Ohnsorg-Theater 2018

Das Vokabular gab die Marschrichtung vor: Chaos, Megakrise, Deutschland am Abgrund – darunter macht es der nationale Erregungs-Journalismus nicht. Wieder einmal wurden sämtliche Szenarien durchgespielt: Kanzlersturz, Neuwahlen, das Ende der EU, Zombie-Apokalypse … Goodbye Sommerloch, haut in die Tasten! Statt einer lautstarken Eskalation servierte Mutti zum gestrigen Abendessen dann aber doch wieder nur lauwarme Kartoffelsuppe, also einen faulen Kompromiss mit ungewissem Ausgang. Hauptsache es ist Ruhe im Karton. Merkel bleibt Kanzlerin, Seehofer bleibt Innenminister und Löw bleibt Bundestrainer. Ohnsorg-Theater statt Götterdämmerung. Knallen wird es dagegen auf jeden Fall morgen wieder auf der anderen Seite des Atlantiks, zumindest während der offiziellen Fourth-of-July-Böllerei. Raten Sie mal, auf welche chinesischen Produkte Donald Trump bisher noch keine Strafzölle erhoben hat. Richtig: auf Feuerwerkskörper. Kawumm! War was?

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Wie man nicht erschossen wird …

„First of all, we’re going to figure out the right way to talk to the police so they feel more empowered to not shoot you. Then we’ll take a look at how to put cops at ease, since being a cop can be very scary, especially when you’re dealing with very scary black people. And if you do get shot, let’s not rush to judgment. Sure, being shot can be upsetting, but we don’t want to paint all cops with the same brush. After all, they’ve been through a traumatic experience. Are you ready to not get shot? Let’s go!“

how-not-to-get-shot

Sogenanntes Racial Profiling fängt manchmal recht harmlos an. Zum Beispiel damit, dass mein dunkelhäutiger Ehemann in einem Berliner Krankenhaus gefragt wird, ob er eventuell verdorbenes Fleisch aus einem Afroshop gegessen habe (er ist US-Amerikaner) oder ob er Basketball spiele, er wäre doch so groß und athletisch gebaut. Es ist doch nicht böse gemeint, aber man kennt doch die Schwarzen, man weiß doch Bescheid. Kein Grund, sich künstlich aufzuregen, oder? Wir können darüber lächeln, es als Missverständnis oder gutgemeinte Ignoranz abtun. Wir wollen mal nicht übertreiben, richtiger Rasissmus sieht doch anders aus, nicht wahr? Und überhaupt, was hat das denn mit der Polizeigewalt in den USA zu tun? Es kommt wohl darauf an, aus welcher Perspektive man es betrachtet, und ob man gerade mit einer Krankenschwester oder mit einem Polizisten spricht. In diesem Sinne, hier meine aktuelle Lese-Empfehlung: „How Not to Get Shot: And Other Advice From White People“ – ein ebenso bitterer wie unterhaltsamer Kommentar von D. L. Hughley über mehr oder weniger harmlose Vorurteile und deren mitunter tödliche Folgen.

 

Altstoffsammlung

Dem edlen Weltgeist, vielleicht auch nur meinem fortgeschrittenen Alter sei’s gedankt, dass ich so gut wie nie zu meiner politischen Gesinnung befragt werde. Nehme ich aus Jux an einem dieser Online-Tests teil, durch die man eben jene Gesinnung angeblich ermitteln kann, so kommt meist eine Mischung aus antideutschem oder anarcho-libertärem Hippietum heraus. Dafür gibt es in diesem Land keine wirklich große Lobby. Ich bin somit mein eigener Lobbyist und halte es sowieso zunehmend mit Nietzsche, der Überzeugungen als Gefängnisse bezeichnete – oder auch mit dem großen Robert Anton Wilson, der Belief Systems gerne mit BS abkürzte, was gemeinhin ja auch für Bullshit stehen kann.

