Pulverdampf war ihr Parfum

Beim Wühlen durch Bücherkisten und Antiquariate kommen mir immer mal wieder drollige Titel unter. „Pulverdampf war ihr Parfum“ ist zum Beispiel ein Buch über Frauen im Wilden Westen und heißt im Original „The Gentle Tamers“. Der deutsche Titel stammt wahrscheinlich aus der selben Ära, in der Doris Day hierzulande noch als „Spion in Spitzenhöschen“ vermarktet wurde (ein Film, der im Original „The Glass Bottom Boat“ hieß). Passend dazu kann ich nun auch bekanntgeben, dass meine bisher noch unautorisierte Angela-Merkel-Biographie mit dem Arbeitstitel „Kartoffelsuppe war ihr Koks“ kurz vor der Fertigstellung steht. Apropos Drogen: Ebenfalls in einer alten Bücherkiste entdeckte ich einen Krimi von P. D. James, in dem ich unter anderem erfuhr, dass Psychiatrie-Patienten in den 60er Jahren noch mit Elektroschocks und LSD behandelt wurden – eine Methode, die ich zum besseren Verständnis dieses Blogs auch empfehlen möchte. Bleiben Sie ungesund!

“Tell them no. And to stop calling.”

Gute Geschichten sind der wertvollste Rohstoff unserer nimmersatten Unterhaltungsindustrie, ob original, adaptiert, geklaut oder sonst wie verwurstet. Wer die eigenen Geschichten beschützen will, der muss sich gut verstecken. Eine Kleinstadt in New Hampshire eignet sich dafür nur unzureichend, denn auch dort werden sie einen finden, bedrängen und mit ihren Geldkoffern wedeln. Natürlich hatte sich J. D. Salinger stets gegen eine Verfilmung von „Der Fänger im Roggen“ gewehrt. Und da er das auch noch aus dem Grab heraus tat, haben sie dann irgendwann, anstatt die Geschichte selbst zu verfilmen, die Entstehungsgeschichte der Geschichte verfilmt. Sie haben es jedenfalls versucht. Falls Sie noch nie etwas von diesem Film gehört haben, dann liegt das vielleicht auch an Kevin Spacey. Das kann man als höhere Ironie, Karma oder posthume Rache bezeichnen – Salinger, der große alte Bigfoot der Literaturgeschichte, hat immer noch die Nase vorn. Heute wäre er einhundert Jahre alt geworden.

salinger

Liebe Leser, zum neuen Jahr wünsche Ihnen … blablabla … das übliche halt. Es ist doch immer das selbe Gesabbel über schlimme Zeiten, gute Vorsätze, die Gesundheit und den Weltfrieden. Sie sind immer noch am Leben, das ist doch schon mal was. In spätestens 50 Jahren aber werden die meisten von Ihnen tot sein, so viel steht fest. Frohes Neues!

Adressat unbekannt

Am 11. Oktober 1999 habe ich zum ersten Mal bei Amazon eingekauft. Seitdem bin ich diesem kleinen sympathischen Familienunternehmen treu. Ja, mein Amazon-Account ist das älteste Kundenkonto, das ich noch immer unverändert und seit meiner Anmeldung mit dem selben Passwort nutze. Unzählige andere digitale Geschäftspartner kamen und gingen über die Jahre, Amazon blieb. In der Zwischenzeit ist Jeff Bezos, auch mit meiner Hilfe, zum reichsten Menschen dieses Planeten aufgestiegen und befreit nebenbei noch entführte Zwergschnauzer. What a Man!

