Höhere Wesen befahlen: Internet vollschreiben!

Einem inneren Zwang gehorchend, starre ich eine Frau in der S-Bahn an. Ich kann nicht anders. Normalerweise gucke ich als moralisch abgewrackter Großstädter natürlich durch die Menschen hindurch. Aber normal gibt es heute nicht. Da ist sie also, direkt vor mir, Mitte 40 schätze ich. Schau sie dir ganz genau an, sage ich zu mir, da sitzt dein Pulitzer-Preis, präge dir jedes Detail gut ein! Sie bearbeitet ihr Smartphone mit spitzen Fingern und lächelt dabei irre. Ihr äußere Erscheinung ist in jeder Hinsicht ästhetisch prekär. Die Haare strahlen in einem 99 Cent-Aua-Blond, für das sie selbst auf dem bulgarischen Drogenstrich gesteinigt werden würde. Die Gesichtshaut ist überbräunt und zugrunde geraucht, darüber ein brutales schwarzes Augen-Make-Up, das mir sagen möchte: Ich bin eine ganz harte Schwester, habe aber auch eine gefühlvolle Seite, außerdem hatte ich heute morgen nur fünf Minuten Zeit, und wer bist du alte Schwuchtel eigentlich, dich über mein Make-Up lustig zu machen!!?? Tätowierungen, natürlich, überall. Und jede Menge Silber-Bling. Ihre Kleidung ist so schrecklich wie praktisch: ein enger Kapuzen-Pullover, robuste grüne Bergsteigerhosen, an den Füßen ein paar quietschbunte Badelatschen von Ed Hardy. Diese Latschen sind eigentlich das auffälligste an ihr. Sie trägt keinen Mantel oder eine auch nur annähernd dem Wetter entsprechende Überbekleidung. Dafür hat sie zwei riesige Plastiktüten dabei, die mit chemischen Reinigungsprodukten aller Art gefüllt sind. Nein, eine Obdachlose ist sie nicht. Ich tippe auf eine tendenziell rechtsradikale Schrebergärtnerin mit Putz-Zwang. Oder eine Überlebende der letzten großen Love Parade, die gerade erst aus dem Koma erwacht ist und kurz danach eine Rossmann-Filiale überfallen hat. Warum sie bei minus zehn Grad Außentemperatur in dieser Aufmachung durch die Stadt läuft? Die Antwort liefert sie sogleich selbst, als ihr beide Plastiktüten umfallen und der Inhalt quer durch die Bahn kullert. „Chaos heute!“ ruft sie fröhlich. Am Potsdamer Platz steigt sie aus. Es ist Berlinale. Vielleicht war das gerade einfach nur Maggie Gyllenhaal. Oder Claudia Roth. So. Wo ist jetzt mein Pulitzer?

Yolocaust

„Yolocaust“ ist ein Projekt des israelischen Satirikers und Autors Shahak Shapira, das unsere Erinnerungskultur durch das Kombinieren von Selfies am Holocaust-Mahnmal in Berlin mit Bildmaterial aus Vernichtungslagern hinterfragt. Die Selfies wurden auf Facebook, Instagram, Tinder und Grindr gefunden. Kommentare, Hashtags und „Likes“ aus den Selfies wurden ebenfalls übernommen.

Da müssen Sie jetzt durch.

Nachtrag: Shahak Shapira hat sein Projekt vorerst eingestellt und die kontroversen Fotomontagen von seiner Seite gelöscht. Aus diesem Grund habe ich auch die Abbildung aus diesem Beitrag entfernt. Was bleibt, ist eine Erklärung zu dem Projekt sowie einige sehr interessante Wortmeldungen, nachzulesen auf yolocaust.de.

Karma, Karma, Karma, Karma, Karma Chameleon (you come and go)

„Ich will es so sagen: Wenn man die großen Feinde schlägt, dann rennen die anderen alle vor Angst weg. Die scheißen sich in die Hosen, die kleinen Leute, die kleinen Feinde. Das müsst ihr euch mal merken im Leben. Man muss doch dahin schlagen, wo das richtig sitzt und die entscheidende Frage damit gelöst wird!“

(aus „Erich Mielke – ein deutscher Jäger“)