Mir tun Menschen mit felsenfesten Überzeugungen leid, sie haben es in diesen unübersichtlichen Zeiten wahrlich nicht leicht. Vor allem bedauere ich jene, die sich noch immer unbedingt als politisch „links“ verorten und gleichzeitig einen Großteil ihrer Zeit mit der mühsamen Diskussion darüber verbringen, was das eigentlich sein soll: links. Was haben Karl Liebknecht, Ulrike Meinhof, Erich Honnecker, Inge Meisel, Heinrich Böll, das Hausbesetzer-Kollektiv „Rote Grütze“ und Gregor Gysi gemeinsam? Sie alle waren oder sind links, auf ihre eigene Art. Geeint im Kampf für eine gute und gerechte Welt, zerstritten in der Wahl ihrer Methoden (wahlweise Tarifverhandlungen, Guerillakampf oder politische Umerziehung). Ich denke, grundsätzlich existiert links nur gegenüber von rechts. Wer sich links verorten will, braucht also den Sparringspartner in der anderen Ecke. Ohne Ungerechtigkeit keine Gerechtigkeit, ohne schwarz kein weiß, ohne Ying kein Yang … blablabla, sprich: ohne Kontrast keine Sichtbarkeit. Vielleicht wird daher das Prädikat „rechts“ auch bevorzugt von links verliehen, bleibt es doch der einzig verlässliche Garant für die eigene Sichtbarkeit. Die Rechten werden daher mit wachsender Identitätskrise der Linken auch immer zahlreicher, denn nur der Feind vermag noch zu vereinen. Oder auch nicht, denn schon flackert die nächste linke Sammlungsbewegung am Horizont. Die Linken haben mittlerweile mehr Abspaltungen, Seperations- und Sammlungsbewegungen hinter sich als die christliche Kirche. Die aktuelle deutsche Linkspartei entstand schließlich auch nur aus einer Sammlung der ehemaligen SED und einem Haufen Oskar-Lafontaine-Plakaten, das ist noch gar nicht so lange her. Nun soll also wieder neu gesammelt werden, denn: linker geht immer.

Parteiversammlung

Wer sich nur weit genug links versammelt, landet irgendwann … nein, nicht rechts, sondern erst einmal beim Genossen Kim Jong-un. Von ihm geht entsprechend gesetzmäßig nun auch der neue Weltfrieden aus – zumindest bis Präsident Matschbirne das Ganze wieder mit seinem Hinterteil (also seinem Twitter-Account) einreisst. Was werden wir wohl eher erleben: die Abrüstung Nordkoreas oder Sahra Wagenknecht als Bundeskanzlerin? Und was ist davon zu halten, dass die Autokorrektur meines Textprogramms aus „Verortung“ ständig eine „Verrottung“ machen will? Jetzt machen Sie sich über all das mal ein paar hübsche Gedanken.

Okay Ladies, now let’s get in*formation*

Nun ist es ja so, dass Sprache das Anarchischste ist, was die Menschen haben: Entwickelt sich einfach so weiter, Leute sagen plötzlich „Schland“ und alle wissen, was gemeint ist, reden von Hashtags und alle nicken mit dem Kopf – oder auch nicht, was egal ist, denn eine Sprachpolizei, die uns vorschreibt, wie wir zu sprechen und zu schreiben haben, gibt es nicht, Gott sei Dank. Auch der Rat für deutsche Rechtschreibung, der sich jetzt besprochen hat (vorerst ergebnislos) und vielleicht irgendwann Empfehlungen aussprechen wird (die dann in den vorderen Teil des Dudens wandern, den eh niemand liest), ist keine Sprachpolizei und will auch keine sein. Und eigentlich ging es auch nur am Rande um das Sternchen, den sogenannten Asterisk.

