Allesandersplatz

Ich laufe die Karl-Marx-Allee hinauf, die letzte Strecke zwischen Strausberger Platz und Alexanderplatz. Ich hatte es schon erwähnt: ich bin in dieser Gegend aufgewachsen, in diesem weitläufigen potemkinschen Dorf, nicht nur hier, aber auch. Mir gehört das hier also praktisch alles. Das Kino International zum Beispiel: dort habe ich als Jugendlicher zum ersten Mal Mondsüchtig gesehen, bis heute einer meiner Lieblingsfilme. Im hinteren Teil des Gebäudes, in der ehemaligen Bertolt-Brecht-Bibliothek, trug ich mich als 10-Jähriger in die Wartelisten für Der Zauberer der Smaragdenstadt ein und später als 30-Jähriger habe ich in den selben, zum Nachtclub umfunktionierten Räumen getanzt. Gefeiert habe ich auch gegenüber im Café Moskau. Retro-Gedanken vor Retro-Palästen. Dann kommen die alten Funktionshochhäuser: Haus des Lehrers, Haus des Reisens. In letzteres zog irgendwann der Weekend Club ein (noch mehr Erinnerungen an durchtanzte Nächte), gibt es den eigentlich noch? Äußerlich hat sich hier nicht viel verändert. Nur das Haus der Statistik ist komplett entkernt, auf das Dach haben sie jetzt den Namen „Allesandersplatz“ montiert. Ein spinnertes Kunstprojekt, gefördert vom Senat, es geht wohl um sozialistische Stadtplanung. Passt. Auf dem Alex selbst lauert die übliche Hölle, inzwischen wieder ergänzt um einen Weihnachtsmarkt. Vor einigen Jahren wurde damit begonnen, die Weihnachtsmärkte vor terroristischen Anschlägen zu schützen. Zuerst mit Betonpollern, die sollten gegen tunesische LKW-Fahrer helfen. In diesem Jahr kamen noch Schutzzäune hinzu. Die sollen nun gegen Menschen helfen, die nicht bereit sind, auf Zuruf einen QR-Code hochzuhalten, um die vorgeschriebene Anzahl ihrer Oberarm-Einstiche nachzuweisen. Glühweinsaufen in Käfighaltung.

Die mit Abstand beste Nachricht des ausgehenden Jahres war für mich die, dass William Shatner im stolzen Alter von 90 Jahren endlich ins Weltall fliegen durfte. Gut, es waren vielleicht nur fünf Zentimeter über der Erdatmosphäre, aber immerhin: die Richtung stimmte und ein Kreis hat sich geschlossen, nicht nur für Captain Kirk. Der Gedanke an eine private Weltraumreise scheint mir derzeit wieder recht verlockend. Viele reden gerade vom Auswandern, aber einfach nur das Land oder den Kontinent zu wechseln, wird uns auf Dauer wohl auch nicht vor der freidrehenden Endzeitpanik unserer Mitmenschen schützen. Und ein Krieg ist immer gleich so anstrengend. Nein, wenn schon Eskapismus, dann richtig: Space is the place!

Live to tell

Polizeisirenen von allen Seiten. Ein Dutzend Einsatzwagen penetriert die ohnehin chronisch verstopfte Kreuzung Torstraße/Brunnenstraße, dazu noch ein paar Rettungswagen, Tatüütataa! An Krach ist man an hier gewöhnt, aber was ist denn nun schon wieder los? Ein illegaler Kindergeburtstag? Hat der kleine Rutger-Cornelius den Sicherheitsabstand nicht eingehalten? Polizei! Zugriff! Notbremse! Zwangsjacke! Ausgangssperre! Wasserwerfer! Mehr Bullerei sieht man hier nur, wenn am Alex oder am Rosa-Luxemburg-Platz demonstriert wird. Meistens am Samstag. Manchmal auch am Donnerstag, oder am Montag, Dienstag und Mittwoch. Tatüütataa! Erzählen Sie mal einem Taxifahrer, dass Sie über die Torstraße fahren wollen, der schmeißt Sie unter tausend Flüchen und Verwünschungen sofort aus seinem Wagen. Oder er berechnet Ihnen 500 Euro pauschal, Barzahlung im voraus. Und schmeißt Sie dann trotzdem noch raus. Ein gottverdammtes, dysfunktionales, zugeschissenes Nadelöhr ist diese Straße. Die einzigen, die hier wirklich ungestört durchkommen, sind die zahlreichen Essens-Auslieferer in ihren hellblau oder orange gefärbten Alufolien-Rikschas. Aber die wurden ja auch im indischen Straßenverkehr ausgebildet. Es hilft tatsächlich, sich eine beliebige Kreuzung in Mumbai oder Bangalore vorzustellen, dann erscheint einem das alles hier schon wesentlich entspannter. Ich war noch nie in Indien, habe aber mal eine Woche im Zentrum von Istanbul verbracht, danach stand ich kurz vor einem Hörsturz und Berlin kam mir vor wie ein Dorf. Reisen macht diese Stadt immer noch erträglich.