Andrej Holm ist genau einen Tag älter als ich. Danke, Wikipedia, für diese Erkenntnis. Kenne ich Herrn Holm deshalb? Nein. Aber ich habe Menschen wie ihn damals erlebt. Wer sich zu jener Zeit, noch in den letzten Zuckungen der DDR, als halbwegs wacher junger Mann bewusst für eine Karriere bei der Staatssicherheit entschied – für eine Karriere als Spitzel, Denunziant, Menschenvernichter und Arschloch erster Güte also, treu dienend unter einem ebenso großen Arschloch von Chef, der keine Skrupel hatte, noch im Oktober 1989 die eigene Bevölkerung zusammenschlagen und einbunkern zu lassen, sofern sie sich nicht umstandslos zu den Segnungen des Sozialismus bekennen wollte – ja, der wusste genau, was er tat und was von ihm erwartet wurde. Wenn diesem Mann dann knapp dreißig Jahre später einer der wichtigsten Posten in einem desolat hochgemästeten Senat verweigert wird, dann ist das keine Hexenjagd, sondern einfach nur Karma. Bitch.

When the saints go marching in

Wer sich mit der S-Bahnlinie 5 auf der Ost-West-Achse durch Berlin bewegt, hört dieses schöne Lied mehrmals am Tag. Seit Jahren gehört es zum festen Repertoire der dreiköpfigen rumänischen Unterhaltungstruppe, die hier die Reisenden beglückt. Früher hatten sie ab und zu noch La Bamba eingestreut, inzwischen aber gibt es nur noch When the saints go marching in … frisch aus dem klapprigen Verstärker, untermalt von altersschwachen Flohmarkt-Trompeten und lautstarkem „Gesang“. Keine dreißig Sekunden dauert die Vorstellung, dann geht der Pappbecher herum und die drei Heiligen hüpfen bereits in den nächsten Wagon.

allsaints

Was Sie hier sehen, meine sehr verehrten Leser, ist das Foto des Jahres. Zumindest für mich. Tatsächlich finde ich dieses Bild wunderschön. Es sieht aus wie eine Kunst-Installation, perfekt komponiert und ausgeleuchtet. Schließlich war es auch ein Ausstellungsraum, in dem der russische Botschafter in Istanbul erschossen wurde. Sehen Sie die putzigen Bilder mit den russischen Basiliken im Hintergrund? Darunter liegt die Brille des Botschafters. Ein Attentat vor laufender Kamera – für so etwas würden CNN-Reporter ihre eigene Großmutter hinrichten. Ein Attentäter, der sie direkt ansieht, mit der Kanone fuchtelt und ihnen seine Botschaft neben der noch warmen Leiche in High Definition entgegenbrüllt. Bingo! Stattdessen müssen sie meist mit wackeligen Handy-Bildern vorlieb nehmen. Die gab es in diesem Jahr wieder reichlich und in Dauerschleife. Der allmächtige Herrgott segne die Firmen Apple, Samsung und Nokia! Oder um es mit den Worten des jungen Mannes auf dem Foto zu sagen: „Allahu Akbar!“ Oh when the saints go marching in … Wackeln heißt live, wackeln heißt Action! Die restliche Sendezeit (maximal zwei Tage pro Anschlag) wird mit dem Mikrophon vor einem ehemaligen und nichtssagenden Tatort herumgestanden. Was ihnen bleibt in dieser schweren Zeit, ist die Hoffnung, dass es möglichst bald wieder irgendwo anders knallt, und dass dann wieder jemand rechtzeitig mit dem Smartphone wackelt. Tapetenwechsel für müdegeplapperte Journalisten.

Sie sind hieeer!

„Wenn der Wind sich dreht …“, so sang einst die rothaarige Milva in einem ihrer pathetischen Schlager, den ich gerade in meinem Kopf zu „Wenn der Schleim sich löst“ umgedichtet habe. Überall wird derzeit gehustet, geröchelt und abgeschleimt – nein, nicht im übertragenen Sinne, sondern ganz konkret. Sie möchten nicht wissen, was heute morgen nach einem kurzen, aber heftigen Hustenanfall in meinem Taschentuch gelandet ist. Aber es geht mir bereits besser, danke der Nachfrage. Und sollten Sie nicht nachgefragt haben, so soll der Teufel Sie beim Scheißen holen! Es geht mir also gut, ich habe es überstanden. Es war ja auch nur ein kleiner grippaler Infekt und nicht die Cholera. In diesem Moment setzt ein Tusch ein, ich kann ihn ganz deutlich hören. Ta-dah! „Die Überleitung des Jahres!“ jubelt die Literaturkritik und bewirft mich mit Preisen, dass ich blaue Flecken davon bekomme. Denn, Achtung, der eigentlich Anlass dieses Textes ist der folgende:

