Schwere Zeiten (auf Wiedervorlage)

Liebe Lesende, werte Darbende, folgendes Geständnis wird Sie vielleicht nicht besonders überraschen: Ich habe noch nie eine Folge von Game Of Thrones gesehen. Ein Zitat daraus ist mir trotzdem geläufig: „Winter is coming!“ Traditionell gilt ja der November als die härteste Nuss im Kalender (trübes Wetter, hustende Menschen, erhöhte Selbstmordraten), aber auch der Dezember hat neben all dem Advents- und Weihnachtskitsch reichlich düstere Gedanken zu bieten. Die Populärkultur liefert dazu einige Beispiele. Was will ich Ihnen damit sagen? Stellen Sie sich bitte auf schwere, ja möglicherweise sehr schwere Zeiten ein. Auf einen schweren November, einen harten Dezember und auf bleierne Ostern! Von dem darauffolgenden mörderischen Sommer ganz zu schweigen. Natürlich nur, sofern Sie von den zuständigen öffentlichen Orakeln nicht längst auf Dauerschwere eingeschworen worden sind. Und sofern Sie nicht Michelle Hunziker heißen, denn dann haben Sie das Schwerste ja schon hinter sich. Inspiriert wurde ich zu dieser eindrücklichen Warnung durch Schwester Spahn, Mutti Merkel und den Kollegen Driesen. Ehre, wem Ehre gebührt.

Ich habe 160.000 Menschen geseh’n, die sangen so schön …

Im Musikvideo war zuerst eine US-Flagge zu sehen, vielleicht war das der Fehler. Und dann dieser Refrain … Als Bruce Springsteen damals sein wütendes Lied über einen gescheiterten Vietnam-Veteranen veröffentlichte, schuf er damit eher unfreiwillig einen patriotischen Monsterhit, der die eigene Botschaft unter einem unwiderstehlichen Stampf-Rhythmus begrub. Und als die Jungs von Sandow ihr Born in the GDR als sarkastischen Kommentar zum Springsteen-Konzert 1988 in Weißensee rausrotzten, war es wohl auch unvermeidlich, dass die Nummer spätestens nach der Wende bei vielen als alternative Ost-Nationalhymne im Gedächtnis kleben blieb. Schrei den Leuten entgegen, wo sie geboren wurden, egal wie wütend oder wie spöttisch, und sie schreien zurück „Ja, das sind wir!“, auch wenn es gar nicht stimmt. Geboren, geboren, irgendwo sind wir geboren … Dagegen kommt man nicht an, erst recht nicht, wenn man solche Refrains schreibt. Selbst schuld. Am besten man ergibt sich der Masse, gibt ihnen, was sie zum Schreien, zum Stampfen und zum Fäuste recken braucht, legt noch eine Schippe drauf und peitscht sie richtig ein. Ich habe 160.000 Menschen geseh’n, die sangen so schön, so schön … Wann spielen Springsteen und Sandow endlich gemeinsam in Berlin und schreien ihr Publikum auf die alten Tage noch mal so richtig in Grund und Boden? Als Zugabe tanzt dann David Hasselhoff mit Katarina Witt zu Dancing in the Dark.

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Hunderttausend Jahre Mauer weg, yeah – fällt mir dazu überhaupt noch etwas ein? Ja, das noch: Es war ein überraschend kurzer Fußmarsch über die Oberbaumbrücke. Ich wollte damals nur raus, zusammen mit allen anderen, die noch nicht abgehauen waren. Endlich das große unbekannte Disneyland mit eigenen Augen erleben, das eigentlich nur am anderen Ende der Straße lag, am gegenüberliegenden Ufer, und von dem meine Mutter immer meinte, dass das doch alles zusammengehöre und eines Tages auch wieder … Wirklich, Mutter, wirklich? Wie denn und wann denn? Und dann ging plötzlich alles wie von selbst. Zaun auf und einfach rüber auf die andere Seite gelaufen. Goodbye Genosse Oberstleutnant „Wir meinen es doch nur gut mit euch“ vom Ministry of Love, ich schaue jetzt selber mal nach. Ganz herzlichen Dank auch noch für euren schönen „Schutzwall“ und euren Scheiß „Klassenkampf“, war eine lehrreiche Erfahrung, ja wirklich, aber jetzt reicht es auch mal. Der Rest steht hier.


