Ens Käufens und ens Einkaufspritz (Freiheit, Bratwurst, Orgasmus!)

In meinem Traum jagt mich der Chefredakteur des Tagesspiegel mit einer riesigen Injektionsnadel durch das IKEA-Bällebad. „Ich schieß dir den Booster in deine Kniescheiben, du Sau!“ schreit er mit der Stimme von Sophie Rois (ich hatte mir vorm Einschlafen noch dieses alte Schlingensief-Hörspiel reingezogen), während die Antifa-Jugend Lichtenberg ihn mit lauten „Spritze rein! Spritze rein!“-Sprechchören anfeuert. „Jedens Käufens muss ens Einkaufskorbsens!“ ruft mir der Filialleiter hinterher, der aussieht wie Lann Hornscheidt. Ich flüchte über die Küchenabteilung auf den Parkplatz. Dort wird gerade der Millionste Impfling im Drive-In gefeiert, er erhält ein goldene Bratwurst – Jubel und donnernder Applaus, die Nationalhymne erklingt. Alle sind vor Ort: ARD, ZDF, RBB, RTL, CNN, Al Jazeera, Rezo, Merkel, Böhmermann, Barbara Schöneberger und der Kinderchor der deutschen Bischofskonferenz. „Jesus hätt‘ sich impfen lassen“ stimmen sie ihr fröhliches Lied an, bald rufen alle nur noch „Jesus! Jesus! Jesus!“ David Hasselhoff befragt die Leute in der Autoschlange. „Es ist wie damals nach der Maueröffnung“, erzählt Yvonne (54) mit zitternder Stimme, „Wir sind extra aus Strausberg angereist, mein Mann, die Kinder und ich, seit heute morgen um sechs sind wir unterwegs!“ Hasselhoff dreht sich zur Kamera: „Da hören Sie es: Eine Schlange in die Freiheit! Und am Ende wartet die Bratwurst als Belohnung, so wie damals die Banane! Are you looking for Freedom? Was für ein historischer Moment! Das ist der Wahnsinn! Die Menschen hier sind überglücklich und dankbar, Emotionen pur, das müssen Sie gesehen haben! Wir schalten jetzt zu meiner Kollegin Dunja Hayali, die gerade live auf TikTok ihre Blutgefäße streamt. Dunja, can you here me? Dunja?! Dunjaaa!!!“ „Jaaa, Danke, David! Es ist ein so überwältigendes Gefühl, den Impfstoff zu spüren! Mit Worten kaum zu beschreiben … Happy! Relieved! Released! So lange mussten wir warten, jetzt endlich ist es soweit! Und ich glaube, ich kann wohl für alle hier sprechen, wenn ich sage: Ich freu mich auf den nächsten Schuss!“ Die Menge ist nun vollkommen außer Rand und Band, Menschen verlassen spontan ihre Autos, fallen sich solidarisch in die Arme, überall Tränen der Freude, fliegende Bratwürste, spontane Orgasmen. „Wie damals!“, ruft Yvonne, „wie damals!“ Dann sind plötzlich die Würste alle, IKEA geht in Flammen auf und ich wache auf.

Deutschland im August 2021. Tugässa ägäinst Korrona. Alpha, Beta, Gamma, Delta, Epsilon, Zeta, Eta, Theta, Greta, Jota, Kappa, Lambda, Lorem-ipsum, Gummizelle … Fortsetzung folgt. Ich tauche erst einmal wieder ab. Macht’s gut, ihr alten Cracknutten! Bis zum Herbst.

Meine Opfer sind bei den Gedanken

Was der AfD die Messermorde, sind den Klimahüpfern die Flutkatastrophen (wahlweise auch 30 Grad im Schatten, irgendwas mit Wetter jedenfalls). Es wird wie auf Bestellung Schuld verteilt und Wahlkampf gemacht. Oder eben abgewiegelt und zur Mäßigung aufgerufen. Wie es gerade passt. Denn wenn der Feind bekannt ist, hat der Tag Struktur (offizielles Dalai-Lama-Zitat). Textbausteine und Trauerkerzen gibt es in jedem Fall gratis oben drauf. In diesem Theater bleibt kein Auge trocken und kein hohle Phrase ungenutzt: Merkel hat mitgemessert, Weidel hat mitgeschossen und Laschet hat mitgeregnet. Im Sozialismus wäre das alles übrigens nicht passiert. Schauen Sie doch nach Kuba. Die Leute haben vielleicht nichts zu futtern, aber wenigstens stimmt die CO2-Bilanz. Die wissen einfach nicht, wie gut sie es haben. Buena Vista Tunnelblick. 

