“Tell them no. And to stop calling.”

Gute Geschichten sind der wertvollste Rohstoff unserer nimmersatten Unterhaltungsindustrie, ob original, adaptiert, geklaut oder sonst wie verwurstet. Wer die eigenen Geschichten beschützen will, der muss sich gut verstecken. Eine Kleinstadt in New Hampshire eignet sich dafür nur unzureichend, denn auch dort werden sie einen finden, bedrängen und mit ihren Geldkoffern wedeln. Natürlich hatte sich J. D. Salinger stets gegen eine Verfilmung von „Der Fänger im Roggen“ gewehrt. Und da er das auch noch aus dem Grab heraus tat, haben sie dann irgendwann, anstatt die Geschichte selbst zu verfilmen, die Entstehungsgeschichte der Geschichte verfilmt. Sie haben es jedenfalls versucht. Falls Sie noch nie etwas von diesem Film gehört haben, dann liegt das vielleicht auch an Kevin Spacey. Das kann man als höhere Ironie, Karma oder posthume Rache bezeichnen – Salinger, der große alte Bigfoot der Literaturgeschichte, hat immer noch die Nase vorn. Heute wäre er einhundert Jahre alt geworden.

salinger

Liebe Leser, zum neuen Jahr wünsche Ihnen … blablabla … das übliche halt. Es ist doch immer das selbe Gesabbel über schlimme Zeiten, gute Vorsätze, die Gesundheit und den Weltfrieden. Sie sind immer noch am Leben, das ist doch schon mal was. In spätestens 50 Jahren aber werden die meisten von Ihnen tot sein, so viel steht fest. Frohes Neues!

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Planet der Affen

Was am zweiten Weihnachtstag von mir übrig blieb: ein zerrüttetes Nervenkostüm und etwas Restalkohol im Kreise der Familie. Dazu gab es das Abendprogramm des RBB, von dem ich nun Zeugnis ablegen will, denn so soll man es machen mit den schrecklichen und traumatischen Ereignissen unserer Geschichte, damit sie sich nicht wiederholen mögen. Schließlich haben wir diese Erde nur von Keith Richards geborgt *Applaus* – und schon sind wir drin in der Welt des öffentlich-rechtlichen Frohsinns: „30 Jahre Harald und Eddi“. Die Gags des alten Komiker-Duos sind heute zu etwa gleichen Teilen immer noch lustig und immer noch grauenhaft. Neu für mich war, dass „Harald und Eddi“ eigentlich nur ein deutscher Aufguss der BBC-Serie „The Two Ronnies“ war. Da habe ich also etwas gelernt, immerhin. Ansonsten war die Sendung wie alle diese billig zusammen gehunzten Kommentar-Shows aufgebaut: wir sehen eine Reihe aufgewärmter Sketche aus dem Archiv und dazu alle zehn Sekunden ein paar entweder arbeitslose oder verstorbene Schauspieler, die uns das soeben Gesehene noch einmal bemüht witzig nacherzählen. Absoluter Tiefpunkt der traurigen Kommentatoren-Parade: eine blond gelockte Trulla mit Jeansjacke, deren Name ich mir nicht gemerkt habe – offenbar eine rheinische Nachwuchs-Komikerin, die wohl auf eine Zielgruppe angesetzt wurde, für die Ruth Moschner immer noch zu intelligent ist. Die Trulla muss wirklich sehr wenig Geld gekostet haben, denn sie trullerte dermaßen inhalts- und geistlos vor sich hin, dass mir noch in der Erinnerung daran die Gehirnzellen im Dutzend absterben. Es gehört wohl zu der Tragik von Harald Juhnkes Leben, dass er eigentlich Frank Sinatra sein wollte, sein Andenken aber in dieser Hölle begraben liegt.

blackhole

Weiter ging es mit „rbb24“, früher als „Abendschau“ bekannt, wo ich unter anderem erfuhr, dass der Zirkus Roncalli in diesem Jahr vegan sei, also ohne Tiere. Ich lasse das einfach mal so stehen. Grundsätzlich bin ich natürlich auch gegen Tierquälerei. Ich bin auch dafür, sämtliche Zoos und Tierparks zu schließen und deren Bewohner in die Innenstädte zu entlassen, wo sie sich mal ordentlich austoben können. Inmitten des Berliner Silvester-Tourismus würde das gar nicht auffallen. Als erstes soll man bitte das Affen-Gehege öffnen und die Schimpansen zum Gebäude des RBB chauffieren, damit sie den dort Verantwortlichen mal zeigen, wie intelligente Unterhaltung geht. Apropos Zoo: das Abendprogramm endete mit dem Jahresrückblick von Dieter Nuhr. Der stand in einer knitterigen Lederhose auf der Bühne des Friedrichstadt-Palastes und ließ sich eine Stunde lang für jeden lahmen Halbsatz beklatschen. Trullali-Trullala, der Schnaps ist alle.