Abbildung: A. R. Penck, „Die Zukunft der Emigranten“, 1983

Punk’s not dead (Wippen gegen den Bürgerkrieg)

Wenn Gotham City brennt, kommt Batman angeflogen und sorgt für Ordnung. Wenn Chemnitz brennt, werden die Toten Hosen geschickt. Nachdem die Befriedung der Ostzone – erst mit Geld und Bananen, später mit strengen Ermahnungen, Hüpfburgen und Hashtags gegen #rechts – nicht so richtig funktionieren wollte, wurde mal wieder das letzte Aufgebot in den Kampf geschickt: staatlich geförderte Berufsjugendliche, die das alte Spiel von Guter Punk vs. Böser Nazi aufführen. Dass das schon in meiner Jugendzeit nicht funktioniert hat, hindert weder den SPIEGEL noch die Altbier-Haubitze Campino daran, es auch den nachwachsenden Generationen weiterhin als Patentrezept zu verkaufen. Dabei war das, wofür „Punk“ in den späten 70er Jahren mal ca. fünf Minuten lang stand, also die größtmögliche Provokation gegen das Establishment, schon kurz darauf an die Nazi-Skinheads abgegeben. In der DDR der 80er Jahre sah das dann so aus: die vergleichsweise harmlos wirkende Punk-Szene war von staatlicher Seite natürlich nicht gern gesehen, galt als asozial und wurde umfangreich von der Stasi überwacht – aber es wurde immerhin über sie gesprochen. Progressive FDJ-Kader verstiegen sich auch schon mal zu der Aussage, dass es doch darauf ankäme, „was in den Köpfen der jungen Menschen sei, nicht oben drauf“ (schon damals wurde Punk teilweise nur noch als Frisur assoziiert). Rechte Skinheads wurden dagegen einfach totgeschwiegen. Nazi sein im Sozialismus, das war tabu, und somit die tatsächlich größtmögliche Provokation. Einige Jahre später wunderte sich SPEX-Redakteur Diedrich Diederichsen in seinem Text „The Kids Are Not Alrightdann schon gesamtdeutsch über die Umdeutung ehemals links besetzter Pop-Codes, z.B. darüber, dass rechte Jugendliche mit Malcolm-X-Basecaps herumliefen. Und heute, wo all die hübschen, einst fortschrittlich und emanzipatorisch gemeinten linken Projekte als sozialdemokratische Staatsdoktrin von oben herab gepredigt werden, flankiert von einem immer infantileren Emo-Neusprech (Liebe vs. Hass bzw. Herz vs. Hetze), da finden Subversion, Auflehnung und echte Opposition zwangsläufig nur noch rechts statt.

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Aber zurück zur heiteren Betrachtung der Zustände. Dass die deutsche Wiedervereinigung nicht so harmonisch verlaufen ist wie erhofft, liegt nämlich gar nicht an der Unbelehrbarkeit der Sachsen, sondern an einem Haufen Berliner Fledermäuse. Die hatten sich bis vor kurzem im Gewölbe unter der geplanten Einheitswippe am Schloßplatz eingenistet und so den Baustart des Denkmals verhindert. Ohne Wippe keine Einheit, das ist ja wohl klar. Zwar hat sich das Ding längst zu einem dieser überteuerten planerischen Running Gags entwickelt (siehe BER, Staatsoper etc.), dennoch ist Kulturstaatsministerin Monika Grütters schwer optimistisch, dass die Wippe nun bald kommt. „Wenn wir es jetzt schnell hinbekommen, hätten wir das Denkmal zum 30. Jahrestag der Deutschen Einheit“. Dann endlich wird Frieden einkehren ins Land, dann kommen alle auf die Wippe, aus Ost und West, von links und rechts. Dann wird nicht mehr gehasst und gehetzt, sondern gewippt und gewuppt bis zum Ausgleich. Oder bis allen schlecht wird. Die Fledermäuse sind inzwischen übrigens umgesiedelt, die müssen sich das Elend dann nicht mehr anschauen.