Beim Stöbern in meinen alten Amazon-Listen bin ich auch auf ein Buch gestoßen, dass ich offenbar Ende 2000 bestellt habe: Adressat unbekannt von Kathrine Kressmann Taylor. Nun grübele ich. Alle anderen Einkäufe kann ich halbwegs zuordnen, nur diesen nicht. Ich besitze das Buch nicht, habe es nie gelesen und kann mich auch beim besten Willen nicht erinnern, wem ich es (sehr wahrscheinlich zu Weihnachten im Jahr 2000) geschenkt haben könnte. Sollte die oder der Beschenkte hier zufällig mitlesen, bitte ich um ein Lebenszeichen. Adressat unbekannt scheint mir jedenfalls ein ebenso knappes wie beeindruckendes Buch zu sein. Es geht darin um eine sich auflösende Freundschaft während der Zeit von Hitlers Machtübernahme, dokumentiert in einem Briefwechsel. „Ich habe nie auf weniger Seiten ein größeres Drama gelesen“, wird Elke Heidenreich dazu zitiert. Meine Frage: Haben Sie sich selbst schon mal von einem guten Freund aus politischen Gründen entfremdet? Vielleicht gehen Sie auch nur auf Distanz zu alten Bekannten, weil die ständig bei Amazon einkaufen und Sie doch überzeugt davon sind, dass das nicht in Ordnung ist – wegen der Umwelt, den Rückenschmerzen der Lagerarbeiter, der Globalisierung und überhaupt? Dann ist dieses Buch wohlmöglich das Richtige für Sie. Ich mache hiermit jedenfalls aus meinem vergessenen Einkauf eine verspätete Literatur-Empfehlung für mich selbst und meine Leser. Sie dürfen es sich natürlich gerne auch direkt beim Verlag bestellen. Kunden, denen dieser Blog-Beitrag gefällt, mochten übrigens auch … (Bitte selbst ausfüllen!)

Lang und breit

Das dünnste Buch, das ich in den letzten Monaten gelesen habe, war Die Rosenbaum-Doktrin und andere Texte, ein kleiner Erzählband von Wolfgang Herrndorf (ca. 60 Seiten), aus dem ich an dieser Stelle bereits zitiert hatte. Das dickste war eindeutig ES von Stephen King (1.500 Seiten), das ich mir aus einer Laune heraus kaufte, da mir der Trailer zur Neuverfilmung so gut gefiel und ich zuvor tatsächlich noch nie etwas von King gelesen hatte. Und seinen Launen sollte man unbedingt immer, zumindest so oft wie möglich, nachgeben, denn sie sind es, die uns erst interessant machen.

Wird der Umfang eines Buches eigentlich besser durch seine physische „Dicke“ beschrieben oder durch seine inhaltliche „Länge“? Die Dicke des gedruckten Buches wird vor allem durch das Material und die Typografie bestimmt, die Länge durch die Disziplin des Autors. Letztere ist leider eine seltene Gabe. Während ich mich noch immer durch Die Brüder Karamasow quäle (derzeit auf Seite 450 von 1.200), fällt mir wieder einmal auf, wie wenige Schriftsteller es doch fertigbringen, sich im Sinne des Lesers zu disziplinieren. Dostojewski zersetzt z. B. noch die kleinste Alltagsszene seiner Protagonisten mit endlosen Monologen über Religion und Moral, während die ermüdende Ausführlichkeit, mit der sich Stephen King immer wieder der Beschreibung von Abwasseranlagen widmet, eine Übung in literarischer Folter darstellt. Beide Autoren bringen mit ihrer epischen Laberitis die Dynamik ihrer Werke kein Stückchen voran, waren aber offenbar zu besoffen von der eigenen Schreibe, um dies zu bemerken. Grundsätzlich habe ich übrigens überhaupt kein Problem mit der Kunst des exzessiven Erzählens, solange man sie nur beherrscht. Eines meiner Lieblingsbücher ist American Psycho, bekanntermaßen eine monotone Aufzähl-Orgie, bei der der Leser immer zwischen Brechreiz und Wachkoma schwankt. Nur ist es hier eben – und das kann ich gar nicht ausdrücklich genug betonen – genau diese Erzähltechnik, und nicht das Erzählte selbst, die das Buch so außerordentlich gut und daher auch unverfilmbar macht. Dass es trotzdem verfilmt wurde (ja, sie haben sogar ein Musical daraus gemacht), gehört zur kulturellen Barbarei unserer Zeit, auf die ich hier jetzt nicht genauer eingehen möchte. Zum Thema Literaturverfilmung fällt mir aber noch ein, dass die Rolle des Aljoscha Karamasow einst von niemand anderem als William Shatner gespielt wurde, lange bevor er zum Captain des Raumschiffs Enterprise befördert wurde. Ich hoffe nun also wenigstens auf Karamasow – The Musical, gerne mit ein paar hübschen Science-Fiction-Elementen, das macht die Länge des Schinkens vielleicht erträglicher.

