Als die Sonne still verglühte

Ich wache auf, die Tanzfläche scheint leer zu sein. Nur ein einsamer Säufer dreht sich noch um die eigene Achse, seine Arme weit von sich gestreckt. Ich war wohl hinter meinem DJ-Pult eingeschlafen. Wie spät ist es? Mein Kopf dröhnt, der Raum vor mir fängt an zu schwimmen, irgendjemand muss mir Mescalin in mein Bier gekippt haben. Was soll’s, denke ich, halluziniere mir einfach ein Publikum zusammen und mache da weiter, wo ich aufgehört habe. Der Morgen ist jung, das Hirn abgeschaltet, Polen ist offen und die totale teutonische After Hour ist hiermit eröffnet. Deutschsprachige Musik, die fehlte noch, alles muss raus … So jung komm‘ wa nich mehr zusammen!


Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir verlassen jetzt den Orbit unseres Heimatplaneten und tanzen zu Sehnsucht, Muskeln und Meta-Pop: Wir fahren mit der Luftbahn durch die Nacht, wo der Sternenhimmel für uns lacht. Und all die Probleme auf der Erde liegen für uns in weiter Ferne. ++++++++ Zurück auf der Erde, springen wir aus der vierten Etage von Dussmann, um uns noch mal so richtig zu spüren. Was soll man sonst auch machen auf dieser gottverdammten Friedrichstraße? Gott hat für das alles nur sieben Tage gebraucht, und ich finde, genau so sieht’s hier auch aus ++++++++ Auferstehung in Germany und schon geht der ganze Mist wieder von vorne los: Neue Deutsche Welle ist Neue Deutsche Hölle! ++++++++ Dadaismus, bei dem man mit muss: Schlach ma dod, schlach ma dod, schlach ma ruhig dod! ++++++++ Wir sehen uns umgeben von Trümmern und begrüßen die untote Leiche von Kurt Weill, der wusste noch, wie man feiert … Ach, Brandylachen waren, wo man saß, auf dem Tanzboden wuchs das Gras! ++++++++ Geht’s noch? Merkst du, was ich merke? Jeder geschlossene Raum ist ein Sarg. Die Distelmeyer-Gedenkwochen sind hiermit abgeschlossen, Prost! ++++++++ Später, viel viel später sehen wir verdächtige Raumgleiter am Horizont, sehen wir riesige eidechsenartige Panzer, sehen wir tanzende Bären … Hilfe, mein Kopf ++++++++ Irgendwo in der Zwischenzeit singt Ute Lemper über Corona, Paul Celan spritzt sich AstraZeneca auf dem Klo und ich knipse das Mondlicht an. Wir sehen uns an, wir sagen uns Dunkles, wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis! ++++++++ Wir sind betroffen, wir sind besoffen, wir sind die Dichter und Denker, wir sind die Roboter ++++++++ Was machen Sie eigentlich am Montag? Home Office? Projekte? Meeting? Pitch? Kickoff? Na, dann gleich noch mal Deichkind und die Arme in die Luft: Klick dich, fax dich, mail dich hoch, grapsch dich, quetsch dich, schleim dich hoch, kick dich, box dich, schlaf dich hoch. Bück dich hoch, ja! ++++++++ Zurück auf los und nichts wie raus, tonight we gonna party like it’s 1988: Das selbe Land zu lange geseh’n, die selbe Sprache zu lange gehört, zu lange gewartet, zu lange gehofft, zu lange die alten Männer verehrt. Ich bin rumgerannt, zu viel rumgerannt, ist doch nichts passiert ++++++++ Junge Leute sind gelangweilt, junge Leute sind verzweifelt, junge Leute werden zynisch, so war es immer, so wird es immer sein: Es ist so schön, kannst du die Welt so gut versteh’n, ich lieg mit vier Promille im Graben aus Versehen ++++++++ Wo ist die Liebe, wenn man sie braucht? Schmiegen Sie sich jetzt bitte eng an Ihren Tanzpartner. Wenn Sie keinen Tanzpartner haben, schmiegen Sie sich einfach an sich selbst, denn an den Stegen, den Stegen der Einsamkeit, dort am blutwarmen Ufer der Gier entdecken wir das Frühwerk von Veronika Fischer. Ach du meine Güte, ist das schön! ++++++++ Und wenn wir jetzt noch fünf Minuten durchhalten, nicht aufgeben, nur dieses eine Lied noch mitnehmen, dann sind wir Helden für einen Tag ++++++++ Aus, vorbei, ich muss ins Bett. Aber nicht ohne vorher noch die Bühne frei zu machen für die große, unvergleichliche KNEF: Als die Sonne still verglühte, rangen Frauen ihre Hände, liefen Männer bis ans Ende, bis ans Ende dieser Welt. ++++++++ Zu spät, zu früh, zu heiß, zu dicht. Gute Nacht.


Die Liste:

Deichkind – Luftbahn (2008)
Betterov – Dussmann (2021)
Nina Hagen – Lorelei (1983)
Foyer Des Arts ‎– Familie und Gewaltanwendung (1986)
Blixa Bargeld – Bilbao Song (2002)
Blumfeld – Verstärker (1994)
Lotte Ohm – Die Memoiren des Steven Spielberg 1 & 2 (1998)
Michael Nyman und Ute Lemper – Corona (1992)
Kraftwerk – Die Roboter (1978)
Deichkind – Bück dich hoch (2012)
Pankow – Langeweile (1988)
Faber – Generation YouPorn (2019)
Veronika Fischer – Guten Tag (1976)
Milliarden – Helden (2016)
Hildegard Knef – Die Herren dieser Welt (1970)