Superfoods for Super people

Düster ist die Welt, in der wir leben. Düster, garstig und krebserregend. Einen Ausweg bietet die Selbstoptimierung, die Überwindung des Systems durch Unsterblichkeit. Seit Jahren schon experimentiere ich mit diversen Superfoods und möchte heute von den Ergebnissen berichten. Angefangen habe ich, wie die meisten Quereinsteiger der Szene, mit grünem Tee und nativem Olivenöl. Über die Jahre folgten dann Dinkelschrot, Kombucha, Algen-Smoothies, getrocknete Goji-Beeren, Chia-Samen, antarktische Krillöl-Kapseln, mit Eigenurin versetztes Craft Beer sowie Power-Müslis aus einem alten aztekischen Kaktus, dessen Name mir gerade entfallen ist. Das Ganze selbstverständlich stets begleitet von ausgiebigen Yoga-Sitzungen. Was soll ich sagen? Ich bin mittlerweile dermaßen gesund und verjüngt … Wie verjüngt, fragen Sie? Als ich das letzte Mal allein verreisen wollte, hat mich die Flughafen-Polizei beim Jugendamt abgeliefert. So verjüngt. Über solche Zwischenfälle muss ich mir nun aber auch keine Gedanken mehr machen, denn seit gestern kann ich selbst fliegen. Ich atme einfach kurz ein und stoße mich dann vom Boden ab. Dank der zahlreichen Antioxidantien, die mein Körper im Laufe der Zeit gespeichert hat, setze ich während des Fluges auch bei nassem Wetter keinen Rost an. Ich eigne mich somit als Drohne und Friedens-Engel zugleich. Sehet, ich bin gekommen, um euch folgendes zu verkünden: Goji-Beeren sind aktuell schon ab 24,90 Euro das Kilo im Angebot! Jetzt zugreifen oder verrecken!

Die Nachgeburt

Bitte gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen! Also wirklich, bitte verlassen Sie den Tatort, Sie behindern hier nur die Ermittlungsarbeit mit Ihrer dummen Gafferei! Oder wollen Sie wirklich live und in Echtzeit dabei zuschauen, wie ich erfolglos versuche, die neueste Veröffentlichung von Alexa Hennig von Lange zu ignorieren? Na gut. Sollten Sie sich noch an die Zeit kurz vor dem Millennium erinnern können, dann lässt der Name Alexa Dingens von Bummens vielleicht noch die ein oder andere Glocke in Ihrem Gedächtnis läuten. Das war jene sommersprossige junge Dame, die mit ihren crazy Jugendbüchern durch die Medien gereicht wurde, zeitgleich mit Benjamin von Stuckrad-Barre. Ohne ein „von“ hat es die Popliteratur damals nicht gemacht. Die Rolle des tragischen Berliner Partymädchens habe ich ihr damals schon nicht abgekauft, sondern eher als mediokre Travestie empfunden. Aber so lief das in den 90ern: man kam irgendwo aus der westfälischen Provinz zum Studieren oder Arbeiten in die Techno-Hauptstadt, zog dreimal eine Nase Koks in irgendeinem Kellerclub in Mitte, drehte mal richtig frei auf dem Kopfsteinpflaster, und schon war man der Nabel der Welt – es winkten Buchverträge und Auftritte bei Harald Schmidt. Dann kam Charlotte Roche und es wurde alles noch viel schlimmer (merke: schlimmer geht immer!)