Dieser üble dünne, vierfach entfärbte Scheiß

„Verpisst euch doch einfach, wenn ihr dies am Bildschirm lest! Ich rede nur, wenn man mich mit beiden Händen packt. Papier aus Zellstoff, Deckel aus Pappe und Leinen, Faden aus Fadenzeugs oder – woraus wird der Einband gemacht? – aus Haaren und Gemüsefasern, mit Leim aus eingekochten Pferdehufen? Das Taschenbuch war schon Kompromiss genug. Und das ist jetzt aus mir geworden: Rücken aus Papier, Extremitäten aus Papier, das Hirn aus zerknülltem Billigpapier, letzte Zuflucht der Verleger vor ihrer Kapitulation vor dem Touchscreen, dieser üble dünne, vierfach entfärbte Scheiß, 100-prozentig säurefreier Recyclingmüll.“

(Joshua Cohen, Buch der Zahlen)

Ich lese gerade Die Brüder Karamasow, in einer alten Paperback-Ausgabe vom Grabbeltisch eines Flohmarktes. Gebrauchte Taschenbücher vom Flohmarkt sind immer eine hübsch niedrigschwellige Option, um verpasste Weltliteratur wegzulesen. Oder um überhaupt zu lesen. Den Karamasows widme ich mich auf diese Weise nun bereits im dritten Anlauf. Bisher war ich nie über die ersten hundert Seiten hinausgekommen. Ach, der alte Dostojewski und seine weltanschaulichen Kopfschmerzen … Dmitri heiratet Katerina, liebt aber Gruschenka. Iwan liebt Katerina. Aljoscha liebt alle und alle hassen den Vater. Wer hat Schuld? Ist Gott gut oder böse? Warum gibt es Gluten? Die Antwort lautet: Weizen, Weizen, Weizen! Drücken Sie mir doch bitte die Daumen, dass ich dieses Mal bis zum Ende durchhalte! Danach widme ich mich dann vielleicht auch wieder aktuelleren Werken. Über das vor kurzem auch auf deutsch erschienene Buch der Zahlen habe ich zum Beispiel schon Erstaunliches vernommen. Ein Epochenroman soll das sein, eine Sprachexplosion, ein Informations-Tsunami, das nächste große Ding, ach was: der Ulysses des digitalen Zeitalters! Was die Lautstärke angeht, scheinen einige Buchverlage heute mit den Verkäufern auf dem Hamburger Fischmarkt konkurrieren zu müssen. Genies und Sensationen gibt es dort im Sonderangebot. Ich warte dann doch lieber, bis der mächtige Epochenroman auf dem Grabbeltisch gelandet ist. Bücher halten sich schließlich auch auf billigem Papier noch etwas länger als Fisch.

Weizen

Eine etwas ruhigere Marketingstrategie fährt der Verleger Götz Kubitschek. Er lässt ganz einfach seine Ehefrau auf YouTube die hausinternen Produkte beim einsamen Schein einer Kerze anpreisen. Den Bestseller Finis Germania erklärt Frau Kubitschek (bzw. Kositza) dort u.a. zu einem „erstklassigen, tiefschürfenden und weitblickenden Werk“ und dessen Autoren Rolf Peter Sieferle so: „Er war nicht nur nicht umstritten, ich würde sogar sagen, das, was er hier schreibt, ist unbestreitbar“. Das Ende von Deutschland ist also keine Explosion, kein Tsunami und auch kein neuer Ulysses, sondern einfach nur die reine, unbestreitbare Wahrheit. Da haben Sie’s. Finis Logika. Unbestreitbar ist zumindest der Erfolg von Kubitscheks Verlag Antaois, trotz (oder gerade wegen?) des sedierten Charmes der Verlegergattin, zu der mir gerade nur ein Wort einfällt: Reichswasserleiche. So lautete einst auch der Spitzenname der Schauspielerin Kristina Söderbaum, weil sie in den Filmen ihres Ehemanns Veit Harlan gerne mal pathetisch ins Wasser ging. Die beiden galten damals als Traumpaar des nationalsozialistischen Opferkitsches. Der blasse, vierfach entfärbte Aufguss davon verlegt heute tiefschürfende Bücher auf einer Ritterburg in Sachsen-Anhalt.

