Allesandersplatz

Ich laufe die Karl-Marx-Allee hinauf, die letzte Strecke zwischen Strausberger Platz und Alexanderplatz. Ich hatte es schon erwähnt: ich bin in dieser Gegend aufgewachsen, in diesem weitläufigen potemkinschen Dorf, nicht nur hier, aber auch. Mir gehört das hier also praktisch alles. Das Kino International zum Beispiel: dort habe ich als Jugendlicher zum ersten Mal Mondsüchtig gesehen, bis heute einer meiner Lieblingsfilme. Im hinteren Teil des Gebäudes, in der ehemaligen Bertolt-Brecht-Bibliothek, trug ich mich als 10-Jähriger in die Wartelisten für Der Zauberer der Smaragdenstadt ein und später als 30-Jähriger habe ich in den selben, zum Nachtclub umfunktionierten Räumen getanzt. Gefeiert habe ich auch gegenüber im Café Moskau. Retro-Gedanken vor Retro-Palästen. Dann kommen die alten Funktionshochhäuser: Haus des Lehrers, Haus des Reisens. In letzteres zog irgendwann der Weekend Club ein (noch mehr Erinnerungen an durchtanzte Nächte), gibt es den eigentlich noch? Äußerlich hat sich hier nicht viel verändert. Nur das Haus der Statistik ist komplett entkernt, auf das Dach haben sie jetzt den Namen „Allesandersplatz“ montiert. Ein spinnertes Kunstprojekt, gefördert vom Senat, es geht wohl um sozialistische Stadtplanung. Passt. Auf dem Alex selbst lauert die übliche Hölle, inzwischen wieder ergänzt um einen Weihnachtsmarkt. Vor einigen Jahren wurde damit begonnen, die Weihnachtsmärkte vor terroristischen Anschlägen zu schützen. Zuerst mit Betonpollern, die sollten gegen tunesische LKW-Fahrer helfen. In diesem Jahr kamen noch Schutzzäune hinzu. Die sollen nun gegen Menschen helfen, die nicht bereit sind, auf Zuruf einen QR-Code hochzuhalten, um die vorgeschriebene Anzahl ihrer Oberarm-Einstiche nachzuweisen. Glühweinsaufen in Käfighaltung.

Die mit Abstand beste Nachricht des ausgehenden Jahres war für mich die, dass William Shatner im stolzen Alter von 90 Jahren endlich ins Weltall fliegen durfte. Gut, es waren vielleicht nur fünf Zentimeter über der Erdatmosphäre, aber immerhin: die Richtung stimmte und ein Kreis hat sich geschlossen, nicht nur für Captain Kirk. Der Gedanke an eine private Weltraumreise scheint mir derzeit wieder recht verlockend. Viele reden gerade vom Auswandern, aber einfach nur das Land oder den Kontinent zu wechseln, wird uns auf Dauer wohl auch nicht vor der freidrehenden Endzeitpanik unserer Mitmenschen schützen. Und ein Krieg ist immer gleich so anstrengend. Nein, wenn schon Eskapismus, dann richtig: Space is the place!

Schwere Zeiten (auf Wiedervorlage)

Liebe Lesende, werte Darbende, folgendes Geständnis wird Sie vielleicht nicht besonders überraschen: Ich habe noch nie eine Folge von Game Of Thrones gesehen. Ein Zitat daraus ist mir trotzdem geläufig: „Winter is coming!“ Traditionell gilt ja der November als die härteste Nuss im Kalender (trübes Wetter, hustende Menschen, erhöhte Selbstmordraten), aber auch der Dezember hat neben all dem Advents- und Weihnachtskitsch reichlich düstere Gedanken zu bieten. Die Populärkultur liefert dazu einige Beispiele. Was will ich Ihnen damit sagen? Stellen Sie sich bitte auf schwere, ja möglicherweise sehr schwere Zeiten ein. Auf einen schweren November, einen harten Dezember und auf bleierne Ostern! Von dem darauffolgenden mörderischen Sommer ganz zu schweigen. Natürlich nur, sofern Sie von den zuständigen öffentlichen Orakeln nicht längst auf Dauerschwere eingeschworen worden sind. Und sofern Sie nicht Michelle Hunziker heißen, denn dann haben Sie das Schwerste ja schon hinter sich. Inspiriert wurde ich zu dieser eindrücklichen Warnung durch Schwester Spahn, Mutti Merkel und den Kollegen Driesen. Ehre, wem Ehre gebührt.