Kurz vor der nächsten Kreuzung hat jemand „Webdesign“ über seinen Laden meißeln lassen, direkt ins Mauerwerk. Ich weiß nicht, warum, aber ich finde das lustig, dass da „Webdesign“ steht, in Stein gehauen, als Teil der Architektur, für die nächsten hundert Jahre. Über der Einfahrt zur Schönhauser thront eine voluminöse Mama in knappen Dessous. Die Marke Dove macht noch immer Werbung mit dicken Models, offenbar sehr erfolgreich. Es macht durchaus Sinn: Je mehr Quadratmeter Haut, desto mehr Bodylotion wird gebraucht. Ist Ihnen übrigens schon mal aufgefallen, dass auf der Welle der Body Positivity und Plus Size Models immer nur Frauen reiten? Haben Sie schon mal irgendwo unironisch ein übergewichtiges Männermodel gesehen? Irgendwo?

An der Ecke Prenzlauer Allee steht das Soho House. Hier hat mal Madonna gewohnt, während einer ihrer Berliner Gastspiele. Gerüchten zufolge hatte sie die gesamte obere Etage gemietet und renovieren lassen. Nur für eine Woche. Ihr hat wohl die Wandfarbe nicht gefallen. Vielleicht hatte der Seifenspender im Master Bad auch das falsche Aroma. Nur der Denkmalschutz konnte sie davon abhalten, das komplette Gebäude zu sprengen und ein neues Domizil nach ihrem Gusto zu errichten. Wenige Kilometer weiter östlich habe ich im Zimmer eines Schulfreundes einst heimlich einen Fanbrief an Madonna gelesen. Er hatte ihn an irgendein westdeutsches Autogrammbüro adressiert, das er in der Bravo gefunden hatte. Ich habe ihm nie erzählt, dass ich diesen Brief gelesen hatte, weil ich dachte, dass ihm das peinlich sein könnte. Damals war gerade „Live to tell“ erschienen. A man can tell a thousand lies, I’ve learned my lesson well … Madonna sah plötzlich anders aus. Eine neue Frisur, ein neues Image, in den folgenden Jahrzehnten sollte das natürlich zur Routine werden. Nicht im Traum hätten wir uns vorstellen können, dass diese Frau eines Tages in dem ehemaligen SED-Bunker absteigen würde. An der Torstraße Nr. 1, damals noch Wilhelm-Pieck-Straße. Das heutige Soho House hat mehr bizarre Wandlungen mitgemacht als das mittlerweile bis zur Unkenntlichkeit aufgepumpte Gesicht von Madonna. Was ist nur aus dir geworden, Frau Ciccone? Was ist aus uns geworden? Wahrscheinlich genau das, was zu erwarten war. Noch mit 70 wirst du dich in Strapsen auf dem Boden wälzen und „We need a Revolution“ stöhnen. Mit einer halben Milliarde Dollar auf dem Konto und Luxus-Villen weltweit. Während wir immer noch über den Berliner Straßenverkehr stöhnen.

Auf der Strecke zwischen Prenzlauer Allee und dem Platz der Vereinten Nationen (Goodbye Lenin!) beruhigt sich der Verkehr kurzzeitig. Nur um weiter oben vom nächsten Sirenen-Inferno empfangen zu werden. Es bleibt, wie es war – chronische Verstopfung, Kollaps, Kindergeburtstag, Madonna hat ein neues Gesicht und im Nahen Osten brennt mal wieder die Hütte. Tatüütataa! What else is new?

