… umso mehr sind wir des Beifalls sicher

„Selten hatte ein Jahr, global wohl und nicht nur in der Sicht habituell ‚kritischer‘ Intellektueller, mit einer so tief depressiven Stimmung und derart düsteren Prognosen begonnen wie dieses. Wer die Nacht vom 31. Dezember 2016 auf den 1. Januar 2017 mit den üblich freundlichen Neujahrs-Floskeln zu bestreiten suchte, wirkte naiv oder fiel, schlimmer, dem Verdacht anheim, nicht auf der kollektiv angepeilten Höhe politischer und ethischer Verantwortung zu leben. Wie in einem öffentlich ausgeschriebenem Tugend-Wettbewerb war man bemüht, sich wechselseitig mit Sarkasmen oder auch ernsthaften Ausdrücken der Sorge um das Wohl der Menschheit zu überbieten und wachzuhalten.“

(Hans Ulrich Gumbrecht, Entspanntes Katastrophenjahr: die Gegenwart in Stimmungsbildern, 8.4.2017)

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„Die Lust am Untergang“ von Friedrich Sieburg habe ich vor ungefähr sechs Jahren durch die Neuauflage der Anderen Bibliothek entdeckt. Kurz darauf hatte ich das Glück, auch noch eine alte Taschenbuch-Ausgabe von Sieburgs „Nur für Leser: Jahre und Bücher“ für 50 Cents in der Grabbelkiste eines Flohmarktes zu finden. Wenn Sie, so wie ich, die düsteren Neurosen Ihrer Umwelt gerne mit Abstand betrachten und sich außerdem für eleganten Sprachgebrauch begeistern können, dann lesen Sie Friedrich Sieburg. „Die Lust am Untergang“ erschien erstmals 1954, und Sie ahnen bereits, dass es sich dabei um ein eher zeitloses Buch handeln muss, sonst würde ich Sie hier nicht so wortreich damit belästigen. Wäre ich der Leiter eines linksliberalen schwäbischen Lesekreises, so würde ich jetzt vermutlich pathetisch ausrufen: Wir dürfen Friedrich Sieburg nicht den Rechten überlassen! Da ich aber nur der Vorsitzende (und einziges Mitglied) der anarchistischen Literatur-Brigade „Butterblumen und Zement“ bin, sage ich: Wir dürfen Friedrich Sieburg selbstverständlich jedem überlassen, der ihn gerne lesen möchte – den Linken, den Rechten, der Mitte und allen sich um die eigene Achse drehenden Disco-Tanten (natürlich wollte ich „Diskutanten“ schreiben, aber bei „Butterblumen und Zement“ lassen wir nun mal keinen Kalauer ungenutzt in der Schublade). Wir können nur hoffen, dass sie alle in dem Autoren jenen klugen Geist erkennen, der sich wohltuend über jede Art ideologischer Vereinnahmung hinwegsetzt. Lange bevor der Begriff der German Angst populär wurde, gelang Siegburg in „Die Lust am Untergang“ die unterhaltsame Beschreibung eines (nicht nur) sehr deutschen Gemütszustandes: „Die Weltuntergangsstimmung durch scharfsinnige Analysen ins allgemeine Bewusstsein zu heben und sie gleichzeitig doch auch zu genießen, gehört zu den Lieblingsbeschäftigungen des Menschen von heute, sei es in Form von Philosophie, im Gespräch oder im Kommentieren von Zeitungsnachrichten. Propheten wollen wir alle sein, und je gelassener wir unseren düsteren Spruch verkünden, umso mehr sind wir des Beifalls sicher.“

Ich erlaube mir hier nun noch ein weiteres, etwas längeres Zitat und wünsche meinen geschätzten Lesern auf diesem Wege schon jetzt frohe Ostern sowie einen beschwingten Weltuntergang!

„Vor mir, im Flugzeug saßen jüngst zwei Männer, denen ich zuhören mußte, ob ich wollte oder nicht, denn sie sprachen sehr laut. Die beiden Männer waren, wie sich herausstellte, ein Däne und ein Schweizer, echte Europäer also, viel echter, als wir es je sein können. Sie bereiteten sich einige angenehm gruselige Stunden damit, den europäischen Schicksalsfaden zu spinnen und sich gegenseitig auszumalen, wie schlimm es um den von ihnen so brillant repräsentierten Kontinent stünde. Die fünfte Kolonne befand sich, wenn man ihnen glauben sollte, bereits tief im Herzen unserer Länder. Mit den Engländern war überhaupt nicht zu rechnen (‚die sind total fertig!‘), und von den Franzosen wollten sie lieber überhaupt nicht reden (‚ha, ha‘). Und die Deutschen warteten nur ihre Stunde ab, um sich an die Brust der Russen zu werfen. Europa war erledigt, und die Amerikaner verlören nur ihre Zeit, und mit ihnen sei es übrigens auch nicht weit her. Fuchs, Pontecorvo, die Namen fielen wie Schläge einer Totenglocke. Mir wurde trüb zumute, obwohl ich gerade die von den tüchtigen englischen Panzern zerwühlten deutschen Felder unter mir sehen konnte. Die beiden prahlten förmlich mit der Hinfälligkeit unserer Welt, und je düsterer ihre Prognosen wurden, um so fröhlicher wurde ihre Stimmung, bis sie schließlich in Frankfurt das Flugzeug im Zustand höchster Aufgekratztheit verließen. Ich schwöre, daß sie während der Reise keinen Tropfen Alkohol getrunken hatten, und doch leuchteten ihre Augen wie im Rausch. Ich sah ihnen lange nach. Das waren rechte Schwäger, die es nicht verschmähten, dem Schicksal ins starre Antlitz zu blicken und daraus eine Wollust ohnegleichen bezogen. Männer der Wirklichkeit, tüchtig, mit prallen Aktentaschen, – aber eben Genießer besten europäischen Schlages. ‚The night of the knock when none shall sleep‘ heißt es in einem berühmten Gedicht von Auden. Das lautet angstvoll genug, eben weil man nie wissen kann, ob die Polizei klopft oder das Schicksal. Aber hier war heller Tag, obendrein schönster Sonnenschein, und die beiden Männer würden nach diesem genußreichen Gespräch vorzüglich schlafen, dessen war ich sicher. Vielleicht waren sie ausgezogen, das Fürchten zu lernen, und es war ihnen gelungen. Oh, sicher war es ihnen gelungen, denn sonst hätten sie nicht so geschwelgt und gestrahlt.“