Fußnoten und Wurstsalat

Was ich bis jetzt in meiner eigenen kleinen Twitterblase schon gelernt habe: Es gibt ein unerschöpfliches Arsenal an flachen Witzchen und Wortspielen, die Herren Erdogan, Böhmermann und Kavanaugh sind nicht ganz unumstritten, Michael Avenatti schläft nie, Don Alphonso erzählt auch hier gerne dieselbe Geschichte in unendlich vielen Varianten („In Bayern ist die Welt noch in Ordnung und bitte schauen Sie sich jetzt mal dieses Foto von einem Fahrrad an!“) und Menschen, die sich über Rundfunkgebühren aufregen, twittern gleichzeitig über alles, was um 20.15 Uhr in der ARD läuft. Außerdem sah ich gerade die eindrucksvolle Nahaufnahme eines Wurstsalates. Aber auch das: drei humorvolle US-Akademiker haben – sozusagen aus Notwehr heraus – einen Haufen sozialwissenschaftlicher Nonsens-Aufsätze verfasst und diese an entsprechende Fachmagazine verschickt. Veröffentlich wurden davon unter anderem eine feministische Interpretation von Hitlers „Mein Kampf“ und etwas über Rape Culture unter Hunden beim Gassi gehen in Portland. Oder so ähnlich. Ach, lesen Sie es doch selbst! Ich denke nun darüber nach, am sozialwissenschaftlichen Institut der Humboldt-Uni ein Paper über intersektionale Pussy Positivy queerer Wurstsalatkultur einzureichen. Alternativ-Vorschläge werden gerne angenommen. When the going gets weird, the weird turn pro.

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Being Fred Armisen

In wohl jedem Familienstammbaum sind mehr oder weniger finstere Geheimnisse verborgen, zumindest gibt es ein paar weiße Flecken, also unbekannte Größen. Wenn man da nur lange genug wühlt, findet sich mitunter Erstaunliches. Wer hätte zum Beispiel nicht gern den unehelichen Nachkommen eines Königshauses in seiner Ahnenreihe, eine glamouröse transsexuelle Spionin oder wenigstens einen legendären Axtmörder? Ich bin in der Hinsicht nun etwas neidisch auf den Schauspieler Fred Armisen. Dessen Großvater war – das ist kein Witz – ein zu seiner Zeit berühmter japanischer Tänzer und Choreograf, der im Berlin der 30er Jahre vom Propaganda-Ministerium der Nazis angestellt wurde, gleichzeitig als Geheimagent für die Japaner arbeitete, in Wirklichkeit aber von einem Jahrtausende alten koreanischen Adelsgeschlecht abstammte. All dies durfte der zurecht erstaunte Fred Armisen (und ich nachträglich mit ihm) im Rahmen von „Finding your Roots“ erfahren. In dieser Sendereihe wurden schon viele prominente Familiengeheimnisse enthüllt (unter anderem, dass Carly Simon Wurzeln in Kuba hat oder Jimmy Kimmel entfernte Verwandte in Thüringen), mit der Geschichte von Fred Armisens Großvater konnte aber bisher niemand mithalten. Dabei ist Armisens eigener Lebenslauf auch schon recht drollig: er war bereits Punkmusiker, Mitglied der Blue Man Group, einer der schrägsten Darsteller bei Saturday Night Live und zwischenzeitlich mit einer Scientologin verheiratet. Er ist außerdem der Schöpfer von Portlandia sowie einer Talking-Heads-Parodie-Band und kann nach eigenen Angaben den Inhalt jedes beliebigen Buches allein anhand der Umschlaggestaltung treffsicher wiedergeben. Ich nehme stark an, dass er nebenbei mindestens auch noch undercover für den KGB arbeitet. Manchmal wäre ich wirklich gerne Fred Armisen.