Ich habe 160.000 Menschen geseh’n, die sangen so schön …

Im Musikvideo war zuerst eine US-Flagge zu sehen, vielleicht war das der Fehler. Und dann dieser Refrain … Als Bruce Springsteen damals sein wütendes Lied über einen gescheiterten Vietnam-Veteranen veröffentlichte, schuf er damit eher unfreiwillig einen patriotischen Monsterhit, der die eigene Botschaft unter einem unwiderstehlichen Stampf-Rhythmus begrub. Und als die Jungs von Sandow ihr Born in the GDR als sarkastischen Kommentar zum Springsteen-Konzert 1988 in Weißensee rausrotzten, war es wohl auch unvermeidlich, dass die Nummer spätestens nach der Wende bei vielen als alternative Ost-Nationalhymne im Gedächtnis kleben blieb. Schrei den Leuten entgegen, wo sie geboren wurden, egal wie wütend oder wie spöttisch, und sie schreien zurück „Ja, das sind wir!“, auch wenn es gar nicht stimmt. Geboren, geboren, irgendwo sind wir geboren … Dagegen kommt man nicht an, erst recht nicht, wenn man solche Refrains schreibt. Selbst schuld. Am besten man ergibt sich der Masse, gibt ihnen, was sie zum Schreien, zum Stampfen und zum Fäuste recken braucht, legt noch eine Schippe drauf und peitscht sie richtig ein. Ich habe 160.000 Menschen geseh’n, die sangen so schön, so schön … Wann spielen Springsteen und Sandow endlich gemeinsam in Berlin und schreien ihr Publikum auf die alten Tage noch mal so richtig in Grund und Boden? Als Zugabe tanzt dann David Hasselhoff mit Katarina Witt zu Dancing in the Dark.

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Hunderttausend Jahre Mauer weg, yeah – fällt mir dazu überhaupt noch etwas ein? Ja, das noch: Es war ein überraschend kurzer Fußmarsch über die Oberbaumbrücke. Ich wollte damals nur raus, zusammen mit allen anderen, die noch nicht abgehauen waren. Endlich das große unbekannte Disneyland mit eigenen Augen erleben, das eigentlich nur am anderen Ende der Straße lag, am gegenüberliegenden Ufer, und von dem meine Mutter immer meinte, dass das doch alles zusammengehöre und eines Tages auch wieder … Wirklich, Mutter, wirklich? Wie denn und wann denn? Und dann ging plötzlich alles wie von selbst. Zaun auf und einfach rüber auf die andere Seite gelaufen. Goodbye Genosse Oberstleutnant „Wir meinen es doch nur gut mit euch“ vom Ministry of Love, ich schaue jetzt selber mal nach. Ganz herzlichen Dank auch noch für euren schönen „Schutzwall“ und euren Scheiß „Klassenkampf“, war eine lehrreiche Erfahrung, ja wirklich, aber jetzt reicht es auch mal. Der Rest steht hier.


Abbildung: A. R. Penck, „Die Zukunft der Emigranten“, 1983

Boulevard der Dämmerung

Prenzlauer Berg. Ich war zuerst hier. Dann kamt ihr mit eurer Mülltrennung, euren Fahrrädern und eurer Bioscheiße. Aber ich bleibe trotzdem. Aus Prinzip. Und blogge zurück. (Kiezneurotiker, 2012)

I am big! It’s the pictures that got small.
(Norma Desmond in „Sunset Boulevard“)


Wir stehen vor dem alten Haus, die Tür zum Hof ist offen. Ein Tor in die Vergangenheit. Nichts hat sich hier verändert. Ich habe keine Luxus-Sanierung erwartet, aber doch wenigstens einen neuen Anstrich, eine notdürftige Renovierung. Stattdessen: nichts. Weniger als Nichts. Das Haus verfällt. Wir stapfen die morschen Treppen im Seitenflügel hoch. Im zweiten Stock habe ich gewohnt, fast sieben Jahre lang. Natürlich war das Haus schon damals vergammelt, aber wenn man jünger ist, stört einen das ja nicht, im Gegenteil. Im Treppenhaus traf ich manchmal Lars Eidinger. Bevor er zu Lars Eidinger wurde. Über mir rumorte eine Zeit lang eine japanische DJane und ich selbst hatte durch meine ausufernden Wochenend-Vergnügungen regelmäßig die Polizei vor der Tür. Ich glaube, es gab damals niemanden, der nicht in diesem Haus zu Gast war. Nein, ich übertreibe nicht. Ich erinnere mich auch noch an den lustigen dänischen Kunsthändler aus dem Hinterhaus. Dem hatte ich mal einen alten Leinwandschinken abgekauft und dann weiß übermalt. Weiß auf Leinwand, dazu ein roter Kunstledersessel vom Sperrmüll, eine riesige Holzplatte als Schreibtisch und eine alte Vitrine, so sah mein Zimmer damals aus. Hatte ich auch ein Bett? Ich weiß es nicht mehr. Im Vorderhaus lag das Times, eine der besseren Bars der Gegend, wir sind früh morgens immer direkt durch den Hinterausgang in unsere Wohnungen zurückgetorkelt. Frank Castorf und Kathrin Angerer hockten hier gerne depressiv bei einem Rotwein zusammen, und zum Jahreswechsel 98/99 haben wie hier die großartigste Silvesterparty aller Zeiten gefeiert. Brechend voll war es, der halbe Kiez drängte sich in dem kleinen Raum und tanzte auf den Tischen. Tonight we gonna party like it’s nineteen ninety-nine! It was. And we did.

