Das wiehernde Vakuum

Jokolade! Jokolade! Jokolade! So blökten die Plakatwände an den Bushaltestellen der Stadt. Seit Wochen hatte ich sie ignoriert, keine Ahnung, was das sein sollte: Jokolade! Jokolade! Jokolade! Vielleicht haben sie einfach nur die Yogurette umbenannt, dachte ich. Diesen überzuckerten Trash aus den 80ern, der in etwa so viel Yoghurt enthält wie eine Tunfischpizza, kauft doch wahrscheinlich niemand mehr. Aber die würde dann wohl eher Yokolade heißen, oder Yolorette – jetzt neu, veganisiert, entzuckert und zum doppelten Preis! Irgendwann wurde das Geblöke dann mit einem jungen Mann in einer Pelzjacke illustriert, offenbar das Gesicht der Kampagne. Ich habe dann aber wirklich noch eine ganze Weile gebraucht, bis ich den mit dieser dauerwiehernden Hackfresse in Verbindung bringen konnte, die seit Jahren ProSieben unsicher macht – ich bin ganz eindeutig nicht die Zielgruppe. Tatsächlich habe noch nie eine Sendung gesehen, die Jokoladen-Joko Winterscheidt moderiert hat. Trotzdem ist mir sein Gesicht bekannt, ein sicheres Zeichen dafür, wie penetrant dieser Mensch ist. Dieses Gesicht war und ist immer am Wiehern, hahaha, huhuhu, gacker-gacker, wieher-wieher. Warum der so viel wiehert, weiß ich nicht, aber ich werde einen Teufel tun, das herauszufinden. Joko ist nun also ins Fair-Trade-Schokoladen-Business eingestiegen – keine wirklich neue Idee, aber here we go again: mit einem prominenten Gesicht und dem lahmsten Wortspiel der Werbegeschichte. Denn in Afrika werden Kinder für billige Schokolade ausgebeutet, das hat Joko in einer seiner Wieher-Pausen herausgefunden. Und so reiht auch er sich ein die endlose Schlange der Unterhaltungs-Millionäre, die Gutes tun und gerne darüber berichten. Als erfahrener Millennial-Bespaßer füllt er damit quasi das Vakuum zwischen Iris Berben, Til Schweiger und der Generation Fridays for Instagram. Bis demnächst irgendeine 15-Jährige Lara-Lena mit nachhaltig gedrechselten Lippenstiften die Kindersoldaten in Ruanda befreit, muss das reichen.

Für das Beste im Mann?

Liebe männliche Leser, fühlen Sie sich von dem folgenden Werbespot feminisiert, nachhaltig entmannt, vielleicht sogar kastriert? Oder einfach nur genervt? Sprechen Sie bitte offen und frei über Ihre Gefühle.

Der Lärm, der gerade um diese neue Marketing-Kampagne von Gillette gemacht wird, ist natürlich maßlos übertrieben. Dass Hersteller sich an hippe soziale Wohlfühl-Trends hängen, um das Image ihrer Produkte aufzuwerten, ist ja nun kein neues Phänomen mehr. Erinnern wir uns zum Beispiel daran, wie das Model Kendall Jenner mit nur einer Pepsi-Dose sämtliche modernen Protestbewegungen befriedet hat. Jetzt ist eben gerade der Kampf gegen die „toxische Männlichkeit“ an der Reihe. Die Botschaft bestätigt dabei nur das, was sich die moderne heterosexuelle Frau von ihrem Partner so alles erwünscht: Stark soll er sein und sensibel zugleich, ja die wahre Männlichkeit soll sich eigentlich erst in seiner Verletzlichkeit zeigen. All zu weinerlich soll er aber bitte auch nicht sein. So ein wenig Durchsetzungskraft wäre schon gut, aber bitte nicht zu viel. Der Mann soll die Frau nicht einschränken, ihr im Zweifelsfall den Vortritt lassen. Rücksichtsvoll soll er sich präsentieren, verständnisvoll und gerecht. Ein wahrer Gentleman also, ein edler Ritter, der sich heldenhaft und schützend vor die Schwachen stellt, der seinen Kindern ein leuchtendes Vorbild ist, das Dach repariert, die Rechnungen bezahlt und die Welt jeden Tag ein ganz kleines, herzerwärmendes Stückchen weit zu einem besseren Ort für uns alle macht. Der beste aller möglichen Männer. Ein Mann wie aus dem Märchenbuch. Dass jetzt so viele empörte Männer aus der realen Welt gleich zum Boykott sämtlicher Gillette-Produkte aufrufen, zeigt, dass die Kampagne offenbar einen wunden Punkt getroffen hat. Das mit der Aufmerksamkeit hat also schon mal funktioniert – ob sich die nun auch günstig auf die Umsatzzahlen auswirkt, bleibt abzuwarten. Denn am Ende wollen sie schließlich auch nur ihre überteuerten Rasierklingen verkaufen. Um nichts anderes geht es.