Ens Käufens und ens Einkaufspritz (Freiheit, Bratwurst, Orgasmus!)

In meinem Traum jagt mich der Chefredakteur des Tagesspiegel mit einer riesigen Injektionsnadel durch das IKEA-Bällebad. „Ich schieß dir den Booster in deine Kniescheiben, du Sau!“ schreit er mit der Stimme von Sophie Rois (ich hatte mir vorm Einschlafen noch dieses alte Schlingensief-Hörspiel reingezogen), während die Antifa-Jugend Lichtenberg ihn mit lauten „Spritze rein! Spritze rein!“-Sprechchören anfeuert. „Jedens Käufens muss ens Einkaufskorbsens!“ ruft mir der Filialleiter hinterher, der aussieht wie Lann Hornscheidt. Ich flüchte über die Küchenabteilung auf den Parkplatz. Dort wird gerade der Millionste Impfling im Drive-In gefeiert, er erhält ein goldene Bratwurst – Jubel und donnernder Applaus, die Nationalhymne erklingt. Alle sind vor Ort: ARD, ZDF, RBB, RTL, CNN, Al Jazeera, Rezo, Merkel, Böhmermann, Barbara Schöneberger und der Kinderchor der deutschen Bischofskonferenz. „Jesus hätt‘ sich impfen lassen“ stimmen sie ihr fröhliches Lied an, bald rufen alle nur noch „Jesus! Jesus! Jesus!“ David Hasselhoff befragt die Leute in der Autoschlange. „Es ist wie damals nach der Maueröffnung“, erzählt Yvonne (54) mit zitternder Stimme, „Wir sind extra aus Strausberg angereist, mein Mann, die Kinder und ich, seit heute morgen um sechs sind wir unterwegs!“ Hasselhoff dreht sich zur Kamera: „Da hören Sie es: Eine Schlange in die Freiheit! Und am Ende wartet die Bratwurst als Belohnung, so wie damals die Banane! Are you looking for Freedom? Was für ein historischer Moment! Das ist der Wahnsinn! Die Menschen hier sind überglücklich und dankbar, Emotionen pur, das müssen Sie gesehen haben! Wir schalten jetzt zu meiner Kollegin Dunja Hayali, die gerade live auf TikTok ihre Blutgefäße streamt. Dunja, can you here me? Dunja?! Dunjaaa!!!“ „Jaaa, Danke, David! Es ist ein so überwältigendes Gefühl, den Impfstoff zu spüren! Mit Worten kaum zu beschreiben … Happy! Relieved! Released! So lange mussten wir warten, jetzt endlich ist es soweit! Und ich glaube, ich kann wohl für alle hier sprechen, wenn ich sage: Ich freu mich auf den nächsten Schuss!“ Die Menge ist nun vollkommen außer Rand und Band, Menschen verlassen spontan ihre Autos, fallen sich solidarisch in die Arme, überall Tränen der Freude, fliegende Bratwürste, spontane Orgasmen. „Wie damals!“, ruft Yvonne, „wie damals!“ Dann sind plötzlich die Würste alle, IKEA geht in Flammen auf und ich wache auf.

Deutschland im August 2021. Tugässa ägäinst Korrona. Alpha, Beta, Gamma, Delta, Epsilon, Zeta, Eta, Theta, Greta, Jota, Kappa, Lambda, Lorem-ipsum, Gummizelle … Fortsetzung folgt. Ich tauche erst einmal wieder ab. Macht’s gut, ihr alten Cracknutten! Bis zum Herbst.