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Ich kenne da diese Frau, eine Journalistin, deren Vater einst aus der DDR geflüchtet und nach Kanada ausgewandert war. Auch sie war damals häufig in dem alten Haus zu Gast und tanzte ausgelassen über die Dielen. Neulich erst haben wir festgestellt, dass ihr Mann, ein Ostberliner wie ich, in den 80er Jahren in genau diesem Haus aufgewachsen ist, über das ich gerade berichte. Vielleicht darf sich hier deshalb nichts verändern, es ist ein Museum, ein Spukschloss. Man sollte die Touristen aus dem Berlin Dungeon hier durchführen. Aber es wohnen immer noch Leute hier. Wir gehen auf den Dachboden, auch hier steht die Tür offen. Überall Schutt, Asche und der Duft von Fäulnis, nicht mal die Ratten kommen hier noch hoch. Es sieht aus wie in diesen verlassenen oder besetzten Abriss-Buden, die wir während der Wendezeit aus Abenteuerlust erkundet haben. Wie lange dauert es wohl noch, bis das alles einstürzt? Entweder läuft hier die längste und sinnloseste Entmietungs-Kampagne der Immobilien-Geschichte oder der Hausbesitzer liegt längst selbst irgendwo als Skelett in der Ecke … Buhuu … Machen Sie jetzt ein Selfie mit dem Gespenst! Wir befinden uns übrigens keine hundert Meter vom Kollwitzplatz entfernt, also dem Gentrifizierungs-Klischee schlechthin. Etwas später sitzen wir dann im Chagall, weiter unten am Senefelder Platz. Auch hier hat sich nichts verändert, es ist immer noch die selbe Einrichtung, der selbe dunkle, vermoderte Charme, Soljanka steht auf der Speisekarte, Funzelkerzen auf den Tischen. Wenn wir nicht bald hier rauskommen, bleiben wir wohlmöglich in einer Zeitschleife gefangen.

Natürlich stimmen die Klischees, sie stimmen immer bis zu einem gewissen Grade. Es gibt hier all das, wofür der Bezirk in den letzten Jahren so berüchtigt wurde. Es gibt die Eigentumswohnungen, die Penthäuser, die überteuerten Boutiquen, die albernen Bioläden mit ihren im Mondschein gedrechselten veganen Brotaufstrichen für 30 Euro das Glas, es gibt die Mami-Cafés, die Yoga-Studios und die ganzen zugezogenen Honks, über die sich der Kiezneurotiker in seinem Blog immer so in Rage brachte. Es gibt das alles. Aber es gibt parallel dazu eben auch immer noch das Andere, den Staub, die alten Nischen, die Fossilien, die Geschichten aus der Gruft. Apropos: Was ist eigentlich aus dem Kiezneurotiker geworden? Hat er inzwischen schon irgendwo seine digitale Auferstehung erlebt? „Der Irre spricht aus dem Jenseits. In Rätseln“, so prophezeite er bereits vor einigen Jahren, bevor er den Stecker zog. Ich bilde mir ein, dass zumindest sein Geist hier noch mitliest. Schon bläst ein kalter Hauch über die Tastatur, das Licht geht aus und ein dreckiges Lachen ertönt.

Heiner Müllers Jacke

Anlässlich einer Diskussion über Postmodernismus haben Sie von der „Arbeit am Verschwinden des Autors“ gesprochen. Wollen Sie sich und Ihre Kollegen zum Schweigen bringen?

Müller: Das habe ich wahrscheinlich gesagt, weil mich das Thema nicht interessierte. Darin kam meine Unlust zum Ausdruck. Die Veranstaltung war für mich eine Möglichkeit, umsonst nach New York zu kommen. Man wollte aber unbedingt von mir eine Rede hören. Also habe ich, damit man den Flug bezahlt, etwas abliefern müssen. Das Problem ist doch immer, dass ein Schriftsteller automatisch lügt, wenn er redet.