I am human and I need to be loved

Da habe ich also in meinen Musik-Archiven gewühlt und beschlossen, da mir gerade sonst nichts besseres einfiel, den DJ in mir zu reaktivieren. So wie früher, als ich noch regelmäßig meinen Freundeskreis mit obskur-eklektischen Playlists beglückt habe. Und was haben wir gerade? Den Monat des schwulen Stolzes? Dann gibt es jetzt also schwule Musik. Im weitesten Sinne. Ich finde es jedenfalls hilfreich, mir hier eine thematische Klammer zu bauen. Ein Gruß geht an dieser Stelle nebenbei mal wieder an den ollen Maschinisten (der Circle Jerk darf nicht abreißen), der mir das heiterste Zitat des Tages bescherte. Bei „Halb Osteuropa hielt die Schenkel geöffnet und den Darmausgang in die Luft“ habe ich fast meine Kaffee ausgespuckt vor lachen. In dem Zusammenhang: War es das denn jetzt für die #ZeroCovid-Gouvernanten? Können die sich jetzt wieder auf #ZeroSugar, #ZeroCo2 und #ZeroBrain konzentrieren? Irgendwas gibt es ja scheinbar immer in Grund und Boden zu verbieten. Ja, der Kampf währet ewig und das Endziel ist stets der Nullpunkt! Aber zurück zur Musik. Also dann, ihr gottlosen Homos und alle, die es noch werden wollen – hier kommt sie, die Playlist des Schmerzes, der Schönheit und des Dramas! Die Links zu den einzelnen Songs stehen jeweils unter dem Text.


K.D. Lang – My Old Addiction (1997)

Sanft geht es los. Die von mir seit vielen Jahren verehrte K.D. Lang hat es geschafft, dass ich mich als militanter Nichtraucher in ein Album verliebt habe, das sich thematisch praktisch nur ums Rauchen dreht. Dabei könnte sie eigentlich auch vom Rasenmähen singen, es würde ganz sicher genau so großartig klingen. Einmal habe ich sie live gesehen. Am Ende des Konzertes setzte sie sich vorne an den Bühnenrand und zündete sich eine Zigarette an. Sofort versammelte sich ein Pulk begeisterter Lesben zu ihren Füßen. Es wirkte wie ein vertrautes Ritual: die androgyne Diva raucht und die Fans huldigen ihr. Ein Marlene-Dietrich-Moment. Passiert das am Ende jedes ihrer Konzerte? Vielleicht können sich ja ein paar nikotinsüchtige Lesben bei mir melden und mich darüber aufklären. My Old Addiction  ist übrigens eine Coverversion und heißt im Original Chet Baker’s Unsung Swan Song.

My old addiction changed the wiring in my brain


Patrick Wolf – Tristan (2005)

Haben Sie diesen blonden deutschen Bubi beim diesjährigen ESC gesehen, mit seiner Jukulele und diesem grenzdebilen Liedchen, das klang wie eine Frühstücksflocken-Werbung? Was wäre wohl passiert, wenn man dem rechtzeitig Patrick Wolf vorgespielt hätte? Hätte das geholfen? Hätte, hätte, Perlenkette. Darf man der offiziellen Biografie von Patrick Wolf Glauben schenken, dann zog dieser bereits im zarten Alter von 16 Jahren allein in ein leerstehendes Haus, wo er fortan mindestens zwölf Instrumente spielte und an seiner eigenen Legende strickte. Ein früher Befreiungsschlag, er konnte wohl einfach nicht anders. 

My name is Tristan and I’m alive!


La Lupe – Puro Teatro (1969)

Vorhang auf für die ultimative kubanische Drama-Queen, unvergleichliche Performerin, Voodoo-Priesterin und Gran Cantante La Lupe! Noch vor Celia Cruz galt sie in den 60er Jahren als „Queen of Latin Music“. Lange sollte ihre Regentschaft leider nicht andauern. 1992 verstarb sie viel zu früh und völlig verarmt in der Bronx. Was für ein Theater! Wenn Sie „Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“ von Pedro Almodóvar gesehen haben, kennen Sie dieses Lied vielleicht noch aus dem Abspann. Sollte mich selbst demnächst ein Nervenzusammenbruch ereilen, so kann ich mir wirklich keine bessere Untermalung vorstellen.

Teatro lo tuyo es puro teatro 


Etienne de Crecy – Prix Choc (1996)

Die späten 90er waren eine gute Zeit zum tanzen und die beste Musik dazu kam aus Frankreich. Von Etienne de Crecy, Alex Gopher, Laurent Garnier, Benjamin Diamond, Stardust, Daft Punk, Cassius und wie sie alle hießen … French House war das glamouröse und humorvollere Gegenstück zum dumpfen Loveparade-Gestampfe. Damals passte ich noch in T-Shirts der Größe XS und habe meinen Hintern zu diesen Klängen unter den besseren Discokugeln der Stadt geschwungen.

Bumm-Bumm-Bumm …


Xiu Xiu – I Luv The Valley Oh (2004)

Ein Song wie eine offene Wunde. Worum es hier genau geht, erschließt sich mir bis heute nicht. Es klingt brutal, nach Missbrauch, Trauma, Selbsthass, Verzweiflung, Suizid – genug Stoff für eine lebenslange Therapie, der sich hier in der Mitte in einem einzigen kurzen Urschrei entlädt. Auch dazu ist Musik schließlich da: um die ganze Scheiße rauszuschreien, wie einen Blutschwall in die Welt zu spucken. Die anderen müssen es dann aufwischen. 

And I won’t rest while you break my will, Je t’aime the valley, Je t’aime the valley OHHH!!!