Armisen

Foto: © billy-kidd.com

Junkfood

Dieses Jahr hatte ich mit ein paar ebenso edlen wie naiven Vorsätzen begonnen. Ich wollte endlich weniger Zeit online verschwenden, konkret: keine Nachrichten mehr lesen, keine Blogs, kein Social-Media-Gedöhns. Konsequentes digitales Detox, endlich Ruhe im Karton! Stattdessen wollte ich mich auf die Arbeit und mein Privatleben offline konzentrieren. Natürlich habe ich das Ganze dann nicht mal zwei Tage durchgehalten. Die Sucht war stärker als ich. Aber ich kämpfe weiter … Inzwischen habe ich es geschafft, wenigstens mein Facebook-Profil zu deaktivieren, also vorübergehend. Bei einer kurzen Stichprobe nach einigen Wochen habe ich dann festgestellt, dass ich dort tatsächlich nichts verpasst habe. Wirklich absolut gar nichts. Die selben Leute posten das selbe Zeug, genau wie letztes Jahr oder auch schon vor fünf Jahren. Ich wusste bereits vorher, wer von meinen Kontakten welches Thema wie kommentieren würde, wer sich #wirsindmehr aufs Profilbild geklebt haben würde, wer schon wieder neue Urlaubs- oder Hundebilder, Jogging- oder Flugzeugmeilen gepostet und wer mal wieder den Weltuntergang ausgerufen hatte. Und genau so war es dann auch. Wahrscheinlich ist das mein eigentliches Problem: die meisten Menschen sind so furchtbar langweilig und berechenbar. Aber ohne sie geht es selbstverständlich auch nicht. Statt konsequent auf kalten Entzug zu gehen, habe ich also einfach nur die Droge gewechselt und mische ab jetzt auch noch in diesem Irrenhaus Twitter mit, wo ich mit Geschnatter über Feminismus, Tomatensuppe, besessene Toaster und den Penis von Donald Trump verzweifelt um Follower bettele. Gott steh mir bei!

Stürmisch

„If we don’t do this today, we won’t have an economy tomorrow.“
(Ben Bernanke, damaliger US-Notenbankchef, während einer Krisensitzung am 18. September 2008)

Auf eines ist in der Hurrican-Saison immer Verlass: CNN-Außenreporter, die sich sturmgepeitscht an vorbeifliegenden Straßenschildern festhalten und mit letzter Kraft „Jetzt geht’s los! Jetzt geht’s los!“ in die Kameras schreien – so auch beim Monstersturm Florence, der gerade North Carolina überflutet. Währenddessen macht das politische Kasperle-Theater in Berlin kurzzeitig Pause. Hurricans oder Tsunamis sind hierzulande derzeit nicht sehr wahrscheinlich (es kann aber nicht schaden, den Wetterbericht entsprechend zu verfolgen, man kann ja nie wissen!), weshalb die deutsche Presse zumindest innenpolitische Stürmchen immer wieder dramatisch herbeischreiben muss. Angesichts solcher Lichtgestalten wie Martin Schulz („I’ll huff and I’ll puff and I’ll blow the AfD away!“ … frei nach den Drei kleinen Schweinchen) scheint das aber auch sehr verlockend. Quizfrage: Sind die Sozialdemokraten die Lehman Brothers der deutschen Politik? Die SPD hält sich ganz offensichtlich immer noch für too big to fail, wird aber schon bald ganz jämmerlich absaufen. Für die Rettung der Gebrüder Lehman war 2008 bekanntermaßen kein Steuergeld mehr übrig. Das Buch zur Stunde hieß damals „A Colossal Failure of Common Sense“ … ein freundlicher Lektüre-Tipp für Willy Brandts verpeilte Erben.

 

Near, far, wherever you are …


Was ich der deutschen Gesellschaft gerne empfehlen würde: mehr Humor, mehr Selbstironie, mehr Lockerheit, mehr Klarheit, mehr Grips, mehr Freiheit, mehr wahre Anarchie, mehr Niels Ruf. Was diese Gesellschaft dagegen täglich am Fließband produziert: mehr Angst, mehr Filterblasen, mehr Moral-Apostel, mehr Krawallschachteln, mehr Empörte, Betroffene, Opfer, Depressive, Verklemmte, mehr Richter, Priester, Inquisitoren, Nazijäger, Stasi-Informanten, mehr Gouvernanten, Mami-Blogger und vegane Kuchenbäcker, mehr Hooligans, Reichskanzler, Sozialisten, Betonköpfe, Bekloppte jeder denkbaren Gestalt und Gesinnung. Das Land dreht durch, die Rettungsboote werden knapp. Popcorn anyone?

Deutsche Demokratische Republik

Am Ende dieser Woche, sehr verehrte Mitbürgerinnen und Mitbürger, haben wir alle etwas gelernt – und zwar, wie Narrative durchgepeitscht werden, multimedial, leicht verständlich und für alle zum mitschreiben. Alles, was Sie dazu brauchen, ist ein dicker Schädel, ein Talent zum kreativen Wording sowie die feste, unerschütterliche Überzeugung, auf der richtigen Seite zu stehen. Mit diesen Fähigkeiten können Sie nicht verlieren, auf gar keinen Fall. Ob zu Tötungsdelikten, zum Wohnungsbau oder zu verfassungsrechtlichen Belangen – immer werden Sie mit spielerischer Sicherheit die korrekte Haltung einnehmen, werden Schuldige benennen und schmissige Buzzwörter anbieten können. Lassen Sie sich dabei aber nicht in unnötige staatsfeindliche „Debatten“ verwickeln. Und lassen Sie sich bitte auf gar keinen Fall einreden, Sie wären selbstgerecht, hätten das Demokratieverständnis eines FDJ-Funktionärs auf LSD oder gar eine narzisstische Persönlichkeitsstörung. Nein, bleiben Sie sich treu, aufrecht, das Ziel fest im Visier. Alles für die Sache! Sollten Sie dennoch unerwartet missverstanden, vom Klassenfeind übel verleumdet oder gar abgewählt werden, so können Sie immer noch ins chilenische Exil gehen. Venceremos!