Fast 20 Jahre später haben sich die Themen der einst flippigen Autorin naturgemäß etwas verändert. Es treten auf: fünf Kinder, ein Ehemann und ein Apfelgarten in der Uckermark. Oder irgendwo da in der Nähe. Auf jeden Fall in Brandenburg, in der „Region“. Dort nisten sich schon seit Jahren die gestressten Vertreter der Berliner Kulturszene ein, kaufen alte Scheunen auf, züchten Hühner und veröffentlichen Bücher über Landflucht, übers Kuchenbacken und die eigene Familiengründung. Frau Dingens von Bummens kommt mit ihrem Beitrag zu dem Thema zwar ein wenig spät um die Ecke, aber sie war halt auch sehr beschäftigt. Mit den Kindern und so. Seltsamerweise bewirbt der Verlag nun ihr neues Buch u.a. mit der steilen Behauptung „Kinder gelten heute als Anschlag auf die gute Laune, als Sargnagel im Lebensplan.“ Seit wann das denn? Ich zumindest nehme genau das Gegenteil davon wahr. Nie wurde ein größeres Bohei um den Nachwuchs gemacht als aktuell. Kinder sind heute wieder die absolute Nummer Eins bürgerlicher Heilsversprechen. An allen Ecken nerven Mami-Blogs, Ratgeber-Literatur und Magazine für die sendungsbewusste Vollwert-Patchwork-Familie aus der IKEA-Reklame. Und auch bei Familie Hennig von Lange muss alles raus: Die Sorgen. Die Nöte. Die Windeln. Die Spaghetti. Das Smartphone. Der Geschirrspüler. Und die Babysitterin. Familien sind das neue Koks.

Zugegeben: ich bin auch ein klein wenig neidisch auf Menschen, die es schaffen, jeden Aspekt ihrer öden Biografie so unbekümmert und produktiv zu vermarkten. Insofern ist mir Alexa Dummdidumm von Hopsassa ein heimliches Vorbild. Ja, irgendwann werden sie dann wohl auch erscheinen – meine eigenen literarischen Ergüsse! Mindestens fünf Romane habe ich schon in der Schublade. Notizen über ein schillerndes Leben zwischen Diktatur, Alkohol, Sperma und UFO-Sichtungen. Mit heißer Hand getippt und garantiert ohne Ratschläge zur Kindererziehung. Vielleicht werden sie aber auch erst nach meinem Ableben veröffentlicht. So eilig habe ich es eigentlich nicht. Als treuer Jünger Friedrich Nietzsches vermute ich, dass auch mein Werk wohl eher für die Nachgeborenen bestimmt sein wird. Jetzt gehen Sie bitte weiter!

Wenn dies das Ende ist

Deutschland feiert Silberhochzeit und es ist mir egal. Es ist mir so egal wie jedes Jahr am 3. Oktober und so egal wie damals am Tag der Wiedervereinigung selbst. Egal, egal, egal, schnurzpiepegal! Ich habe mir diesen Staat nicht ausgesucht, ebenso wenig wie ich mir einst den Staat ausgesucht hatte, in den ich nun mal hineingeboren wurde. Sollte sich hinter meiner Staatsbürgerschaft ein höherer Plan verbergen, so wird ihn mir ein gnädiger Weltgeist ganz sicher eines Tages offenbaren. Bis dahin kann ich nur mit Staunen registrieren, wie sich Millionen von Menschen durch ihren Personalausweis, ihren Gemüsegarten und die kulturellen Errungenschaften von wahlweise Kraftklub oder Maria Furtwängler tatsächlich so etwas wie eine soziale Identität zimmern lassen. Schwarz-Rot-Gold ist nicht mal eine besonders schöne Farbkombination. Ich persönlich würde da eher so etwas wie Blau-Weiß-Orange bevorzugen, auf jeden Fall etwas frischeres als die deutsche Beflaggung.