(Heiner Müller im Interview mit der ZEIT, 1987)


Wir sind immer noch auf der Suche nach Heiner Müllers Jacke. Warum? Mein bester Freund hatte Anfang der 90er Jahre einen Studentenjob als Kartenabreißer am Berliner Ensemble. Irgendwann, die genaueren Umstände sind mir entfallen, trug er dann plötzlich die Jacke von Heiner Müller. Jedenfalls soll Müller sie wohl auch mal getragen habe, so geht die Legende. In meiner Erinnerung war es eine braune Rauleder-Jacke, vielleicht auch eher ein Mantel. Mein Freund behielt die Jacke dann einfach und das gute Stück reiste in den folgenden Jahren mit ihm von Berlin aus durch die Weltgeschichte, nach Hamburg, Vancouver, Südafrika und werweißwohin. Heute wissen wir nicht mehr, wo sie abgeblieben ist. Sie liegt wohlmöglich noch in einem dunklen Keller in Hamburg oder Berlin. Vielleicht ist sie in einem Second-Hand-Shop gelandet oder bei der Altkleidersammlung. Es könnte also sein, dass irgendwo da draußen ein exzentrischer Mensch, vielleicht ein Obachloser, mit der Jacke von Heiner Müller herumläuft und es nicht weiß. Irgendwann einmal, vielleicht zu seinem 100. Geburtstag, wird der Heiner aus seinem Grab auferstehen, die alte Jacke finden und damit eine Nacht lang auf dem Wasser der Spree wandeln. Darüber werde ich dann ein Theaterstück schreiben, Arbeitstitel: Germania 4 – Gespenst an toter Jacke. Fragment. Schrei. Lüge. Heute wäre Heiner Müller (1929–1995) runde 90 Jahre alt geworden.

Süßes oder Saures! (Poststrukturalistische Diabetes)

Eigentlich wollte ich etwas über das Ende des SPEX-Magazins schreiben, aber jetzt wird daraus wohl ein Text über BTS. Auf jeden Fall geht es um Popkultur. BTS? 방탄소년단!!! Sollten Sie Kinder im schulfähigen Alter haben, die Ihnen neuerdings auf koreanisch antworten, dann wissen Sie, was sich dahinter verbirgt – die Bangtan Boys, die aktuellen Helden des K-Pop und wahrscheinlich auch die neue Weltregierung. Ich selbst habe keine Kinder, könnte das Ganze als Vertreter einer älteren Generation also entspannt ignorieren. Könnte … in etwa so wie ich zuvor schon Justin Bieber, Taylor Swift, One Direction oder Cardi B hätte ignorieren können. Irgendwann aber war der Sog zu stark und ich habe mir all diese schon zehn Milliarden mal geklickten Videos dann doch angeschaut, mit dem Fuß gewippt und das so clever produzierte catchy-klebrig-bunte Zeug nicht mehr aus dem Kopf bekommen. Warnung: die Videos von BTS sind derart bunt und zuckersüß, dass man bei zuschauen Diabetes bekommt. Vielleicht ist das ja der zeitgemäße Ersatz für den grassierenden Hang zur zuckerfreien Ernährung. Irgendwoher muss die Energie schließlich kommen, und nur von Johnny Cash und Free Jazz wird man auf die Dauer eben auch nicht satt. „Süßes oder Saures!“ lautet das Motto der Saison. Möge die Macht mit den Jungs aus Südkorea sein und mit all den kreischenden Teenagern, die für sie in diesen Tagen vor Konzerthallen übernachten. Auf dass sie sich in ferner Zukunft dann über die Popstars der nächsten Generation wundern dürfen – über irgendein sexy Androiden-Quartett im Jahr 2050, vielleicht ja dann wieder in schwarz-weiß und mit Death Metal vom Mars.

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Hätte es die Bangtan Boys schon vor zwanzig Jahren gegeben, so hätte sie vielleicht ein findiger SPEX-Redakteur mit Michel Foucault quer gerechnet und daraus eine hippe poststrukturalistische Titelstory gesponnen. Soweit das Klischee in meinem Kopf. Jetzt bin ich also doch noch bei meinem ursprünglich geplanten Thema gelandet. Das Überraschendste an der Nachricht, dass die SPEX zum Ende des Jahres nun endgültig eingestellt werden soll, ist wohl die Tatsache, dass es sie überhaupt noch gibt. Professioneller Kultur- und Musikjournalismus ist tot, mausetot. Das interessiert schon lange keinen mehr. Und von der einst legendären Clique Kölner Salon-Marxisten und ihren mitunter anstrengenden Pop-Diskursen ist in den letzten Jahren nur noch ein Nischenmagazin von vielen mit Berliner Adresse übrig geblieben. Das Leser-Forum der SPEX war einst übrigens das erste soziale Netzwerk, das ich online genutzt habe, noch lange vor Myspace oder Facebook. Wir waren ein munterer Haufen Klugscheißer damals. Einige der Forumsteilnehmer hatte ich später auch persönlich kennengelernt, war mit ihnen im Berghain tanzen oder auf der Reeperbahn saufen. Musik war immer dabei, wird es auch in Zukunft sein, süß und sauer. Ohne geht es nicht im Leben.