Meine Opfer sind bei den Gedanken

Was der AfD die Messermorde, sind den Klimahüpfern die Flutkatastrophen (wahlweise auch 30 Grad im Schatten, irgendwas mit Wetter jedenfalls). Es wird wie auf Bestellung Schuld verteilt und Wahlkampf gemacht. Oder eben abgewiegelt und zur Mäßigung aufgerufen. Wie es gerade passt. Denn wenn der Feind bekannt ist, hat der Tag Struktur (offizielles Dalai-Lama-Zitat). Textbausteine und Trauerkerzen gibt es in jedem Fall gratis oben drauf. In diesem Theater bleibt kein Auge trocken und kein hohle Phrase ungenutzt: Merkel hat mitgemessert, Weidel hat mitgeschossen und Laschet hat mitgeregnet. Im Sozialismus wäre das alles übrigens nicht passiert. Schauen Sie doch nach Kuba. Die Leute haben vielleicht nichts zu futtern, aber wenigstens stimmt die CO2-Bilanz. Die wissen einfach nicht, wie gut sie es haben. Buena Vista Tunnelblick. 

Irgendwo hinter dem Regenbogen wartet ein hässliches Sofa auf seine Hinrichtung

Ich hatte in den letzten Tagen tatsächlich darüber nachgedacht, meine zwei Cents zu dem Regenbogen-Gedöhns im Zusammenhang mit der Fußball-EM abzugeben. Nun ist das Gedöhns aber inzwischen verpufft und das öffentliche Gekloppe dreht sich wieder um die Kapriolen der Bundeskopiermaschine ™Annalena. Die passt allerdings auch ganz gut zum Thema. Denn diese ganze lärmend selbstgerechte Blase, die sich nach außen als bunt und vielfältig zu verkaufen versucht, während sie zeitgleich im Inneren immer mehr Konformität einfordert, hat mittlerweile ein Clown-Level erreicht, das ich höchstens noch zur Kenntnis, aber schon lange nicht mehr ernst nehmen kann. 

Apropos Clowns und Regenbogen: Manege frei für die Pride Love-Seats, eine Kollektion von Sofas, die passend zur Saison von IKEA in Kanada stolz und divers aufgepimpt wurden. Als Inspiration dienten dabei die individuellen Beflaggungen der einzelnen LGBTQetc.-Sektionen. Denn längst hat die gute alte Regenbogenfahne zahlreiche Geschwister bekommen. Es folgt dazu nun eine kurze Design-Kritik. 

Das Two-Spirit-Sofa

Dass es mehr als zwei Geschlechter geben könnte, ist keine wirklich neue Idee, sondern hat offenbar auch bei den Stämmen nordamerikanischer Ureinwohner eine lange Tradition. Und genau die dürfen sich jetzt über ein rabenschwarzes indigen-queeres Gruftisofa freuen, auf das leider etwas uninspiriert (pun intended) ein schnöder Regenbogen-Kissenbezug aufgeklöppelt wurde. Eine Mischung aus Edgar Allan Poe und einem Testbild. Die Geister der Ahnen werden darüber noch zu richten haben.


Das asexuelle Sofa

Eine riesige verschimmelte Vagina, horizontal gelegt, in den Fun-Farben Lila und Grau. Dass man da die Lust auf Sex verliert, leuchtet ein. 


Das transsexuelle Sofa

Die unbequemste Truppe bekommt hier das harmloseste Design. Dafür gibt es für sie gleich zwei Ausführungen, die erste erinnert etwas an Laura Ashley, die zweite ist offenbar für’s Kinderzimmer gedacht. Hier könnten die weißen Wattewölkchen beim Sitzen eventuell etwas unbequem werden, sie lassen sich aber – ähnlich den primären Geschlechtsorganen der Zielgruppe – bei Bedarf einfach neu anordnen. Das Laura-Ashley-Modell lässt sich darüber hinaus ausklappen und enthält im Unterboden ein praktisches Messer-Set zum mitnehmen. Falls gerade mal wieder zum Lynchen von J.K. Rowling aufgerufen wird. 