Schwarz und weiß

„Na gut, dachte ich, schreib ich erst mal einen Text. Aber worüber? Ich wertete alle Wettbewerbsbeiträge der Vergangenheit aus. Ein guter Beginn war eine Landschaftsbeschreibung, wo ein Schwarm Vögel in einem schweren Metaphernsalat über den Himmel flog. Dann kamen zwei Seiten nebelhaftes Tasten, dann die Hauptfigur, die auch ein Gegenstand oder Pilz sein konnte. Der Pilz guckte aus dem Fenster und machte sich Gedanken über das, was er gesehen hatte, sowie die Unmöglichkeit, es zu reflektieren. Die Gedanken zerfallen im Pilz wie modrige Morcheln. So ähnlich. Nach etwa drei Vierteln des Textes konnte man sagen, worum es ging. Gut waren ein fehlender Vater, fehlende Liebe, fehlende Übersicht oder ein Loch in der Häuserzeile, wo vor vielen Jahren mal ein Jude drin gewohnt hatte. Der Jude hatte ein Schicksal der Verfolgung erlitten – nicht sehr originell – aber das war Vorschrift. Eine Theologie- oder Judaistikstudentin entdeckte seine Aufzeichnungen, die mit abgebrannten Streichholzstummeln auf Butterbrotpapier gekratzt waren, spürte dem Elend nach und wurde von Hooligans erschlagen. Das alles fiel mir nicht schwer, ich schrieb einen tollen Riemen, den ich an Klaus Nüchtern schickte. Das war der Juror. Nüchtern rief mich sofort zurück und sagte, er habe schon meinen Roman toll gefunden, und an diesem Texte könne man sehen, wie hervorragend ich schreiben könne, aber es sei ja wohl der komplette Stuss. Also schickte ich einen anderen Text, der ging dann.“

(Wolfgang Herrndorf, Klagenfurt)

blackandwhiteball

Ich wollte eine Geschichte über ehemalige Freunde schreiben. Natürlich hätte ich die Namen geändert, die Schauplätze variiert und verschiedene Biographien kreativ miteinander vermischt. Der Bezug wäre für die Betroffenen aber eindeutig erkennbar geblieben. Die ehemaligen Freunde in dieser Geschichte wären Autoren, Redakteure, Dramaturgen oder einfach nur Künstler gewesen, ihr Alter etwa zwischen 40 und 50. Sie alle hätten eine bohemehafte Ostberliner Jugend erlebt, deren Schwung und Lebensfreude sich jedoch im Laufe der letzten Jahre zwischen Bitterkeit und Alkoholismus immer mehr aufzulösen schien. Je älter sie wurden, desto selbstgerechter wurden sie und desto mehr fürchteten sie gleichzeitig den eigenen Bedeutungsverlust. Ja, es gab sie noch, die alten Kontakte, aber die Nestwärme lies deutlich nach. Sie waren die Kinder oder Großcousinen bedeutender Kulturschaffender oder Politiker gewesen, vielleicht sogar die Enkel von von Bertolt Brecht. Sie hatten noch immer einen Namen, auch wenn ihre Umwelt immer weniger damit anzufangen wusste. Sie versicherten sich noch immer ihrer gegenseitigen Zuneigung und Treue, neideten sich insgeheim aber jeden noch so kleinen Erfolg.

Die Luft wurde dünner, das spürten sie, und sie schoben es auf den Konkurrenzkampf und die gesellschaftliche Kälte. Ihre Informationen bezogen sie aus der ZEIT, alles andere war nicht seriös. Sie legten viel Wert auf Geschmack und auf Nachhaltigkeit. Obst und Gemüse kauften sie nur aus der Region, das übrige bestellten sie im Internet. Sie hatten Familien gegründet, manchmal mehrere gleichzeitig, und sie vögelten ihre Kollegen. Sie feierten immer noch gerne. Sie trafen sich auf Ausstellungen, auf Filmfestivals oder beim Italiener. Sie soffen, klagten über Stress und schimpften auf den Kapitalismus. Sie lebten fast ausschließlich von staatlichen Subventionen und Fördergeldern, und sie schmissen das Geld zum Fenster raus. Sie recherchierten gerne im Milieu der Arbeiterklasse oder dem, was sie dafür hielten. Die einfachen Leute eben. Sie wollten zeigen, was da los war, die Spannungen, die Zwischentöne, ja, die Grautöne. Nicht immer alles schwarz und weiß, das war nicht seriös. Gefühl und Nachhaltigkeit, das war wichtig. Daraus verfassten sie ergreifende Artikel oder Treatments für Drehbücher, die sie dann bei den Fördergremien einreichten, wenn sie gerade mal wieder pleite waren. Kulturförderung war für sie existenziell. Ohne Kultur gab es kein Leben, nicht wahr? Alles andere war Barbarei. Und das modische Strickkleid gegen die Kälte gab es bei Zalando schon ab 199 Euro. Gut aussehen war immer noch wichtig. Man hatte schließlich einen Namen.

