Entdeckungen

Ich dachte, ich kenne die Welt. Bis ich Anfang dieser Woche an der Botschaft von Dschibuti vorbeilief. Dschibuti, Dschibuti … was zur Hölle ist Dschibuti und wo liegt das? Mein Leben lang wähnte ich mich sicher in Erdkunde, berichtete hier sogar über stolze Mikronationen wie die freie Republik Molossia und das Königreich Ur, dabei ist mir in all den Jahren ein ganzes Land in Westafrika durch die Lappen gegangen! Ein herzlicher Gruß geht an dieser Stelle also an die Bewohner der Republik Dschibuti, die ich als Teil der Völkergemeinschaft bisher so sträflich übersehen hatte. Meine Wissenslücke war schnell aufgefüllt: seit 1977 unabhängig, weitgehend islamisiert, geopolitisch interessant gelegen, touristisch bisher aber wenig erschlossen, dümpelt Dschibuti am unteren Ende der Hitliste der Nationen vor sich hin. Das Wetter ist heiß, die Arbeitslosigkeit hoch und die allgemeine Lebensqualität liegt nur knapp über der von Mönchengladbach. Vielleicht wurde die Botschaft von Dschibuti auch deshalb in einen eher unscheinbaren Bürobau in der Kurfürstenstraße verfrachtet, immerhin sehr zentral gelegen, in fast direkter Nachbarschaft zum Zoologischen Garten. 

Was mich zu einem anderen Thema bringt: Die Kinder vom Bahnhof Zoo sind zurück. Nicht auf der Straße, aber auf Amazon Prime. Ich habe nur den Trailer gesehen, war damit aber bereits ausreichend bedient. Um Authentizität ging es bei der Geschichte ja noch nie, eher um Voyeurismus. Christiane F. wurde genau in dem Moment zur modernen Folklore, als ein paar notgeile STERN-Reporter deren verkorkste Jugend zum Bestseller hochschrieben. In Uli Edels Kinoversion von 1981 wurde aber wenigstens noch berlinert, und der echte David Bowie stand noch auf der Bühne. Die neue Serien-Verfilmung sieht dagegen aus wie Babylon Berlin, nur mit 70er-Jahre-Tapeten – aufgemotzter Kulissenkitsch, wie man ihn von den historisch angemalten deutschen Großproduktionen der letzten Jahre kennt. Nein, Danke.

Derart angestachelt, werde ich hier demnächst auch wieder etwas zu Filmen und Serien schreiben, die ich tatsächlich gesehen und für bemerkenswert befunden habe, im positiven wie auch negativen Sinne. Da hat sich in den vergangenen Monaten einiges angesammelt, das noch auf mein strenges Urteil wartet. Vielleicht entdecke ich in der Zwischenzeit ja sogar noch ein paar neue Botschaftsgebäude und Kleinstaaten.

Aufstand und Ursache

„Der Polizist verhaftete mich im Namen des Gesetzes, ich ermordete ihn im Namen der Freiheit.“ (Clément Duval, 1850-1935)

Meine Lieblings-Schlagzeile der vergangenen Woche lautet ganz klar: Polizeieinsatz im Königreich Ur eskaliert. Ein ehemaliger Mister Germany, der unter dem Namen Adrian Ursache (!) in seinem Garten ein autonomes Reich ausruft und tapfer gegen die Staatsgewalt ankämpft – das ist so schön, das konnte ich mir nicht ausdenken. Hätte ich aber gerne. Wieder einmal treibt das Leben die Fiktion vor sich her. Das nächste Mal werde ich schneller sein, versprochen. Weshalb Herr Adrian Ursache von der Presse als Reichsbürger bezeichnet wird, erschließt sich mir nicht. Wie kann man König und Bürger zugleich sein? Allerdings verbreiten Journalisten mittlerweile im copy+paste-Verfahren dermaßen viele falsche Begriffe, dass man dahinter auch schon wieder eine gezielt anarchistische Initiative vermuten darf.

Was nun aber die ominösen Reichsbürger tatsächlich umtreibt, erschließt sich mir noch weniger. Sie erkennen die BRD als Staat nicht an, so viel ist sicher. Anders als der stolze Regent des Reiches Ur verstehen sie sich aber offenbar immer noch als Untertanen von Kaiser Wilhelm. Der verstarb leider bereits vor 75 Jahren. Es besteht eindeutig Erklärungsbedarf. Als Alternative zum Kaiserreich wirbt aktuell dieser unterhaltsame Verein für die Eingliederung Sachsens in die Russische Förderation. Immerhin ist deren Anführer noch am Leben. Und ohne Führer machen sie es nun mal nicht, trotz freiheitlicher Verlautbarungen: „Das baldige Verbot der Meinungsfreiheit und das Verbot von Demonstrationen lässt uns KEINE Zeit mehr! Morgen schon leben wir in einer Diktatur!“ Xорошо! Russifizierung is the new Reichsbürgertum. Was soll man nur von diesen Leuten halten? Rennen beleidigt von einem Erziehungsberechtigten zum nächsten: vom Kaiser zu Adolf, von Onkel Erich über die grüne Grenze zu Papa Helmut und nun von Mutti Merkel zurück gen Osten zu Väterchen Putin, dem anerkannten Hüter von Demokratie, Meinungsfreiheit und Demonstrationsrecht. Bieten Sie ihnen ein paar Bonbons und bunte Murmeln an und sie werden ganz sicher auch zu Ihnen rennen. Autonomie sieht anders aus.

