House of Cards (Saure Gurken Edition)

Wenn man schon abschreibt, dann sollte man sich wenigstens nicht erwischen lassen.
(Claudia Roth, 2011)


Frühjahr 2021: Ganz Deutschland ist im Impffieber. Ganz Deutschland? Nein. Irgendwo in Berlin wird eine Kandidatin ins Rampenlicht geschoben. Jung, frisch, pausbäckig, grün, Liebling der Medien, was kann da schon schief gehen? Der STERN jubelt, der SPIEGEL ist außer sich und das ZDF bekommt feuchte Höschen. Zur Begleitung der anrollenden PR-Kampagne wird auch noch schnell ein Buch auf den Markt geworfen. Natürlich hatte die Kandidatin keine Zeit, das Buch selbst zu schreiben. Stattdessen liefert ihre Praktikantin dem dazu eilig angemieteten Journalisten die wichtigsten Stichpunkte: Alles Neu, alles Grün, Jetzt, Morgen, Übermorgen, Zukunft, Klima, Quote, Gerechtigkeit, Windmühlen, Jesus, Europa, Friede, Freude, Eierkuchen. Der Journalist nimmt die Stichpunkte und rennt damit durchs Internet, denn auch er hat keine Zeit und die Deadline für den Druck war vorgestern. Die so zusammen gestoppelten Textbausteine werden gerade noch rechtzeitig zwischen zwei Buchdeckel gepresst und ab geht die Post. Wird schon keiner merken, machen doch alle so und außerdem liest die Scheiße doch sowieso niemand. Die Kandidatin braucht halt was um es in die Kamera zu halten bei den Presse-Terminen. 

Drei Monate später. Krisenstimmung. Irgendjemand hat die Scheiße wohl doch gelesen. Und gegoogelt. Und dann das Ergebnis mit den öffentlichen Auftritten der Kandidatin, bei denen sie meist das rhetorische Geschick eines Teletubbies zur Schau stellt, gegengerechnet. Dann kommen Geschichten über verschlampte Parteigelder, schiefe Lebensläufe und fragwürdige Stipendien. Der Wind dreht sich, Anne Will wird unfreundlich und die taz bläst zum Angriff. Auf ihrem Anrufbeantworter ist das Lachen von Martin Schultz zu hören. Das Wahlkampfteam versichert der Kandidatin, dass sie nichts falsch gemacht habe, die Umfragen weiterhin top sind und dass sie diese ganz offensichtlich direkt aus Moskau gesteuerte faschistische Hetzkampagne schon bald im Stahlgewitter demokratischer Aufrichtigkeit zerschmettern wird. #JetztErstRecht

Faselland

Theresa May gab kürzlich bekannt, sie würde mit „jeder Faser ihres Seins“ (with every fibre of my being) an den von ihr ausgehandelten Brexit-Deal glauben. Das klingt auf jeden Fall poetischer als einfach „Habe fertig!“ ins Parlament zu rufen. Wissen Sie vielleicht, aus welchen Fasern Frau May besteht? Ich nicht. Aber ich weiß, dass jeder Politiker von Weltrang irgendwann möglichst markige Floskeln in die Menge donnern muss, um nicht in Vergessenheit zu geraten. Dem gemeinen Volk dürstet es nach Zitaten, auf denen es seine Anführer durch die Weltgeschichte schleifen kann, oder wenigstens, um sie auf Facebook aus dem Zusammenhang zu reißen. Worte wie „Sollen Sie doch Kuchen essen!“, „Seit 5.45 Uhr wird zurückgeschossen!“ „Ick bin ein Berliner!“ „Mister Gorbatschov, tear down this wall!“, „Wir schaffen das!“ und eigentlich alles, was der toupierte Donny so jeden Tag durch die Gegend twittert (aktuell: „In Finnland wird der Wald geharkt!“), werden uns alle überleben. Was wird uns wohl die künftige Doppelkanzler*in der Grünen (Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass die CDU den/die nächste Bundeskanzlerin stellen wird?) an zeitloser Poesie hinterlassen? „Scheitert das Windrad, dann scheitert Europa?“, „Heute gehört uns Hessen und morgen die ganze Welt?“ „Quitten, Quoten, Quo Vadis?“ Faseln können Sie ja schon wie die Großen.