Ich habe diese Geschichte dann doch nicht geschrieben. Ich bin nicht Truman Capote (auch wenn ich mich schon oft so gefühlt habe). Eingerissene Brücken muss man nicht zusätzlich noch abbrennen. Manchmal reicht es, bestimmte Namen aus den Adresslisten zu streichen.


Abbildung: Truman Capotes legendärer Black and White Ball, 1966

Umso mehr sind wir des Beifalls sicher

„Selten hatte ein Jahr, global wohl und nicht nur in der Sicht habituell ‚kritischer‘ Intellektueller, mit einer so tief depressiven Stimmung und derart düsteren Prognosen begonnen wie dieses. Wer die Nacht vom 31. Dezember 2016 auf den 1. Januar 2017 mit den üblich freundlichen Neujahrs-Floskeln zu bestreiten suchte, wirkte naiv oder fiel, schlimmer, dem Verdacht anheim, nicht auf der kollektiv angepeilten Höhe politischer und ethischer Verantwortung zu leben. Wie in einem öffentlich ausgeschriebenem Tugend-Wettbewerb war man bemüht, sich wechselseitig mit Sarkasmen oder auch ernsthaften Ausdrücken der Sorge um das Wohl der Menschheit zu überbieten und wachzuhalten.“

(Hans Ulrich Gumbrecht, Entspanntes Katastrophenjahr: die Gegenwart in Stimmungsbildern, 8.4.2017)

clouds

„Die Lust am Untergang“ von Friedrich Sieburg habe ich vor ungefähr sechs Jahren durch die Neuauflage der Anderen Bibliothek entdeckt. Kurz darauf hatte ich das Glück, auch noch eine alte Taschenbuch-Ausgabe von Sieburgs „Nur für Leser: Jahre und Bücher“ für 50 Cents in der Grabbelkiste eines Flohmarktes zu finden. Wenn Sie, so wie ich, die düsteren Neurosen Ihrer Umwelt gerne mit Abstand betrachten und sich außerdem für eleganten Sprachgebrauch begeistern können, dann lesen Sie Friedrich Sieburg. „Die Lust am Untergang“ erschien erstmals 1954, und Sie ahnen bereits, dass es sich dabei um ein eher zeitloses Buch handeln muss, sonst würde ich Sie hier nicht so wortreich damit belästigen.

Wäre ich der Leiter eines linksliberalen schwäbischen Lesekreises, so würde ich jetzt vermutlich pathetisch ausrufen: Wir dürfen Friedrich Sieburg nicht den Rechten überlassen! Da ich aber nur der Vorsitzende (und einziges Mitglied) der anarchistischen Literatur-Brigade „Butterblumen und Zement“ bin, sage ich: Wir dürfen Friedrich Sieburg selbstverständlich jedem überlassen, der ihn gerne lesen möchte – den Linken, den Rechten, der Mitte und allen sich um die eigene Achse drehenden Disco-Tanten (natürlich wollte ich „Diskutanten“ schreiben, aber bei „Butterblumen und Zement“ lassen wir nun mal keinen Kalauer ungenutzt in der Schublade). Wir können nur hoffen, dass sie alle in dem Autoren jenen klugen Geist erkennen, der sich wohltuend über jede Art ideologischer Vereinnahmung hinwegsetzt. Lange bevor der Begriff der German Angst populär wurde, gelang Siegburg in „Die Lust am Untergang“ die unterhaltsame Beschreibung eines (nicht nur) sehr deutschen Gemütszustandes:

„Die Weltuntergangsstimmung durch scharfsinnige Analysen ins allgemeine Bewusstsein zu heben und sie gleichzeitig doch auch zu genießen, gehört zu den Lieblingsbeschäftigungen des Menschen von heute, sei es in Form von Philosophie, im Gespräch oder im Kommentieren von Zeitungsnachrichten. Propheten wollen wir alle sein, und je gelassener wir unseren düsteren Spruch verkünden, umso mehr sind wir des Beifalls sicher.“