Sommer der Liebe

Wenn die SED-Erben in Berlin ein Loveparade-Revival veranstalten, auf dem ein paar hunderttausend Feelgood-Aktivisten unter dem Motto #unteilbar die Welt in Gut und Böse aufteilen, dann sind wir angekommen im endlosen hirnverbrannten Sommer der Liebe 2018. Ich frage mich, ob die öffentliche Protestkultur in dieser Stadt schon immer so infantil und karnevalistisch war oder erst seitdem sie geschäftsmäßig vom rosa Einhorn-Senat organisiert wird. Und ich düse düse düse düse im Sauseschritt und bring die Liebe mit von meinem Himmelsritt …

P.S. An dieser Stelle auch noch ein herzliches Goodbye an den kürzlich verstorbenen Dieter Thomas Heck!

Punk’s not dead (Wippen gegen den Bürgerkrieg)

Wenn Gotham City brennt, kommt Batman angeflogen und sorgt für Ordnung. Wenn Chemnitz brennt, werden die Toten Hosen geschickt. Nachdem die Befriedung der Ostzone – erst mit Geld und Bananen, später mit strengen Ermahnungen, Hüpfburgen und Hashtags gegen #rechts – nicht so richtig funktionieren wollte, wurde mal wieder das letzte Aufgebot in den Kampf geschickt: staatlich geförderte Berufsjugendliche, die das alte Spiel von Guter Punk vs. Böser Nazi aufführen. Dass das schon in meiner Jugendzeit nicht funktioniert hat, hindert weder den SPIEGEL noch die Altbier-Haubitze Campino daran, es auch den nachwachsenden Generationen weiterhin als Patentrezept zu verkaufen. Dabei war das, wofür „Punk“ in den späten 70er Jahren mal ca. fünf Minuten lang stand, also die größtmögliche Provokation gegen das Establishment, schon kurz darauf an die Nazi-Skinheads abgegeben. In der DDR der 80er Jahre sah das dann so aus: die vergleichsweise harmlos wirkende Punk-Szene war von staatlicher Seite natürlich nicht gern gesehen, galt als asozial und wurde umfangreich von der Stasi überwacht – aber es wurde immerhin über sie gesprochen. Progressive FDJ-Kader verstiegen sich auch schon mal zu der Aussage, dass es doch darauf ankäme, „was in den Köpfen der jungen Menschen sei, nicht oben drauf“ (schon damals wurde Punk teilweise nur noch als Frisur assoziiert). Rechte Skinheads wurden dagegen einfach totgeschwiegen. Nazi sein im Sozialismus, das war tabu, und somit die tatsächlich größtmögliche Provokation. Einige Jahre später wunderte sich SPEX-Redakteur Diedrich Diederichsen in seinem Text „The Kids Are Not Alrightdann schon gesamtdeutsch über die Umdeutung ehemals links besetzter Pop-Codes, z.B. darüber, dass rechte Jugendliche mit Malcolm-X-Basecaps herumliefen. Und heute, wo all die hübschen, einst fortschrittlich und emanzipatorisch gemeinten linken Projekte als sozialdemokratische Staatsdoktrin von oben herab gepredigt werden, flankiert von einem immer infantileren Emo-Neusprech (Liebe vs. Hass bzw. Herz vs. Hetze), da finden Subversion, Auflehnung und echte Opposition zwangsläufig nur noch rechts statt.