Im nördlichen Friedrichshain, in einem Teil meines alten Kindheits-Kiezes, wurde in dieser Woche ein Massengrab ausgehoben. Nur ein paar hundert Meter von der Wohnung meiner Eltern entfernt, dort, wo wir manchmal Sportunterricht hatten, haben sie nun 4.000 Skelette ausgebuddelt. Es sind offenbar die anonymen Opfer einer Cholera-Epidemie, die Mitte des 19. Jahrhunderts in Berlin ausbrach. Grund für die Buddelei ist natürlich der anhaltende Bauboom. Wir erinnern uns an Spielbergs „Poltergeist“: wurde dort nicht auch eine Eigenheimsiedlung auf einem ehemaligen Friedhof errichtet? Die Familie der kleinen Carol Anne wurde daraufhin heftigst und mit vielen Spezialeffekten bespukt, fliegende Möbel und aggressives Spielzeug inklusive, bis schließlich eine zwergenhafte Exorzistin (die ein wenig aussah wie meine alte Schuldirektorin) ausrief „Dieses Haus ist gereinigt!“ Was natürlich nicht stimmte. Nichts war gereinigt. Dennoch meine Frage: Suchen Sie gerade nach einer beruflichen Neuorientierung? Spielen Sie vielleicht mit dem Gedanken, sich selbständig zu machen? Dann eröffnen Sie doch eine Agentur für Geisteraustreibung und Hexenkunst im Friedrichshain! Die jungen Familien, die demnächst über den ehemaligen Seuchengräbern einziehen, werden Ihre Hilfe sicher brauchen. Spätestens wenn sich mitten in der Nacht das IKEA-Mobiliar selbständig macht, während der kleine Thorben-Jakob in sein iPhone starrt und wie irre „Sie sind hieeer!“ singt, wird Ihr Auftragsbuch voll sein. Man muss nur die richtige Idee zur richtigen Zeit haben. Das Geld liegt auf der Straße! Bzw. direkt darunter.

mv5bmtg2mja2nde0mf5bml5banbnxkftztcwmtmymduwna-_v1_sx640_sy720_Willkommen in der Nachbarschaft!

Alles dicht

Heute saß ich nach sehr langer Zeit wieder einmal in einem komplett zugesprühten S-Bahnwagen. Fenster dicht, Türen dicht, alles dicht. Der Zug als Burka. Frohsinn durchströmte mein Herz und Erinnerungen an die Bronx der frühen 80er wurden wach – bzw. an das, was ich davon damals aus dem Kino kannte, als „Beat Street“ die Hip-Hop-Kultur auch zu uns in die Karl-Marx-Allee schwappen ließ (wäre ich tatsächlich in der Bronx der frühen 80er aufgewachsen, läge mein Coolness-Faktor heute jenseits messbarer Maximalwerte). Nach dem Aussteigen konnte ich dann noch kurz einen Steppke beobachten, der sich von seinem Vater stolz vor der bunten Monster-Burka fotografieren ließ. Dann schlossen sich auch schon wieder die blickdichten Türen und der Wagen ratterte weiter. Graffiti in dieser Dimension und Konsequenz habe ich schon immer als große Kunst angesehen. Eine Kunst, die umso mehr an Wert gewinnt, je illegaler sie ausgeübt wird. Und wer wirklich konsequent ist, der besprüht keine Hinterhofwände, keine Trafos, Hauseingänge oder düstere Unterführungen. Nein, wer wirklich Eindruck hinterlassen will, der wählt sich einen nagelneuen jungfräulichen Wagen. So war es schon immer. Auf dass der Ruhm sich über jeden Bahnhof und jeden Instagram-Account verbreite! Dass so etwas heute überhaupt noch auffällt, beweist die nicht todzukriegende anarchische Kraft der Sprühkunst alter Schule, die bisher jede kommerzielle Vereinnahmung und auch die zwischenzeitliche Konkurrenz durch Banksy & Co. überlebt hat. Das kleinteilige und hässliche Getagge ist dagegen mittlerweile fast vollständig aus den öffentlichen Verkehrsmitteln verschwunden. Jugendlicher Vandalismus findet heute vorzugsweise digital statt – es sei denn, es wird gerade irgendwo Fußball gespielt. Übrig geblieben sind die Manischen, die Künstler mit verpixelten und vermummten Gesichtern, die den Zug noch immer als ihre einzig wahre Leinwand ansehen. So wie die Sprayer aus der Bronx damals. Fenster dicht, Türen dicht, alles dicht. Meinen Respekt an die Bande, die den Wagen zu verantworten hatte, in dem ich heute saß. Möge er noch lange durch die Stadt rollen!