House of Cards (Saure Gurken Edition)

Wenn man schon abschreibt, dann sollte man sich wenigstens nicht erwischen lassen.
(Claudia Roth, 2011)


Frühjahr 2021: Ganz Deutschland ist im Impffieber. Ganz Deutschland? Nein. Irgendwo in Berlin wird eine Kandidatin ins Rampenlicht geschoben. Jung, frisch, pausbäckig, grün, Liebling der Medien, was kann da schon schief gehen? Der STERN jubelt, der SPIEGEL ist außer sich und das ZDF bekommt feuchte Höschen. Zur Begleitung der anrollenden PR-Kampagne wird auch noch schnell ein Buch auf den Markt geworfen. Natürlich hatte die Kandidatin keine Zeit, das Buch selbst zu schreiben. Stattdessen liefert ihre Praktikantin dem dazu eilig angemieteten Journalisten die wichtigsten Stichpunkte: Alles Neu, alles Grün, Jetzt, Morgen, Übermorgen, Zukunft, Klima, Quote, Gerechtigkeit, Windmühlen, Jesus, Europa, Friede, Freude, Eierkuchen. Der Journalist nimmt die Stichpunkte und rennt damit durchs Internet, denn auch er hat keine Zeit und die Deadline für den Druck war vorgestern. Die so zusammen gestoppelten Textbausteine werden gerade noch rechtzeitig zwischen zwei Buchdeckel gepresst und ab geht die Post. Wird schon keiner merken, machen doch alle so und außerdem liest die Scheiße doch sowieso niemand. Die Kandidatin braucht halt was um es in die Kamera zu halten bei den Presse-Terminen. 

Drei Monate später. Krisenstimmung. Irgendjemand hat die Scheiße wohl doch gelesen. Und gegoogelt. Und dann das Ergebnis mit den öffentlichen Auftritten der Kandidatin, bei denen sie meist das rhetorische Geschick eines Teletubbies zur Schau stellt, gegengerechnet. Dann kommen Geschichten über verschlampte Parteigelder, schiefe Lebensläufe und fragwürdige Stipendien. Der Wind dreht sich, Anne Will wird unfreundlich und die taz bläst zum Angriff. Auf ihrem Anrufbeantworter ist das Lachen von Martin Schultz zu hören. Das Wahlkampfteam versichert der Kandidatin, dass sie nichts falsch gemacht habe, die Umfragen weiterhin top sind und dass sie diese ganz offensichtlich direkt aus Moskau gesteuerte faschistische Hetzkampagne schon bald im Stahlgewitter demokratischer Aufrichtigkeit zerschmettern wird. #JetztErstRecht

Als die Sonne still verglühte

Ich wache auf, die Tanzfläche scheint leer zu sein. Nur ein einsamer Säufer dreht sich noch um die eigene Achse, seine Arme weit von sich gestreckt. Ich war wohl hinter meinem DJ-Pult eingeschlafen. Wie spät ist es? Mein Kopf dröhnt, der Raum vor mir fängt an zu schwimmen, irgendjemand muss mir Mescalin in mein Bier gekippt haben. Was soll’s, denke ich, halluziniere mir einfach ein Publikum zusammen und mache da weiter, wo ich aufgehört habe. Der Morgen ist jung, das Hirn abgeschaltet, Polen ist offen und die totale teutonische After Hour ist hiermit eröffnet. Deutschsprachige Musik, die fehlte noch, alles muss raus … So jung komm‘ wa nich mehr zusammen!


Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir verlassen jetzt den Orbit unseres Heimatplaneten und tanzen zu Sehnsucht, Muskeln und Meta-Pop: Wir fahren mit der Luftbahn durch die Nacht, wo der Sternenhimmel für uns lacht. Und all die Probleme auf der Erde liegen für uns in weiter Ferne. ++++++++ Zurück auf der Erde, springen wir aus der vierten Etage von Dussmann, um uns noch mal so richtig zu spüren. Was soll man sonst auch machen auf dieser gottverdammten Friedrichstraße? Gott hat für das alles nur sieben Tage gebraucht, und ich finde, genau so sieht’s hier auch aus ++++++++ Auferstehung in Germany und schon geht der ganze Mist wieder von vorne los: Neue Deutsche Welle ist Neue Deutsche Hölle! ++++++++ Dadaismus, bei dem man mit muss: Schlach ma dod, schlach ma dod, schlach ma ruhig dod! ++++++++ Wir sehen uns umgeben von Trümmern und begrüßen die untote Leiche von Kurt Weill, der wusste noch, wie man feiert … Ach, Brandylachen waren, wo man saß, auf dem Tanzboden wuchs das Gras! ++++++++ Geht’s noch? Merkst du, was ich merke? Jeder geschlossene Raum ist ein Sarg. Die Distelmeyer-Gedenkwochen sind hiermit abgeschlossen, Prost! ++++++++ Später, viel viel später sehen wir verdächtige Raumgleiter am Horizont, sehen wir riesige eidechsenartige Panzer, sehen wir tanzende Bären … Hilfe, mein Kopf ++++++++ Irgendwo in der Zwischenzeit singt Ute Lemper über Corona, Paul Celan spritzt sich AstraZeneca auf dem Klo und ich knipse das Mondlicht an. Wir sehen uns an, wir sagen uns Dunkles, wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis! ++++++++ Wir sind betroffen, wir sind besoffen, wir sind die Dichter und Denker, wir sind die Roboter ++++++++ Was machen Sie eigentlich am Montag? Home Office? Projekte? Meeting? Pitch? Kickoff? Na, dann gleich noch mal Deichkind und die Arme in die Luft: Klick dich, fax dich, mail dich hoch, grapsch dich, quetsch dich, schleim dich hoch, kick dich, box dich, schlaf dich hoch. Bück dich hoch, ja! ++++++++ Zurück auf los und nichts wie raus, tonight we gonna party like it’s 1988: Das selbe Land zu lange geseh’n, die selbe Sprache zu lange gehört, zu lange gewartet, zu lange gehofft, zu lange die alten Männer verehrt. Ich bin rumgerannt, zu viel rumgerannt, ist doch nichts passiert ++++++++ Junge Leute sind gelangweilt, junge Leute sind verzweifelt, junge Leute werden zynisch, so war es immer, so wird es immer sein: Es ist so schön, kannst du die Welt so gut versteh’n, ich lieg mit vier Promille im Graben aus Versehen ++++++++ Wo ist die Liebe, wenn man sie braucht? Schmiegen Sie sich jetzt bitte eng an Ihren Tanzpartner. Wenn Sie keinen Tanzpartner haben, schmiegen Sie sich einfach an sich selbst, denn an den Stegen, den Stegen der Einsamkeit, dort am blutwarmen Ufer der Gier entdecken wir das Frühwerk von Veronika Fischer. Ach du meine Güte, ist das schön! ++++++++ Und wenn wir jetzt noch fünf Minuten durchhalten, nicht aufgeben, nur dieses eine Lied noch mitnehmen, dann sind wir Helden für einen Tag ++++++++ Aus, vorbei, ich muss ins Bett. Aber nicht ohne vorher noch die Bühne frei zu machen für die große, unvergleichliche KNEF: Als die Sonne still verglühte, rangen Frauen ihre Hände, liefen Männer bis ans Ende, bis ans Ende dieser Welt. ++++++++ Zu spät, zu früh, zu heiß, zu dicht. Gute Nacht.


