Einen Spiegel! Dass ich mir in die Fresse speien kann!

Schon bald feiert die Radikale Heiterkeit ihren siebten Geburtstag. Am 17. Mai 2014 erschien hier der erste Beitrag, damals noch unter dem oben stehenden Motto, einem Zitat aus Heiner-Müllers „Die Umsiedlerin“. Durch diese erste Assoziation und weil ich netterweise bald vom Kiezneurotiker verlinkt wurde, der wiederum eine tendenziell eher links drehende Leserschaft anzog, hatte auch ich bald ein entsprechendes Völkchen an den Hacken. Irgendein Provinz-Marxist wollte mir gar einen Preis verleihen. Kein Problem, macht alles nichts, Missverständnisse passieren und Ironie ist nun mal nicht jedermanns Sache. Dabei hatte ich mich bereits in jenem ersten Text vom Mai 2014 über das schon damals überholte Links-Rechts-Geseier lustig gemacht. Das war in den folgenden Jahren dann auch eine Art roter Faden: für selbstgerechte Ideologen, egal welcher Farbe und Fasson, hatte und habe ich nur Spott übrig, davon aber reichlich.

Müllers Zitat könnte aktuell wieder von Nutzen sein, da sich einige TV-Darsteller nach der geradezu lächerlich harmlosen Aktion #allesdichtmachen offenbar schon zu Distanzierungen und Widerrufen genötigt sehen. Lange haben sie wirklich nicht durchgehalten. Gerade noch über Angstmacherei gespottet (viel zu spät und viel zu vorsichtig), holt die Angst sie umgehend selbst wieder ein. Sie räumen Fehler ein und geloben Besserung. Öffentlicher Druck, Existenzangst, Arsch auf Grundeis, so kriegen sie die Leute am Ende immer zurück in die Spur. Das hat Tradition, von der katholischen Inquisition über die chinesische Kulturrevolution bis hin zu den Twitter-Prangern unserer Tage. Heute droht keine öffentliche Verbrennung mehr und kein Gulag – wir wollen ja nicht übertreiben – die Aussicht, in irgendeinem beschissenen Tatort nicht mehr mitspielen zu dürfen, reicht schon vollkommen.

Und JA, sage ich, und dreimal JA zu eurer Kritik, Kollegen – mit einem Vorbehalt: dass sie nicht hart genug war, sondern eine Schönfärberei! Denn dreimal schwärzer bin ich als ihr mich abgemalt habt! Einen Spiegel! Dass ich mir in die Fresse speien kann!

Heiner Müller, Die Umsiedlerin oder Das Leben auf dem Lande, 1961

Die Uraufführung von Heiner Müllers „Umsiedlerin“ wurde 1961 zum politischen Eklat. Warum? Müller provozierte durch eine respektlose Satire am sozialistischen Kollektivierungswahn der frühen DDR-Jahre. Der junge Manfred Krug konnte damals im Publikum herzlich darüber lachen, die SED fand es weniger witzig. Das Urteil: konterrevolutionär, antihumanistisch und antikommunistisch. Verbot. Sämtliche an der Aufführung beteiligten Studenten wurden von der Stasi noch in der selben Nacht einzeln verhört und dazu gezwungen, sich schriftlich vom Stück, dem Autor und der Regie zu distanzieren. Müller selbst wurde daraufhin aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen, der Regisseur B.K. Tragelehn wurde „zur Bewährung“ in einen Braunkohletagebau geschickt. Zurück in die Gegenwart: Jemand wie Jan Josef Liefers hat durch seine Ost-Vergangenheit wohl den Vorteil, hier noch Zusammenhänge zu erkennen. Vielleicht bewegt er sich daher auch angstfreier durch die derzeitige Situation als seine Kollegen. Wer diesen Mist schon mal durchgemacht hat, ist eben besser gewappnet. Diejenigen aber, die es eigentlich angehen sollte – all die keifenden Haltungsfunktionäre, die nun wieder nach Konsequenzen und Bestrafung rufen – die werden auch diesmal die Ironie nicht verstehen und die Tradition nicht begreifen, in die sie sich freiwillig stellen.