A Man and his Pussy: Jamie Stewart von Xiu Xiu


Johnny Hartman – Down in the Depths (1956)

Wo könnte man wohl den eigenen emotionalen Tiefpunkt besser besingen als im höchsten Gebäude der Stadt? Hoch oben über den Menschen, die sich sorgenfrei in den Nachtklubs amüsieren, während man seinen Liebeskummer selbstmitleidig in teurem Champagner ersäuft, hier im Penthouse im 90. Stock. Das Original dieses Cole-Porter-Klassikers stammt aus dem Musical Red, Hot and Blue und wurde 1936 erstmals von Ethel Merman auf einer Broadway-Bühne geschmettert. Ich selbst wurde zum ersten Mal durch die üppige Swing-Version von Lisa Stansfield mit dem Lied bekannt gemacht (auf dem Cole Porter Tribute-Sampler Red, Hot + Blue von 1990). Am besten gefällt mir allerdings die Version von Johnny Hartman, einem heute etwas in Vergessenheit geratenen Jazz-Sänger, der zu seinen besten Zeiten auch ein großartiges Album mit John Coltrane aufnahm. 

I’m deserted and depressed in my regal eagle’s nest, down in the depths on the ninetieth floor


Rufus Wainwright – The Art Teacher (2004)

Es gibt wenige Musiker, die ich so nachhaltig vergöttere wie diesen. Vielleicht noch Prince oder Dvořák, es sind wirklich nicht viele. Die ersten vier Alben von Rufus Wainwright gehören für mich bis heute zu den besten und originärsten Werken zeitgenössischer Musik. Zweimal habe ich ihn in Berlin live erlebt, einmal in der Volksbühne und einmal in der Kreuzberger Passionskirche. Letzteres war tatsächlich eine Art Erweckungserlebnis, nie hat mich ein Konzert derart emotional aufgewühlt. Rufus stammt aus einer bekannten kanadischen Musikerfamilie, ist aber (ebenso wie seine Schwester, siehe den nächsten Eintrag in der Liste) schon früh erfolgreich und pompös aus deren Schatten getreten. Ich kenne wirklich niemanden, der sensibles Songwriting so kunstvoll mit Camp und operettenhaftem Pomp verbindet wie dieser Mann. Erwähnte ich schon seine ersten vier Alben? Unbedingt anhören!

He asked us what our favorite work of art was, and never could I tell him, it was him


Martha Wainwright – Bloody Mother Fucking Asshole (2005)

Rufus’ kleine Schwester. Keine sehr faire Beschreibung, aber das ist sie nun mal. Beide haben ein eher angespanntes Verhältnis zu ihrem Vater, und wie sich schon am Titel unschwer erkennen lässt, hat Martha dieses Verhältnis in einer deutlich aggressiveren Art verarbeitet als ihr feinsinniger Bruder. Denn Bloody Mother Fucking Asshole ist nichts anderes als die Abrechnung mit einem abwesenden, egomanischen Vater. Da kommt Stimmung auf zum Weihnachtsfest! Ich weiß nicht, was genau in dieser Familie alles schief gelaufen ist, aber Martha Wainwright hat ihre Stimme trotzdem gefunden – rau, verletzlich und unvergleichlich. 

Poetry has no place for a heart that’s a whore 


Blumfeld – Tausend Tränen Tief (1999)

Erst kürzlich hörte ich mich noch einmal durch das Gesamtwerk von Blumfeld (wodurch sich unter anderem auch der letzte Beitrag in diesem Blog erklärt). Vor allem die ersten beiden Alben haben mich dabei plötzlich ganz neu aufgepeitscht. Alles braucht seine Zeit, und zur Zeit der frühen Blumfeld-Ära hatte ich wohl gerade kein Ohr für deutsche Texte. Dann kam „Old Nobody“ und „Tausend Tränen tief“. Ein Schock, zumindest für viele alte Fans der „Hamburger Schule“. Schlager-Pop? Kitsch? Gefühle? Watt’n datt? Ganz große Kunst ist das, sage ich. Nichts weniger. Kudos an Jochen Distelmeyer, dass er sich das getraut hat und auch an Helmut Berger, dass er da mitgemacht hat.

Ein Lied von zwei Menschen, wie Liebe sich anfühlt


Joanna Newsom – Good Intentions Paving Company (2010)

Diese Frau. Also wirklich. Am Anfang ihrer Karriere trieb sie mit ihrem schrillen Organ und ihrem Harfenspiel so manchen Kritiker die Wände hoch. Vielleicht hatten sie ihr deshalb auch das unselige Etikett „Freak Folk“ angeheftet – eine Schublade, die ebenso dämlich ist wie eigentlich jede Schublade, die sich der Musikjournalismus über die Jahre so ausgedacht hat. Joanna Newsoms eigenständiges Talent war schon immer unbestreitbar, in den folgenden Jahren sollte es sich nur noch wunderlicher und wunderbarer entfalten. Mit Joni Mitchell wurde sie verglichen, mit Rickie Lee Jones und natürlich mit Kate Bush. Aber sie lebt und musiziert in ihrer ganz eigenen Welt. 

I’ve been fessing, double-fast, addressing questions nobody asked

Die Frau hat einen Vogel: Joanna Newsom


Elaine Stritch – Ladies Who Lunch (1970)

Wenn ich Martha Wainwrights Stimme als rau beschrieben habe, dann haben wir es hier mit einer Kettensäge zu tun. Elaine Stritch wurde für die Uraufführung von Stephen Sondheims Musical „Company“ nicht engagiert, weil sie eine großartige Sängerin war, sondern weil wohl niemand anderes diese bitterböse Hymne auf reiche gelangweilte Society Ladies so markerschütternd herausschreien konnte wie sie. Ein Monument des postmodernen Zynismus. I’ll drink to that!

A toast to that invincible bunch, the dinosaurs surviving the crunch. Let’s hear it for the ladies who lunch – Everybody rise!!!


Scott Walker – Plastic Palace People (1968)

Meinen Lebensabend stelle ich mir idealerweise so vor: Auf der weitläufigen Terrasse meiner überdimensionierten Strandvilla mit Blick auf den Pazifik tanze ich, bereits am frühen Nachmittag hackedicht abgefüllt mit den Schätzen meines hochwertigen Weinkellers, in einem Designer-Kaftan zu Scott Walker, am liebsten zu seinem zweiten Solo-Album. So soll es sein, viel mehr brauche ich nicht. 