Schrauben sind Nägel mit Falten

„Bäume sind Büsche auf Balken. Schrauben sind Nägel mit Falten.“ Als der Poetry Slammer Sebastian 23 diese Zeilen kürzlich in der NDR Talk Show vortrug, sah Barbara Schöneberger aus, als würde sie gerade live einen Schlaganfall erleiden. Man kann das natürlich auch als Ergriffenheit interpretieren. Für übertriebenen Kulturpessimismus besteht dennoch kein Grund. Die Lesungen der Gruppe 47, immerhin die Urmutter aller Poetry Slams, waren nämlich auch nicht viel intelligenter. Die taten damals nur so. Außerdem dichtet es sich mit einem frisch überstandenen Weltkrieg im Rücken natürlich wesentlich depressiver und metaphernreicher: Denn die Eingeweide der Fische sind kalt geworden im Wind.“ Bis heute weiß niemand (die Schöneberger erst recht nicht), was Ingeborg Bachmann damit gemeint hatte. Aber es klingt immer noch sehr bedeutend, das gebe ich gerne zu.

Murder Weekly (Hühner, zur Sonne, zur Freiheit!)

„Aber ist es nicht wahrscheinlich, dass jeder, der auf dieser Welt etwas zählt (…) auf dem Weg nach oben den ein oder anderen Menschen umgebracht hat? Wenn man nur genug Leute umbringt, dann errichten sie einem Bronzedenkmäler neben dem Parlament in Delhi – aber das wäre Ruhm, und danach strebe ich nicht. Ich wollte nur die Chance, ein Mensch zu sein – und dafür reichte ein Mord.“

Ich hatte dieses Buch bereits vor Jahren geschenkt bekommen. Seitdem ist es immer wieder durch diverse Regale gewandert, ohne dass ich mich zur Lektüre durchringen konnte. Weshalb eigentlich? Vielleicht interessierte mich Indien einfach nicht genug. Obwohl die Inder und Chinesen doch spätestens in zehn Jahren endgültig das Ruder auf diesem Planeten übernehmen werden (erste Entscheidung im neuen Jahr: Hindi oder Mandarin lernen?) Vielleicht hatte ich auch einfach schon genug Reiseberichte von überspannten Damen gehört, die stets mit einem Haufen Eso-Tinnef, bunten Fotoserien, nervtötenden Weisheiten sowie mit Beschreibungen monströser Durchfallerkrankungen zurückkehrten. Eat, Pray, DiarrheaNatürlich war mir klar, dass die auf ihren Selbstfindungs-Trips genauso wenig über Indien gelernt hatten wie ich zuhause beim Streamen eines Bollywood-Musicals. Kurz vor Weihnachten habe ich dann endlich „Der Weiße Tiger“ von Aravind Adiga gelesen. Bin ich jetzt schlauer? Zumindest habe ich mir danach wieder einmal Gedanken darüber gemacht, was es eigentlich bedeutet, ein freier Mensch zu sein. „Der Weiße Tiger“ erzählt die Geschichte eines ungewöhnlichen Aufstieges, irgendwo zwischen „Slumdog Millionaire“ und “So wirst du stinkreich im boomenden Asien“. Die indische Gesellschaft wird hier als ein korrupter Moloch beschrieben, der sich nach außen als größte Demokratie der Welt verkauft, im Innern aber durch eine brutale Hackordnung zusammengehalten wird, in der immer noch die Herkunft über den Wert und das Schicksal eines Menschen entscheidet. Dass der Held in dieser Geschichte am Ende seinen Herren ermordet (das Wort „Boss“ wäre hier wirklich untertrieben und daher fehl am Platz), um sich so aus den Zwängen seiner niederen Geburt zu befreien, ist dabei gar nicht mal das Spannendste. Viel interessanter ist die Frage, warum so etwas nicht viel öfter passiert, und warum sich so unglaublich Viele mit der ihnen zugewiesenen Rolle als Menschen zweiter oder dritter Klasse abzufinden scheinen.