Der ehemalige Kiezneurotiker, heute Maschinist, beklagt in diesem Zusammenhang gerade wieder einmal den Verlust seiner einstigen politischen Heimat. Er tut das nicht zum ersten Mal und er ist damit sicher auch nicht alleine. Ein guter Text, der aber langsam auch etwas redundant wirkt. Denn dass ehemals progressive Bewegungen, sobald sie selbst die Nomenklatura stellen, sich ebenso totalitär und machtbesoffen aufführen wie die Mächtigen, die sie einst bekämpft haben, ist eine historische Binsenweisheit. Dabei ist es egal, ob sich diese Leute nun durch eine blutige Revolution, den „langen Marsch durch die Instanzen“ oder einfach nur durch erfolgreiche Lobbyarbeit nach oben gedrängelt haben. Die Dynamik ist immer die selbe. Links Hop – Rechts Hop, der ganze Quatsch dient dabei nur dem Machterhalt von Bürokraten, denn wer sich derart ideologisch aufeinander hetzen lässt, ist eben auch leichter kontrollierbar. Politische Heimat am Arsch. Ich selbst habe nie eine gebraucht. Weshalb sollte ich mir auch eine Rolle in einem Spiel zuschreiben lassen, das ich weder erfunden noch mir selbst je freiwillig ausgesucht habe? Im besten Fall werde ich in dieser Position in Ruhe gelassen, im schlimmsten Fall härter bekämpft als der politische Gegner. Denn ein Gegner erkennt wenigstens die Macht an. Ich nehme diese Kasper gar nicht erst ernst. In diesen Sinne: Weiter machen und weiter lachen!


Als vorgezogenes Geburtstagsgeschenk an mich und alle Leser, die bis hierhin durchgehalten haben, hier noch ein paar spontan ausgewählte Juwelen aus sieben Jahren Radikaler Heiterkeit, mehr oder weniger passend zur obigen Thematik:

Margots Rache

Hurra, Thüringen wird endlich wieder antifaschistisch! Bodo, Frauchen und Hundi können aufatmen, Hanau sei’s gedankt. Sie haben sie endlich weich geknetet, umgebogen, kaputt trompetet, die letzten Abweichler im Parlament. So läuft Muttis Laden: Mitmachen, Reihen schließen und Posten sichern. Wer Paranoia verstehen will, muss sich nicht die Manifeste von irgendwelchen Aluhüten durchlesen. Das ganze Land hört Stimmen, seit Jahrzehnten, vornehmlich die aus der Vergangenheit. Es ist längst irre an der Tatsache geworden, dass sich die Taten der Vorfahren nun mal nicht mehr gutmachen lassen. So sucht es Zuflucht in der Verdrängung oder in einem nachträglich verordneten Antifaschismus. Das sind die Lager, beide sind sie irre und paranoid, aber dazwischen darf es nichts geben. Vergessen Sie die Hufeisen-Theorie. Was hier herumfliegt, ist kein Hufeisen, sondern ein Bumerang. Wer eine Haltung irgendwo in der Mitte sucht, sollte sich lieber tief ducken oder gleich die Klappe halten. Wie war das noch in der DDR? Wenn da jemand „Die Mauer muss weg“ rief, steckte die CIA und das Westfernsehen dahinter. Und wenn heute in der hessischen Provinz ein Irrer in eine Bar rennt und dort Leute erschießt, dann steckt eben die AfD dahinter. Persönliche Verantwortung, individuelle Entscheidungen, eigene Gedanken? Gibt es nicht. Nicht im Irrenhaus Deutschland. Hier gilt das Individuum als eine Erfindung von marktradikalen Imperialisten. Nein, alles wird ferngesteuert, der einzelne Mensch ist nur Knetmasse feindlicher Propaganda. Von wem wurde er beeinflusst? Was hat er gelesen, was hat er gehört oder geklickt? Mit wem hatte er Kontakt? Zugriff!!!

Irgendwo in Chile rotieren sie gerade in ihren Gräbern, aber vor Freude.