Don’t pull the string, don’t bring me down, don’t make me land


Lady Gaga & Kermit, the Frog – Gypsy (2013)

Was soll ich dazu sagen? Schöner, alberner, bombastischer und berührender wird es nicht mehr. Lady Gaga wurde einst mit dem Album „The Fame“ berühmt. Ruhm und Berühmtheit waren ein Konzept, dass sie auf der Überholspur mit fast täglich neuen Kostümen und Ideen karikierte. Heute, so scheint es, ist sie dort angekommen, wo alle erfolgreichen Entertainer wohl irgendwann landen – in einer Blase selbstgerechter Weinerlichkeit, die Lippen aufgespritzt, das Konto gut gefüllt, den nächsten Filmvertrag schon in der Tasche. Zwischendurch aber hat sie dann auch immer mal wieder so etwas abgeliefert, und dafür muss man sie einfach lieben.

I don’t wanna be alone forever, but I love gypsy life


Robin Guthrie & Harold Budd – Neil’s Theme (2004)

In dem Film „Mysterious Skin“ gehen zwei Jungs mit der gemeinsamen Erfahrung eines sexuellen Missbrauchs sehr unterschiedlich um. Der eine macht dicht, verdrängt und glaubt fortan daran, von Außerirdischen entführt worden zu sein, der andere wird zum Stricher. Gewalt und Poesie formen hier eine faszinierende Einheit. Der Soundtrack von Robin Guthrie (dem Mitbegründer der Cocteau Twins) und Harold Budd passt dazu wie angegossen. Sphärisch, verträumt, außerirdisch.

Neil’s Theme


t.a.t.u. – How Soon Is Now? (2002)

Der Begriff queer bedeutete ursprünglich ja mal so etwas wie schräg, sonderbar oder suspekt. In diesem Sinne passt diese schauerlich-schöne Coverversion bestens ins Konzept. Wenn hier eines bewiesen wird, dann dass man einen wirklich guten Song nicht zerstören kann. In meinem fiktiven Drehbuch zu einer postapokalyptischen Komödie sitzt Morrissey einsam in einer Moskauer Karaoke-Bar und muss sich das anhören. Er hat wie immer schlechte Laune. Spätestens aber, wenn die beiden t.a.t.u.-Mädels „I am human and I need to be loved, just like everybody else does!“ von der Bühne knödeln, erweicht sein Herz, er springt auf und stimmt mit ein. 

You shut your mouth, how can you say I go about things the wrong way?


George Michael – Freedom! ’90 (1990)

Auch hier singt jemand vom Berühmt sein, vom Hadern mit dem eigenen Image und von den Fesseln der Musikindustrie. Was George Michael hier geschaffen hat, vor allem auch in der Verbindung mit dem legendären Video, ist nichts weniger als die geniale Verschmelzung von Rebellion und Glamour auf der allerhöchsten Stufe. Eine Hochzeit von Verweigerung und Größenwahn. Billig war das nicht. Es treten auf: Linda Evangelista, Naomi Campbell, Tatjana Patitz, Christy Turlington und Cindy Crawford sowie ein paar männliche Models, die damals leider nicht ganz so berühmt waren. Der Sänger selbst hatte sich herausgenommen aus dem Spiel, nur die brennende Lederjacke und die explodierende Gitarre erinnern noch an ihn. Regisseur des Videos war David Fincher. Ja, wer denn sonst? Vielleicht war das bereits das Ende des Pop, wie wir ihn kannten. Vor mehr als 30 Jahren. Verdammt!

All we have to do now is take these lies and make them true somehow

Live to tell

Polizeisirenen von allen Seiten. Ein Dutzend Einsatzwagen penetriert die ohnehin chronisch verstopfte Kreuzung Torstraße/Brunnenstraße, dazu noch ein paar Rettungswagen, Tatüütataa! An Krach ist man an hier gewöhnt, aber was ist denn nun schon wieder los? Ein illegaler Kindergeburtstag? Hat der kleine Rutger-Cornelius den Sicherheitsabstand nicht eingehalten? Polizei! Zugriff! Notbremse! Zwangsjacke! Ausgangssperre! Wasserwerfer! Mehr Bullerei sieht man hier nur, wenn am Alex oder am Rosa-Luxemburg-Platz demonstriert wird. Meistens am Samstag. Manchmal auch am Donnerstag, oder am Montag, Dienstag und Mittwoch. Tatüütataa! Erzählen Sie mal einem Taxifahrer, dass Sie über die Torstraße fahren wollen, der schmeißt Sie unter tausend Flüchen und Verwünschungen sofort aus seinem Wagen. Oder er berechnet Ihnen 500 Euro pauschal, Barzahlung im voraus. Und schmeißt Sie dann trotzdem noch raus. Ein gottverdammtes, dysfunktionales, zugeschissenes Nadelöhr ist diese Straße. Die einzigen, die hier wirklich ungestört durchkommen, sind die zahlreichen Essens-Auslieferer in ihren hellblau oder orange gefärbten Alufolien-Rikschas. Aber die wurden ja auch im indischen Straßenverkehr ausgebildet. Es hilft tatsächlich, sich eine beliebige Kreuzung in Mumbai oder Bangalore vorzustellen, dann erscheint einem das alles hier schon wesentlich entspannter. Ich war noch nie in Indien, habe aber mal eine Woche im Zentrum von Istanbul verbracht, danach stand ich kurz vor einem Hörsturz und Berlin kam mir vor wie ein Dorf. Reisen macht diese Stadt immer noch erträglich.