Kill your Idols!

Oh, I’m so mad I’m getting old
It makes me reckless
(Adele, When we were young)

Nein, es geht hier nicht ums Älter werden, Gott bewahre! Worum geht es dann? Um Theater, ta-dah! Vorhang auf! Gestern wurde in der deutschen Presse feierlich des Attentates auf Rudi Dutschke vor fünfzig Jahren gedacht. Nicht ganz so lange ist es her, dass ich mit „Rocky Dutschke ’68“ mein Schlingensief’sches Erweckungserlebnis in der Berliner Volksbühne hatte. Ein Erweckungserlebnis? Das klingt pathetisch und ist wahrscheinlich maßlos übertrieben, aber auch ich stehe schließlich auf einer Art Bühne und muss darauf achten, dass meine Zuschauer nicht einschlafen. Ich habe immer noch das Programmheft von damals. Die Volksbühne war in den 90er Jahren ein zentraler Teil der Berliner Popkultur und ich war, so oft es ging, mit dabei. Sie haben in diesem Haus praktisch alles angestellt, außer es in die Luft zu sprengen. Ich erinnere mich daran, wie Christoph uns mit seinem Megaphon durch die Zuschauerränge jagte, wie Sophie Rois die Bühne zusammenbrüllte, wie die ehemalige Psychiatrie-Patientin Kerstin ihren erschütternden Monolog hielt zu einer Ballade von Michael Jackson oder wie Bernhard Schütz sich mit der ersten Reihe prügelte, blutige Nasen inklusive. Nie war ich von einer Aufführung so gut unterhalten und gleichzeitig mental durch den Fleischwolf gedreht worden. Vieles mischt sich wahrscheinlich auch mit Erinnerungen an andere Spektakel, an „Rosebud“ oder die „Schlacht um Europa“. Aber das ist egal. Ich muss damit aufhören. Ich wollte doch nie zu einem dieser ergrauten Berufsjugendlichen werden, die einem immer auf die Nerven gehen mit ihren Berichten von der wilden alten Zeit, damals in Woodstock, in New York, London, Westberlin, auf Ibiza oder dem Rosa-Luxemburg-Platz.

Das Ende dieser alten Volksbühne hat mich letztes Jahr ziemlich kalt gelassen. Immerhin hielt diese Ära ganze 25 Jahre an, ein viertel Jahrhundert. Irgendwann ist alles zu Ende dekonstruiert, ausgekotzt und auf den Kopf gestellt. Nicht dass ich jüngeren Generationen solche Erlebnisse nicht gönnen würde. Aber diese waren nun mal leider an sehr spezifische Personen und einen Zeitgeist gebunden, der sich nicht ewig konservieren lässt. Die Party ist vorbei, die alten Helden sind tot oder entzaubert. Was bleibt, ist ein nostalgisches Kasperle-Theater, ein Spuk. Genau das war es, was Schlingensief uns damals mit seiner Dutschke-Performance vermitteln wollte.

Zustände

Der Alex ist ein Stern aus Asphalt.
Wer damals hier getanzt hat, wer dabei war,
der vergisst ihn nicht so bald. *