Wie einen Nagel in den Kopf

Der Sozialismus ist der phantastische jüngere Bruder des fast abgelebten Despotismus, den er beerben will; seine Bestrebungen sind also im tiefsten Verstande reaktionär. Denn er begehrt eine Fülle der Staatsgewalt, wie sie nur je der Despotismus gehabt hat, ja er überbietet alles Vergangene dadurch, dass er die förmliche Vernichtung des Individuums anstrebt: als welches ihm wie ein unberechtigter Luxus der Natur vorkommt und durch ihn in ein zweckmäßiges Organ des Gemeinwesens umgebessert werden soll. Seiner Verwandtschaft wegen erscheint er immer in der Nähe aller exzessiven Machtentfaltungen, wie der alte typische Sozialist Plato am Hofe des sicilischen Tyrannen; er wünscht (und befördert unter Umständen) den cäsarischen Gewaltstaat dieses Jahrhunderts, weil er, wie gesagt, sein Erbe werden möchte. Aber selbst diese Erbschaft würde für seine Zwecke nicht ausreichen, er braucht die untertänigste Niederwerfung aller Bürger vor dem unbedingten Staate, wie niemals etwas Gleiches existiert hat; und da er nicht einmal auf die alte religiöse Pietät für den Staat mehr rechnen darf, vielmehr an deren Beseitigung unwillkürlich fortwährend arbeiten muss – nämlich weil er an der Beseitigung aller bestehenden Staaten arbeitet –, so kann er sich nur auf kurze Zeiten, durch den äußersten Terrorismus, hier und da einmal auf Existenz Hoffnung machen. Deshalb bereitet er sich im Stillen zu Schreckensherrschaften vor und treibt den halb gebildeten Massen das Wort „Gerechtigkeit“ wie einen Nagel in den Kopf, um sie ihres Verstandes völlig zu berauben (nachdem dieser Verstand schon durch die Halbbildung sehr gelitten hat) und ihnen für das böse Spiel, das sie spielen sollen, ein gutes Gewissen zu schaffen.

Friedrich Nietzsche, Der Sozialismus in Hinsicht auf seine Mittel
(aus „Menschliches, Allzumenschliches“, 1878)

Feine Rolex Fischfilet

Der stärkste Verbündete von Ethik und Moral ist das Streben des Menschen, seine eigene Lage zu verbessern und sich einen Vorteil zu verschaffen. Auch das Eifern etwa nach Ruhm, Geld oder Sex (gerne auch alles zusammen, die Autoren üben aber noch) ist eine nicht zu verachtende Triebfeder für Fortschritte aller Art. Nach allen Erfahrungen ist es höchste Zeit, menschliches Handeln nicht an seinen Intentionen, sondern in erster Linie an seinen Ergebnissen zu messen.

Travailer_Delloye

… Dieses Wirtschaftssystem hat vor nichts Respekt. „Der Kapitalismus“, schreibt der Soziologe Karlheinz Messelken, „ist die institutionalisierte Versuchung zu moralischer Niedrigkeit. Wo er den Ton angibt, da löst sich der einzelne aus Ordnungen, die ihn übersteigen und sich seiner Person zu einem höheren Zweck bedienen, da hört der einzelne auf, ein dienendes Glied zu sein, und stellt sich ganz auf seine Selbstsucht.“ Diese Verlockung zum hemmungslosen Gütergenuß ist den Anhängern von himmlischen
oder weltlichen Heilslehren von jeher ein Graus, denn ihr ewiges Ziel ist es, die Begierde des Fleisches unter die Herrschaft des Geistes zu stellen. Die intellektuellen Glaubenskämpfer können es nicht ertragen, wenn Produzenten und Händler in der Gesellschaft einen Rang einnehmen, der doch eigentlich ihnen, den Sinnstiftern, gebühren sollte. So verdammen sie den Kapitalismus aus rechten oder linken, christlichen oder muslimischen Motiven und machen ihn für alle Übel dieser Welt verantwortlich. Dabei ergeht es dem Kapitalismus wie vielen Kinofilmen: Im Feuilleton hagelt es Verrisse, aber das Publikum ist begeistert. Überall dort, wo die Bevölkerung die freie Wahl hat, entscheidet sie sich früher oder später für den Kapitalismus.

(aus „Das Mephisto-Prinzip: Warum es besser ist, nicht gut zu sein“,
Michael Miersch & Dirk Maxeiner, 2001)


Foto: Arthur Delloye, GQ France, 2016

Sommer der Liebe

Wenn die SED-Erben in Berlin ein Loveparade-Revival veranstalten, auf dem ein paar hunderttausend Feelgood-Aktivisten unter dem Motto #unteilbar die Welt in Gut und Böse aufteilen, dann sind wir angekommen im endlosen hirnverbrannten Sommer der Liebe 2018. Ich frage mich, ob die öffentliche Protestkultur in dieser Stadt schon immer so infantil und karnevalistisch war oder erst seitdem sie geschäftsmäßig vom rosa Einhorn-Senat organisiert wird. Und ich düse düse düse düse im Sauseschritt und bring die Liebe mit von meinem Himmelsritt …

P.S. An dieser Stelle auch noch ein herzliches Goodbye an den kürzlich verstorbenen Dieter Thomas Heck!

