Dufte! (Tabula Rasa in der Echokammer)

Gerade war er noch der Aufreger der Saison, schon ist er aussortiert, wegen mangelnder Nachfrage. Was soll man auch mit einem Preis anfangen, den niemand mehr haben will? „Die Marke Echo sei infolge der jüngsten Preisverleihung so stark beschädigt worden, dass „ein vollständiger Neuanfang notwendig sei, findet der BVMI“. Mit anderen Worten: der ganze Quatsch wird demnächst unter neuem Namen wiederauferstehen. Im Marketing nennt man so etwas Rebranding. Danach wird sicher alles besser, sauberer und transparenter werden. Die Liste der Nominierten wird jedes Jahr vom Ethikrat abgesegnet und auf dem Roten Teppich herrscht Kippa-Zwang. Alles wird gut, liebe Musikindustrie! Nehmen Sie sich ein Beispiel am deutschen Filmpreis: seit dem der vom „Bundesfilmpreis“ zur „Lola“ aufgewertet wurde, geht dort politisch korrekt die Post ab und die Oscars können einpacken. Ebenfalls skandalfrei, aber praktisch unbemerkt, verlief in dieser Woche die Verleihung der Duftstars 2018 – vielleicht auch, weil sich die Preisträger danach rechtzeitig genug verduftet haben. Gibt es einen Preis für die Pressemeldung der Woche? Mein Favorit wäre „Schlägerei nach Oralverkehr in der S-Bahn“, dicht gefolgt von den Nachrichten aus Korea und der Meldung, dass die Kanzlerin in Washington zu ihrem Cheeseburger einen Pinot Grigio bestellte. Es ist doch ein seltsamer Planet, auf dem wir leben.

Gangster des Jahres

„Bei einer Geldautomaten-Sprengung in Düren sollen die Täter aber auch einen Rest von Rücksicht gezeigt haben. Die Männer wollten dort den Automaten im Vorraum einer Bank per Fernzündung sprengen. Alles war vorbereitet. An dem Tag schlief in dem Raum aber ein Obdachloser. Die Täter sollen ihn geweckt und ihm nahegelegt haben, er solle besser gehen. Als der Mann sich weigerte, trugen sie ihn gemeinsam nach draußen – und sprengten erst dann den Geldautomaten.“
(Quelle: FAZ, 26.08.2017)


Gangster ist nicht gleich Gangster, so viel sollte klar sein. Motivation und Methodik unterscheiden den vornehm gesinnten Kriminellen vom verkommenen Subjekt. Mit anderen Worten: Egon Olsen ist nicht gleich Jeffrey Dahmer. Na, Sie wissen schon, was ich meine. Auf dem moralisch untersten Treppchen des illegalen Schaffens – darauf können sich wohl die meisten von uns einigen – stehen Menschen, die z.B. aus reinem Sadismus heraus Obdachlose anzünden. Auf dem allerobersten Treppchen aber stehen jene, die einen Obdachlosen erst einmal galant in Sicherheit tragen, bevor sie zur eigentlichen Tat schreiten. Und das, liebe FAZ-Redaktion, ist wohl mehr als nur ein „Rest von Rücksicht“, das grenzt schon an ehrenamtliches Engagement! Sollte sich bei den Ermittlungen auch noch herausstellen, dass bei der Sprengung fair gehandeltes Dynamit aus nachhaltigem Anbau zum Einsatz kam, sollte sich die Stadt Düren nicht scheuen, den edlen Räubern einen angemessenen Preis zu überreichen. Die Jugend braucht neue Vorbilder!

Der König der Welt (Jetzt is‘ aber auch mal gut, Frau Winslet!)

Durch die sinkende Titanic hatte er sich geschunden, durch Baz Luhrmanns grelle Pop-Spektakel sowie durch das gesamte Alterswerk von Martin Scorsese, durch Blut und Schnee, über rote Teppiche, entlang tausender gebleichter Gebisse und dämlicher Fragen – und das alles nur, um schließlich und endlich jene Bestätigung zu erhalten, die ihm selbst das jahrelange Schaulaufen mit einem Dutzend Supermodels nie verschaffen konnte. Hätte Leonardo DiCaprio am vergangenen Sonntag nicht endlich seinen gottverdammten Oscar gewonnen, wäre wohlmöglich die Hölle zugefroren. Was wiederum sein Engagement gegen die Erderwärmung in Frage gestellt hätte. Apropos: noch schneller als die Polkappen schmelzen die Gesichtszüge von Kate Winslet. Während DiCaprios Dankesrede schwenkte die Kamera kurz zu ihrem bebenden Antlitz im Publikum. Er mag ja der König der Welt sein, sie aber ist die Königin der routinierten Ergriffenheit. Seit Jahren sammelt sie Filmpreise wie andere Leute Rabattmarken, und jedes Mal variiert sie die gleiche emotionale Erschütterung nur um Nuancen. Ob bei ihrem eigenen Oscar-Gewinn, den Critics Choice-, Peoples Choice- der Whoever’s-Choice Awards, den Golden Globes oder dem Ehrenpreis der Stadt Wuppertal – egal: sobald der Umschlag geöffnet und ihr Name aufgerufen wird, triff Kate Winslet sogleich der Schlag. Die Augen weiten sich, der Mund öffnet sich zum stummen Schrei: Oh my god, oh my god, oh my god! Sie kann es nicht fassen. Damit hat sie nicht gerechnet, nein im Leben nicht! So ein schöner Preis schon wieder!