Ich hab noch eine Leiche in Berlin

„An diesem Wochenende richtete sich Claus-Brunner mit Stromschlägen selbst. Dafür hatte er Kabel abisoliert und an seinen Handgelenken befestigt. Als gelernter Mechatroniker wusste er, wie er die Sicherungen überbrücken musste. Dann betätigte er den Lichtschalter, knipste regelrecht sein Leben aus.“ (Berliner Kurier)

Die Piratenpartei macht ein letztes Mal Schlagzeilen. Und was für welche! Sex, Stalking, Kabel und verwesende Leichen – in der Hauptstadt wird es wirklich nie langweilig. Wem das alles aber noch nicht gruselig genug ist, dem darf ich mitteilen: die Wahlbeteiligung lag am vergangenen Sonntag offiziellen Angaben zufolge bei genau 66,6 Prozent. Nicht nur bibeltreue Christen, rituelle Selbstmörder, Hobby-Magier und Iron-Maiden-Fans wissen, was das bedeutet. Schon erhebt sich das Tier aus dem Wasser der Spree. Drei Köpfe hat das Tier: Rot, Grün und Violett. Und siehe: Es wird ihm Vollmacht gegeben über jeden Volksstamm und jede Sprache, jeden Radweg, jeden Hundehaufen, jeden Puff und jedes Finanzamt. So steht es geschrieben.

Gedicht von der Erhaltung der Energie

Es ist das Wetter, sagt die Omi. Es ist der Moslem, sagt der Nachbar. Es ist der Fremde, sagt der Bekannte. Es sind die Waffen, sagt der Pazifist. Es ist mein Beruf, sagt der Soldat. Es ist die Merkel, sagt der Kevin. Es ist das Kapital, sagt die Sahra. Es ist eine Botschaft, sagt der Attentäter. Es ist der Mann, sagt die Frau. Es sind die Eltern, sagt der Therapeut. Es ist das Pack, sagt der Mob. Es ist fünf vor zwölf, sagt der Prophet. Es ist ein Mars-Jahr, sagt der Astrologe. Es ist ein Facepalm, sagt der Student. Es ist ein Katzenbaby, sagt Facebook. Es ist was es ist, sagt die Liebe. What goes around comes around, sagt die Physik.

Wenn dies das Ende ist

Deutschland feiert Silberhochzeit und es ist mir egal. Es ist mir so egal wie jedes Jahr am 3. Oktober und so egal wie damals am Tag der Wiedervereinigung selbst. Egal, egal, egal, schnurzpiepegal! Ich habe mir diesen Staat nicht ausgesucht, ebenso wenig wie ich mir einst den Staat ausgesucht hatte, in den ich nun mal hineingeboren wurde. Sollte sich hinter meiner Staatsbürgerschaft ein höherer Plan verbergen, so wird ihn mir ein gnädiger Weltgeist ganz sicher eines Tages offenbaren. Bis dahin kann ich nur mit Staunen registrieren, wie sich Millionen von Menschen durch ihren Personalausweis, ihren Gemüsegarten und die kulturellen Errungenschaften von wahlweise Kraftklub oder Maria Furtwängler tatsächlich so etwas wie eine soziale Identität zimmern lassen. Schwarz-Rot-Gold ist nicht mal eine besonders schöne Farbkombination. Ich persönlich würde da eher so etwas wie Blau-Weiß-Orange bevorzugen, auf jeden Fall etwas frischeres als die deutsche Beflaggung.

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Ich habe diesen Flyer gefunden, in einer Kiste im Keller, zusammen mit all den anderen Sachen aus dieser Zeit. „Wollt Ihr die Bananenrepublik?“ Am 19. Dezember 1989 haben sie sich auf dem Alexanderplatz getroffen, um das Unmögliche zu fordern. Was wäre denn passiert, wenn die studentischen Anti-Wiedervereinigungs-Initiativen an diesem Tag tatsächlich erfolgreich die Souveränität der DDR verteidigt hätten? Wie lange hätte diese kleine Republik denn überlebt, die als Geschenk an eine Handvoll alter Antifaschisten gestartet ist und schließlich als marode, romantische Projektion in „Goodbye Lenin“ endete? Ja, ich hatte auch eine Gänsehaut, als die abgehackte Statue an einem Kran an Daniel Brühl vorbeiflog. Obwohl es nur ein Film war. Und obwohl es der falsche Lenin war. Ich wusste es doch besser. Ich bin doch in der Ecke aufgewachsen, bin doch selbst noch um die Original-Statue herumgetanzt, abgefüllt mit süßem ostdeutschen Weißwein, nach unserer Schulabschlussfeier. Also wo war ich am 19. Dezember 1989? Wahrscheinlich in irgendeinem Ku’damm-Kino, um mir „Die fabelhaften Baker Boys“ anzuschauen. Ich hatte damals genug von der DDR. Monate zuvor bin ich nur knapp an der Entscheidung vorbei geschlittert, über einen ungarischen Acker in die Freiheit zu hechten – zusammen mit all den anderen hechtenden stone-washed Ossis, die jetzt so gerne die Grenzen wieder hinter sich dicht machen würden. Es sollte wohl nicht sein, lieber Weltgeist, oder?