Deutsche Demokratische Republik

Am Ende dieser Woche, sehr verehrte Mitbürgerinnen und Mitbürger, haben wir alle etwas gelernt – und zwar, wie Narrative durchgepeitscht werden, multimedial, leicht verständlich und für alle zum mitschreiben. Alles, was Sie dazu brauchen, ist ein dicker Schädel, ein Talent zum kreativen Wording sowie die feste, unerschütterliche Überzeugung, auf der richtigen Seite zu stehen. Mit diesen Fähigkeiten können Sie nicht verlieren, auf gar keinen Fall. Ob zu Tötungsdelikten, zum Wohnungsbau oder zu verfassungsrechtlichen Belangen – immer werden Sie mit spielerischer Sicherheit die korrekte Haltung einnehmen, werden Schuldige benennen und schmissige Buzzwörter anbieten können. Lassen Sie sich dabei aber nicht in unnötige staatsfeindliche „Debatten“ verwickeln. Und lassen Sie sich bitte auf gar keinen Fall einreden, Sie wären selbstgerecht, hätten das Demokratieverständnis eines FDJ-Funktionärs auf LSD oder gar eine narzisstische Persönlichkeitsstörung. Nein, bleiben Sie sich treu, aufrecht, das Ziel fest im Visier. Alles für die Sache! Sollten Sie dennoch unerwartet missverstanden, vom Klassenfeind übel verleumdet oder gar abgewählt werden, so können Sie immer noch ins chilenische Exil gehen. Venceremos!

Breaking News: Soeben wurde mir exklusiv ein Video zugespielt*, auf dem eindeutig der jugendliche Ralf Stegner zu erkennen ist, wie er im Kampf für Frieden und Demokratie die rechten Dämonen austreibt … And as long as he has teeth, he will bite you!

*Quelle: Antifaschistisches Aktionsbündnis „Mückenstich“

Punk’s not dead (Wippen gegen den Bürgerkrieg)

Wenn Gotham City brennt, kommt Batman angeflogen und sorgt für Ordnung. Wenn Chemnitz brennt, werden die Toten Hosen geschickt. Nachdem die Befriedung der Ostzone – erst mit Geld und Bananen, später mit strengen Ermahnungen, Hüpfburgen und Hashtags gegen #rechts – nicht so richtig funktionieren wollte, wurde mal wieder das letzte Aufgebot in den Kampf geschickt: staatlich geförderte Berufsjugendliche, die das alte Spiel von Guter Punk vs. Böser Nazi aufführen. Dass das schon in meiner Jugendzeit nicht funktioniert hat, hindert weder den SPIEGEL noch die Altbier-Haubitze Campino daran, es auch den nachwachsenden Generationen weiterhin als Patentrezept zu verkaufen. Dabei war das, wofür „Punk“ in den späten 70er Jahren mal ca. fünf Minuten lang stand, also die größtmögliche Provokation gegen das Establishment, schon kurz darauf an die Nazi-Skinheads abgegeben. In der DDR der 80er Jahre sah das dann so aus: die vergleichsweise harmlos wirkende Punk-Szene war von staatlicher Seite natürlich nicht gern gesehen, galt als asozial und wurde umfangreich von der Stasi überwacht – aber es wurde immerhin über sie gesprochen. Progressive FDJ-Kader verstiegen sich auch schon mal zu der Aussage, dass es doch darauf ankäme, „was in den Köpfen der jungen Menschen sei, nicht oben drauf“ (schon damals wurde Punk teilweise nur noch als Frisur assoziiert). Rechte Skinheads wurden dagegen einfach totgeschwiegen. Nazi sein im Sozialismus, das war tabu, und somit die tatsächlich größtmögliche Provokation. Einige Jahre später wunderte sich SPEX-Redakteur Diedrich Diederichsen in seinem Text „The Kids Are Not Alrightdann schon gesamtdeutsch über die Umdeutung ehemals links besetzter Pop-Codes, z.B. darüber, dass rechte Jugendliche mit Malcolm-X-Basecaps herumliefen. Und heute, wo all die hübschen, einst fortschrittlich und emanzipatorisch gemeinten linken Projekte als sozialdemokratische Staatsdoktrin von oben herab gepredigt werden, flankiert von einem immer infantileren Emo-Neusprech (Liebe vs. Hass bzw. Herz vs. Hetze), da finden Subversion, Auflehnung und echte Opposition zwangsläufig nur noch rechts statt.