Die Liste:

Deichkind – Luftbahn (2008)
Betterov – Dussmann (2021)
Nina Hagen – Lorelei (1983)
Foyer Des Arts ‎– Familie und Gewaltanwendung (1986)
Blixa Bargeld – Bilbao Song (2002)
Blumfeld – Verstärker (1994)
Lotte Ohm – Die Memoiren des Steven Spielberg 1 & 2 (1998)
Michael Nyman und Ute Lemper – Corona (1992)
Kraftwerk – Die Roboter (1978)
Deichkind – Bück dich hoch (2012)
Pankow – Langeweile (1988)
Faber – Generation YouPorn (2019)
Veronika Fischer – Guten Tag (1976)
Milliarden – Helden (2016)
Hildegard Knef – Die Herren dieser Welt (1970)

Gebt endlich auf, es ist vorbei.

Vor zwanzig Jahren erschien Blumfelds Album „Testament der Angst“. Ich gehe jetzt mal forsch davon aus, dass Jochen Distelmeyer damals nicht wissen konnte, dass er damit den Soundtrack für eine Saison schreiben würde, die erst zwei Jahrzehnte in der Zukunft zur vollen Blüte kommen würde. Wir sehen hier also entweder den Beweis für dessen visionäres Genie oder einfach nur dafür, dass sich im Grunde genommen nichts geändert hat. Nicht in den Hirnen der großen Verfügungsmasse „Volk“. Die Medien helfen ihnen beim dumm sein, ein starker Staat hilft ihnen beim stumm sein. Weshalb dieses Lied in den letzten Monaten nicht längst das ihm angemessene Revival erlebt hat, ist mir ein Rätsel. Muss ich also wieder ran, der Musikredakteur von der dunklen Seite des Mondes. Bitte sehr. Habe die Ehre.

Weltpolizei

„Du hast noch nichts geschrieben!“ belehrt mich WordPress per nervigem Popup-Fenster, weil ich nun schon seit zwei Minuten untätig auf den Text-Editor starre. Worüber soll ich auch schreiben? Über Rassismus? Ich auch noch? Wurde das Thema in den letzten Tagen noch nicht ausreichend weichpüriert? Ist irgendwer noch nicht weich? Püriert, gerührt, aufgelöst, betroffen und plattgewalzt von den Bildern und dem Getöse? Ich bin jedenfalls taub. Vor allem jenen meiner Mitmenschen gegenüber, die mir seit Jahren mit der immer gleichen Litanei über ihren Lieblingsfeind, den bösen Imperialismus in den Ohren liegen. Sie jammern über die Globalisierung und über die USA, die sich als Weltpolizei aufspielt und sich in die Angelegenheiten anderer Länder einmischt. Sehr verwerflich finden sie das. Das sind übrigens oft die selben Mitmenschen, die gerne von Deutschland aus per iPhone den Amerikanern und dem Rest der Welt erklären, wen sie gefälligst zu wählen haben, die jeden Social-Justice-Trend und -Hashtag aus Übersee unkritisch kopieren, schuldbewusst der Antifa hinterherlaufen und die dann auch noch „Black Lives Matter“ auf dem Alexanderplatz nachspielen. Der Narzissmus der vermeintlich guten Sache kennt keine Grenzen, der Irrsinn kein Maß. Um das, was tatsächlich passiert, geht es längst nicht mehr, auch nicht um den armen George Floyd. Im Laufe der Proteste gegen dessen gewaltsamen Tod sind in den USA mittlerweile schon 20 weitere Menschen ums Leben gekommen – Kollateralschäden im Kampf um gefühlte Wahrheiten und symbolträchtige Bilder, von denen sich auch die Cosplay-Aktivisten hierzulande berauschen lassen. Sie lassen sich einspannen, immer wieder, und finden nichts verwerfliches daran. Sind ja auf der guten Seite.

Wie war das noch vor einigen Jahren, als ein japanischer Tsunami zu einer Wende der deutschen Atompolitik geführt hat? Fukushima ist Berlin und Berlin ist Minneapolis. Welt am Draht, Welt am Limit. Und die neue Weltpolizei versorgt sich ständig mit frischer globalisierter Hysterie. Alle sind ständig und überall mitbetroffen, alle sind unterdrückt, alles ist ungerecht und alles hängt mit allem zusammen. Paranoid und populistisch sind aber natürlich immer nur die anderen.