Abbildung: Das schwarze Loch des deutschen Humors.

„Manchmal, im Traum, erscheint ihnen Angela Merkel.“ (Stories und andere Enten)

Hätte sich die legendäre Erika Fuchs für Disneys „Lustige Taschenbücher“ einen Entenhausener Zeitungsreporter ausdenken müssen, so hätte sie ihn vermutlich Claas Relotius genannt. Sie hätte ihn vielleicht mit einem dubiosen Charakter, jeder Menge Ehrgeiz sowie einer blühenden Fantasie ausgestattet, ihn Journalistenpreise einheimsen und schließlich von Tick, Trick und Track öffentlich bloßstellen lassen. Vielleicht. Hätte es diesen Reporter nicht tatsächlich gegeben. Das traumhafte Zitat in der Headline stammt aus einem seiner preisgekrönten Artikel. Das Interessanteste an dem seit gestern tobenden Scheißesturm um den ehemaligen SPIEGEL-Schreiber Relotius ist gar nicht die Frage, was genau in dessen Texten nun wahr oder frei erfunden war. Interessant ist doch, dass es so lange nicht auffiel. Weil es so gut passte, weil sie dort eben immer so schreiben – ob über traurige Flüchtlingskinder, dumme Trump-Wähler oder ostdeutsche Nazis. Es ist immer die selbe tendenziöse, gefühlige Soße, da hilft auch kein Fact-Checking, das hat Methode. Und deshalb feiert man sich beim SPIEGEL nun für die Enthüllung im eigenen Haus eben mit genau dem selben elaborierten Reportage-Kitsch, der ihnen gerade erst das Genick gebrochen hat. Kann man sich nicht ausdenken? Doch, kann man.

Zum Nachlesen und rumschnattern:

Die Karriere des Reporters Claas Relotius wurde von einer Form von Journalismus ermöglicht, vielleicht sogar gemacht, die Fiktionen und Fakten miteinander vermischt und die Rolle des Erzählers über die des Rechercheurs stellt. Eine Form des Journalismus, die sich mit Reporterpreisen selbst feiert, die politische Aktivisten wie Michael Moore mit Dokumentarfilmern verwechselt und die es für eine besondere Leistung hält, den Nachrichtenkern von Enthüllungen wie den „Panama-Papers“ unter Abertausenden von schön formulierten Sätzen zu vergraben. Fühlen, was sein könnte – statt sagen, was ist. („Fühlen, was sein könnte“, Salonkolumnisten)

Relotius has received accolades for his daring quest to live among us for several weeks. And yet, he reported on very little actual truth about Fergus Falls life … which begs the question of why Der Spiegel even invested in Relotius’ three week trip to the U.S., whether they should demand their money back from him, and what kind of institutional breakdown led to the supposedly world-class Der Spiegel fact-checking team completely dropping the ball on this one. („Der Spiegel journalist messed with the wrong small town“, Medium)

Und schließlich, weil immer wieder passend: „In der Tat ist Der Spiegel keineswegs ein Nachrichtenblatt. Der redaktionelle Inhalt besteht vielmehr aus einer Sammlung von ‚Stories‘, von Anekdoten, Briefen, Vermutungen, Interviews, Spekulationen, Klatschgeschichten und Bildern. Gelegentlich stößt der Leser auf einen Leitartikel, eine Landkarte, eine statistische Tabelle. Unter allen Mitteilungsformen kommt diejenige am seltensten vor, nach der das Magazin benannt ist: die schlichte Nachricht. („Die Sprache des Spiegel“, Hans Magnus Enzensberger, 1957)