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Aber zurück zur heiteren Betrachtung der Zustände. Dass die deutsche Wiedervereinigung nicht so harmonisch verlaufen ist wie erhofft, liegt nämlich gar nicht an der Unbelehrbarkeit der Sachsen, sondern an einem Haufen Berliner Fledermäuse. Die hatten sich bis vor kurzem im Gewölbe unter der geplanten Einheitswippe am Schloßplatz eingenistet und so den Baustart des Denkmals verhindert. Ohne Wippe keine Einheit, das ist ja wohl klar. Zwar hat sich das Ding längst zu einem dieser überteuerten planerischen Running Gags entwickelt (siehe BER, Staatsoper etc.), dennoch ist Kulturstaatsministerin Monika Grütters schwer optimistisch, dass die Wippe nun bald kommt. „Wenn wir es jetzt schnell hinbekommen, hätten wir das Denkmal zum 30. Jahrestag der Deutschen Einheit“. Dann endlich wird Frieden einkehren ins Land, dann kommen alle auf die Wippe, aus Ost und West, von links und rechts. Dann wird nicht mehr gehasst und gehetzt, sondern gewippt und gewuppt bis zum Ausgleich. Oder bis allen schlecht wird. Die Fledermäuse sind inzwischen übrigens umgesiedelt, die müssen sich das Elend dann nicht mehr anschauen.

Dufte! (Tabula Rasa in der Echokammer)

Gerade war er noch der Aufreger der Saison, schon ist er aussortiert, wegen mangelnder Nachfrage. Was soll man auch mit einem Preis anfangen, den niemand mehr haben will? „Die Marke Echo sei infolge der jüngsten Preisverleihung so stark beschädigt worden, dass „ein vollständiger Neuanfang notwendig sei, findet der BVMI“. Mit anderen Worten: der ganze Quatsch wird demnächst unter neuem Namen wiederauferstehen. Im Marketing nennt man so etwas Rebranding. Danach wird sicher alles besser, sauberer und transparenter werden. Die Liste der Nominierten wird jedes Jahr vom Ethikrat abgesegnet und auf dem Roten Teppich herrscht Kippa-Zwang. Alles wird gut, liebe Musikindustrie! Nehmen Sie sich ein Beispiel am deutschen Filmpreis: seit dem der vom „Bundesfilmpreis“ zur „Lola“ aufgewertet wurde, geht dort politisch korrekt die Post ab und die Oscars können einpacken. Ebenfalls skandalfrei, aber praktisch unbemerkt, verlief in dieser Woche die Verleihung der Duftstars 2018 – vielleicht auch, weil sich die Preisträger danach rechtzeitig genug verduftet haben. Gibt es einen Preis für die Pressemeldung der Woche? Mein Favorit wäre „Schlägerei nach Oralverkehr in der S-Bahn“, dicht gefolgt von den Nachrichten aus Korea und der Meldung, dass die Kanzlerin in Washington zu ihrem Cheeseburger einen Pinot Grigio bestellte. Es ist doch ein seltsamer Planet, auf dem wir leben.

Ein Krampf

Wie war das noch beim alten Weinstein? Je schneller die öffentliche Distanzierung, desto erfolgreicher verlief die Schadensbegrenzung. Was Hollywood sein #MeToo, ist der hiesigen Unterhaltungsbranche nun (nachdem die Akte Wedel ja nicht so richtig in Schwung kam) ihr #NichtMeinEcho. Und ja, ich glaube, ich habe gerade einen neuen Hashtag erfunden, Applaus! Wie gut sich die Verleihung dieses Musikpreises als Bühne für moralisches Schaulaufen eignet, konnte seinerzeit schon beim Eklat um die Gruppe Frei.Wild beobachtet werden. In diesem Jahr ging es also um ein paar erfolgreiche Proll-Rapper und ihre geschmacklose Reime. Wie schockierend oder antisemitisch man die findet, sei jedem selbst überlassen – verboten scheinen sie jedenfalls nicht zu sein, sonst würden sie sich in Deutschland wohl kaum so gut verkaufen. Dafür wird der Echo verliehen: für Verkaufszahlen, nicht für Intelligenz oder edle Gesinnung.

Ist der Parental Advisory-Sticker eigentlich noch im Einsatz? Ursprünglich als Warnung vor jugendgefährdenden Inhalten gedacht, erwies sich dieser schnell als verkaufsfördernde Maßnahme. Ähnlich wird das wohl auch bei der aktuellen Echo-Empörung funktionieren: Mit jedem Politiker, Pianisten oder Punk-Senioren, der sich jetzt öffentlich distanziert, klicken wieder ein paar Jugendliche mehr die Werke von Kollegah und seinen Kollegen an.

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Distanziert hat sich auch die Stadt Konstanz, und zwar von ihrem eigenen Theater. Dort wird an diesem Freitag, dem 20. April, Georges Taboris „Mein Kampf“ unter der Regie von Serdar Somuncu aufgeführt. Somuncu trägt gerne dick auf, das ist bekannt, diesmal vielleicht zu dick?

