Ich streame

Kenn’se den schon? „Treffen sich zwei Prostituierte. Fragt die eine: rauchst du eigentlich nach dem Sex? Antwortet die andere: Keine Ahnung, ich hab noch nie nachgeschaut.“ Der Mensch braucht Unterhaltung. Ich brauche Unterhaltung. Wo finde ich Unterhaltung? Die Industrie hilft. Die großen digitalen Streamingdienste, die Lagerfeuer des 21. Jahrhunderts, sie sind vielleicht die wahren Profiteure der Stunde. Man könnte meinen, sie wären es auch, die sich diesen ganzen Viren-Mumpitz ausgedacht haben, und nicht Bill Gates und die Impfnazis vom transatlantischen Echsenrat. Könnte man meinen. Man kann alles mögliche meinen und glauben und sich die Köpfe darüber einschlagen. Die Wahrheit aber (*drumroll*) lautet: alle sind Schuld und alle haben Recht. Es kommt bei der Rechthaberei doch immer nur auf die Perspektive an. Wissenschaft, Logik, Fakten, diese vermeintlich scharfen Waffen der Aufklärung, werden am Ende immer zu Knechten der Glaubenskrieger und der Ideologen. Ja, jede einzelne Idee über die Welt ist wahr, ganz egal, wie spinnert sie klingen mag. Glauben’se nicht? Was? Wie?

Zurück zur Unterhaltung. Ich streame. Alle streamen. Es gibt ja nun auch wirklich genug Zeug zum streamen. Vor allem Serien. Serien sind das neue Heroin. Oder zumindest das neue Saufen. So billig. Und so viel. Jede Menge endlose blutige Wikinger-Schlachten, dystopische Endzeitdramen und politische Meta-Satiren. Das einzige, was mich in letzter Zeit allerdings wirklich gut unterhalten hat, war Comedians in Cars getting Coffee, diese zugegeben nicht mehr ganz frische Sendung mit Jerry Seinfeld. Auf dem guten alten Netflix. Nicht alle Folgen sind toll, aber die tollen sind dafür ganz besonders toll. Zum Beispiel die mit J. B. Smoove (u.a. bekannt aus Curb Your Enthusiasm), aus der übrigens auch der oben stehende Witz stammt. Den bekommen Seinfeld und Smoove von einer alten Dame erzählt, als sie gerade ein Café verlassen wollen. Unterwegs sind die beiden in einem feuerroten Studebaker Avanti von 1964, über den sich J. B. Smoove freut wie ein kleiner Schuljunge. Eine elegante Karre ist das. Googeln Sie mal den Studebaker Avanti von 1964. Ach was, habe ich doch längst für Sie getan: bitte sehr! Jerry Seinfeld sucht für jeden seiner Gäste das passende Fahrzeug aus. Im Fall seines alten Kollegen Michael Richards (a.k.a. Cosmo Kramer) ist das zum Beispiel ein furchtbar abgeranzter alter VW-Bus. Auch so eine tolle Folge. Richards erzählt, wie er in New York mal gegen ein obdachloses Schach-Genie verlor. Zweimal hintereinander. Auch sonst scheint er nicht allzu weit von Kramer entfernt zu sein. Die Folgen sind jeweils nur eine gute Viertelstunde lang. Ein beschwingtes Konzentrat von Anekdoten, Punchlines und unverhofften Lebensweisheiten. Dazu ein hübscher Oldtimer und eine gute Tasse Kaffee, was braucht man mehr?

lennybruce

Natürlich lese ich auch. Gerade erst die Autobiographie von Lenny Bruce. Aber ach, was soll ich sagen? Man kann inzwischen selbst Lenny Bruce streamen. In The Marvelous Mrs. Maisel (Amazon Prime) tritt er gleich in der ersten Folge auf. Gut, das habe ich mir dann auch angeschaut. Ein paar Folgen. Gar nicht schlecht. Schönes Zeitkolorit. Mit Blossom Dearie im Soundtrack, wie reizend! Tatsächlich schaue ich das auch jetzt gerade nebenbei, während ich diesen Text tippe. Nur noch eine Folge. Und noch eine. Wie viele Staffeln hat das Ding? Mannomann, die wissen aber auch, wie sie einen bekommen! Mein Bewusstseinsstrom, algorithmisiert. Danke, Jeff Bezos! Na gut, Seinfelds Kaffefahrt und Mrs. Maisel – das war es dann aber auch, oder? Nicht ganz, denn Netflix hat gerade eine Satire auf den Eurovision Song Contest angekündigt, einen Film, keine Serie. Von und mit Will Ferrell. Wenn ich das richtig verstanden habe, ist der offizielle ESC dieses Jahr ja ausgefallen. Oder wurde der auch auf Zoom übertragen? Ich habe das wirklich verpasst. Auf jeden Fall wird er jetzt nachträglich wohl von einem Amerikaner gerettet, besser gesagt vom Volcano Man! Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich muss weiter glotzen, streamen, strömen. Alles so schön bunt hier!

Zustände

Der Alex ist ein Stern aus Asphalt.
Wer damals hier getanzt hat, wer dabei war,
der vergisst ihn nicht so bald. *

Die Balzac-Filiale in der Schönhauser Allee ist die mit Abstand hässlichste Hütte, in der ich seit langem Kaffee getrunken habe. Egal, ich bin hier mit einem alten Schulfreund verabredet. Wir haben einen Fensterplatz und können durch die Scheibe junge Touristen beim Rauchen beobachten. Danach springe ich zurück in die U2. Dort sitzt eine Frau, aus deren Tasche ein riesiger Strauch Grünzeug ragt. Sie trägt Kopfhörer und singt grinsend vor sich hin. Kommt gerade von einem Pfeif-dich-glücklich-Seminar oder vom Yoga, denke ich. Das Grünzeug schleppt sie garantiert schon den ganzen Tag mit sich herum, am Abend wird sie es in den Mixer werfen oder rauchen. Ihr gegenüber telefoniert ein dicker Spanier. Stirnrunzelnd beobachtet er die singende Frau Frohsinn, die ihn angrinst, auf ihren Strauch deutet und ruft „Davon kriegt man grüne Augen!“ „Sorry, I don’t speak german.“ „Wenn ju eat sis, ju get green Eies!“ Der Spanier telefoniert einfach weiter. Alexanderplatz. Raus aus der Bahn und rein ins Gewimmel. Ich erinnere mich, wie wir hier damals nach unserer Schulabschlussfeier nachts im Springbrunnen gebadet haben. Dazu haben wir „I wanna dance with somebody“ von Whitney Houston gesungen, besoffen wie wir nun mal waren. Bis uns die Vopos rausholen wollten. Wir sind dann schnell in ein Schwarztaxi gesprungen (offizielle Taxis bekam bekam man ja nie, nachts schon gar nicht) und haben uns gefühlt wie Bonnie und Clyde auf der Flucht. War meine Kaffee-Verabredung damals nicht auch dabei? Seltsam, wir bereisen die ganze Welt und landen, dreißig Jahre später, doch wieder mit den selben Leuten an den selben Plätzen. Ich sehe mich um. Der Alex ist heute ein Moloch aus mindestens zwölf verschiedenen Architektur-Stilen und drei Millionen Primark-Tüten. Und angeblich auch wieder ein krimineller Hotspot. Deshalb wurde hier kürzlich eine neue Polizeiwache eingeweiht. Denn nachts, wenn das Shopping-Gemetzel vorbei ist, so hört man, übernehmen die Besoffenen. Manche von denen sollen sogar im Springbrunnen baden. Zustände sind das!

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