Eierköppe am Rande des Nervenzusammenbruchs

Leute, die unter der Menschheit gelebt und sie überlebt haben, sind als Täter und Sprecher einer Gegenwart, die nicht Fleisch, doch Blut, nicht Blut, doch Tinte hat, zu Schatten und Marionetten abgezogen und auf die Formel ihrer tätigen Wesenlosigkeit gebracht. Larven und Lemuren, Masken des tragischen Karnevals, haben lebende Namen, weil dies so sein muß und weil eben in dieser vom Zufall bedingten Zeitlichkeit nichts zufällig ist.

(Karl Kraus, „Die letzten Tage der Menschheit“)


Es ist noch gar nicht so lange her, kurz nach dem Beginn des neuen Jahrtausends war es, da beschloss eine kleine Gruppe gewitzter amerikanischer Studenten, aus einigen zutiefst menschlichen Bedürfnissen (Essen fotografieren, fremden Leuten die Meinung geigen…) ein großartiges und profitables Imperium zu errichten. „Hier“, so sprachen sie zu den Menschen, „habt ihr eine Bühne, um euch darzustellen“, und die Menschen taten es eifrig und zahlreich und sie bezahlten mit den digitalen Spuren ihrer Selbstdarstellungen. Irgendwann verloren die ersten von ihnen darüber den Verstand. „Oh nein!, so riefen sie, „Die dunkle Macht des Imperiums hat mein Leben zerstört!“ Sie jammerten, schlugen sich gegenseitig die Köpfe ein und riefen nach strengeren Gesetzen. Nur Einige meinten noch verschmitzt: „Aber Spaß hat es doch auch gemacht.“

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Abbildungen: Soziale Medien 2019 (auszugsweise)

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Für das Beste im Mann?

Liebe männliche Leser, fühlen Sie sich von dem folgenden Werbespot feminisiert, nachhaltig entmannt, vielleicht sogar kastriert? Oder einfach nur genervt? Sprechen Sie bitte offen und frei über Ihre Gefühle.

Der Lärm, der gerade um diese neue Marketing-Kampagne von Gillette gemacht wird, ist natürlich maßlos übertrieben. Dass Hersteller sich an hippe soziale Wohlfühl-Trends hängen, um das Image ihrer Produkte aufzuwerten, ist ja nun kein neues Phänomen mehr. Erinnern wir uns zum Beispiel daran, wie das Model Kendall Jenner mit nur einer Pepsi-Dose sämtliche modernen Protestbewegungen befriedet hat. Jetzt ist eben gerade der Kampf gegen die „toxische Männlichkeit“ an der Reihe. Die Botschaft bestätigt dabei nur das, was sich die moderne heterosexuelle Frau von ihrem Partner so alles erwünscht: Stark soll er sein und sensibel zugleich, ja die wahre Männlichkeit soll sich eigentlich erst in seiner Verletzlichkeit zeigen. All zu weinerlich soll er aber bitte auch nicht sein. So ein wenig Durchsetzungskraft wäre schon gut, aber bitte nicht zu viel. Der Mann soll die Frau nicht einschränken, ihr im Zweifelsfall den Vortritt lassen. Rücksichtsvoll soll er sich präsentieren, verständnisvoll und gerecht. Ein wahrer Gentleman also, ein edler Ritter, der sich heldenhaft und schützend vor die Schwachen stellt, der seinen Kindern ein leuchtendes Vorbild ist, das Dach repariert, die Rechnungen bezahlt und die Welt jeden Tag ein ganz kleines, herzerwärmendes Stückchen weit zu einem besseren Ort für uns alle macht. Der beste aller möglichen Männer. Ein Mann wie aus dem Märchenbuch. Dass jetzt so viele empörte Männer aus der realen Welt gleich zum Boykott sämtlicher Gillette-Produkte aufrufen, zeigt, dass die Kampagne offenbar einen wunden Punkt getroffen hat. Das mit der Aufmerksamkeit hat also schon mal funktioniert – ob sich die nun auch günstig auf die Umsatzzahlen auswirkt, bleibt abzuwarten. Denn am Ende wollen sie schließlich auch nur ihre überteuerten Rasierklingen verkaufen. Um nichts anderes geht es.