Kurz vor der nächsten Kreuzung hat jemand „Webdesign“ über seinen Laden meißeln lassen, direkt ins Mauerwerk. Ich weiß nicht, warum, aber ich finde das lustig, dass da „Webdesign“ steht, in Stein gehauen, als Teil der Architektur, für die nächsten hundert Jahre. Über der Einfahrt zur Schönhauser thront eine voluminöse Mama in knappen Dessous. Die Marke Dove macht noch immer Werbung mit dicken Models, offenbar sehr erfolgreich. Es macht durchaus Sinn: Je mehr Quadratmeter Haut, desto mehr Bodylotion wird gebraucht. Ist Ihnen übrigens schon mal aufgefallen, dass auf der Welle der Body Positivity und Plus Size Models immer nur Frauen reiten? Haben Sie schon mal irgendwo unironisch ein übergewichtiges Männermodel gesehen? Irgendwo?

An der Ecke Prenzlauer Allee steht das Soho House. Hier hat mal Madonna gewohnt, während einer ihrer Berliner Gastspiele. Gerüchten zufolge hatte sie die gesamte obere Etage gemietet und renovieren lassen. Nur für eine Woche. Ihr hat wohl die Wandfarbe nicht gefallen. Vielleicht hatte der Seifenspender im Master Bad auch das falsche Aroma. Nur der Denkmalschutz konnte sie davon abhalten, das komplette Gebäude zu sprengen und ein neues Domizil nach ihrem Gusto zu errichten. Wenige Kilometer weiter östlich habe ich im Zimmer eines Schulfreundes einst heimlich einen Fanbrief an Madonna gelesen. Er hatte ihn an irgendein westdeutsches Autogrammbüro adressiert, das er in der Bravo gefunden hatte. Ich habe ihm nie erzählt, dass ich diesen Brief gelesen hatte, weil ich dachte, dass ihm das peinlich sein könnte. Damals war gerade „Live to tell“ erschienen. A man can tell a thousand lies, I’ve learned my lesson well … Madonna sah plötzlich anders aus. Eine neue Frisur, ein neues Image, in den folgenden Jahrzehnten sollte das natürlich zur Routine werden. Nicht im Traum hätten wir uns vorstellen können, dass diese Frau eines Tages in dem ehemaligen SED-Bunker absteigen würde. An der Torstraße Nr. 1, damals noch Wilhelm-Pieck-Straße. Das heutige Soho House hat mehr bizarre Wandlungen mitgemacht als das mittlerweile bis zur Unkenntlichkeit aufgepumpte Gesicht von Madonna. Was ist nur aus dir geworden, Frau Ciccone? Was ist aus uns geworden? Wahrscheinlich genau das, was zu erwarten war. Noch mit 70 wirst du dich in Strapsen auf dem Boden wälzen und „We need a Revolution“ stöhnen. Mit einer halben Milliarde Dollar auf dem Konto und Luxus-Villen weltweit. Während wir immer noch über den Berliner Straßenverkehr stöhnen.

Auf der Strecke zwischen Prenzlauer Allee und dem Platz der Vereinten Nationen (Goodbye Lenin!) beruhigt sich der Verkehr kurzzeitig. Nur um weiter oben vom nächsten Sirenen-Inferno empfangen zu werden. Es bleibt, wie es war – chronische Verstopfung, Kollaps, Kindergeburtstag, Madonna hat ein neues Gesicht und im Nahen Osten brennt mal wieder die Hütte. Tatüütataa! What else is new?

Walpurgisnacht

Und wegen der Eier. Damit die nicht opressed sind.*


So, jetzt haben wir es geschafft. Der *Maschinist und ich haben endgültig unseren eigenen Circle Jerk etabliert, in dem wir uns monatlich mindestens einmal gegenseitig über den grünen Klee loben. Tatsächlich musste ich über seinen aktuellen Text gerade an mehreren Stellen wieder heftig lachen. Danke also dafür und danke auch für die Aufmerksamkeit und die Blumen! Derart gelobt und angepriesen als allwissende klugscheißende Müllhalde, möchte ich dem Kollegen dann gleich noch mal nachhaltig in die Hacken treten. Denn zwischen all den Leck-mich-nach-mir-die-Sintflut-Statements der letzten Zeit lese ich bei ihm dann doch immer noch den vorsichtigen Wunsch nach Abgrenzung und Absicherung heraus. Damit er nur nicht von den Falschen gelesen, gemocht oder gar geteilt wird. Ich sag dir was, mein Lieber: das funktioniert nicht, das kannst du nicht steuern, musst du auch gar nicht. Gib es endlich auf. Ob halbschwul oder viertelpolnisch, das interessiert niemanden mehr, der Zug ist seit zwanzig Jahren abgefahren. Die Afd-Vorsitzende ist lesbisch und lebt mit einer Syrerin zusammen, selbst die hat dich identitätstechnisch also längst eingeholt. Homosexuelle sind heute das Establishment, das Patriarchat, der Feind. Sofern sie sich nicht bedingungslos dem gallopierenden Irrsinn der woken Brigaden unterwerfen, über die du in deinem Blog zur Recht die Messer wetzt.

Und das noch: Ich will wirklich niemandem Lana del Rey madig machen, aber wer Mazzy Star kennt, hat mehr vom Leben. Denn ja, natürlich gab es das alles schon mal, besser, origineller, älter, und davor auch schon mal, undsoweiterundsofort. Es stimmt, ich wusste es immer schon besser. Ich kenne die Welt, seit zehntausend Jahren. Keine Chance, kein Entrinnen. Pleased to meet you, hope you guess my name.

Einen Spiegel! Dass ich mir in die Fresse speien kann!

