Fast 20 Jahre später haben sich die Themen der einst flippigen Autorin naturgemäß etwas verändert. Es treten auf: fünf Kinder, ein Ehemann und ein Apfelgarten in der Uckermark. Oder irgendwo da in der Nähe. Auf jeden Fall in Brandenburg, in der „Region“. Dort nisten sich schon seit Jahren die gestressten Vertreter der Berliner Kulturszene ein, kaufen alte Scheunen auf, züchten Hühner und veröffentlichen Bücher über Landflucht, übers Kuchenbacken und die eigene Familiengründung. Frau Dingens von Bummens kommt mit ihrem Beitrag zu dem Thema zwar ein wenig spät um die Ecke, aber sie war halt auch sehr beschäftigt. Mit den Kindern und so. Seltsamerweise bewirbt der Verlag nun ihr neues Buch u.a. mit der steilen Behauptung „Kinder gelten heute als Anschlag auf die gute Laune, als Sargnagel im Lebensplan.“ Seit wann das denn? Ich zumindest nehme genau das Gegenteil davon wahr. Nie wurde ein größeres Bohei um den Nachwuchs gemacht als aktuell. Kinder sind heute wieder die absolute Nummer Eins bürgerlicher Heilsversprechen. Überall türmen sich Mami-Blogs, Hashtags und ein Gebirge an Ratgeber-Literatur und Magazinen für die sendungsbewusste Vollwert-Patchwork-Familie aus der IKEA-Reklame. Und auch bei Familie Hennig von Lange muss alles raus: Die Sorgen. Die Nöte. Die Windeln. Die Spaghetti. Das Smartphone. Der Geschirrspüler. Und die Babysitterin. Ach je … Willkommen in der Villa Kunterbunt! Familien sind das neue Koks. Googeln Sie mal „nido“. Es fehlt nur noch das Mutterkreuz aus glutenfreiem Kruppstahl.

Zugegeben: ich bin auch ein klein wenig neidisch auf Menschen, die es schaffen, jeden Aspekt ihrer öden Biografie so unbekümmert und produktiv zu vermarkten. Insofern ist mir Alexa Dummdidumm von Hopsassa ein heimliches Vorbild. Ja, irgendwann werden sie dann wohl auch erscheinen – meine eigenen literarischen Ergüsse! Mindestens fünf Romane habe ich schon in der Schublade. Notizen über ein schillerndes Leben zwischen Diktatur, Alkohol, Sperma und UFO-Sichtungen. Mit heißer Hand getippt und garantiert ohne Ratschläge zur Kindererziehung. Vielleicht werden sie aber auch erst nach meinem Ableben veröffentlicht. So eilig habe ich es eigentlich nicht. Als treuer Jünger Friedrich Nietzsches vermute ich, dass auch mein Werk wohl eher für die Nachgeborenen bestimmt sein wird. Jetzt gehen Sie bitte weiter, hier gibt es nichts zu sehen!

Der Blog als Brühwürfel

Aus dem Radio der Imbissbude schallt The Hustle, dieser ansteckend muntere Disco-Feger aus dem letzten Jahrhundert. Es ist eine jener Imbissbuden, von denen mir immer eine schwere Wolke ranzigen Bratöl-Aromas an den Klamotten haften bleibt, egal wie schnell ich daran vorbei laufe. Ach Gottchen, höre ich da die gelangweilte Leserschaft maulen, „eine jener Imbissbuden …“ blabla … Das ist doch bei allen Imbissbuden so … Immer diese pseudoliterarischen Versatzstücke! Geh sterben! So quakt also der imaginäre Chor in meinem Kopf. Soll er doch. Wussten Sie, dass praktisch alles im Leben an Leichtigkeit und Strahlkraft gewinnt, wenn man den Hustle darüber blendet? Steigen Sie einfach mal an einem Samstag Nachmittag am Alexanderplatz von der S-Bahn in die U-Bahn um – normalerweise eine verlässliche Methode, um in kürzester Zeit den Glauben an die Menschheit zu verlieren – und stellen Sie sich vor, wie dieser grauenhafte Moloch von einem Bahnhof kollektiv anfängt, den Hustle zu tanzen. Schon glauben Sie wieder an das Gute und Schöne in der Welt. Sie möchten den zugedröhnten MOTZ-Verkäufer umarmen, der Ihnen gerade ein Ohr ablabert, und Sie flehen Brangelina auf Knien an, es doch noch einmal miteinander zu versuchen! Do it! Do the Hustle!