Heiner Müllers Jacke

Anlässlich einer Diskussion über Postmodernismus haben Sie von der „Arbeit am Verschwinden des Autors“ gesprochen. Wollen Sie sich und Ihre Kollegen zum Schweigen bringen?

Müller: Das habe ich wahrscheinlich gesagt, weil mich das Thema nicht interessierte. Darin kam meine Unlust zum Ausdruck. Die Veranstaltung war für mich eine Möglichkeit, umsonst nach New York zu kommen. Man wollte aber unbedingt von mir eine Rede hören. Also habe ich, damit man den Flug bezahlt, etwas abliefern müssen. Das Problem ist doch immer, dass ein Schriftsteller automatisch lügt, wenn er redet.

(Heiner Müller im Interview mit der ZEIT, 1987)


Wir sind immer noch auf der Suche nach Heiner Müllers Jacke. Warum? Mein bester Freund hatte Anfang der 90er Jahre einen Studentenjob als Kartenabreißer am Berliner Ensemble. Irgendwann, die genaueren Umstände sind mir entfallen, trug er dann plötzlich die Jacke von Heiner Müller. Jedenfalls soll Müller sie wohl auch mal getragen habe, so geht die Legende. In meiner Erinnerung war es eine braune Rauleder-Jacke, vielleicht auch eher ein Mantel. Mein Freund behielt die Jacke dann einfach und das gute Stück reiste in den folgenden Jahren mit ihm von Berlin aus durch die Weltgeschichte, nach Hamburg, Vancouver, Südafrika und werweißwohin. Heute wissen wir nicht mehr, wo sie abgeblieben ist. Sie liegt wohlmöglich noch in einem dunklen Keller in Hamburg oder Berlin. Vielleicht ist sie in einem Second-Hand-Shop gelandet oder bei der Altkleidersammlung. Es könnte also sein, dass irgendwo da draußen ein exzentrischer Mensch, vielleicht ein Obachloser, mit der Jacke von Heiner Müller herumläuft und es nicht weiß. Irgendwann einmal, vielleicht zu seinem 100. Geburtstag, wird der Heiner aus seinem Grab auferstehen, die alte Jacke finden und damit eine Nacht lang auf dem Wasser der Spree wandeln. Darüber werde ich dann ein Theaterstück schreiben, Arbeitstitel: Germania 4 – Gespenst an toter Jacke. Fragment. Schrei. Lüge. Heute wäre Heiner Müller (1929–1995) runde 90 Jahre alt geworden.

Läuft.

Heute Morgen gab es Gehacktes auf Twitter. Leider nicht mehr ganz frisch, es war eher Gammelfleisch, was der große #Hackerangriff da so alles an die Öffentlichkeit beförderte: Adressdaten, E-Mails, Chat-Verläufe, Urlaubsfotos und Bewerbungsschreiben von Politikern und einigen C-Promis – ein teilweise bis zu zehn Jahre alter, langweiliger Datenberg, mit dem eigentlich niemand wirklich etwas anfangen kann (glauben Sie mir, ich habe mir einen Teil davon angeschaut) und der die Betroffenen wohl einfach nur mal ordentlich erschrecken sollte. Weshalb das Ganze ausgerechnet auf einem Twitter-Account geleakt und dort einen ganzen Monat lang unbemerkt blieb? Denken Sie sich dazu bitte eine nette Verschwörungstheorie aus oder nehmen Sie es (so wie ich) einfach als Beweis für die Digital-Kompetenz der hiesigen Behörden. Die entsprechenden Accounts sind mittlerweile offline, dafür tobt munter der Expertenwettstreit mit den üblichen Phrasen („Was bisher bekannt ist!“, „Was jetzt zu tun ist!“). Außerdem hat natürlich wieder die Stunde der Symbolbilder geschlagen: magische Schlüssellöcher, Matrix-Tapeten und gesichtslose Gestalten in Kapuzenpullis – eben alles, was erscheint, wenn man bei shutterstock & Co. „Cyber“ in die Suchleiste tippt. Denn so sieht es nun einmal aus, das Internet: jede Menge herumfliegende grüne Zahlen, die unsere Demokratie kaputt machen. Bleiben Sie wachsam!