Stattdessen wartete ich in Berlin auf die Maueröffnung und das Ender der 80er Jahre. Ich kaufte mir ein paar schöne Westplatten, machte Zivildienst, schaute mir nebenbei die wütenden Flyer der studentischen Initiativen an und sparte auf ein Flugticket in die USA. Mehr wollte ich damals nicht. Ich sah dem alten Staat beim Vergammeln zu und interessierte mich noch weniger für den neuen, diese bürokratische Kapitalismus-Parodie namens Bundesrepublik Deutschland. Egal, egal, egal, schnurzpiepegal! Eines Tages wird auch dieser Staat untergehen, wenn nicht nach 40 Jahren, dann vielleicht erst nach 400 Jahren. Die Geschichte ist noch nicht zu Ende, egal was euch die Mutti erzählt. Wie viele deutsche Waffen, Panzer, Mercedes-S-Klassen und Kinder-Milchschnitten braucht die Welt?

Everybody hurts

Heute morgen ist Iris Radisch vor einer Baustelle der Berliner Wasserbetriebe an mir vorbei gelaufen. Sie war in eine Decke eingewickelt (das Wetter kühlt ja gerade wieder ab), mit der sie ein klein wenig aussah wie eine Obdachlose. Ist Iris Radisch obdachlos? Vielleicht war die Decke auch ein teurer Designer-Poncho, den sie später im Borchardt, im Brot & Rosen, der Berghain-Kantine, einem Kreuzberger Molekular-Italiener oder wo auch immer das Feuilleton sich abends so beim Wein trifft, ausführen wollte. Schlimm, was man sich morgens schon so für Gedanken über fremde Leute macht. Und dann hackt man die schlimmen Gedanken auch noch schamlos ins Internet, auf dass sie sich verbreiten wie der Geruch von frischen Kuhfladen. Schlimm, schlimm. Wer sich das nicht länger bieten lassen möchte, wer genug hat von übler Nachrede, kuhfladigen Shitstorms und sonstigem digitalen Proleten-Voodoo, der tröste sich mit einer Folge von Jimmy Kimmels Celebrities Read Mean Tweets. Nicht mehr ganz frisch, aber immer wieder erfrischend. Schauen Sie sich bitte alle Folgen an, es lohnt sich. Ich habe hier die Nr. 5 ausgewählt, weil das Ende so schön ist. 

Ich mach euch leicht.

Letzte Nacht habe ich geträumt, der Euro wäre kollabiert. Endlich. Die Mahner hatten recht behalten. Auf die Dauer konnte das ja auch nicht gut gehen, seien wir doch mal ehrlich! In meinem Traum kollabierte der Euro natürlich nicht langsam und bedächtig, sondern absurd und slapstick-artig, schließlich führt im Schlaf das Unterbewusstsein die Regie. Ich kam nach Hause in eine übergroße Wohnung, die, je mehr ich sie durchwanderte, immer größer zu werden schien. Offenbar hatte ich  auch Mitbewohner in großer Zahl, von denen mir die meisten vollkommen unbekannt waren. Alle rannten hektisch und konspirativ tuschelnd durch die sich noch immer ständig vermehrenden Räume. Versuchte ich jemanden anzusprechen, erntete ich nur schmerzverzerrte Blicke und Kopfschütteln. Vielleicht kann ich ja die Stimmung damit auflockern, dass ich ihnen von den 17,30-Euro-Scheinen erzähle, die ich gerade erst vom Geldautomaten ausgezahlt bekam. Das wird ein Spaß, so dachte ich. Ich schaute in meine Umhängetasche und bemerkte erst jetzt, dass diese Scheine DIN A3-groß waren, gedruckt in einem psychedelischen Farbensprektrum, welches mir die Sinne vernebelte. Sogleich setzte die Benny-Hill-Titelmelodie ein und alle rannten in einen zentralen Versammlungsraum. Ich rannte hinterher. Dort starrten wir nun alle auf einen riesigen Flachbildschirm, auf dem jemand im Sekundentakt die Fernsehsender durchzappte: ARD, ZDF, N-TV, RTL, VOX, CNN, BBC, Al JAZEERA. Überall war das selbe Bild zu sehen: Ursula Karven, die neue deutsche Bundeskanzlerin, Bundespräsidentin und EU-Ratsvorsitzende in Personalunion. Tiefenentspannt schaute sie in die Kamera und wiederholte immer nur ein und denselben Satz: „Ich mach dich leicht! Ich mach dich leicht!“ Gleichzeitig wurde ein ein kleines Verkaufsfenster eingeblendet: grüne Smoothies, für 17,30 Euro das Stück. Ich wachte fiebrig auf und rannte zur Toilette.