Das bisexuelle Sofa

Wer ist nicht schon mal schweißgebadet aus einem Alptraum erwacht, in dem er oder sie von einer Armee anonymer Hände verfolgt und begrapscht wurde? Und hinterher glaubt einem das wieder keiner … *kreisch* Dieses psychedelische Modell mit seinen intensiven Pink- und Violett-Akzenten sollte in keiner therapeutischen Praxis fehlen.


Das lesbische Sofa

Lesben essen am liebsten Erdbeer- und Bananenjoghurt, das haben aktuelle Studien aus den USA eindeutig erwiesen. Manchmal kaufen sie aber zu viel davon. Wenn dann die Verzehrdaten ablaufen, wird das Zeug einfach im Rahmen eines empowernden lesbischen Action-Painting-Workshops auf dem Mobiliar verteilt. Dort sitzend, bekommen die Lesben dann natürlich sofort wieder Appetit und kaufen noch mehr Fruchtjoghurt. Ein irrer Teufelskreis, aus dem es kein Entrinnen gibt!


Das progressive Sofa

Für den progressiven Urban Gardener wird selbstverständlich auch das Sofa zum Blumenbeet. So lassen sich Flora und Fauna organisch in die heimische Wohnlandschaft integrieren. Bald schon landen Schmetterlinge in oder auf der morgendlichen Soja-Latte. Holladrio!


Das pansexuelle Sofa

Unsere pansexuellen Genoss*innen sind bekanntlich keine Kostverächter, sprich: sie vögeln alles, was nicht bei drei auf dem Baum ist. Wie ließe sich das besser ausdrücken als in diesem schlichten, eiscreme-farbenen Funktionsmöbel, auf dem die Begierden symbolisch ineinander fließen. Ying und Yang, Vanille und Himbeere, rauf und runter, Fix und Foxi … Alles kann, nichts muss. Bitte nur ernstgemeinte Zuschriften.


Das nonbinäre Sofa

Dieses Prachtstück im hippen Bondage-Style kommt mit einer genauen Anleitung zu Nennung der jeweilig bevorzugten Personalpronomen. Sollte der Beipackzettel fehlen, so sprechen Sie das Möbel bitte einfach im Plural an, auch wenn Sie nur eins davon besitzen. Achtung: nicht für Mathematiker geeignet!


Das genderfluide Sofa

Wer sich hier als Teil der fluiden Community nach einem langen Tag identitären Ping-Pongs niederlässt, wird durch das dynamische Tintenklecks-Design vorurteilsfrei empfangen. Rotweinflecken sind bei diesem Modell übrigens kein Problem. Prost!


Epilog: In einigen Wochen ist wieder CSD in Berlin. Zu diesem Anlass wird die Möbel-Höffner-Filiale in Schöneberg die exklusive Sitzgruppe Diversity präsentieren, die so vielfältig sein wird, dass Sie nicht mehr wissen werden, wo genau Sie sich eigentlich hinsetzen sollen. Die Branche spricht schon jetzt von einem epochalen Durchbruch.

You ain’t black

2016 versuchte Donald Trump die afroamerikanischen Wähler mit einer simplen Frage auf seine Seite zu locken: „What do you have to lose?“ Ja, was hatten sie eigentlich zu verlieren? Vier Jahre später beantwortete Joe Biden diese Frage für sie: ihre Hautfarbe bzw. ihre soziale Identität. Denn wer nicht für ihn, sondern für den bösen Donald stimmt, der ist eben nicht wirklich schwarz. „You ain’t black“, so einfach ist das. Die Demokraten sind sehr stolz darauf, dass inzwischen jeder sein Geschlecht frei wählen darf, aber ein Schwarzer, der die Republikaner wählt? Das geht nun wirklich zu weit. Daher wurde wohl auch das Narrativ des allgegenwärtigen systemischen Rassismus im Black-Lives-Matter-Superwahlkampf 2020 noch mal besonders derbe durchgepeitscht. Wenn man den Statistiken glauben darf, hatte Trump am Ende dann trotzdem deutlich mehr Stimmen von Schwarzen, Latinos und Homosexuellen erhalten als noch 2016. So eine verdammte Rasselbande – alle nicht mehr Black, Latinx oder LGBTQXYZ_* … !