Verehrte Zuschauerinnen und Zuschauer,

Die Aufführung von Mein Kampf beginnt schon mit dem Kartenkauf. Sie können sich entscheiden: Mit dem regulären Erwerb einer Eintrittskarte in der Kategorie ihrer Wahl bieten wir Ihnen an, im Theatersaal einen Davidstern als Zeichen der Solidarität mit den Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zu tragen. Sie haben auch die Möglichkeit kostenlos ins Theater zu gehen: Für eine Freikarte erklären Sie sich bereit, im Theatersaal ein Hakenkreuz-Symbol zu tragen. Die Symbole erhalten Sie vor der Vorstellung am Einlass zum Zuschauerraum. Mit Verlassen des Zuschauerraums sind die Symbole abzugeben.

Die Bloggerin Jennifer Nathalie Pyka hat sich im Zusammenhang mit der Konstanzer Theaterpremiere einige interessante Gedanken zur deutschen Vergangenheitsbewältigung gemacht. Es ist der letzte Text, den ich lese, bevor ich das Büro verlasse. Ein sonniger Frühlingsabend. Ich laufe am Stelenfeld vorbei, in dem sich wie üblich Schulklassen aus aller Welt tummeln. Selfies werden gemacht. An der Ecke sehe ich ein gelbes Schild: „Hitler – wie konnte es geschehen?“, die Werbung für eine Ausstellung im Berlin Story Bunker. Ein Lautsprecher ist zu hören, eine Kundgebung. Am Brandenburger Tor schimpft jemand auf Israel. Alles wie immer.

Abgehängt

Die schönste Stellungnahme zu den Mighty Koalitionsverhandlungen kam in der vergangenen Woche von Julia Klöckner (CDU): „Wir haben uns auf die Beendigung des Kükenschredderns geeinigt“. Das werden die deutschen Küken sicher gerne hören. Weiterhin geschreddert werden darf aber im Bereich der Kunst, nun auch der bildenden. Auch hier gilt: wer öffentlich im Verdacht steht, etwas Unanständiges gesagt oder getan zu haben, wird physisch ab- und medial aufgehängt. So wurde James Franco inzwischen selbst zum „Disaster Artist“ (wenn Sie diesen Wink nicht verstehen, haben Sie in die letzten Monaten wahrscheinlich unter einem Stein gelebt, was nüchtern betrachtet gar keine so schlechte Entscheidung war). Abhängen, Entfernen, Zensieren, Herausschneiden und Notizzettel kleben – das sind die Instrumente der neuen Kulturrevolution. Und davon sind längst nicht mehr nur die Männer betroffen. Wie Ostberlins populärstes Revolverblatt bereits im letzten Herbst nach einer „Schock-Umfrage“ berichtete, fühlen sich 76 Prozent aller Berlinerinnen abgehängt. Die restlichen 24 Prozent fühlen sich mitgenommen.

Abgehaengt

Liebe Leserinnen und Leser, sollten Sie zufällig gerade in Seattle abhängen, besuchen Sie doch mal die Treason-Gallery. Die haben tatsächlich noch Werke von James Franco im Angebot. Der „Fette Hengst“ ist allerdings schon ausverkauft.

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„We project ourselves onto the world, humans see themselves in everything. The fat animals are us.“ (James Franco über seine „Fat Animals“-Serie)

Wir übergeben den Flammen die Werke von Kevin Spacey

Anders als ich an dieser Stelle locker-flockig prognostizierte, ist das Thema natürlich noch lange nicht durch. Es wäre wohl auch reichlich naiv, anzunehmen, Herr Weinstein wäre der einzige Schmuddelfink der Unterhaltungsindustrie gewesen. Und wenn es schon an der Spitze bröselt, sind die unteren Ebenen natürlich erst recht zum Abschuss freigegeben. Darf man sich als prominenter Schauspieler aus Gründen der allgemeinen Rufschädigung eigentlich auch selbst noch nachträglich aus einer Produktion herausschneiden lassen? Also zum Beispiel aus einem Film von Alfred Hitchcock, Roman Polanski oder Woody Allen? Wie ist das vertraglich geregelt?