Die Balzac-Filiale in der Schönhauser Allee ist die mit Abstand hässlichste Hütte, in der ich seit langem Kaffee getrunken habe. Egal, ich bin hier mit einem alten Schulfreund verabredet. Wir haben einen Fensterplatz und können durch die Scheibe junge Touristen beim Rauchen beobachten. Danach springe ich zurück in die U2. Dort sitzt eine Frau, aus deren Tasche ein riesiger Strauch Grünzeug ragt. Sie trägt Kopfhörer und singt grinsend vor sich hin. Kommt gerade von einem Pfeif-dich-glücklich-Seminar oder vom Yoga, denke ich. Das Grünzeug schleppt sie garantiert schon den ganzen Tag mit sich herum, am Abend wird sie es in den Mixer werfen oder rauchen. Ihr gegenüber telefoniert ein dicker Spanier. Stirnrunzelnd beobachtet er die singende Frau Frohsinn, die ihn angrinst, auf ihren Strauch deutet und ruft „Davon kriegt man grüne Augen!“ „Sorry, I don’t speak german.“ „Wenn ju eat sis, ju get green Eies!“ Der Spanier telefoniert einfach weiter. Alexanderplatz. Raus aus der Bahn und rein ins Gewimmel. Ich erinnere mich, wie wir hier damals nach unserer Schulabschlussfeier nachts im Springbrunnen gebadet haben. Dazu haben wir „I wanna dance with somebody“ von Whitney Houston gesungen, besoffen wie wir nun mal waren. Bis uns die Vopos rausholen wollten. Wir sind dann schnell in ein Schwarztaxi gesprungen (offizielle Taxis bekam bekam man ja nie, nachts schon gar nicht) und haben uns gefühlt wie Bonnie und Clyde auf der Flucht. War meine Kaffee-Verabredung damals nicht auch dabei? Seltsam, wir bereisen die ganze Welt und landen, dreißig Jahre später, doch wieder mit den selben Leuten an den selben Plätzen. Ich sehe mich um. Der Alex ist heute ein Moloch aus mindestens zwölf verschiedenen Architektur-Stilen und drei Millionen Primark-Tüten. Und angeblich auch wieder ein krimineller Hotspot. Deshalb wurde hier kürzlich eine neue Polizeiwache eingeweiht. Denn nachts, wenn das Shopping-Gemetzel vorbei ist, so hört man, übernehmen die Besoffenen. Manche von denen sollen sogar im Springbrunnen baden. Zustände sind das!

*

Schwarz und weiß

„Na gut, dachte ich, schreib ich erst mal einen Text. Aber worüber? Ich wertete alle Wettbewerbsbeiträge der Vergangenheit aus. Ein guter Beginn war eine Landschaftsbeschreibung, wo ein Schwarm Vögel in einem schweren Metaphernsalat über den Himmel flog. Dann kamen zwei Seiten nebelhaftes Tasten, dann die Hauptfigur, die auch ein Gegenstand oder Pilz sein konnte. Der Pilz guckte aus dem Fenster und machte sich Gedanken über das, was er gesehen hatte, sowie die Unmöglichkeit, es zu reflektieren. Die Gedanken zerfallen im Pilz wie modrige Morcheln. So ähnlich. Nach etwa drei Vierteln des Textes konnte man sagen, worum es ging. Gut waren ein fehlender Vater, fehlende Liebe, fehlende Übersicht oder ein Loch in der Häuserzeile, wo vor vielen Jahren mal ein Jude drin gewohnt hatte. Der Jude hatte ein Schicksal der Verfolgung erlitten – nicht sehr originell – aber das war Vorschrift. Eine Theologie- oder Judaistikstudentin entdeckte seine Aufzeichnungen, die mit abgebrannten Streichholzstummeln auf Butterbrotpapier gekratzt waren, spürte dem Elend nach und wurde von Hooligans erschlagen. Das alles fiel mir nicht schwer, ich schrieb einen tollen Riemen, den ich an Klaus Nüchtern schickte. Das war der Juror. Nüchtern rief mich sofort zurück und sagte, er habe schon meinen Roman toll gefunden, und an diesem Texte könne man sehen, wie hervorragend ich schreiben könne, aber es sei ja wohl der komplette Stuss. Also schickte ich einen anderen Text, der ging dann.“

(Wolfgang Herrndorf, Klagenfurt)

blackandwhiteball

Ich wollte eine Geschichte über ehemalige Freunde schreiben. Natürlich hätte ich die Namen geändert, die Schauplätze variiert und verschiedene Biographien kreativ miteinander vermischt. Der Bezug wäre für die Betroffenen aber eindeutig erkennbar geblieben. Die ehemaligen Freunde in dieser Geschichte wären Autoren, Redakteure, Dramaturgen oder einfach nur Künstler gewesen, ihr Alter etwa zwischen 40 und 50. Sie alle hätten eine bohemehafte Ostberliner Jugend erlebt, deren Schwung und Lebensfreude sich jedoch im Laufe der letzten Jahre zwischen Bitterkeit und Alkoholismus immer mehr aufzulösen schien. Je älter sie wurden, desto selbstgerechter wurden sie und desto mehr fürchteten sie gleichzeitig den eigenen Bedeutungsverlust. Ja, es gab sie noch, die alten Kontakte, aber die Nestwärme lies deutlich nach. Sie waren die Kinder oder Großcousinen bedeutender Kulturschaffender oder Politiker gewesen, vielleicht sogar die Enkel von von Bertolt Brecht. Sie hatten noch immer einen Namen, auch wenn ihre Umwelt immer weniger damit anzufangen wusste. Sie versicherten sich noch immer ihrer gegenseitigen Zuneigung und Treue, neideten sich insgeheim aber jeden noch so kleinen Erfolg.

