Muss i denn, muss i denn … zum magnetischen Dienst?

Jetzt befinden wir uns hinter der Bühne, in der Garderobe von Sabine Sangitar. Sie hat die weltweit erste Kryonschule gegründet und ist Medium der neuen Zeit. Hallo Sabine. Du hast, wie gesagt, die erste Kryonschule auf der ganzen Welt ins Leben gerufen. Wie kam es denn überhaupt dazu?

Ja, also dazu muss i sag’n, dass i ja schon sehr lange Medium bin. Angefangen hat es eigentlich schon mit der Geburt – bin in ein Elternhaus geboren worden, was mi sehr spirituell erzogen hat, hab viele Jahre einen Lehrer gehabt, und hab lange Zeit die Christus-Energie gechannelt. Und irgendwann kam eines Abends nach getaner Arbeit die Wesenheit Kryon, die i nicht kannte, und hat mi daran erinnert, dass i einst ein Versprechen abgelegt hab: Medium der neuen Zeit zu sein und die 48 Schritte der Wirklichkeit durchzugeben, also die Botschaften weiterzuleiten, und das Ganze ist dann … hat sich dann als die Kryonschule gestaltet.

Und hast du dann auch gleich gesagt: „Ja, okay, mach ich“ oder wie war das?

Ja, ma hat ja immer die Wahl. Also selbst wenn man ein Versprechen abgeben hat, heißt es nicht, dass man es einlösen muss. Ich war eine erfolgreiche Familien-Therapeutin und mir war klar, wenn i des annehme, muss i alles andere canceln …

Ich unterbreche an dieser Stelle und fasse den Rest des Interviews wie folgt zusammen: Die Sabine hat dann tatsächlich alles andere gecancelt und channelt seitdem hauptberuflich die Wesenheit Kryon. Ja, Kryon vom magnetischen Dienst, genau der! Dass dieser nun bevorzugt mit bayerischem Akzent zur Menschheit spricht, kam der Sabine dabei sehr gelegen, denn … nun, hören Sie selbst. In Sabine Sangitars Kryonschule dreht sich alles um die Vermittlung der 48 Schritte des Erwachens. Ursprünglich sollten es nur 45 Schritte sein, aber Sabines Steuerberater riet ihr, noch drei draufzupacken. So ist dann die Kryonschule auch nicht ganz billig. Dafür lernt man dort aber u.a. die Aktivierung der 12-Strang-DNS, die Ausbildung des eigenen Lichtkörpers, Telekinese und schließlich Teleportation. Was man dadurch in Zukunft an Fahrtkosten einspart, lässt die großzügigen Überweisungen an den magnetischen Dienst leicht verschmerzen. Wie bin ich nur auf diese Website geraten? Ich weiß es nicht mehr. Ich muss wohl gerade „Kryonik“ gegoogelt haben (bei den warmen Temperaturen der letzten Tage kommt man schon mal auf die Idee, sich dauerhaft einfrieren zu lassen) und werde dann irgendwo falsch abgebogen sein. Was ich aber weiß: das Universum macht keine Fehler. Es ist die neue Zeit, so viel ist klar. Der magnetische Dienst braucht mich! Und während ich diese Zeilen niederschreibe, erhöhe ich jeden einzelnen Buchstaben mit meiner Energie. Sie werden diese Energie spüren. Versprochen.

Höhere Wesen befahlen: Internet vollschreiben!

Einem inneren Zwang gehorchend, starre ich eine Frau in der S-Bahn an. Ich kann nicht anders. Normalerweise gucke ich als moralisch abgewrackter Großstädter natürlich durch die Menschen hindurch. Aber normal gibt es heute nicht. Da ist sie also, direkt vor mir, Mitte 40 schätze ich. Schau sie dir ganz genau an, sage ich zu mir, da sitzt dein Pulitzer-Preis, präge dir jedes Detail gut ein! Sie bearbeitet ihr Smartphone mit spitzen Fingern und lächelt dabei irre. Ihr äußere Erscheinung ist in jeder Hinsicht ästhetisch prekär. Die Haare strahlen in einem 99 Cent-Aua-Blond, für das sie selbst auf dem bulgarischen Drogenstrich gesteinigt werden würde. Die Gesichtshaut ist überbräunt und zugrunde geraucht, darüber ein brutales schwarzes Augen-Make-Up, das mir sagen möchte: Ich bin eine ganz harte Schwester, habe aber auch eine gefühlvolle Seite, außerdem hatte ich heute morgen nur fünf Minuten Zeit, und wer bist du alte Schwuchtel eigentlich, dich über mein Make-Up lustig zu machen!!?? Tätowierungen, natürlich, überall. Und jede Menge Silber-Bling. Ihre Kleidung ist so schrecklich wie praktisch: ein enger Kapuzen-Pullover, robuste grüne Bergsteigerhosen, an den Füßen ein paar quietschbunte Badelatschen von Ed Hardy. Diese Latschen sind eigentlich das auffälligste an ihr. Sie trägt keinen Mantel oder eine auch nur annähernd dem Wetter entsprechende Überbekleidung. Dafür hat sie zwei riesige Plastiktüten dabei, die mit chemischen Reinigungsprodukten aller Art gefüllt sind. Nein, eine Obdachlose ist sie nicht. Ich tippe auf eine tendenziell rechtsradikale Schrebergärtnerin mit Putz-Zwang. Oder eine Überlebende der letzten großen Love Parade, die gerade erst aus dem Koma erwacht ist und kurz danach eine Rossmann-Filiale überfallen hat. Warum sie bei minus zehn Grad Außentemperatur in dieser Aufmachung durch die Stadt läuft? Die Antwort liefert sie sogleich selbst, als ihr beide Plastiktüten umfallen und der Inhalt quer durch die Bahn kullert. „Chaos heute!“ ruft sie fröhlich. Am Potsdamer Platz steigt sie aus. Es ist Berlinale. Vielleicht war das gerade einfach nur Maggie Gyllenhaal. Oder Claudia Roth. So. Wo ist jetzt mein Pulitzer?