Breaking News: Soeben wurde mir exklusiv ein Video zugespielt*, auf dem eindeutig der jugendliche Ralf Stegner zu erkennen ist, wie er im Kampf für Frieden und Demokratie die rechten Dämonen austreibt … And as long as he has teeth, he will bite you!

*Quelle: Antifaschistisches Aktionsbündnis „Mückenstich“

Punk’s not dead (Wippen gegen den Bürgerkrieg)

Wenn Gotham City brennt, kommt Batman angeflogen und sorgt für Ordnung. Wenn Chemnitz brennt, werden die Toten Hosen geschickt. Nachdem die Befriedung der Ostzone – erst mit Geld und Bananen, später mit strengen Ermahnungen, Hüpfburgen und Hashtags gegen #Rechts – nicht so richtig funktionieren wollte, wurde mal wieder das letzte Aufgebot in den Kampf geschickt: staatlich geförderte Berufsjugendliche, die das alte Spiel von Guter Punk vs. Böser Nazi aufführen. Dass das schon in meiner Jugendzeit nicht funktioniert hat, hindert weder den SPIEGEL noch die Altbier-Haubitze Campino daran, es auch den nachwachsenden Generationen weiterhin als Patentrezept zu verkaufen. Dabei war das, wofür „Punk“ in den späten 70er Jahren mal ca. fünf Minuten lang stand, also die größtmögliche Provokation gegen das Establishment, schon kurz darauf an die Nazi-Skinheads abgegeben. In der DDR der 80er Jahre sah das dann so aus: die vergleichsweise harmlos wirkende Punk-Szene war von staatlicher Seite natürlich nicht gern gesehen, galt als asozial und wurde umfangreich von der Stasi überwacht – aber es wurde immerhin über sie gesprochen. Progressive FDJ-Kader verstiegen sich auch schon mal zu der Aussage, dass es doch darauf ankäme, „was in den Köpfen der jungen Menschen sei, nicht oben drauf“ (schon damals wurde Punk teilweise nur noch als Frisur assoziiert). Rechte Skinheads wurden dagegen einfach totgeschwiegen. Nazi sein im Sozialismus, das war tabu, und somit die tatsächlich größtmögliche Provokation. Einige Jahre später wunderte sich SPEX-Redakteur Diedrich Diederichsen in seinem Text „The Kids Are Not Alrightdann schon gesamtdeutsch über die Umdeutung ehemals links besetzter Pop-Codes, z.B. darüber, dass rechte Jugendliche mit Malcolm-X-Basecaps herumliefen. Und heute, wo all die hübschen, einst fortschrittlich und emanzipatorisch gemeinten linken Projekte als sozialdemokratische Staatsdoktrin von oben herab gepredigt werden, flankiert von einem immer infantileren Emo-Neusprech (Liebe vs. Hass bzw. Herz vs. Hetze), da finden Subversion, Auflehnung und echte Opposition zwangsläufig nur noch rechts statt.

batman_sw

Aber zurück zur heiteren Betrachtung der Zustände. Dass die deutsche Wiedervereinigung nicht so harmonisch verlaufen ist wie erhofft, liegt nämlich gar nicht an der Unbelehrbarkeit der Sachsen, sondern an einem Haufen Berliner Fledermäuse. Die hatten sich bis vor kurzem im Gewölbe unter der geplanten Einheitswippe am Schloßplatz eingenistet und so den Baustart des Denkmals verhindert. Ohne Wippe keine Einheit, das ist ja wohl klar. Zwar hat sich das Ding längst zu einem dieser überteuerten planerischen Running Gags entwickelt (siehe BER, Staatsoper etc.), dennoch ist Kulturstaatsministerin Monika Grütters schwer optimistisch, dass die Wippe nun bald kommt. „Wenn wir es jetzt schnell hinbekommen, hätten wir das Denkmal zum 30. Jahrestag der Deutschen Einheit“. Dann endlich wird Frieden einkehren ins Land, dann kommen alle auf die Wippe, aus Ost und West, von links und rechts. Dann wird nicht mehr gehasst und gehetzt, sondern gewippt und gewuppt bis zum Ausgleich. Oder bis allen schlecht wird. Die Fledermäuse sind inzwischen übrigens umgesiedelt, die müssen sich das Elend dann nicht mehr anschauen.