Als Kanye West vor einigen Jahren Donald Trump im Weißen Haus besuchte, mit MAGA-Basecap auf dem Kopf und einer Armee aus Pressefotografen im Gefolge, wurde dies vor allem als Zeichen seiner fortschreitenden geistigen Verwirrung gedeutet. Kanye, der Übergeschnappte, kennt man doch. Eine andere Erklärung schien ausgeschlossen. Als seine Frau Kim wenig später ebenfalls bei Trump zu Gast war, gab es schon deutlich weniger Rummel. Dabei wird doch sonst gerne jeder Atemzug der Kardashian-Bande zum medialen Großereignis erklärt. Diesmal nicht, denn Kim K. setzte sich zu dieser Zeit für eine Reform des Strafrechts ein und hatte Trump tatsächlich dazu gebracht, mehrere Frauen zu begnadigen, die wegen geringer Drogendelikte zu teilweise lebenslangen Haftstrafen verurteilt waren. Also genau solche Fälle, wie sie Kamala Harris in ihrer Funktion als Haftrichterin einst gerne mal hinter Gittern brachte. Lustig, oder?

Für wen Trump nun die bessere oder schlechtere Alternative war oder noch immer ist, mag ich nicht zu beurteilen. Aber es wäre doch wirklich nett, wenn man diese Entscheidung den Wählern, egal welcher Herkunft, einfach mal selbst überlassen würde, ohne immer gleich mit dem Weltuntergang, psychiatrischen Gutachten oder dem Entzug des Minderheiten-Mitgliedsausweises zu drohen.


Zu dem ganzen Gezeter um Rasse und Ideologie sowie den immer bizarreren Auswüchsen von Identitätspolitik und postmodernem Antirassismus habe ich in den letzten Tagen einige interessante Texte gelesen. Der Kollege Driesen macht sich zum Beispiel anlässlich des heroischen Bekenntnisses der New York Times zu einem Großbuchstaben seine ganz eigenen Gedanken: „Identitär mit großem B.“ Die fixe Idee, durch Typografie und Rechtschreibung neue, gar gerechtere Realitäten herbeizuzaubern (bereits bestens bekannt aus der Gender-Ecke) wird also munter weitergesponnen.

Schon länger, sehr ausführlich und kritisch befasst sich Sebastian Wessels auf seinem Blog homo duplex mit dem Thema Antirassismus. Zu empfehlen ist hier vor allem der Beitrag „Du darfst nur nicht mitspielen“, ein Auszug aus seinem Buch „Im Schatten guter Absichten“. Ich weiß nicht, wann genau das angefangen hat, dass eben jene ehemals guten Absichten – gleiche Rechte für Alle, unabhängig von Hautfarbe, Status, sexueller Orientierung etc. – zu einem derart freiheitsfeindlichen Identitäts-Fetischismus umgekrempelt wurden. Irgendwann wurde die Sache jedenfalls von einer neuen Generation stramm durchideologisierter Aktivisten gekapert, die Menschen nur noch als wandelnde Stempel und Sklaven ihrer Herkunft wahrnehmen und die tatsächlich glauben, nur weil sie sich ein Anti- vor den Namen kleben, moralisch unangreifbar zu sein (siehe auch Antifa), die wohl billigste Masche der Welt.