batman_sw

Aber zurück zur heiteren Betrachtung der Zustände. Dass die deutsche Wiedervereinigung nicht so harmonisch verlaufen ist wie erhofft, liegt nämlich gar nicht an der Unbelehrbarkeit der Sachsen, sondern an einem Haufen Berliner Fledermäuse. Die hatten sich bis vor kurzem im Gewölbe unter der geplanten Einheitswippe am Schloßplatz eingenistet und so den Baustart des Denkmals verhindert. Ohne Wippe keine Einheit, das ist ja wohl klar. Zwar hat sich das Ding längst zu einem dieser überteuerten planerischen Running Gags entwickelt (siehe BER, Staatsoper etc.), dennoch ist Kulturstaatsministerin Monika Grütters schwer optimistisch, dass die Wippe nun bald kommt. „Wenn wir es jetzt schnell hinbekommen, hätten wir das Denkmal zum 30. Jahrestag der Deutschen Einheit“. Dann endlich wird Frieden einkehren ins Land, dann kommen alle auf die Wippe, aus Ost und West, von links und rechts. Dann wird nicht mehr gehasst und gehetzt, sondern gewippt und gewuppt bis zum Ausgleich. Oder bis allen schlecht wird. Die Fledermäuse sind inzwischen übrigens umgesiedelt, die müssen sich das Elend dann nicht mehr anschauen.

Altstoffsammlung

Dem edlen Weltgeist, vielleicht auch nur meinem fortgeschrittenen Alter sei’s gedankt, dass ich so gut wie nie zu meiner politischen Gesinnung befragt werde. Nehme ich aus Jux an einem dieser Online-Tests teil, durch die man eben jene Gesinnung angeblich ermitteln kann, so kommt meist eine Mischung aus antideutschem oder anarcho-libertärem Hippietum heraus. Dafür gibt es in diesem Land keine wirklich große Lobby. Ich bin somit mein eigener Lobbyist und halte es sowieso zunehmend mit Nietzsche, der Überzeugungen als Gefängnisse bezeichnete – oder auch mit dem großen Robert Anton Wilson, der Belief Systems gerne mit BS abkürzte, was gemeinhin ja auch für Bullshit stehen kann.

Mir tun Menschen mit felsenfesten Überzeugungen leid, sie haben es in diesen unübersichtlichen Zeiten wahrlich nicht leicht. Vor allem bedauere ich jene, die sich noch immer unbedingt als politisch „links“ verorten und gleichzeitig einen Großteil ihrer Zeit mit der mühsamen Diskussion darüber verbringen, was das eigentlich sein soll: links. Was haben Karl Liebknecht, Ulrike Meinhof, Erich Honnecker, Inge Meisel, Heinrich Böll, das Hausbesetzer-Kollektiv „Rote Grütze“ und Gregor Gysi gemeinsam? Sie alle waren oder sind links, auf ihre eigene Art. Geeint im Kampf für eine gute und gerechte Welt, zerstritten in der Wahl ihrer Methoden (wahlweise Tarifverhandlungen, Guerillakampf oder politische Umerziehung). Ich denke, grundsätzlich existiert links nur gegenüber von rechts. Wer sich links verorten will, braucht also den Sparringspartner in der anderen Ecke. Ohne Ungerechtigkeit keine Gerechtigkeit, ohne schwarz kein weiß, ohne Ying kein Yang … blablabla, sprich: ohne Kontrast keine Sichtbarkeit. Vielleicht wird daher das Prädikat „rechts“ auch bevorzugt von links verliehen, bleibt es doch der einzig verlässliche Garant für die eigene Sichtbarkeit. Die Rechten werden daher mit wachsender Identitätskrise der Linken auch immer zahlreicher, denn nur der Feind vermag noch zu vereinen. Oder auch nicht, denn schon flackert die nächste linke Sammlungsbewegung am Horizont. Die Linken haben mittlerweile mehr Abspaltungen, Seperations- und Sammlungsbewegungen hinter sich als die christliche Kirche. Die aktuelle deutsche Linkspartei entstand schließlich auch nur aus einer Sammlung der ehemaligen SED und einem Haufen Oskar-Lafontaine-Plakaten, das ist noch gar nicht so lange her. Nun soll also wieder neu gesammelt werden, denn: linker geht immer.

