One day the sadness will end.

Beinah täglich erreichen mich Zuschriften, in denen Menschen mir für mein herausragendes literarisches Schaffen danken, gleichzeitig aber auch besorgt nachfragen: „Weshalb erfahren wir eigentlich so wenig Persönliches von Ihnen, lieber Herr Radikale Heiterkeit? Ihr Blog befindet sich nun bereits im dritten Jahr seines glanzvollen Daseins. Manch herrliche Minute haben Sie uns damit beschert, manch vergnüglichen Gluckser entlockt. Wo aber bleibt das Menschliche hinter diesen Zeilen, das Herz, die zarte verletzliche Seele? Ja, wo bleibt der Mensch mit all seinen Schmerzen, Sehnsüchten, Träumen, seinen Irrungen und Wirrungen? Haben Sie denn gar kein Innenleben, das Sie mit uns teilen möchten? Keine Verwandten? Keine Haustiere? Nicht mal eine Geschlechtskrankheit? Depressionen? Suizidale Gedanken? Oder mal so einen richtig tränenreichen Trauer-Porno, zu dem wir uns die Anteilnahme aus dem Leib wichsen können? IRGEND ETWAS???“ Die Antwort lautet: Nein. Stattdessen, meine lieben Leser, halte ich es wie mein großes Vorbild Katya Zamolodchikova (the sweatiest woman in show business), und tanze aufkommende Gemütswallungen zu Beginn des Frühlings regelmäßig in einer rituellen Performance hinfort. Das hilft übrigens auch bei Schreibblockaden. Gerade stecke ich nämlich in einem Text über die deutsche Integrationsdebatte fest, den ich aber heute Abend noch zu veröffentlichen gedenke (so raunen zumindest die inneren Stimmen). Bis dahin gilt: You better knock, knock, knock on wood!

Take your broken heart, make it into art?

Das Interessante an Meryl Streeps Golden-Globe-Ansprache war für mich nicht der moralische Appell. Den darf man gerne ergreifend, authentisch oder wie auch immer finden, er war in diesem Zusammenhang aber wohl auch nicht anders zu erwarten. Hollywood ist nicht besonders begeistert von Trump, das ist keine große Neuigkeit. Obwohl vier Jahre Verzweiflung und Entrüstung in La la Land doch den ein oder anderen spannenden Filmstoff hervorbringen sollten. Meryl Streep dürfte sich zum Beispiel durch die Darstellung einer gebrochenen Hillary wohl wesentlich mehr Hoffnungen auf einen weiteren Oscar machen als durch die Rolle einer strahlenden Präsidentin (das entsprechende Drehbuch macht ganz sicher schon die Runde). Interessant an ihrer Ansprache war für mich nur der Schluss: „Take your broken heart, make into art“, ein Zitat der verstorbenen Carrie Fisher. Wird nicht genau das auch von Schriftstellern erwartet? Den eigenen Schmerz in Literatur umzuwandeln? Bei Autoren wie Karl Ove Knausgård wird die schonungslose Selbstentblätterung ja gern als große Kunst abgefeiert. Auch Blogger scheinen dann am meisten Wertschätzung zu erfahren, wenn sie möglichst viel Persönliches und Peinliches ausbreiten: gescheiterte Beziehungen, Drogensüchte, Probleme mit dem Stuhlgang. Die Leute lesen so etwas gerne. Nein, das soll kein weiterer Kommentar zum #Kiez-Gate der letzten Woche sein. Nun ja, ein ganz kleiner vielleicht, ich will mir da mal nichts vormachen. Inzwischen aber ist das Interesse daran wieder abgeflacht, die Fortsetzung bleibt aus und die Meute zieht weiter. Was in diesem Zusammenhang nicht vergessen werden sollte: die erfolgreichsten Werke der Literatur sind noch immer rein fiktive Geschichten – Harry Potter, die Bibel oder auch das Kursbuch der Deutschen Bahn.

When the saints go marching in

Wer sich mit der S-Bahnlinie 5 auf der Ost-West-Achse durch Berlin bewegt, hört dieses schöne Lied mehrmals am Tag. Seit Jahren gehört es zum festen Repertoire der dreiköpfigen rumänischen Unterhaltungstruppe, die hier die Reisenden beglückt. Früher hatten sie ab und zu noch La Bamba eingestreut, inzwischen aber gibt es nur noch When the saints go marching in … frisch aus dem klapprigen Verstärker, untermalt von altersschwachen Flohmarkt-Trompeten und lautstarkem „Gesang“. Keine dreißig Sekunden dauert die Vorstellung, dann geht der Pappbecher herum und die drei Heiligen hüpfen bereits in den nächsten Wagon.