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Abbildung: Achtung, irgendwo da drinnen sind die alten Einkaufslisten von Renate Künast versteckt! Quelle: geleakt.

“Tell them no. And to stop calling.”

Gute Geschichten sind der wertvollste Rohstoff unserer nimmersatten Unterhaltungsindustrie, ob original, adaptiert, geklaut oder sonst wie verwurstet. Wer die eigenen Geschichten beschützen will, der muss sich gut verstecken. Eine Kleinstadt in New Hampshire eignet sich dafür nur unzureichend, denn auch dort werden sie einen finden, bedrängen und mit ihren Geldkoffern wedeln. Natürlich hatte sich J. D. Salinger stets gegen eine Verfilmung von „Der Fänger im Roggen“ gewehrt. Und da er das auch noch aus dem Grab heraus tat, haben sie dann irgendwann, anstatt die Geschichte selbst zu verfilmen, die Entstehungsgeschichte der Geschichte verfilmt. Sie haben es jedenfalls versucht. Falls Sie noch nie etwas von diesem Film gehört haben, dann liegt das vielleicht auch an Kevin Spacey. Das kann man als höhere Ironie, Karma oder posthume Rache bezeichnen – Salinger, der große alte Bigfoot der Literaturgeschichte, hat immer noch die Nase vorn. Heute wäre er einhundert Jahre alt geworden.

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Liebe Leser, zum neuen Jahr wünsche Ihnen … blablabla … das übliche halt. Es ist doch immer das selbe Gesabbel über schlimme Zeiten, gute Vorsätze, die Gesundheit und den Weltfrieden. Sie sind immer noch am Leben, das ist doch schon mal was. In spätestens 50 Jahren aber werden die meisten von Ihnen tot sein, so viel steht fest. Frohes Neues!

Planet der Affen

Was am zweiten Weihnachtstag von mir übrig blieb: ein zerrüttetes Nervenkostüm und etwas Restalkohol im Kreise der Familie. Dazu gab es das Abendprogramm des RBB, von dem ich nun Zeugnis ablegen will, denn so soll man es machen mit den schrecklichen und traumatischen Ereignissen unserer Geschichte, damit sie sich nicht wiederholen mögen. Schließlich haben wir diese Erde nur von Keith Richards geborgt *Applaus* – und schon sind wir drin in der Welt des öffentlich-rechtlichen Frohsinns: „30 Jahre Harald und Eddi“. Die Gags des alten Komiker-Duos sind heute zu etwa gleichen Teilen immer noch lustig und immer noch grauenhaft. Neu für mich war, dass „Harald und Eddi“ eigentlich nur ein deutscher Aufguss der BBC-Serie „The Two Ronnies“ war. Da habe ich also etwas gelernt, immerhin. Ansonsten war die Sendung wie alle diese billig zusammen gehunzten Kommentar-Shows aufgebaut: wir sehen eine Reihe aufgewärmter Sketche aus dem Archiv und dazu alle zehn Sekunden ein paar entweder arbeitslose oder verstorbene Schauspieler, die uns das soeben Gesehene noch einmal bemüht witzig nacherzählen. Absoluter Tiefpunkt der traurigen Kommentatoren-Parade: eine blond gelockte Trulla mit Jeansjacke, deren Name ich mir nicht gemerkt habe – offenbar eine rheinische Nachwuchs-Komikerin, die wohl auf eine Zielgruppe angesetzt wurde, für die Ruth Moschner immer noch zu intelligent ist. Die Trulla muss wirklich sehr wenig Geld gekostet haben, denn sie trullerte dermaßen inhalts- und geistlos vor sich hin, dass mir noch in der Erinnerung daran die Gehirnzellen im Dutzend absterben. Es gehört wohl zu der Tragik von Harald Juhnkes Leben, dass er eigentlich Frank Sinatra sein wollte, sein Andenken aber in dieser Hölle begraben liegt.