Parteiversammlung

Wer sich nur weit genug links versammelt, landet irgendwann … nein, nicht rechts, sondern erst einmal beim Genossen Kim Jong-un. Von ihm geht entsprechend gesetzmäßig nun auch der neue Weltfrieden aus – zumindest bis Präsident Matschbirne das Ganze wieder mit seinem Hinterteil (also seinem Twitter-Account) einreisst. Was werden wir wohl eher erleben: die Abrüstung Nordkoreas oder Sahra Wagenknecht als Bundeskanzlerin? Und was ist davon zu halten, dass die Autokorrektur meines Textprogramms aus „Verortung“ ständig eine „Verrottung“ machen will? Jetzt machen Sie sich über all das mal ein paar hübsche Gedanken.

Völker, hört die Signale …

„Dies war für den Aufstieg im Apparat ebenso entscheidend: sichtbar zu sein, so zu arbeiten, dass man immer wieder auffiel.“
(Robert Menasse, Die Hauptstadt)

„Wie wollen Sie in Erinnerung bleiben?“ durfte sich Mark Zuckerberg am Dienstag Abend fragen lassen. Oder noch intelligenter: „Ist es Zeit, den Stecker zu ziehen für Facebook?“ (O-Ton Gabi Zimmer – nicht sehr überraschend, die LINKE hat nun mal traditionell ein Faible für chinesische Lösungen). Um viertel vor Acht wurde dann zumindest der Stecker für Frau Zimmer und ihre Kollegen gezogen, dem Himmel sei’s gedankt, sonst hätte vielleicht noch jemand die Internationale angestimmt. Als Zuckerberg sich gestern von seinem PR-Termin in Brüssel verabschiedete, tat er das in der Gewissheit, dort mit der wohl größten Versammlung von Volltrotteln gesprochen zu haben, die ihm in seiner bisherigen Karriere begegnet ist. Ich dachte ja, ich hätte im Zusammenhang mit der medialen Sau namens „Datenskandal“ schon alles an Schwachsinn gehört, was es zu hören gibt. Irrtum, denn wenn das EU-Parlament auftritt, wird es erst richtig unterhaltsam. Ich fasse also noch mal zusammen: Das Geschäftsmodell der Firma Facebook besteht zwar praktisch seit ihrer Gründung im Verkauf von Nutzerdaten – politisch relevant wird das aber erst, wenn eben jene Nutzer anfangen, die falschen Parteien zu wählen. Denn daran muss schließlich irgendjemand Schuld sein, und die Politiker sind es nun ganz gewiss nicht. So wird dann ein Gratis-Schnatter-Portal zur größten Gefahr für unsere Demokratie erklärt, Pöbeleien werden zu Hate Speech und grober Unfug zu Fake News. Neue Begrifflichkeiten erfordern natürlich auch neue Gesetze und Regulierungen, et voilà, schon brummt der Apparat wieder auf Hochtouren. Eins ist klar: die Bürger müssen vor sich selbst beschützt werden … Auf zum letzten Gefecht!

Karma, Karma, Karma, Karma, Karma Chameleon (you come and go)

„Ich will es so sagen: Wenn man die großen Feinde schlägt, dann rennen die anderen alle vor Angst weg. Die scheißen sich in die Hosen, die kleinen Leute, die kleinen Feinde. Das müsst ihr euch mal merken im Leben. Man muss doch dahin schlagen, wo das richtig sitzt und die entscheidende Frage damit gelöst wird!“

(aus „Erich Mielke – ein deutscher Jäger“)


Andrej Holm ist genau einen Tag älter als ich. Danke, Wikipedia, für diese Erkenntnis. Kenne ich Herrn Holm deshalb? Nein. Aber ich habe Menschen wie ihn damals erlebt. Wer sich zu jener Zeit, noch in den letzten Zuckungen der DDR, als halbwegs wacher junger Mann bewusst für eine Karriere bei der Staatssicherheit entschied – für eine Karriere als Spitzel, Denunziant, Menschenvernichter und Arschloch erster Güte also, treu dienend unter einem ebenso großen Arschloch von Chef, der keine Skrupel hatte, noch im Oktober 1989 die eigene Bevölkerung zusammenschlagen und einbunkern zu lassen, sofern sie sich nicht umstandslos zu den Segnungen des Sozialismus bekennen wollte – ja, der wusste genau, was er tat und was von ihm erwartet wurde. Wenn diesem Mann dann knapp dreißig Jahre später einer der wichtigsten Posten in einem desolat hochgemästeten Senat verweigert wird, dann ist das keine Hexenjagd, sondern einfach nur Karma. Bitch.