Texte wie dieser fangen normalerweise mit einer moralischen Stellungnahme an. Wie also stehe ich nun dazu, dass sich Kevin Spacey Mitte der 80er Jahre mal besoffen auf einen 14-Jährigen Jungen gelegt haben soll? Oder dass sich Louis C.K. offenbar gerne vor seinen Kolleginnen einen runterholte? Verurteile ich das? Ich werde es Ihnen nicht verraten, denn genau das ist ein Teil des Problems im derzeitigen Empörungs-Karneval: dieser Drang zur Positionierung. Wo Spaceys frühere Arbeitgeber nur Schadensbegrenzung aufgrund befürchteter Umsatzeinbußen betreiben, tut eine großer Teil der dazugehörigen Branche weiterhin so, als ginge es hier ganz plötzlich um eine Null-Toleranz-Agenda im Sinne des Jugendschutzes und des Feminismus. Wie machen wir denn dann jetzt weiter, wo wir gerade beim großen Reinemachen sind? Vielleicht mit einer kleinen Bücherverbrennung? Ich denke da an die Werke von Paul Verlaine, der hatte bekanntermaßen ein sexuelles Verhältnis mit dem minderjährigen Arthur Rimbaud. Thomas Mann und Vladimir Nabokov, die alten Perverslinge, wären auch längst reif für den Scheiterhaufen – wehret den Anfängen! Und im Bereich der populären Musik sieht es dann richtig düster aus, am besten wir stampfen den gesamten Back-Katalog des letzten Jahrhunderts ein. Was für ein übler Haufen an Junkies und Päderasten!

„Vor 30, 40 Jahren hat man dem Künstler zugestanden, gewissermaßen ein halber Outlaw zu sein. Mittlerweile in unserer eben, wie ich sagen würde, hysterisch-bigott hypermoralisierten Gesellschaft, wo wir angeblich so viel toleranter sind und libertärer, erwarten wir von einem Künstler, dessen Antriebskraft natürlich auch das Abgründige sein muss, die Lust daran, über die Stränge massiv zu schlagen, – das sollen auf einmal alles brave Schwiegersöhne und Benimmlehrer sein? Das ist spießiger und furchtbarer als der Geist der 50er und 60er, wo der Bürger sagte, oh, oh, diese verkommenen Künstler, aber man ließ sie verkommene Künstler sein.“

(Thea Dorn im Interview mit dem Deutschlandfunk vom 10.11.2017)

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P.S. Kulturtipp des Tages: Halten Sie mal Auschau nach „Difficult People“, der großartigen Web-Comedy mit Billy Eichner, die seit mindestens drei Jahren Witze über Kevin Spaceys Privatleben reißt. You’re welcome!

La La Land ist abgebrannt

Über wen haben wir in dieser Woche viel zu wenig gelesen? Über Harvey Weinstein natürlich. Viel zu wenig über die schlüpfrigen Treffen in Hotelzimmern, über seinen offenen Bademantel, seine Zudringlichkeiten, seine Dauererektion und darüber, was das alles mit dem Filmgeschäft der letzten 20 Jahre gemacht hat. Da geht noch mehr, ganz sicher. Während viele A-Lister bereits ihre Oscars und Golden Globes wie Nazi-Memorabilia im Keller verstecken, melden sich noch immer neue Opfer zu Wort. Der Chor der Gedemütigten, Begrapschten und Empörten wird täglich größer. Wir wissen: in Zeiten von Social Media muss Schadensbegrenzung im Express-Tempo absolviert werden. Wer auch nur einen Tag zu lange mit einem Kommentar wartet, steht im Verdacht, die finsteren Umtriebe des Produzenten unterstützt zu haben und wird unweigerlich mit ihm im Strudel des PR-Desasters untergehen. Was denkt Heidi Klum? Warum schweigt Matt Damon? Hillary, what took you so long? Dabei kannten sie doch alle die Gerüchte und hatten sie so gut es ging ignoriert. Den Rest übernahm im Zweifelsfall Weinsteins Rechtsabteilung und die Kaffeekasse der Firma. Mitmachen, Klappe halten, Preise kassieren – ein gutes Geschäft für (fast) alle Seiten. So läuft das. Bis schließlich das Machtgefälle kippt und die Schweigegelder aufgebraucht sind. Irgendwann ist eben immer Schluß, Empires must fall. Und so befindet sich der dicke Harvey, das Monster und Arschloch der Stunde, nun im freien Fall. Und Hollywood ekelt sich vor sich selbst. Wir werden jetzt noch maximal eine Woche lang Kommentare, Statements, Abgrenzungen und Hashtag-Feminismus erleben. Danach wird das Gras gebeten, auch über diese Sache zu wachsen. So meine Prognose.

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