Während der rhetorisch eher ungelenke Joe Biden seinen abtrünnigen schwarzen Mitbürgern noch schlicht „You ain’t black“ bescheinigte, hat der akademische Teil des neuen Antirassismus längst neue dufte Begriffe wie Multiracial whiteness oder politically black erfunden, womit wir dann endgültig bei der Loslösung von politischem Neusprech und Hautfarbe angelangt wären:

In a (since deleted) 2020 tweet, Nikole Hannah-Jones, curator of the “1619 Project” for the New York Times, declared that there is a difference between being black and being politically black. She failed to provide an adequate definition for this latter term, but the distinction appears to permit blacks to be expelled from the Community of the Good if they do not meet Hannah-Jones’s ideological requirements for membership of their own racial group.

(Erec Smith, „Towards Practical Empowerment“)


Sie auch: #Mewho?

Wahrscheinlichkeiten – The Sequel

Seasons don’t fear the reaper,
nor do the wind, the sun or the rain,
we can be like they are …

(Blue Oyster Cult, Don’t Fear The Reaper)

Zehn Monate sind vergangen und noch immer ist es wahrscheinlicher, an den herkömmlichen Todesursachen einzugehen als an … Na, Sie wissen schon, dem C-Wort. Alles andere ist Public Relations – Storytelling für unterschiedliche Zielgruppen: verunsicherte Hausfrauen, aufgekratzte Blogger, autoritätsbesoffene Oberlehrer, Politfunktionäre, Paranoiker oder Wutbürger. Irgendwo dazwischen dürfen Sie sich einordnen, ansonsten bleiben Sie draußen. Eines habe ich in diesem Jahr mal wieder gelernt: Angst ist oberste Bürgerpflicht. Oder soll ich statt Angst besser Vorsicht sagen? Nein, ich sage Angst. Sie dürfen Angst um Ihre Gesundheit haben, Angst vor Ihren Mitmenschen, Angst vor den Russen, vor den Amerikanern, vor Bill Gates und der eigenen Regierung, oder einfach Angst vor dem Tod. Aber einfach so angstfrei vor sich hin leben? Das ist unverantwortlich, anarchistisch, geisteskrank. Denken Sie doch an die Zukunft, an die Sicherheit, an die Kinder! Angst ist der Motor der Gesellschaft. Dazu passend habe ich in diesem Jahr noch etwas gelernt: Das Leben der meisten Menschen ist in einem monströsen Maße fremdbestimmt. Diese Erkenntnis allein ist natürlich nicht neu, aber 2020 war quasi der Lackmustest dafür. 

Das Experiment: Nimm den Menschen die tägliche Fuchtel ihres Angestellten-Daseins, verfrachte sie in ihre Behausungen und schau ihnen beim Durchdrehen zu. Wenn denen niemand mehr vorschreibt, wo sie zu einer bestimmten Uhrzeit antreten müssen und was sie dort zu erledigen haben, bleibt nicht mehr viel übrig. Kein Plan, kein Sinn, keine Ahnung von der eigenen Existenz. Um ihr Überleben müssen die meisten von ihnen nicht mehr kämpfen, dazu sind sie bereits zu gut versorgt, vom Arbeitgeber oder vom Staat. Also walzen sie ihre Freizeitaktivitäten aus, all die kleinen Flucht- und Ablenkungs-Übungen, die sie sonst zum Zweck der Energie-Aufladung sorgsam auf die Abendstunden und auf’s Wochenende verlegt haben. Sie joggen mehr, sie backen mehr, sie saufen mehr, sie ficken mehr und sie glotzen mehr auf Bildschirme als sonst. Vielleicht lernen sie auch stricken oder lassen sich online zum Youtuber ausbilden. Reisen fällt ja leider aus. Irgendwann funktioniert das alles aber nicht mehr, dann drehen die ersten durch, hören Stimmen, verwahrlosen oder verprügeln ihre Familien. Wie zu hören war, ist die häusliche Gewalt während der letzten Monate sprunghaft angestiegen. Fun Fact: wenn Ihr Partner Sie während eines Lockdowns verprügelt, liegt das nicht am Lockdown, sondern daran, dass Sie sich mit einem gewalttätigen Menschen eingelassen haben, der bisher nur nicht ausreichend Tagesfreizeit zur Ausübung der Gewalt hatte. Ein Tag hat nun mal nicht mehr als 24 Stunden. 