TEILEN! TEILEN! TEILEN! (Bildchen-Voodoo)

Es folgt nun meine späte und wahrscheinlich vollständig überflüssige Portion Spott zum Phänomen der Zitat-Bildchen (Ich mag das Wort „Meme“ nicht, daher sage ich Zitat-Bildchen, Ätsch!) auf Facebook, Instagram und wo das Zeug sonst noch so verbreitet wird. Kaum etwas macht dort schneller die Runde als diese in Kästchenform gegossenen Kalendersprüche, Zitate, Witzchen und Pseudo-Weisheiten. Warum sich die Finger wund tippen, um eigene Gedanken zu formulieren? Sag’s mit Bildchen! Besser gesagt: teile anderer Leute Bildchen! Das geht schnell, ist effektiv und zielt auf die mikrobisch kurze Aufmerksamkeits-Spanne der Social-Media-Junkies. Am besten etwas aus dem unerschöpflichen Ratgeber-Fundus des Dalai Lama, auf jeden Fall eine fernöstliche Weisheit a‘ la „Sei wie eine Taube: Scheiß auf alles!“ Oder was mit Hundebabies. Aber nicht nur für aufmunternde Aphorismen eignen sich die Zitat-Bildchen. Auch Protest und Empörung lassen sich schneller unters Volk bringen, wenn sie typografisch aufgebrezelt und im JPG-Format abgeschickt werden. Das schönste Beispiel dafür waren Ende des vergangenen Jahres wieder einmal die „Hiermit widerspreche ich den neuen Facebook-Nutzungsbedingungen“-Bildchen, von deren Wirksamkeit offenbar nicht wenige manische Bildchen-Teiler überzeugt waren, die aber in etwa so hilfreich waren, wie ein Voodoo-Tanz, mit dem man seinem Steuerbescheid widersprechen will. Ja, das Internet macht die Leute bescheuert, jetzt ist es raus. Und damit das auch so bleibt, werfe ich einfach mal ein paar eigene Zitat-Bildchen in den Ring. Also bitte: TEILEN! TEILEN! TEILEN!

Abgeführt (Alternativen für Schauspieler)

Die Schauspielerin Karin Düwel begann ihre Karriere Ende der 70er Jahre mit einem viel beachteten DEFA-Drama und beendete sie drei Jahrzehnte später mit einem viel beachteten Werbespot für ein Abführmittel. Ein weiteres Mal bestätigt sich: die Schauspielerei ist ein Scheiß-Beruf. Wobei die Arbeit in der Werbung nicht automatisch das Ende einer Karriere bedeutet, für die meisten Schauspieler ist sie eher ein willkommenes Zubrot zwischen anderen Engagements. Auch Iris Berben und Veronica Ferres halten gerne mal ein Shampoo oder ein Hustenmittel in die Kamera, nachdem sie als Cosima Wagner oder „Die Frau vom Checkpoint Charlie“ die TV-Quoten in die Höhe getrieben haben. Es ist allerdings ein Unterschied, ob ich ein Produkt unter eigenem Namen, also als hoch bezahltes Testimonial, bewerbe oder mich als austauschbaren Kleiderständer besetzen lasse, um die nächste Miete zu zahlen.

Die Schauspieler aus den Wahlwerbespots der „Alternative für Deutschland“ zahlen wahrscheinlich auch Miete. Zumindest machen sie das, was alle Schauspieler tun, sie verkaufen ihr Gesicht. Was sie von ihren Kollegen mit den bekannteren Gesichtern unterscheidet: sie haben keinen Ruf zu verlieren. Das heißt, sie können nicht nur nicht wählerisch sein, sie müssen es offenbar auch nicht. Die Parodie auf die AfD-Spots, die Extra3 nun mir den selben Schauspielern nachstellte, ist zwar eine amüsante Idee, sie bestätigt letztlich aber auch nur das, was im unteren Drittel dieses Gewerbes nun mal üblich ist: für Geld lesen wir jeden Text vor, und dessen Parodie gleich mit. Was ist das erste, was ein Schauspieler lernt? The Show must go on! Der „falsche Arzt mit Migrations-Hintergrund“ hat in der Extra3-Variante übrigens wesentlich weniger Haare als im Original-Spot. Entweder hat ihm die Partei ein Toupet spendiert oder ihm sind nachträglich vor Scham die Haare ausgefallen. Karin Düwel hat nicht mehr so lange gewartet, bis nach dem Abführmittel die AfD bei ihr anklopft. Sie hat ihren Beruf an den Nagel gehängt. Irgendwann ist die Show eben doch vorbei.