Schon bald feiert die Radikale Heiterkeit ihren siebten Geburtstag. Am 17. Mai 2014 erschien hier der erste Beitrag, damals noch unter dem oben stehenden Motto, einem Zitat aus Heiner-Müllers „Die Umsiedlerin“. Durch diese erste Assoziation und weil ich netterweise bald vom Kiezneurotiker verlinkt wurde, der wiederum eine tendenziell eher links drehende Leserschaft anzog, hatte auch ich bald ein entsprechendes Völkchen an den Hacken. Irgendein Provinz-Marxist wollte mir gar einen Preis verleihen. Kein Problem, macht alles nichts, Missverständnisse passieren und Ironie ist nun mal nicht jedermanns Sache. Dabei hatte ich mich bereits in jenem ersten Text vom Mai 2014 über das schon damals überholte Links-Rechts-Geseier lustig gemacht. Das war in den folgenden Jahren dann auch eine Art roter Faden: für selbstgerechte Ideologen, egal welcher Farbe und Fasson, hatte und habe ich nur Spott übrig, davon aber reichlich.

Müllers Zitat könnte aktuell wieder von Nutzen sein, da sich einige TV-Darsteller nach der geradezu lächerlich harmlosen Aktion #allesdichtmachen offenbar schon zu Distanzierungen und Widerrufen genötigt sehen. Lange haben sie wirklich nicht durchgehalten. Gerade noch über Angstmacherei gespottet (viel zu spät und viel zu vorsichtig), holt die Angst sie umgehend selbst wieder ein. Sie räumen Fehler ein und geloben Besserung. Öffentlicher Druck, Existenzangst, Arsch auf Grundeis, so kriegen sie die Leute am Ende immer zurück in die Spur. Das hat Tradition, von der katholischen Inquisition über die chinesische Kulturrevolution bis hin zu den Twitter-Prangern unserer Tage. Heute droht keine öffentliche Verbrennung mehr und kein Gulag – wir wollen ja nicht übertreiben – die Aussicht, in irgendeinem beschissenen Tatort nicht mehr mitspielen zu dürfen, reicht schon vollkommen.

Und JA, sage ich, und dreimal JA zu eurer Kritik, Kollegen – mit einem Vorbehalt: dass sie nicht hart genug war, sondern eine Schönfärberei! Denn dreimal schwärzer bin ich als ihr mich abgemalt habt! Einen Spiegel! Dass ich mir in die Fresse speien kann!

Heiner Müller, Die Umsiedlerin oder Das Leben auf dem Lande, 1961

Die Uraufführung von Heiner Müllers „Umsiedlerin“ wurde 1961 zum politischen Eklat. Warum? Müller provozierte durch eine respektlose Satire am sozialistischen Kollektivierungswahn der frühen DDR-Jahre. Der junge Manfred Krug konnte damals im Publikum herzlich darüber lachen, die SED fand es weniger witzig. Das Urteil: konterrevolutionär, antihumanistisch und antikommunistisch. Verbot. Sämtliche an der Aufführung beteiligten Studenten wurden von der Stasi noch in der selben Nacht einzeln verhört und dazu gezwungen, sich schriftlich vom Stück, dem Autor und der Regie zu distanzieren. Müller selbst wurde daraufhin aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen, der Regisseur B.K. Tragelehn wurde „zur Bewährung“ in einen Braunkohletagebau geschickt. Zurück in die Gegenwart: Jemand wie Jan Josef Liefers hat durch seine Ost-Vergangenheit wohl den Vorteil, hier noch Zusammenhänge zu erkennen. Vielleicht bewegt er sich daher auch angstfreier durch die derzeitige Situation als seine Kollegen. Wer diesen Mist schon mal durchgemacht hat, ist eben besser gewappnet. Diejenigen aber, die es eigentlich angehen sollte – all die keifenden Haltungsfunktionäre, die nun wieder nach Konsequenzen und Bestrafung rufen – die werden auch diesmal die Ironie nicht verstehen und die Tradition nicht begreifen, in die sie sich freiwillig stellen.


Der ehemalige Kiezneurotiker, heute Maschinist, beklagt in diesem Zusammenhang gerade wieder einmal den Verlust seiner einstigen politischen Heimat. Er tut das nicht zum ersten Mal und er ist damit sicher auch nicht alleine. Ein guter Text, der aber langsam auch etwas redundant wirkt. Denn dass ehemals progressive Bewegungen, sobald sie selbst die Nomenklatura stellen, sich ebenso totalitär und machtbesoffen aufführen wie die Mächtigen, die sie einst bekämpft haben, ist eine historische Binsenweisheit. Dabei ist es egal, ob sich diese Leute nun durch eine blutige Revolution, den „langen Marsch durch die Instanzen“ oder einfach nur durch erfolgreiche Lobbyarbeit nach oben gedrängelt haben. Die Dynamik ist immer die selbe. Links Hop – Rechts Hop, der ganze Quatsch dient dabei nur dem Machterhalt von Bürokraten, denn wer sich derart ideologisch aufeinander hetzen lässt, ist eben auch leichter kontrollierbar. Politische Heimat am Arsch. Ich selbst habe nie eine gebraucht. Weshalb sollte ich mir auch eine Rolle in einem Spiel zuschreiben lassen, das ich weder erfunden noch mir selbst je freiwillig ausgesucht habe? Im besten Fall werde ich in dieser Position in Ruhe gelassen, im schlimmsten Fall härter bekämpft als der politische Gegner. Denn ein Gegner erkennt wenigstens die Macht an. Ich nehme diese Kasper gar nicht erst ernst. In diesen Sinne: Weiter machen und weiter lachen!


Als vorgezogenes Geburtstagsgeschenk an mich und alle Leser, die bis hierhin durchgehalten haben, hier noch ein paar spontan ausgewählte Juwelen aus sieben Jahren Radikaler Heiterkeit, mehr oder weniger passend zur obigen Thematik:

My ever changing moods

Aufmerksamen Besuchern wird aufgefallen sein, dass ich hier entgegen früheren Erklärungen wieder eine kleine Link-Liste angeklebt habe. Neues Jahr, neue Widersprüche. Stimmungsschwankungen, Hitzewallungen, fragwürdige Blogrolls sowie ein unkontrollierbarer Hass auf Haustiere und das Establishment – so kündigt sich das männliche Klimakterium an!