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Nachträgliche Triggerwarnung: bitte nicht traurig sein, wenn Ihnen der Inhalt dieses Internet-Angebotes nicht zusagt. Sollte mein Geschreibsel Ihr emotionales Gleichgewicht oder gar Ihre Verdauung durcheinander bringen, so tut es mir aufrichtig leid. Schauen Sie sich stattdessen doch einfach woanders um. Diskutieren Sie sich die Rübe heiß über die letzen Wahlergebnisse, eröffnen Sie einen tumblr oder gucken Sie gleich einen Porno. Elke Heidenreich meinte einmal über den Ulysses, James Joyce hätte damit „einen Brühwürfel geschrieben, aus dem sich alle eine Suppe kochen.“ Ähnlich verhält es sich mit meinem Blog, denke ich.

Auch das noch! Sehen Sie hier den Berliner Ortsverband der CDU bei seinem jährlichen Anti-Sexismus-Training:

Erniedrigte und Beleidigte (oder: 45 Minuten Hass)

Man nehme: einen ehemals hippen Misanthropen, dazu die Mutti aus „Zimmer Frei“, den Literatur-Kasper vom SPIEGEL sowie einen austauschbaren masochistischen Gast, der ganz dringend Geld braucht – fertig ist eine der größten Schnapsideen des öffentlich-rechtlichen Kulturfernsehens: die Neuauflage des „Literarischen Quartetts“. Auf dem Papier las sich die Zusammensetzung dieser Runde bestimmt einmal ganz drollig. In der Praxis ist das Ganze eine Zumutung. Dabei ist Maxim Biller noch das geringste Problem. Dessen größte Leistung besteht noch immer in den legendären „100 Zeilen Hass“, die er einst regelmäßig im TEMPO-Magazin veröffentlichen durfte. Vor mehr als 25 Jahren. Inzwischen wirkt die süffisant zur Schau getragene Verachtung für seine Umwelt nur noch wie eine Selbstparodie. Und dennoch fallen sie im Literarischen Quartett wie die Scheißhausfliegen darauf herein. Jedes einzelne Mal. Erinnert sich noch jemand an die Original-Besetzung? Als Marcel Reich-Ranicki seine Kollegin Sigrid Löffler am Ende als prüde bezeichnete? Was für ein Eklat – Frau Löffler blieb daraufhin schwer beleidigt und gedemütigt der Sendung fern. Für Maxim Biller ist so etwas Kinderkram. Er behandelt seine Mitstreiter konsequent wie Gehirnamputierte, die er bestenfalls duldet und eher selten ausreden lässt. Beleidigt sein ist daher der Standard im neuen Quartett. Der eigentlich als Gesprächsleiter angeheuerte Volker Weidemann weiß sich gegen Biller bis heute nicht anders zu wehren als diesen nach spätestens fünf Minuten wie einen schwer Erziehbaren zu behandeln. Der Rest der Sendung besteht dann zum großen Teil auch aus Weidemanns sehr unangenehm streberhaften Disziplinierungs- und Bestrafungsversuchen. Schlag den Biller! Den vorläufigen Tiefpunkt markierte die letzte Sendung vom 26. Februar. Weil Biller dort das neue Buch von Stuckrad-Barre komplett ablehnte (das klingt wie eine Schlagzeile aus den 90ern, ich weiß), war der Rest der Mannschaft kurz davor, ihn mit Pudding zu beschmeißen. Vergessen Sie Plasberg und Maischberger! Vergessen Sie die Präsidentschafts-Debatten der Republikaner – das ZDF definiert Schmerz und soziale Verwahrlosung mit den Mitteln der Literaturkritik ganz neu! Vielen Dank für Ihre Gebühren!

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… und dabei gab es gar keinen Plan

Ich habe nie an der Wahrheit der Zeichen gezweifelt, Adson. Sie sind das einzige, was der Mensch hat, um sich in der Welt zurechtzufinden. Was ich nicht verstanden hatte, war die Wechselbeziehung zwischen den Zeichen. Ich bin zu Jorge gelangt, indem ich einem apokalyptischen Muster folgte, das den Verbrechen zu unterliegen schien, und dabei war es ein Zufall. Ich bin zu Jorge gelangt, indem ich einen Urheber aller Verbrechen suchte, und dabei haben wir nun entdeckt, dass im Grunde jedes Verbrechen einen anderen Urheber hatte, beziehungsweise keinen. Ich bin zu Jorge gelangt, in dem ich dem Plan eines perversen, wahnhaften, aber methodisch denkenden Hirns nachging, und dabei gab es gar keinen Plan, beziehungsweise Jorges ursprünglicher Plan hatte sich selbständig gemacht und eine Verkettung von Ursachen eingeleitet, von Haupt- und Neben- und Gegenursachen, die sich auf eigene Rechnung weiterentwickelten, indem sie Wechselbeziehungen eingingen, denen keinerlei Plan unterlag. Wo ist da meine ganze Klugheit? Ich bin wie ein Besessener hinter einem Anschein von Ordnung hergelaufen, während ich doch hätte wissen müssen, dass es in der Welt keine Ordnung gibt.*

(Zum Tode Umberto Ecos)

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* aus Der Name der Rose