Ab morgen werde ich dieses Thema hier abgehakt haben. Gerne dürfen die an verantwortlicher Stelle auch noch eine dritte, vierte oder fünfhundertste Virus-Welle ausrufen, nach noch mehr Einschränkungen, Bevormundungen und Gängelungen rufen, alternativ auch nach dem Sturz von Merkel, Spahn und Biden, und natürlich nach der Weltrevolution. Bei mir ist die Sache durch, sowohl medial als auch mental. Denn ich habe ganz sicher nicht vor, an Langeweile zu sterben. 

Off the grid

Sehr verehrtes Publikum, ich werde mich hier ein wenig zurückhalten und zumindest in den nächsten zwei bis drei Monaten keine neuen Beiträge veröffentlichen. Digital Distancing – versuchen Sie es doch auch einmal! Eine nachträgliche Leseempfehlung möchte ich an dieser Stelle aber noch hinterlassen. Nichts zu danken und bis auf Weiteres!


Aber die Masken fallen, gerade wenn sie mit Stolz getragen werden. Hier entpuppte sich eine Jugend, die sich für revolutionär hielt und doch die Reaktion sowie eine in 15 bleiernen Regierungsjahren verschlissene Geronto-Koalition samt Alternativlos-Kanzlerin verteidigte. Eine Jugend, die – wie ihre Eltern aus den besseren Wohngebieten – den Mundnasenschutz als Ausweis der amtlich gültigen Gesinnung aggressiv einforderte. Eine „Antifa“, deren Strukturen zum Dank für ihren unermüdlichen Einsatz im Dienste des Systems sogar auf vielfältige Weise mit Staatsgeldern gefördert werden. Fast wie der deutsche Beamtenapparat.

Die Masken fallen / Zeilensturm


Der Rest ist Musik:

2020: Kafka on Speed

War was? Ist was? Kommt noch was? Atmen Sie noch? Können Sie noch lesen? Sehr schön, dann bekommen Sie an dieser Stelle schon mal einen vorgezogenen Jahresrückblick, bzw. eine Zwischenbilanz, wie auch immer. Wer hat denn noch Zeit, bis zum Dezember zu warten? Bis dahin hat die zweite Welle des Killer-Virus uns vielleicht längst den Garaus gemacht! Ich fasse also so flott wie möglich zusammen: Grundsätzlich ging und geht es in diesem Jahr darum, Menschen davon abzuhalten, sich gegenseitig ins Gesicht zu rotzen. Ein wichtiges Anliegen. Stellen Sie sich vor: ich wurde in meiner Kindheit noch dazu erzogen, selbst daran zu denken, mir regelmäßig die Hände zu waschen und im Falle einer Nies-Attacke einfach ein Taschentuch zu benutzen. Ohne öffentliche Anleitung und Piktogramme. Unglaublich. Derlei anarchisch neoliberaler Terror ist für die Bevölkerung heute natürlich nicht mehr zumutbar, weshalb es staatlicher Vorschriften sowie einer umfangreichen Vermummungs-Bürokratie bedarf, um den drohenden Volkstod abzuwenden. Bis jetzt scheint dies auch gelungen. Aber nur, weil Sie alle so brav mitgemacht haben, nicht wahr?