Verbraucherhinweise für den Pestarzt: Wenn man sich schon überflüssige Kosmetik zulegt, warum muss es denn unbedingt so ein Billigschrott sein? Wie wäre es mit dieser nobleren Alternative? Das sieht dann auch nicht aus wie Sperma im Bart (übrigens eine eigene Pornhub-Kategorie, wenn ich mich richtig erinnere). Ich kaufe doch auch keinen Wein-Verschnitt von LIDL und erwarte eine orgiastische Geschmacksexplosion mit schokoladig-samtigem Abgang. Bei Kaufland gibt es jetzt übrigens Jack-Daniels-Cola schon für 1,99 Euro die Dose. Run, don’t walk! Ich schreibe das hier nur, weil das liebe Doktorchen keine Kommentarfunktion in seinem Blog hat. Hier dagegen kann weiterhin frisch und frei kommentiert werden. Wortmeldungen, die sich nicht als 100-prozentig zustimmend, gerne auch dankbar oder jubelnd erweisen, werden im Sinne eines offenen demokratischen Diskurses in Grund Boden zensiert. Logisch.

Abbildung: Die Stimmung der jungen Aktivistin Lena-Karina Kalaschnikow kippte in genau dem Moment, als sie bemerkte, dass die Luftballons, die ihr die Heinrich-Böll-Stiftung anlässlich der offiziellen Kundgebung für mehr Pluralismus im Internet zur Verfügung gestellt hatte, statt des zugesagten Heliums nichts als leere Versprechungen enthielten.

Homo homini lupus

Ein beliebtes Klischee besagt, dass sich alleinstehende Frauen in den mittleren Jahren Katzen anschaffen. Auf viele trifft das wohl auch zu. Noch öfter aber schaffen sie sich Hunde an. Und es sind nicht nur Frauen, auch Männer, alleinstehend oder nicht, sehnen sich nach dem Beistand der ständig um Aufmerksamkeit hechelnden Viecher. Ich beobachte das mit zunehmendem Befremden. Wenn sonst nichts läuft im Leben – ein Hund läuft einem immer hinterher! Wäre ich ein professioneller Hunde-Dealer, wäre das mein Werbeslogan. Ist der Mensch des Menschen Wolf? Oder doch eher des Menschen Rottweiler? Vor allem ist der Mensch des Menschen Zumutung, besonders in der Großstadt und ganz besonders in der Begleitung von Hunden. Eine Zumutung für alle, die selbst keine Hunde haben, also für Menschen wie mich. Und wie Fran Lebowitz. Die forderte bereits vor über vierzig Jahren in ihrem satirischen Buch „Metropolitan Life“ die Verbannung sämtlicher Haustiere, speziell der Hunde, aus dem öffentlichen Raum. Dem Einwand, dass Hunde doch aber für die Blinden und Einsamen sehr wichtig wären, begegnet sie mit dem Vorschlag, dass dann eben die Einsamen die Blinden herumführen sollten. So hätten die einen Gesellschaft und die anderen wüssten, wo es lang geht. Was ist dagegen einzuwenden? Ich unterstütze diesen Vorschlag nach wie vor. Erinnert wurde ich daran durch die Dokumentation „Pretend it’s a City“, die Martin Scorsese über Fran Lebowitz gedreht hat. Die Frau ist eine großartige New Yorker Neurotikerin alter Schule. Ein Vorbild.

Sonst noch Fragen? Ach ja, wo sollen denn bitte all die verbannten Hunde hin? Vielleicht in die Mongolei. Dort können sie dann kollektiv Wolf für Arme spielen, sich gegenseitig anbellen und die Wüste Gobi zukacken. Oder denken Sie etwas weiter südlich, an den chinesischen Lebensmittelmarkt. Seien Sie kreativ, ich kann nicht für alles eine Antwort haben. 

Wahrscheinlichkeiten – The Sequel

Seasons don’t fear the reaper,
nor do the wind, the sun or the rain,
we can be like they are …

(Blue Oyster Cult, Don’t Fear The Reaper)

Zehn Monate sind vergangen und noch immer ist es wahrscheinlicher, an den herkömmlichen Todesursachen einzugehen als an … Na, Sie wissen schon, dem C-Wort. Alles andere ist Public Relations – Storytelling für unterschiedliche Zielgruppen: verunsicherte Hausfrauen, aufgekratzte Blogger, autoritätsbesoffene Oberlehrer, Politfunktionäre, Paranoiker oder Wutbürger. Irgendwo dazwischen dürfen Sie sich einordnen, ansonsten bleiben Sie draußen. Eines habe ich in diesem Jahr mal wieder gelernt: Angst ist oberste Bürgerpflicht. Oder soll ich statt Angst besser Vorsicht sagen? Nein, ich sage Angst. Sie dürfen Angst um Ihre Gesundheit haben, Angst vor Ihren Mitmenschen, Angst vor den Russen, vor den Amerikanern, vor Bill Gates und der eigenen Regierung, oder einfach Angst vor dem Tod. Aber einfach so angstfrei vor sich hin leben? Das ist unverantwortlich, anarchistisch, geisteskrank. Denken Sie doch an die Zukunft, an die Sicherheit, an die Kinder! Angst ist der Motor der Gesellschaft. Dazu passend habe ich in diesem Jahr noch etwas gelernt: Das Leben der meisten Menschen ist in einem monströsen Maße fremdbestimmt. Diese Erkenntnis allein ist natürlich nicht neu, aber 2020 war quasi der Lackmustest dafür. 