„Dass die Fahrer und Köche in Delhi alle ‚Murder Weekly‘ lesen, muss nicht heißen, dass sie ihren Herren demnächst den Hals durchschneiden. Sie würden natürlich gerne. Selbstverständlich stellen sich Milliarden Diener heimlich vor, wie sie ihre Arbeitgeber erwürgen – darum bringt die indische Regierung ja auch diese Zeitschrift heraus und verkauft sie für nur viereinhalb Rupien auf der Straße, sodass selbst die Armen sie sich leisten können. Es ist nämlich so: Der Mörder in den Geschichten des Blattes ist immer so gestört und sexuell abartig, dass nicht ein Leser sein will wie er — und am Ende wird er immer von irgendeinem ehrlichen, fleißigen Polizisten (ha!) gefasst, oder er wird vollkommen wahnsinnig und erhängt sich mit einer Bettdecke, nachdem er einen gefühligen Brief an seine Mutter oder seinen Grundschullehrer geschrieben hat, oder er wird vom Bruder der Frau, die er umgebracht hat, verfolgt und erwischt, verprügelt und erdrosselt. Wenn also Ihr Fahrer die ‚Murder Weekly‘ durchblättert, entspannen Sie sich. Für Sie besteht keine Gefahr. Ganz im Gegenteil.“

Können Sie sich noch an Truman Burbank aus der „Truman Show“ erinnern? Sobald der auf den Gedanken kam, aus seiner kleinen Welt auszubrechen, schob ihm die Regie alle möglichen Hindernisse in den Weg: plötzlich aufkommende Unwetter, Plakate mit Warnhinweisen zu den Gefahren des Reisens oder wohlmeinende Freunde, die ihn davon überzeugen wollten, dass es daheim doch immer noch am schönsten ist. Am Ende bricht er doch aus, ohne zu wissen was ihn erwartet. Der weiße Tiger dagegen kennt das Ziel seines Ausbruchs ganz genau. Er macht die Schauergeschichten aus „Murder Weekly“ zu seiner eigenen Biographie, ohne sich vor den Konsequenzen zu fürchten. Wer wirklich frei sein will, darf keine Angst haben. Der Hühnerkäfig der sozialen Kontrolle (Familie, Kollegen, Staat usw.)  – versuchen Sie mal, daraus auszubrechen. Versuchen Sie es. Nein? Nicht mal ein Versuch? Gestern habe ich mir eine Packung Taschentücher gekauft. Was das mit den erhabenen Gedanken zur Freiheit zu tun hat, fragen Sie? Nun, die Taschentuch-Industrie scheint sich neuerdings auch um weltanschauliche Fragen zu kümmern, denn auf einer Packung steht „Dream Big“, auf einer anderen „Enjoy the little things“. Heutzutage steht so ein Quatsch ja überall drauf. Ist das nicht auch eine subtile Art der Kontrolle – die Menschen mit Affirmationen, Glückskeksen und Kalendersprüchen bei der Stange zu halten? Auf dass sie gerade genug Optimismus zum Weitermachen aufbringen, aber bescheiden genug bleiben, nicht zu viel vom Leben zu erwarten? How about „Stop dreaming!“ and „Enjoy the big things!“ Sollte ich mich demnächst als Entrepreneur in der Drogerie-Branche versuchen, werde ich das auf meine Taschentücher drucken lassen. Und noch ein paar aufmunternde Zitate von Nietzsche, Müller und Joan Rivers („If I ever lose my middle finger, I will have nothing left to say!“) Make Naseputzen great again!

Und jetzt noch flott die obligatorische Neujahrsansprache. Ein mörderisches, brutales Jahr war es, so liest man überall. Eines, in dem man permanent betroffen zu sein hatte und sich gleichzeitig fragen musste, weshalb das Leben eines einzelnen Menschen, z.B. das eines Popstars oder einer ehemaligen Weltraumprinzessin, so viel mehr Aufmerksamkeit erhält als das von zwölf Zerquetschten. Und warum letztere immer noch wichtiger sind als eine halbe Million Kriegsopfer. Die Antwort ist, denke ich, recht simpel: Der eine schrieb „Last Christmas“, die anderen mussten es sich auf dem Weihnachtsmarkt anhören – wahrscheinlich auch noch wenige Sekunden vor ihrem Tod – und der Rest hatte weder für das eine noch für das andere ausreichend Freizeit und Gelegenheit. Die Chancen, ein halbwegs menschenwürdiges Leben zu führen, vielleicht sogar eines, in dem man sich Urlaubsreisen leisten kann, Glühwein trinkt und nebenbei ein paar Spenden für die dritte Welt abdrückt – ganz zu schweigen von einer glamourösen, unsterblichen Existenz zwischen Kokainrausch und Klatschpresse – diese Chancen sind ganz offenbar noch immer ungleich verteilt. In diesem Sinne: Goodbye, George, und all ihr anderen. It’s hard to love, there’s so much to hate.