allsaints

Was Sie hier sehen, meine sehr verehrten Leser, ist das Foto des Jahres. Zumindest für mich. Tatsächlich finde ich dieses Bild wunderschön. Es sieht aus wie eine Kunst-Installation, perfekt komponiert und ausgeleuchtet. Schließlich war es auch ein Ausstellungsraum, in dem der russische Botschafter in Istanbul erschossen wurde. Sehen Sie die putzigen Bilder mit den russischen Basiliken im Hintergrund? Darunter liegt die Brille des Botschafters. Ein Attentat vor laufender Kamera – für so etwas würden CNN-Reporter ihre eigene Großmutter hinrichten. Ein Attentäter, der sie direkt ansieht, mit der Kanone fuchtelt und ihnen seine Botschaft neben der noch warmen Leiche in High Definition entgegenbrüllt. Bingo! Stattdessen müssen sie meist mit wackeligen Handy-Bildern vorlieb nehmen. Die gab es in diesem Jahr wieder reichlich und in Dauerschleife. Der allmächtige Herrgott segne die Firmen Apple, Samsung und Nokia! Oder um es mit den Worten des jungen Mannes auf dem Foto zu sagen: „Allahu Akbar!“ Oh when the saints go marching in … Wackeln heißt live, wackeln heißt Action! Die restliche Sendezeit (maximal zwei Tage pro Anschlag) wird mit dem Mikrophon vor einem ehemaligen und nichtssagenden Tatort herumgestanden. Was ihnen bleibt in dieser schweren Zeit, ist die Hoffnung, dass es möglichst bald wieder irgendwo anders knallt, und dass dann wieder jemand rechtzeitig mit dem Smartphone wackelt. Tapetenwechsel für müdegeplapperte Journalisten.

Send in the Clowns

Wie traurig und verrottet muss sich das Leben anfühlen, dass ein erwachsener Mensch auf die Idee kommt, sich als Pennywise-Kopie zu verkleiden und so lange hinter einem Gebüsch oder einer Autobahn-Ausfahrt zu lauern, bis sich endlich mal jemand erschreckt, einen mit dem Telefon abfilmt und schließlich auf Youtube hochlädt? Oh flüchtiger Ruhm … Apropos Clowns: der einzig wahre Robbie W. ist zurück und demonstriert, wie die Verständigung mit der russischen Föderation immer noch am besten funktioniert. Gabriele Krone-Schmalz mag so etwas unseriös finden, bei mir aber ist die Botschaft angekommen. Ich bin damit natürlich etwas spät dran, ich weiß. Schwerwiegende persönliche Gründe (eine Erkältung, ein Friseurtermin sowie ein grundsätzlich epochales Desinteresse) hinderten mich leider daran, dem Weltgeschehen ausreichend Aufmerksamkeit zu schenken. Dabei war ich einst ein echter Early Adapter, was die Solokarriere von Robbie Williams angeht. Beinahe zwanzig Jahre ist es nun schon wieder her, da stand ich in einem sehr übersichtlichen Häuflein von Musikjournalisten, Britpoppern und auch einigen treuen Take-That-Fans vor der Bühne der Columbiahalle in Berlin und sah Robbie dabei zu, wie er „Life thru a lens“ vermarktete. Noch bevor „Angels“ als Single ausgekoppelt wurde. Ja, so war ditt jewesen. Es ist immer sehr wichtig, darauf hinzuweisen, dass man eher als alle anderen dabei war. Als erster. Nur die Nummer Eins zählt. Das gilt auch für diese lahmen Ranking-Videos der angeblich schlimmsten Gruselclown-Sichtungen. Strengt euch gefälligst etwas an, ihr Freaks! Feiert wie ein Russe! Tanzt als hättet ihr eine Gehirnerschütterung! Ende der Diskussion!

Alles dicht

Heute saß ich nach sehr langer Zeit wieder einmal in einem komplett zugesprühten S-Bahnwagen. Fenster dicht, Türen dicht, alles dicht. Der Zug als Burka. Frohsinn durchströmte mein Herz und Erinnerungen an die Bronx der frühen 80er wurden wach – bzw. an das, was ich davon damals aus dem Kino kannte, als „Beat Street“ die Hip-Hop-Kultur auch zu uns in die Karl-Marx-Allee schwappen ließ (wäre ich tatsächlich in der Bronx der frühen 80er aufgewachsen, läge mein Coolness-Faktor heute jenseits messbarer Maximalwerte). Nach dem Aussteigen konnte ich dann noch kurz einen Steppke beobachten, der sich von seinem Vater stolz vor der bunten Monster-Burka fotografieren ließ. Dann schlossen sich auch schon wieder die blickdichten Türen und der Wagen ratterte weiter. Graffiti in dieser Dimension und Konsequenz habe ich schon immer als große Kunst angesehen. Eine Kunst, die umso mehr an Wert gewinnt, je illegaler sie ausgeübt wird. Und wer wirklich konsequent ist, der besprüht keine Hinterhofwände, keine Trafos, Hauseingänge oder düstere Unterführungen. Nein, wer wirklich Eindruck hinterlassen will, der wählt sich einen nagelneuen jungfräulichen Wagen. So war es schon immer. Auf dass der Ruhm sich über jeden Bahnhof und jeden Instagram-Account verbreite! Dass so etwas heute überhaupt noch auffällt, beweist die nicht todzukriegende anarchische Kraft der Sprühkunst alter Schule, die bisher jede kommerzielle Vereinnahmung und auch die zwischenzeitliche Konkurrenz durch Banksy & Co. überlebt hat. Das kleinteilige und hässliche Getagge ist dagegen mittlerweile fast vollständig aus den öffentlichen Verkehrsmitteln verschwunden. Jugendlicher Vandalismus findet heute vorzugsweise digital statt – es sei denn, es wird gerade irgendwo Fußball gespielt. Übrig geblieben sind die Manischen, die Künstler mit verpixelten und vermummten Gesichtern, die den Zug noch immer als ihre einzig wahre Leinwand ansehen. So wie die Sprayer aus der Bronx damals. Fenster dicht, Türen dicht, alles dicht. Meinen Respekt an die Bande, die den Wagen zu verantworten hatte, in dem ich heute saß. Möge er noch lange durch die Stadt rollen!