Das Experiment: Nimm den Menschen die tägliche Fuchtel ihres Angestellten-Daseins, verfrachte sie in ihre Behausungen und schau ihnen beim Durchdrehen zu. Wenn denen niemand mehr vorschreibt, wo sie zu einer bestimmten Uhrzeit antreten müssen und was sie dort zu erledigen haben, bleibt nicht mehr viel übrig. Kein Plan, kein Sinn, keine Ahnung von der eigenen Existenz. Um ihr Überleben müssen die meisten von ihnen nicht mehr kämpfen, dazu sind sie bereits zu gut versorgt, vom Arbeitgeber oder vom Staat. Also walzen sie ihre Freizeitaktivitäten aus, all die kleinen Flucht- und Ablenkungs-Übungen, die sie sonst zum Zweck der Energie-Aufladung sorgsam auf die Abendstunden und auf’s Wochenende verlegt haben. Sie joggen mehr, sie backen mehr, sie saufen mehr, sie ficken mehr und sie glotzen mehr auf Bildschirme als sonst. Vielleicht lernen sie auch stricken oder lassen sich online zum Youtuber ausbilden. Reisen fällt ja leider aus. Irgendwann funktioniert das alles aber nicht mehr, dann drehen die ersten durch, hören Stimmen, verwahrlosen oder verprügeln ihre Familien. Wie zu hören war, ist die häusliche Gewalt während der letzten Monate sprunghaft angestiegen. Fun Fact: wenn Ihr Partner Sie während eines Lockdowns verprügelt, liegt das nicht am Lockdown, sondern daran, dass Sie sich mit einem gewalttätigen Menschen eingelassen haben, der bisher nur nicht ausreichend Tagesfreizeit zur Ausübung der Gewalt hatte. Ein Tag hat nun mal nicht mehr als 24 Stunden. 

Ab morgen werde ich dieses Thema hier abgehakt haben. Gerne dürfen die an verantwortlicher Stelle auch noch eine dritte, vierte oder fünfhundertste Virus-Welle ausrufen, nach noch mehr Einschränkungen, Bevormundungen und Gängelungen rufen, alternativ auch nach dem Sturz von Merkel, Spahn und Biden, und natürlich nach der Weltrevolution. Bei mir ist die Sache durch, sowohl medial als auch mental. Denn ich habe ganz sicher nicht vor, an Langeweile zu sterben. 

Off the grid

Sehr verehrtes Publikum, ich werde mich hier ein wenig zurückhalten und zumindest in den nächsten zwei bis drei Monaten keine neuen Beiträge veröffentlichen. Digital Distancing – versuchen Sie es doch auch einmal! Eine nachträgliche Leseempfehlung möchte ich an dieser Stelle aber noch hinterlassen. Nichts zu danken und bis auf Weiteres!


Aber die Masken fallen, gerade wenn sie mit Stolz getragen werden. Hier entpuppte sich eine Jugend, die sich für revolutionär hielt und doch die Reaktion sowie eine in 15 bleiernen Regierungsjahren verschlissene Geronto-Koalition samt Alternativlos-Kanzlerin verteidigte. Eine Jugend, die – wie ihre Eltern aus den besseren Wohngebieten – den Mundnasenschutz als Ausweis der amtlich gültigen Gesinnung aggressiv einforderte. Eine „Antifa“, deren Strukturen zum Dank für ihren unermüdlichen Einsatz im Dienste des Systems sogar auf vielfältige Weise mit Staatsgeldern gefördert werden. Fast wie der deutsche Beamtenapparat.

Die Masken fallen / Zeilensturm


Der Rest ist Musik:

30 Seconds of Calm

Rund um das Märkische Museum ist es gespenstisch ruhig, ein akustisch toter Winkel in der sonst so lauten Stadt. Läuft man ein paar hundert Meter in eine beliebige Richtung, schwillt der Lärm wieder an. Nur hier ist es ruhig. Selbst der kleine Kinderspielplatz vorm alten Bärenzwinger kommt dagegen nicht an. Die Stille schluckt jedes Geräusch. Der Verkehr wird von einer derzeit stillgelegten Großbaustelle abgeschirmt, die angrenzenden Institutionen und Büros liegen noch im postapokalyptischen Lockdown-Schlaf. Hinter dem Museum steht das Haus am Köllnischen Park, eine ehemalige SED-Parteischule, architektonisch zumindest interessant, heute ein privater Apartment-Komplex, der sich in den nächsten Jahren noch ausdehnen wird – nur eben jetzt nicht. Jetzt ist Ruhe. Auf der anderen Seite schlummert der kleine Agenturturm von Media Consulta vor sich hin, dort habe ich vor ca. 15 Jahren mal gearbeitet. Fast jeder, den ich aus der Branche kenne, hat schon mal bei Media Consulta gearbeitet. Deren Kunden sind die Regierung, die EU und alle, die davon profitieren. Die Agentur selbst habe ich als Ameisenhaufen in Erinnerung, jeden Tag neue Gesichter, neue Email- und Telefon-Listen, zwölf Sprachen wurden gesprochen, was für ein Gewusel. Und jetzt ist Ruhe.

Auf CNN gibt es einen Pausenfüller, den nennen Sie „30 Seconds Of Calm“. Dort werden Segelboote gezeigt oder buddhistische Mönche, die Schriftzeichen pinseln – was man aufgekratzten Nachrichten-Junkies eben so als Entspannung unterjubelt. Mehr als 30 Sekunden dauern die Clips tatsächlich nicht, danach geht der Dauerbeschuss weiter: Breaking News, Bombshells und wackelige Live-Bilder, die Welt als epileptischer Daueranfall. „30 Seconds Of Calm“ ist die Beruhigungspille, die man ohne CNN gar nicht bräuchte. Am Märkischen Museum gibt es 30 Minuten of Calm, vielleicht auch noch 30 Tage, länger wohl nicht.