Aufstand und Ursache

„Der Polizist verhaftete mich im Namen des Gesetzes, ich ermordete ihn im Namen der Freiheit.“ (Clément Duval, 1850-1935)

Meine Lieblings-Schlagzeile der vergangenen Woche lautet ganz klar: Polizeieinsatz im Königreich Ur eskaliert. Ein ehemaliger Mister Germany, der unter dem Namen Adrian Ursache (!) in seinem Garten ein autonomes Reich ausruft und tapfer gegen die Staatsgewalt ankämpft – das ist so schön, das konnte ich mir nicht ausdenken. Hätte ich aber gerne. Wieder einmal treibt das Leben die Fiktion vor sich her. Das nächste Mal werde ich schneller sein, versprochen. Weshalb Herr Adrian Ursache von der Presse als Reichsbürger bezeichnet wird, erschließt sich mir nicht. Wie kann man König und Bürger zugleich sein? Allerdings verbreiten Journalisten mittlerweile im copy+paste-Verfahren dermaßen viele falsche Begriffe, dass man dahinter auch schon wieder eine gezielt anarchistische Initiative vermuten darf.

Was nun aber die ominösen Reichsbürger tatsächlich umtreibt, erschließt sich mir noch weniger. Sie erkennen die BRD als Staat nicht an, so viel ist sicher. Anders als der stolze Regent des Reiches Ur verstehen sie sich aber offenbar immer noch als Untertanen von Kaiser Wilhelm. Der verstarb leider bereits vor 75 Jahren. Es besteht eindeutig Erklärungsbedarf. Als Alternative zum Kaiserreich wirbt aktuell dieser unterhaltsame Verein für die Eingliederung Sachsens in die Russische Förderation. Immerhin ist deren Anführer noch am Leben. Und ohne Führer machen sie es nun mal nicht, trotz freiheitlicher Verlautbarungen: „Das baldige Verbot der Meinungsfreiheit und das Verbot von Demonstrationen lässt uns KEINE Zeit mehr! Morgen schon leben wir in einer Diktatur!“ Xорошо! Russifizierung is the new Reichsbürgertum. Was soll man nur von diesen Leuten halten? Rennen beleidigt von einem Erziehungsberechtigten zum nächsten: vom Kaiser zu Adolf, von Onkel Erich über die grüne Grenze zu Papa Helmut und nun von Mutti Merkel zurück gen Osten zu Väterchen Putin, dem anerkannten Hüter von Demokratie, Meinungsfreiheit und Demonstrationsrecht. Bieten Sie ihnen ein paar Bonbons und bunte Murmeln an und sie werden ganz sicher auch zu Ihnen rennen. Autonomie sieht anders aus.

Flag_of_the_Republic_of_Molossia

Seine Hoheit, König Ur, macht es dagegen richtig. Auch wenn er jetzt wohl erst einmal auf einer bundesdeutschen Intensivstation liegt, niedergestreckt von den Kugeln des Feindes. Seinen Mr. Germany-Titel hat er inzwischen wahrscheinlich abgelegt. Konsequenterweise. Schließlich kann er in seinem Königreich so viele Schönheits-Wettbewerbe abhalten wie er mag. Souverän und unter eigener Flagge. Ich finde das Konzept der selbst ernannten Mikro-Nationen sehr sympathisch. Staaten sind immer nur künstliche Gebilde, egal wie groß sie sind. Und Kunst erheitert das Gemüt, also werden Sie kreativ! Vergessen Sie Kaiser, Führer und das verdammte Vaterland! Gründen Sie Ihren eigenen Staat! Ernennen Sie sich zum Präsidenten der Vereinigten Spandauer Emirate, zur Königin von Kleinkleckersdorf oder zum Herrscher der Hohlerde! Oder besser gleich zum Papst! Vorbilder gibt es bereits genug.

Kennen Sie die Republik Molossia? Die befindet sich offiziell immer noch im Krieg mit der DDR. Genauer gesagt: mit dem letzten noch existenten Territorium der DDR, der Ernst-Thälmann-Insel vor der kubanischen Küste. Friedensverhandlungen liefen bisher ins Leere, da die Insel leider unbewohnt ist. Lesen Sie hier die spannende Geschichte dieses unlösbaren Konfliktes. Ich fasse zusammen: Die BRD ist eine GmbH, das Königreich Ur leistet Widerstand, Sachsen liegt in Russland und Molossia verkauft Kriegsanleihen gegen die ostdeutsche Karibik. Das ist die Lage am Morgen. Endlich verständlich.

Der König der Welt (Jetzt is‘ aber auch mal gut, Frau Winslet!)

Durch die sinkende Titanic hatte er sich geschunden, durch Baz Luhrmanns grelle Pop-Spektakel sowie durch das gesamte Alterswerk von Martin Scorsese, durch Blut und Schnee, über rote Teppiche, entlang tausender gebleichter Gebisse und dämlicher Fragen – und das alles nur, um schließlich und endlich jene Bestätigung zu erhalten, die ihm selbst das jahrelange Schaulaufen mit einem Dutzend Supermodels nie verschaffen konnte. Hätte Leonardo DiCaprio am vergangenen Sonntag nicht endlich seinen gottverdammten Oscar gewonnen, wäre wohlmöglich die Hölle zugefroren. Was wiederum sein Engagement gegen die Erderwärmung in Frage gestellt hätte. Apropos: noch schneller als die Polkappen schmelzen die Gesichtszüge von Kate Winslet. Während DiCaprios Dankesrede schwenkte die Kamera kurz zu ihrem bebenden Antlitz im Publikum. Er mag ja der König der Welt sein, sie aber ist die Königin der routinierten Ergriffenheit. Seit Jahren sammelt sie Filmpreise wie andere Leute Rabattmarken, und jedes Mal variiert sie die gleiche emotionale Erschütterung nur um Nuancen. Ob bei ihrem eigenen Oscar-Gewinn, den Critics Choice-, Peoples Choice- der Whoever’s-Choice Awards, den Golden Globes oder dem Ehrenpreis der Stadt Wuppertal – egal: sobald der Umschlag geöffnet und ihr Name aufgerufen wird, triff Kate Winslet sogleich der Schlag. Die Augen weiten sich, der Mund öffnet sich zum stummen Schrei: Oh my god, oh my god, oh my god! Sie kann es nicht fassen. Damit hat sie nicht gerechnet, nein im Leben nicht! So ein schöner Preis schon wieder!