(Süddeutsche, 08.06.2018)

Wenn ich das richtig einschätze, habe ich hier ca. zwei regelmäßige Leserinnen, wahrscheinlich sogar drei. Damit meine ich Frauen, Menschinnen mit einem Binnen-I, weibliche Wesen mit weiblichen Geschlechtsorganen und allem drum und dran. Rechne ich das auf meine insgesamt wahrscheinlich nur fünf regelmäßigen Leser*innen (bzw. „Leserinnen und Leser“, „Lesende“, „Lesemenschen“, „LeseXe“) hoch, so kann ich mit Stolz verkünden, dass ich wohl zumindest die Frauenquote übererfüllt habe. Schön wäre es, wenn ich auch mindestens einen Vertreter der LGBTQ*XYZetc.-Gemeinschaft zu meinem Publikum zählen dürfte, wobei ein genderqueer-fluides Wesen natürlich schon ein wenig prickelnder wäre als z.B. einfach nur ein schwuler Mann, letzteres bin ich schließlich schon selbst. Sollte sich in meiner imaginären Leserschaft überraschenderweise auch ein MOSFI („Menschen ohne Sinn für Ironie“ – eine stetig wachsende Minderheit, die sich ihr eigenes Satzzeichen erst noch verdienen muss) befinden, so würde ich diesem Menschen nun gerne folgendes erklären: Nein, ich glaube nicht, dass unser Zusammenleben durch offizielle Sprachregelungen leichter oder gerechter wird. Natürlich ließe sich gerade die deutsche Sprache (in der DER Mensch ansich ja schon ein männliches Pronomen trägt) gendertechnisch beliebig ausbessern oder erweitern. Schließlich entwickeln sich Grammatik und Rechtschreibung seit Jahrhunderten aus den unterschiedlichsten Gründen weiter, warum also nicht auch aus diesem? Hilft das aber tatsächlich irgendjemandeX, um sich in dieser Gesellschaft anerkannter zu fühlen? Zurecht wurden seinerzeit (ihrerzeit, Xzeit … damals) die Sprachexperimente von „ProfessX“ Lann Hornscheidt an der Humboldt-Uni belächelt – nicht weil sie im Ansatz falsch wären, sondern weil deren Ergebnisse so ungelenk und unfreiwillig komisch wirkten. Je ernsthafter etwas betrieben wird, desto ulkiger wirkt es nun mal (das gilt übrigens ebenso für die selbsternannten Gegner des ProfessX). Und ja, ich kann jemanden durchaus respektieren und mich gleichzeitig über ihn lustig machen. Ich habe „ihn“ geschrieben, denn über Frauen würde ich natürlich niemals Witze machen, das versteht sich doch von selbst!

Was mich zum eigentlichen Anlass dieses wirren Textes bringt. Liebe Frauen, Ladies, Sugarmamas, weibliche Wesen, die Sie diese Zeilen lesen: was kann ich tun, um Ihnen die Lektüre, wohlmöglich gar das gesamte Dasein, zu erleichtern? Soll ich meine Pronomen checken? Neue Satzzeichen einführen? Weiblicher schreiben? Oder wollen Sie mir vielleicht einfach nur mal in die Eier treten? Wie soll es weitergehen?

*Headline sponsored by Beyoncé

Freilaufend

Der angenehmste und gleichzeitig kürzeste Weg von Moabit zum Potsdamer Platz (und zurück) führt für mich zu Fuß durch den Großen Tiergarten. Wann immer das Wetter und meine Zeitplanung es erlauben, schlage ich so den prekären Verkehrsverhältnissen dieser Stadt ein Schnippchen. Leider werde ich dabei meist aber auch von einer Armada an Radfahrern, Joggern, Touristen und Hundehaltern begleitet, der ganzen Schauergesellschaft des urbanen Frühsommers also. Am heutigen Abend nun bildete ich mit ihnen allen eine Art unverhoffter Schicksalsgemeinschaft, denn nördlich der Straße des 17. Juni gab es einen „Lauf“. Plötzlich sahen wir uns von einer Lawine grell gekleideter Wahnsinniger umzingelt, alle mit einem blinkenden Stab in der Hand, die sämtliche Wege blockierten – ein endloser, schnaufender Hornissenschwarm, flankiert von dicklichen Damen in Ordnerwesten, die uns am Fortkommen hindern wollten. Wer sich den Läufern dennoch in den Weg warf, wurde sofort angeschnauzt, zuerst von den Ordner-Muttis, dann von den Schnaufenden selbst. Vielleicht laufen sie ja für eine guten Zweck, dachte ich, für den Weltfrieden, für krebskranke Kinder, vielleicht auch nur um die „Goldene Eieruhr 2018“, auf jeden Fall verstanden sie keinen Spaß. Irgendwann schlug ich mich einfach quer übers Gras, dem Schwarm so gut es eben ging ausweichend. Mittendrin hatte sich auch noch eine karibische Trommelgruppe aufgebaut, die von Tutti-Frutti-Gabi (einer ca. 60-jährigen aufgekratzten weißen Dame, die ich spontan auf diesen Namen taufte) mit einem extatischen Ausdruckstanz begleitet wurde. Ich lebe in Europas größter Freiluft-Psychiatrie, so viel steht fest. Und der Sommer hat gerade erst begonnen.