Lassen Sie jetzt also nur nicht locker, halten Sie durch und bleiben Sie am Ball! Haben Sie schon die App installiert? Kennen Sie die neuen Regeln? Die neuen Zahlen? Sie wollen doch nicht enden wie der irre Attila?! Wollen Sie etwa alte lungenkranke Menschen auf dem Gewissen haben? Kleine unschuldige Kinder? Hundebabies? Kleine unschuldige lungenkranke Hundebabies?! Wirklich? Leugnen Sie Corona? Das Klima? Den Holocaust? So einer sind Sie also! Mörder! Spalter! Schädling! Bitte bessern Sie sich, besinnen Sie sich und denken Sie bitte immer daran: Staatlicher Rundfunk ist Liebe, Widerspruch ist Hass, Freiheit ist Faschismus und Ihre Gesundheit geht uns alle an! Mutti lässt Sie nicht im Stich, Mutti lässt Sie nie allein, auch wenn Sie das vielleicht ab und zu wollen. Was wissen Sie denn schon, was Sie wollen? Kommen Sie also zurück auf den rechten Pfad und lassen Sie sich nicht beirren, egal wie widersprüchlich Ihnen die Anweisungen und Regelungen der letzten Monate auch erscheinen mögen: Maske auf, Maske ab, Schließen, Öffnen, Verbieten, Zulassen, Teilverbieten, Teilzulassen, Abstandhalten, Zusammenhalten – das hat schon alles seine Richtigkeit. Bitte verzweifeln Sie nicht an den Zuständen. Das Geschwitze und Gestöhne, das Gezeter und Gemecker, das Anscheißen und Denunzieren, der ganze kafkaeske Irrsinn, er war nicht umsonst. Ihr Einsatz und Ihre Treue werden belohnt werden, ganz sicher!

Das wird die perfekte Welle, das ist der perfekte Staat.

T-Shirt: Snicklink

Die Sonne und du

„Vom Ich zum Wir“ – das kenne ich noch als Einpeitsch-Mantra aus dem realsozialistischen Schulunterricht: Du bist nichts, das Kollektiv ist alles. Seitdem versuche ich konsequent das Gegenteil zu leben. Nur um jetzt wieder mit dieser kollektivistischen #irgendwasmitwir-Scheiße zugedröhnt zu werden. Und jetzt alle: #wirbleibenzuhause! Ja, macht mal. Bleibt zuhause. Und wenn ihr schon dabei seid, stellt doch bitte auch eure Webcams ab. Macht wenigstens ein paar Tage lang mal die Backen dicht. Bitte. Jetzt. Sofort. Dichtmachen. Abschalten. Kamera zukleben. Stecker ziehen. Schnauze halten! Nur ein paar Tage Sendepause für diese augen- und ohrenvergiftende Kitsch-Offensive, ist das denn wirklich zu viel verlangt? Ich will das nicht mehr sehen. Nicht mehr hören. Macht das weg. Ich interessiere mich nicht für eure armselige opportunistische Lockdown-Selbstdarstellungs-Sülze, für eure Wohnzimmer, eure quakenden Kinder und eure Katzen. Ich will nicht wissen, wie ihr diese crazy Krise mit Makramee, Putzen, Yoga oder Minigolf im hauseigenen Keller übersteht. Hört bitte auf, in die Kameras zu heulen, mit den Händen Herzchen zu machen und euch bei sonst wem zu bedanken. Ihr macht jeden Mist mit, ihr seid ganz genau so wie die grauenhaften Emo-Werbespots, die PENNY und die Telekom über euch drehen. Oma, Opa, dein Boss, deine Mutter und deine Gören – alle im Videochat vereint, so tapfer und so süß! Hilfe!


Papi, schenk mir einen Computer! Hilfe für die ganze Familie!
Liebling, nimm die Rüstungsspirale! Tanz den Gummitwist!
(Der Plan, „Gummitwist“)


Natürlich sind die Leute trotzdem draußen, spätestens seitdem auch die Sonne draußen ist. Gut, es sind ein paar weniger als üblich und einige tragen jetzt Mundschutz. Selbst in Berlin hat sich wohl etwa ein Viertel der Menschen durch das mediale Dauergeschisse ausreichend Angst einjagen lassen. Außerdem sind die Kneipen zu, das hat schon eine gewisse verkehrsberuhigende Wirkung. Der Rest macht aber einfach weiter wie bisher, flitzt durch die Gegend und lässt sich den Frühling auf den Bauch scheinen. Überhaupt, die Sonne – wenn die mal explodiert, haben wir aber wirklich ein Problem. Jetzt habe ich doch glatt „wir“ gesagt. Hilfe!