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Ich habe diesen Flyer gefunden, in einer Kiste im Keller, zusammen mit all den anderen Sachen aus dieser Zeit. „Wollt Ihr die Bananenrepublik?“ Am 19. Dezember 1989 haben sie sich auf dem Alexanderplatz getroffen, um das Unmögliche zu fordern. Was wäre denn passiert, wenn die studentischen Anti-Wiedervereinigungs-Initiativen an diesem Tag tatsächlich erfolgreich die Souveränität der DDR verteidigt hätten? Wie lange hätte diese kleine Republik denn überlebt, die als Geschenk an eine Handvoll alter Antifaschisten gestartet ist und schließlich als marode, romantische Projektion in „Goodbye Lenin“ endete? Ja, ich hatte auch eine Gänsehaut, als die abgehackte Statue an einem Kran an Daniel Brühl vorbeiflog. Obwohl es nur ein Film war. Und obwohl es der falsche Lenin war. Ich wusste es doch besser. Ich bin doch in der Ecke aufgewachsen, bin doch selbst noch um die Original-Statue herumgetanzt, abgefüllt mit süßem ostdeutschen Weißwein, nach unserer Schulabschlussfeier. Also wo war ich am 19. Dezember 1989? Wahrscheinlich in irgendeinem Ku’damm-Kino, um mir „Die fabelhaften Baker Boys“ anzuschauen. Ich hatte damals genug von der DDR. Monate zuvor bin ich nur knapp an der Entscheidung vorbei geschlittert, über einen ungarischen Acker in die Freiheit zu hechten – zusammen mit all den anderen hechtenden stone-washed Ossis, die jetzt so gerne die Grenzen wieder hinter sich dicht machen würden. Es sollte wohl nicht sein, lieber Weltgeist, oder?

Stattdessen wartete ich in Berlin auf die Maueröffnung und das Ender der 80er Jahre. Ich kaufte mir ein paar schöne Westplatten, machte Zivildienst, schaute mir nebenbei die wütenden Flyer der studentischen Initiativen an und sparte auf ein Flugticket in die USA. Mehr wollte ich damals nicht. Ich sah dem alten Staat beim Vergammeln zu und interessierte mich noch weniger für den neuen, diese bürokratische Kapitalismus-Parodie namens Bundesrepublik Deutschland. Egal, egal, egal, schnurzpiepegal! Eines Tages wird auch dieser Staat untergehen, wenn nicht nach 40 Jahren, dann vielleicht erst nach 400 Jahren. Die Geschichte ist noch nicht zu Ende, egal was euch die Mutti erzählt. Wie viele deutsche Waffen, Panzer, Mercedes-S-Klassen und Kinder-Milchschnitten braucht die Welt?

Dick aufgetragen

Im 25. Jubiläumsjahr des Mauerfalls wieder einen kalten Krieg zu thematisieren, ist schon bitter. Vielleicht waren die Medien hierzulande daher auch ganz dankbar dafür, dass sie noch rechtzeitig vor den Feierlichkeiten auf andere altbekannte Schreckens-Szenarien (Lokführer, Ebola, Islamischer Staat) umlenken konnte. Aber da ist er wieder, Michail Sergejewitsch Gorbatschow, Mahner und Versöhner in einer Person und erinnert uns daran, dass es ohne Moskaus Einverständnis, damals Ende der 80er Jahre, in diesem Herbst wahrscheinlich nicht viel zu feiern gäbe. Hat Gorbatschow die Mauer geöffnet? Zumindest hatte er wohl mehr damit zu tun als David Hasselhoff, die Scorpions oder Wolf Biermann.