Völker, hört die Signale …

„Dies war für den Aufstieg im Apparat ebenso entscheidend: sichtbar zu sein, so zu arbeiten, dass man immer wieder auffiel.“
(Robert Menasse, Die Hauptstadt)

„Wie wollen Sie in Erinnerung bleiben?“ durfte sich Mark Zuckerberg am Dienstag Abend fragen lassen. Oder noch intelligenter: „Ist es Zeit, den Stecker zu ziehen für Facebook?“ (O-Ton Gabi Zimmer – nicht sehr überraschend, die LINKE hat nun mal traditionell ein Faible für chinesische Lösungen). Um viertel vor Acht wurde dann zumindest der Stecker für Frau Zimmer und ihre Kollegen gezogen, dem Himmel sei’s gedankt, sonst hätte vielleicht noch jemand die Internationale angestimmt. Als Zuckerberg sich gestern von seinem PR-Termin in Brüssel verabschiedete, tat er das in der Gewissheit, dort mit der wohl größten Versammlung von Volltrotteln gesprochen zu haben, die ihm in seiner bisherigen Karriere begegnet ist. Ich dachte ja, ich hätte im Zusammenhang mit der medialen Sau namens „Datenskandal“ schon alles an Schwachsinn gehört, was es zu hören gibt. Irrtum, denn wenn das EU-Parlament auftritt, wird es erst richtig unterhaltsam. Ich fasse also noch mal zusammen: Das Geschäftsmodell der Firma Facebook besteht zwar praktisch seit ihrer Gründung im Verkauf von Nutzerdaten – politisch relevant wird das aber erst, wenn eben jene Nutzer anfangen, die falschen Parteien zu wählen. Denn daran muss schließlich irgendjemand Schuld sein, und die Politiker sind es nun ganz gewiss nicht. So wird dann ein Gratis-Schnatter-Portal zur größten Gefahr für unsere Demokratie erklärt, Pöbeleien werden zu Hate Speech und grober Unfug zu Fake News. Neue Begrifflichkeiten erfordern natürlich auch neue Gesetze und Regulierungen, et voilà, schon brummt der Apparat wieder auf Hochtouren. Eins ist klar: die Bürger müssen vor sich selbst beschützt werden … Auf zum letzten Gefecht!

Deconstructing Meyerhoff

Mögen Sie es gerne drollig? Skurril? Augenzwinkernd? Oder wird Ihnen allein schon beim Lesen solcher Adjektive speiübel? Schon mal was von Joachim Meyerhoff gelesen? Ja, es geht schon wieder um Bücher, diesmal um die vermeintlich lustigen. Gerade erst habe ich diese kleine Video-Reihe mit Nicola Steiner und Philipp Tingler entdeckt. Ich kenne die beiden aus dem Schweizer Literaturclub, den Frau Steiner moderiert und in dem Tingler ab und zu als Gastkritiker Randale macht (u. a.  mit seinem pathologischen Hass auf Juli Zeh, der mittlerweile etwas redundant wirkt, mir aber immer noch sympathisch ist). Daumen hoch, mir gefällt das Format. Apropos drollig, Herr Tingler: T-Shirts mit ironischen Aufdrucken waren mal schwer in Mode, ich weiß – damals, als Sie und ich noch Mitte zwanzig waren und die entsprechende Figur hatten. Grüezi, Bro!