United Opfers of Internet

Die Schauspielerin Natalia Wörner (auch bekannt als Rote-Teppich-Abschnittsgefährtin von Heiko Maas) äußerte sich am Rande eines ARD-Adventsessens zur Wahl der neuen CDU-Vorsitzenden: „Ich freue mich total für AKK … Eine Frau, die man sich genau da wünscht, wo sie jetzt ist.“ Das ist entweder kolossal dämlich oder die eleganteste Beleidigung, die ich seit langem gehört habe. Freuen darf sich die Filmwelt auch für FHD (Florian Henckel von Donnersmarck), denn Deutschlands gewaltigste Sturmfrisur ist mal wieder für einen Oscar nominiert. Eventuell muss er die dazugehörige Preisverleihung sogar selbst moderieren. Was gibt es sonst noch zu berichten aus der Redaktionsstube des Grauens? In Krisenzeiten lernen die Franzosen gerne von den Deutschen. Deshalb wird der Weihnachtsmarkt in Straßburg spätestens in zwei Jahren sicherheitstechnisch so hochgerüstet, dass jeder Nachwuchs-Terrorist vor Angst aus den Latschen kippt. Zeichen setzen, Haltung bewahren, Café Latte! Jetzt müssen sie nur noch Putin und Facebook den Strom abdrehen, dann fällt auch die Gelbwesten-Bewegung und alle können friedlich ins neue Jahr hinein feiern. Passend dazu: Wer hat eigentlich die AfD so stark gemacht? Renate Künast weiß es: das Internet!

RichterInfokrieger Alex Jones darf schon seit einigen Monaten nicht mehr ins Internet. Daher rannte er gestern auch über einen Flur in Washington und schrie so lange “Google is evil!“, bis ihm die Polizei mit Verhaftung drohte. Auch die Plattform tumblr ist böse, denn dort dürfen demnächst keine Pornobilder mehr verbreitet werden – eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, denn offenbar sind Pornos die neuen Safe Spaces. Aber es gibt Hoffnung, denn die Startup-Szene schläft nicht! Zu guter Letzt noch eine Twitter-Perle des intersektionalen Daueropfers Sibel Schick: „Wenn ich als Migrantin ohne Studienabschluss nur einen Anteil davon verstehe, was ihr mir sagt, ist eure Sprache nicht barrierefrei und kann von mir aus auch in die Tonne.“ Damit Sie mal wieder Bescheid wissen, Sie unwoken überprivilegiert-toxischen cis-Schweine! Ganz liebe barrierefreie Grüße!


Abbildung: Gerhard Richter, irgendwas mit Streifen

Futurama (ein Volk, ein Schrott)

Letzte Nacht habe ich von der Zukunft geträumt. Es war das Jahr 2075, der Himmel war voll mit radioaktiver Zuckerwatte und Philipp Amthor war gerade zum ältesten Staatsoberhaupt in der Geschichte der ehemaligen Bundesrepublik Deutschland (seit 2050 „Autofriedhof West-Eurasien“) gewählt worden, knapp zwei Wochen nach seinem öffentlichen Coming Out vor der UN-Vollversammlung in Ulan-Bator. Die Tatsache, dass die Bevölkerung seines Staatsgebietes eigentlich nur noch aus vor sich hin rostenden Ersatzteilen bestand (die letzten verbliebenden humanoiden Steuerzahler waren längst auf die Raumstation „Angela II“ umgesiedelt worden), hielt den seit einer umfangreichen Gen-Therapie noch immer jugendlich agilen Präsidenten Amthor nicht davon ab, die zügige Umsetzung seines zentralen Wahlkampfversprechens anzukündigen: die Fertigstellung des Berliner Großflughafens bis 2080. „Wer soll mich aufhalten?“ rief er der stummen Menge Schrott entgegen.