Die Nachgeburt

Bitte gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen! Also wirklich, bitte verlassen Sie den Tatort, Sie behindern hier nur die Ermittlungsarbeit mit Ihrer dummen Gafferei! Oder wollen Sie wirklich live und in Echtzeit dabei zuschauen, wie ich erfolglos versuche, die neueste Veröffentlichung von Alexa Hennig von Lange zu ignorieren? Na gut. Sollten Sie sich noch an die Zeit kurz vor dem Millennium erinnern können, dann lässt der Name Alexa Dingens von Bummens vielleicht noch die ein oder andere Glocke in Ihrem Gedächtnis läuten. Das war jene sommersprossige junge Dame, die mit ihren crazy Jugendbüchern durch die Medien gereicht wurde, zeitgleich mit Benjamin von Stuckrad-Barre. Ohne ein „von“ hat es die Popliteratur damals nicht gemacht. Die Rolle des tragischen Berliner Partymädchens habe ich ihr damals schon nicht abgekauft, sondern eher als mediokre Travestie empfunden. Aber so lief das in den 90ern: man kam irgendwo aus der westfälischen Provinz zum Studieren oder Arbeiten in die Techno-Hauptstadt, zog dreimal eine Nase Koks in irgendeinem Kellerclub in Mitte, drehte mal richtig frei auf dem Kopfsteinpflaster, und schon war man der Nabel der Welt – es winkten Buchverträge und Auftritte bei Harald Schmidt. Dann kam Charlotte Roche und es wurde alles noch viel schlimmer (merke: schlimmer geht immer!)

Fast 20 Jahre später haben sich die Themen der einst flippigen Autorin naturgemäß etwas verändert. Es treten auf: fünf Kinder, ein Ehemann und ein Apfelgarten in der Uckermark. Oder irgendwo da in der Nähe. Auf jeden Fall in Brandenburg, in der „Region“. Dort nisten sich schon seit Jahren die gestressten Vertreter der Berliner Kulturszene ein, kaufen alte Scheunen auf, züchten Hühner und veröffentlichen Bücher über Landflucht, übers Kuchenbacken und die eigene Familiengründung. Frau Dingens von Bummens kommt mit ihrem Beitrag zu dem Thema zwar ein wenig spät um die Ecke, aber sie war halt auch sehr beschäftigt. Mit den Kindern und so. Seltsamerweise bewirbt der Verlag nun ihr neues Buch u.a. mit der steilen Behauptung „Kinder gelten heute als Anschlag auf die gute Laune, als Sargnagel im Lebensplan.“ Seit wann das denn? Ich zumindest nehme genau das Gegenteil davon wahr. Nie wurde ein größeres Bohei um den Nachwuchs gemacht als aktuell. Kinder sind heute wieder die absolute Nummer Eins bürgerlicher Heilsversprechen. An allen Ecken nerven Mami-Blogs, Ratgeber-Literatur und Magazine für die sendungsbewusste Vollwert-Patchwork-Familie aus der IKEA-Reklame. Und auch bei Familie Hennig von Lange muss alles raus: Die Sorgen. Die Nöte. Die Windeln. Die Spaghetti. Das Smartphone. Der Geschirrspüler. Und die Babysitterin. Familien sind das neue Koks.

Zugegeben: ich bin auch ein klein wenig neidisch auf Menschen, die es schaffen, jeden Aspekt ihrer öden Biografie so unbekümmert und produktiv zu vermarkten. Insofern ist mir Alexa Dummdidumm von Hopsassa ein heimliches Vorbild. Ja, irgendwann werden sie dann wohl auch erscheinen – meine eigenen literarischen Ergüsse! Mindestens fünf Romane habe ich schon in der Schublade. Notizen über ein schillerndes Leben zwischen Diktatur, Alkohol, Sperma und UFO-Sichtungen. Mit heißer Hand getippt und garantiert ohne Ratschläge zur Kindererziehung. Vielleicht werden sie aber auch erst nach meinem Ableben veröffentlicht. So eilig habe ich es eigentlich nicht. Als treuer Jünger Friedrich Nietzsches vermute ich, dass auch mein Werk wohl eher für die Nachgeborenen bestimmt sein wird. Jetzt gehen Sie bitte weiter!