Die Luft wurde dünner, das spürten sie, und sie schoben es auf den Konkurrenzkampf und die gesellschaftliche Kälte. Ihre Informationen bezogen sie aus der ZEIT, alles andere war nicht seriös. Sie legten viel Wert auf Geschmack und auf Nachhaltigkeit. Obst und Gemüse kauften sie nur aus der Region, das übrige bestellten sie im Internet. Sie hatten Familien gegründet, manchmal mehrere gleichzeitig, und sie vögelten ihre Kollegen. Sie feierten immer noch gerne. Sie trafen sich auf Ausstellungen, auf Filmfestivals oder beim Italiener. Sie soffen, klagten über Stress und schimpften auf den Kapitalismus. Sie lebten fast ausschließlich von staatlichen Subventionen und Fördergeldern, und sie schmissen das Geld zum Fenster raus. Sie recherchierten gerne im Milieu der Arbeiterklasse oder dem, was sie dafür hielten. Die einfachen Leute eben. Sie wollten zeigen, was da los war, die Spannungen, die Zwischentöne, ja, die Grautöne. Nicht immer alles schwarz und weiß, das war nicht seriös. Gefühl und Nachhaltigkeit, das war wichtig. Daraus verfassten sie ergreifende Artikel oder Treatments für Drehbücher, die sie dann bei den Fördergremien einreichten, wenn sie gerade mal wieder pleite waren. Kulturförderung war für sie existenziell. Ohne Kultur gab es kein Leben, nicht wahr? Alles andere war Barbarei. Und das modische Strickkleid gegen die Kälte gab es bei Zalando schon ab 199 Euro. Gut aussehen war immer noch wichtig. Man hatte schließlich einen Namen.

Ich habe diese Geschichte dann doch nicht geschrieben. Ich bin nicht Truman Capote (auch wenn ich mich schon oft so gefühlt habe). Eingerissene Brücken muss man nicht zusätzlich noch abbrennen. Manchmal reicht es, bestimmte Namen aus den Adresslisten zu streichen.


Abbildung: Truman Capotes legendärer Black and White Ball, 1966

Alles dicht

Heute saß ich nach sehr langer Zeit wieder einmal in einem komplett zugesprühten S-Bahnwagen. Fenster dicht, Türen dicht, alles dicht. Der Zug als Burka. Frohsinn durchströmte mein Herz und Erinnerungen an die Bronx der frühen 80er wurden wach – bzw. an das, was ich davon damals aus dem Kino kannte, als „Beat Street“ die Hip-Hop-Kultur auch zu uns in die Karl-Marx-Allee schwappen ließ (wäre ich tatsächlich in der Bronx der frühen 80er aufgewachsen, läge mein Coolness-Faktor heute jenseits messbarer Maximalwerte). Nach dem Aussteigen konnte ich dann noch kurz einen Steppke beobachten, der sich von seinem Vater stolz vor der bunten Monster-Burka fotografieren ließ. Dann schlossen sich auch schon wieder die blickdichten Türen und der Wagen ratterte weiter. Graffiti in dieser Dimension und Konsequenz habe ich schon immer als große Kunst angesehen. Eine Kunst, die umso mehr an Wert gewinnt, je illegaler sie ausgeübt wird. Und wer wirklich konsequent ist, der besprüht keine Hinterhofwände, keine Trafos, Hauseingänge oder düstere Unterführungen. Nein, wer wirklich Eindruck hinterlassen will, der wählt sich einen nagelneuen jungfräulichen Wagen. So war es schon immer. Auf dass der Ruhm sich über jeden Bahnhof und jeden Instagram-Account verbreite! Dass so etwas heute überhaupt noch auffällt, beweist die nicht todzukriegende anarchische Kraft der Sprühkunst alter Schule, die bisher jede kommerzielle Vereinnahmung und auch die zwischenzeitliche Konkurrenz durch Banksy & Co. überlebt hat. Das kleinteilige und hässliche Getagge ist dagegen mittlerweile fast vollständig aus den öffentlichen Verkehrsmitteln verschwunden. Jugendlicher Vandalismus findet heute vorzugsweise digital statt – es sei denn, es wird gerade irgendwo Fußball gespielt. Übrig geblieben sind die Manischen, die Künstler mit verpixelten und vermummten Gesichtern, die den Zug noch immer als ihre einzig wahre Leinwand ansehen. So wie die Sprayer aus der Bronx damals. Fenster dicht, Türen dicht, alles dicht. Meinen Respekt an die Bande, die den Wagen zu verantworten hatte, in dem ich heute saß. Möge er noch lange durch die Stadt rollen!