Die Nachgeburt

Bitte gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen! Also wirklich, bitte verlassen Sie den Tatort, Sie behindern hier nur die Ermittlungsarbeit mit Ihrer dummen Gafferei! Oder wollen Sie wirklich live und in Echtzeit dabei zuschauen, wie ich erfolglos versuche, die neueste Veröffentlichung von Alexa Hennig von Lange zu ignorieren? Na gut. Sollten Sie sich noch an die Zeit kurz vor dem Millennium erinnern können, dann lässt der Name Alexa Dingens von Bummens vielleicht noch die ein oder andere Glocke in Ihrem Gedächtnis läuten. Das war jene sommersprossige junge Dame, die mit ihren crazy Jugendbüchern durch die Medien gereicht wurde, zeitgleich mit Benjamin von Stuckrad-Barre. Ohne ein „von“ hat es die Popliteratur damals nicht gemacht. Die Rolle des tragischen Berliner Partymädchens habe ich ihr damals schon nicht abgekauft, sondern eher als mediokre Travestie empfunden. Aber so lief das in den 90ern: man kam irgendwo aus der westfälischen Provinz zum Studieren oder Arbeiten in die Techno-Hauptstadt, zog dreimal eine Nase Koks in irgendeinem Kellerclub in Mitte, drehte mal richtig frei auf dem Kopfsteinpflaster, und schon war man der Nabel der Welt – es winkten Buchverträge und Auftritte bei Harald Schmidt. Dann kam Charlotte Roche und es wurde alles noch viel schlimmer (merke: schlimmer geht immer!)

Fast 20 Jahre später haben sich die Themen der einst flippigen Autorin naturgemäß etwas verändert. Es treten auf: fünf Kinder, ein Ehemann und ein Apfelgarten in der Uckermark. Oder irgendwo da in der Nähe. Auf jeden Fall in Brandenburg, in der „Region“. Dort nisten sich schon seit Jahren die gestressten Vertreter der Berliner Kulturszene ein, kaufen alte Scheunen auf, züchten Hühner und veröffentlichen Bücher über Landflucht, übers Kuchenbacken und die eigene Familiengründung. Frau Dingens von Bummens kommt mit ihrem Beitrag zu dem Thema zwar ein wenig spät um die Ecke, aber sie war halt auch sehr beschäftigt. Mit den Kindern und so. Seltsamerweise bewirbt der Verlag nun ihr neues Buch u.a. mit der steilen Behauptung „Kinder gelten heute als Anschlag auf die gute Laune, als Sargnagel im Lebensplan.“ Seit wann das denn? Ich zumindest nehme genau das Gegenteil davon wahr. Nie wurde ein größeres Bohei um den Nachwuchs gemacht als aktuell. Kinder sind heute wieder die absolute Nummer Eins bürgerlicher Heilsversprechen. Überall türmen sich Mami-Blogs, Hashtags und ein Gebirge an Ratgeber-Literatur und Magazinen für die sendungsbewusste Vollwert-Patchwork-Familie aus der IKEA-Reklame. Und auch bei Familie Hennig von Lange muss alles raus: Die Sorgen. Die Nöte. Die Windeln. Die Spaghetti. Das Smartphone. Der Geschirrspüler. Und die Babysitterin. Ach je … Willkommen in der Villa Kunterbunt! Familien sind das neue Koks. Googeln Sie mal „nido“. Es fehlt nur noch das Mutterkreuz aus glutenfreiem Kruppstahl.

Zugegeben: ich bin auch ein klein wenig neidisch auf Menschen, die es schaffen, jeden Aspekt ihrer öden Biografie so unbekümmert und produktiv zu vermarkten. Insofern ist mir Alexa Dummdidumm von Hopsassa ein heimliches Vorbild. Ja, irgendwann werden sie dann wohl auch erscheinen – meine eigenen literarischen Ergüsse! Mindestens fünf Romane habe ich schon in der Schublade. Notizen über ein schillerndes Leben zwischen Diktatur, Alkohol, Sperma und UFO-Sichtungen. Mit heißer Hand getippt und garantiert ohne Ratschläge zur Kindererziehung. Vielleicht werden sie aber auch erst nach meinem Ableben veröffentlicht. So eilig habe ich es eigentlich nicht. Als treuer Jünger Friedrich Nietzsches vermute ich, dass auch mein Werk wohl eher für die Nachgeborenen bestimmt sein wird. Jetzt gehen Sie bitte weiter, hier gibt es nichts zu sehen!