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Seine Hoheit, König Ur, macht es dagegen richtig. Auch wenn er jetzt wohl erst einmal auf einer bundesdeutschen Intensivstation liegt, niedergestreckt von den Kugeln des Feindes. Seinen Mr. Germany-Titel hat er inzwischen wahrscheinlich abgelegt. Konsequenterweise. Schließlich kann er in seinem Königreich so viele Schönheits-Wettbewerbe abhalten wie er mag. Souverän und unter eigener Flagge. Ich finde das Konzept der selbst ernannten Mikro-Nationen sehr sympathisch. Staaten sind immer nur künstliche Gebilde, egal wie groß sie sind. Und Kunst erheitert das Gemüt, also werden Sie kreativ! Vergessen Sie Kaiser, Führer und das verdammte Vaterland! Gründen Sie Ihren eigenen Staat! Ernennen Sie sich zum Präsidenten der Vereinigten Spandauer Emirate, zur Königin von Kleinkleckersdorf oder zum Herrscher der Hohlerde! Oder besser gleich zum Papst! Vorbilder gibt es bereits genug.

Kennen Sie die Republik Molossia? Die befindet sich offiziell immer noch im Krieg mit der DDR. Genauer gesagt: mit dem letzten noch existenten Territorium der DDR, der Ernst-Thälmann-Insel vor der kubanischen Küste. Friedensverhandlungen liefen bisher ins Leere, da die Insel leider unbewohnt ist. Lesen Sie hier die spannende Geschichte dieses unlösbaren Konfliktes. Ich fasse zusammen: Die BRD ist eine GmbH, das Königreich Ur leistet Widerstand, Sachsen liegt in Russland und Molossia verkauft Kriegsanleihen gegen die ostdeutsche Karibik. Das ist die Lage am Morgen. Endlich verständlich.

Wenn dies das Ende ist

Deutschland feiert Silberhochzeit und es ist mir egal. Es ist mir so egal wie jedes Jahr am 3. Oktober und so egal wie damals am Tag der Wiedervereinigung selbst. Egal, egal, egal, schnurzpiepegal! Ich habe mir diesen Staat nicht ausgesucht, ebenso wenig wie ich mir einst den Staat ausgesucht hatte, in den ich nun mal hineingeboren wurde. Sollte sich hinter meiner Staatsbürgerschaft ein höherer Plan verbergen, so wird ihn mir ein gnädiger Weltgeist ganz sicher eines Tages offenbaren. Bis dahin kann ich nur mit Staunen registrieren, wie sich Millionen von Menschen durch ihren Personalausweis, ihren Gemüsegarten und die kulturellen Errungenschaften von wahlweise Kraftklub oder Maria Furtwängler tatsächlich so etwas wie eine soziale Identität zimmern lassen. Schwarz-Rot-Gold ist nicht mal eine besonders schöne Farbkombination. Ich persönlich würde da eher so etwas wie Blau-Weiß-Orange bevorzugen, auf jeden Fall etwas frischeres als die deutsche Beflaggung.

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Ich habe diesen Flyer gefunden, in einer Kiste im Keller, zusammen mit all den anderen Sachen aus dieser Zeit. „Wollt Ihr die Bananenrepublik?“ Am 19. Dezember 1989 haben sie sich auf dem Alexanderplatz getroffen, um das Unmögliche zu fordern. Was wäre denn passiert, wenn die studentischen Anti-Wiedervereinigungs-Initiativen an diesem Tag tatsächlich erfolgreich die Souveränität der DDR verteidigt hätten? Wie lange hätte diese kleine Republik denn überlebt, die als Geschenk an eine Handvoll alter Antifaschisten gestartet ist und schließlich als marode, romantische Projektion in „Goodbye Lenin“ endete? Ja, ich hatte auch eine Gänsehaut, als die abgehackte Statue an einem Kran an Daniel Brühl vorbeiflog. Obwohl es nur ein Film war. Und obwohl es der falsche Lenin war. Ich wusste es doch besser. Ich bin doch in der Ecke aufgewachsen, bin doch selbst noch um die Original-Statue herumgetanzt, abgefüllt mit süßem ostdeutschen Weißwein, nach unserer Schulabschlussfeier. Also wo war ich am 19. Dezember 1989? Wahrscheinlich in irgendeinem Ku’damm-Kino, um mir „Die fabelhaften Baker Boys“ anzuschauen. Ich hatte damals genug von der DDR. Monate zuvor bin ich nur knapp an der Entscheidung vorbei geschlittert, über einen ungarischen Acker in die Freiheit zu hechten – zusammen mit all den anderen hechtenden stone-washed Ossis, die jetzt so gerne die Grenzen wieder hinter sich dicht machen würden. Es sollte wohl nicht sein, lieber Weltgeist, oder?

Stattdessen wartete ich in Berlin auf die Maueröffnung und das Ender der 80er Jahre. Ich kaufte mir ein paar schöne Westplatten, machte Zivildienst, schaute mir nebenbei die wütenden Flyer der studentischen Initiativen an und sparte auf ein Flugticket in die USA. Mehr wollte ich damals nicht. Ich sah dem alten Staat beim Vergammeln zu und interessierte mich noch weniger für den neuen, diese bürokratische Kapitalismus-Parodie namens Bundesrepublik Deutschland. Egal, egal, egal, schnurzpiepegal! Eines Tages wird auch dieser Staat untergehen, wenn nicht nach 40 Jahren, dann vielleicht erst nach 400 Jahren. Die Geschichte ist noch nicht zu Ende, egal was euch die Mutti erzählt. Wie viele deutsche Waffen, Panzer, Mercedes-S-Klassen und Kinder-Milchschnitten braucht die Welt?