„Gibt es überhaupt im Kreise der westlichen Völker eine Möglichkeit, gegen die bluttriefende Härte der russischen Menschenführung anzukommen, ohne wenigstens ein Stück von der freien Welt zu verraten?“ schrieb Friedrich Siegburg 1952*, nur wenige Jahre, nachdem – auch mit russischer Hilfe – die bluttriefende Härte der deutschen Menschenführung vorerst beendet wurde. Seit dem taugt der Russe den Deutschen abwechselnd als Feindbild, großer Bruder, Karikatur oder auch als sehnsuchtsvolle Projektion, auf jeden Fall als klischeebeladenes Abziehbild. Putin, Kaminer, Birkenwälder, Matrjoschkas, Kosakenchöre und natürlich jede Menge Wodka. „Dit gibt’s ja in keenem Russenfilm!“ lautete einst ein beliebter Spruch der Berliner Nachkriegsgeneration, denn im „Russenfilm“, den pathetischen Heldendramen aus sowjetischer Produktion, schien damals alles möglich. Noch immer scheint man im Reich der Superlative gerne dick aufzutragen: sowohl beim Make-up als auch bezüglich der politischen Gesten. Und noch immer schüttelt man im „Kreise der westlichen Völker“ den Kopf darüber. Dass Kapitalismus nicht nur mit der SPD, sondern auch mit dem KGB wunderbar zu funktionieren scheint, verblüfft und erzürnt so manchen westlichen Beobachter bis heute. Wo bleibt denn da die protestantische Bescheidenheit, wer kümmert sich um die Menschenrechte, und vor allem (es wird langsam wirklich wieder kalt draußen): wo bleibt das Gas?

* „Das Gelächter des Kriegsgottes“, Friedrich Sieburg: Nur für Leser / Jahre und Bücher, dtv, 1961

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„…Die Fotografin poträtiert die Kinder in ihren Rollen als zukünftige Führungsschicht Russlands, auf deren Gesichtern sich die inneren Dramen abspielen. Wie bei Jakob, der mit sich selbst im Krieg steht und in seinem Zimmer auf Ballerinas schießt.“

Rechts hop, links hop!

Es soll ein Fenstersprung gewesen sein, der 1970 Ulrike Meinhofs endgültige Radikalisierung markierte. Sie hüpfte durch das Fenster eines Instituts-Gebäudes in die Illegalität und seit dem müssen wir uns alle Jahre wieder Sondersendungen zur RAF und dem deutschen Herbst anschauen. „Und wo ist hier der Grund zur Heiterkeit?“, fragen Sie zurecht, liebe Leser. Vielleicht ja hier: 40 Jahre später sammelt Jutta Ditfurth Geld, um in dem von ihr gegründeten Ulrike Meinhof-Archiv neue Fenster einzubauen. Ob die Renovierungsarbeiten inzwischen abgeschlossen sind, ist mir nicht bekannt. In diesem Herbst jedoch, am 7. Oktober 2014, würde Ulrike Meinhof 80 Jahre alt werden. Und es wäre doch sehr hübsch, wenn Frau Ditfurth zu eben diesem Anlass und zu Ehren der alten Heldin aus einem der neu eingebauten Fenster ihres Archives hüpfen könnte. Also spenden Sie fleißig, sofern Sie es nicht schon getan haben!

Ich möchte noch erwähnen, dass Jutta Ditfurth sich derzeit in einem unappetitlichen Scharmützel befindet (nicht dem ersten in ihrer Karriere), welches sie bereits ins deutsche Kultur-Fernsehen trug und das nun vorwiegend auf Facebook weitergeführt wird, wo es sich zu einem mittelschweren Shit-Gewitter zusammengebraut hat. Es geht dabei vorwiegend um die Frage, wer mit wem unter welcher Flagge wogegen und wofür demonstrieren darf; es geht um Fronten, Feindbilder, Aluhüte und die alles entscheidende Frage, wer denn nun rechts und wer links steht. Ein ganz großer Krampf also, der sich nur mit den Meistern krampfhafter Lockerheit erklären lässt – dem Ehepaar Fern. Bereits fünf Jahre vor Ulrike Meinhofs berühmten Fenstersprung setzten sie dem Links-Rechts-Gerangel tänzerisch ein Denkmal. Die Ferns nenen es „Halli Galli“, ich nenne es den Fronten-Twist … Rechts hop, links hop, rechts drehen, rück-rück-rück (ab Min. 1:00 wird es konkret, Genossen):