speaker

Faselland

Theresa May gab kürzlich bekannt, sie würde mit „jeder Faser ihres Seins“ (with every fibre of my being) an den von ihr ausgehandelten Brexit-Deal glauben. Das klingt auf jeden Fall poetischer als einfach „Habe fertig!“ ins Parlament zu rufen. Wissen Sie vielleicht, aus welchen Fasern Frau May besteht? Ich nicht. Aber ich weiß, dass jeder Politiker von Weltrang irgendwann möglichst markige Floskeln in die Menge donnern muss, um nicht in Vergessenheit zu geraten. Dem gemeinen Volk dürstet es nach Zitaten, auf denen es seine Anführer durch die Weltgeschichte schleifen kann, oder wenigstens, um sie auf Facebook aus dem Zusammenhang zu reißen. Worte wie „Sollen Sie doch Kuchen essen!“, „Seit 5.45 Uhr wird zurückgeschossen!“ „Ick bin ein Berliner!“ „Mister Gorbatschov, tear down this wall!“, „Wir schaffen das!“ und eigentlich alles, was der toupierte Donny so jeden Tag durch die Gegend twittert (aktuell: „In Finnland wird der Wald geharkt!“), werden uns alle überleben. Was wird uns wohl die künftige Doppelkanzler*in der Grünen (Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass die CDU den/die nächste Bundeskanzlerin stellen wird?) an zeitloser Poesie hinterlassen? „Scheitert das Windrad, dann scheitert Europa?“, „Heute gehört uns Hessen und morgen die ganze Welt?“ „Quitten, Quoten, Quo Vadis?“ Faseln können Sie ja schon wie die Großen.

Mama, just killed a man …

Es gibt gute Gründe dafür, dass Bohemian Rhapsody einfach nicht aus dem kollektiven Gedächtnis verschwinden will. Wie war das noch, als Anthony „The Mooch“ Scaramucci, dieser lebhafte kleine Mafiosi, nach nur zehn Tagen aus dem Weißen Haus entlassen wurde? Sofort hörte man überall „Scaramouche, Scaramouche, will you do the Fandango?“. Es macht nun mal Spaß, dieses Lied zu zitieren und zu parodieren. Vielleicht ist es wirklich der beste Popsong, der je geschrieben wurde. Auf jeden Fall ist es einer der dramatischsten, wer will da widersprechen? In dem neuen Film gleichen Namens gibt es nun eine Szene, in der Mike Myers – der vor 25 Jahren zu Weltruhm gelangte, als er Bohemian Rhapsody in einem Auto mitsang (die wohl bekanntesten Szene aus „Wayne’s World“) – in der Rolle eines fiktiven Musikproduzenten Freddie Mercury erklärt, dass man einen derart merkwürdigen Song, noch dazu mit Überlänge, nicht im Radio spielen könne, weil dazu nun mal kein Teenager im Auto mitsingen wird. Ein hübscher Einfall, ein Kreis schließt sich. Aber sonst? Weshalb soll ich mir diesen Film anschauen? Weshalb soll ich Rami Malek dabei zusehen, wie er sich zwei Stunden lang abrackert, um schließlich mit falschem Überbiss das Live-Aid-Konzert von 1985 detailgetreu nachzuspielen? Weil die überlebenden Mitglieder von Queen doch noch mal den Umsatz ihrer alten Platten ankurbeln wollen? Was können die mir denn überhaupt noch über einen Menschen erzählen, von dem es doch schon so viele Videoclips, Konzertmitschnitte und Interviews gibt? Im Fall von Freddie Mercury bleibt für mich vor allem sein Privatleben. Gab es da nicht diese Geschichten von Backstage-Parties, auf denen Kleinwüchsige Tabletts mit Kokain servieren mussten? Und die Untergrund-Fick-Orgien in der Lederszene von New York? Die Exzesse und Abstürze, den AIDS-Tod? Wäre es nach Sacha Baron Cohen gegangen, wäre all das wohl ein wesentlich größerer Bestandteil des Films geworden. Stattdessen soll ich mir jetzt diese glattgebügelte Karaoke-Show ansehen. Nein danke. Aber es ist nicht die erste ihrer Art und es wird nicht die letzte bleiben. Die Nachlassverwalter von Bowie, Prince, Amy Winehouse & Co. verhandeln ganz sicher schon fleißig. Für nächstes Jahr ist bereits ein Film über die Karriere von Elton John angekündigt (hier der Trailer, wenn’s denn sein muss), und der ist ja noch nicht mal tot. Ach je.

Marlene_Sternberg

Is this the real life? Is this just fantasy? Willkommen in der Referenz-Hölle.


 

Als Zeichen der Versöhnung und weil ich dieser ganzen selbstreferenziellen Retro-Karaoke-Travestie-Hölle sowieso nie wieder entkommen werde, egal wie viel ich darüber schimpfen mag, präsentiere ich Ihnen jetzt noch den fabulösen Jake Shears (ehemaliger Frontmann der Scissor Sisters) mit seinem neuen Liedchen. Wenn Sie in ihm sowohl Versatzstücke aus Freddie Mercury als auch Elton John wiedererkennen, so ist das sicher kein Zufall.