blackhole

Weiter ging es mit „rbb24“, früher als „Abendschau“ bekannt, wo ich unter anderem erfuhr, dass der Zirkus Roncalli in diesem Jahr vegan sei, also ohne Tiere. Ich lasse das einfach mal so stehen. Grundsätzlich bin ich natürlich auch gegen Tierquälerei. Ich bin auch dafür, sämtliche Zoos und Tierparks zu schließen und deren Bewohner in die Innenstädte zu entlassen, wo sie sich mal ordentlich austoben können. Inmitten des Berliner Silvester-Tourismus würde das gar nicht auffallen. Als erstes soll man bitte das Affen-Gehege öffnen und die Schimpansen zum Gebäude des RBB chauffieren, damit sie den dort Verantwortlichen mal zeigen, wie intelligente Unterhaltung geht. Apropos Zoo: das Abendprogramm endete mit dem Jahresrückblick von Dieter Nuhr. Der stand in einer knitterigen Lederhose auf der Bühne des Friedrichstadt-Palastes und ließ sich eine Stunde lang für jeden lahmen Halbsatz beklatschen. Trullali-Trullala, der Schnaps ist alle.


Abbildung: Das schwarze Loch des deutschen Humors.

„Manchmal, im Traum, erscheint ihnen Angela Merkel.“ (Stories und andere Enten)

Hätte sich die legendäre Erika Fuchs für Disneys „Lustige Taschenbücher“ einen Entenhausener Zeitungsreporter ausdenken müssen, so hätte sie ihn vermutlich Claas Relotius genannt. Sie hätte ihn vielleicht mit einem dubiosen Charakter, jeder Menge Ehrgeiz sowie einer blühenden Fantasie ausgestattet, ihn Journalistenpreise einheimsen und schließlich von Tick, Trick und Track öffentlich bloßstellen lassen. Vielleicht. Hätte es diesen Reporter nicht tatsächlich gegeben. Das traumhafte Zitat in der Headline stammt aus einem seiner preisgekrönten Artikel. Das Interessanteste an dem seit gestern tobenden Scheißesturm um den ehemaligen SPIEGEL-Schreiber Relotius ist gar nicht die Frage, was genau in dessen Texten nun wahr oder frei erfunden war. Interessant ist doch, dass es so lange nicht auffiel. Weil es so gut passte, weil sie dort eben immer so schreiben – ob über traurige Flüchtlingskinder, dumme Trump-Wähler oder ostdeutsche Nazis. Es ist immer die selbe tendenziöse, gefühlige Soße, da hilft auch kein Fact-Checking, das hat Methode. Und deshalb feiert man sich beim SPIEGEL nun für die Enthüllung im eigenen Haus eben mit genau dem selben elaborierten Reportage-Kitsch, der ihnen gerade erst das Genick gebrochen hat. Kann man sich nicht ausdenken? Doch, kann man.

Zum Nachlesen und rumschnattern:

Die Karriere des Reporters Claas Relotius wurde von einer Form von Journalismus ermöglicht, vielleicht sogar gemacht, die Fiktionen und Fakten miteinander vermischt und die Rolle des Erzählers über die des Rechercheurs stellt. Eine Form des Journalismus, die sich mit Reporterpreisen selbst feiert, die politische Aktivisten wie Michael Moore mit Dokumentarfilmern verwechselt und die es für eine besondere Leistung hält, den Nachrichtenkern von Enthüllungen wie den „Panama-Papers“ unter Abertausenden von schön formulierten Sätzen zu vergraben. Fühlen, was sein könnte – statt sagen, was ist. („Fühlen, was sein könnte“, Salonkolumnisten)

Relotius has received accolades for his daring quest to live among us for several weeks. And yet, he reported on very little actual truth about Fergus Falls life … which begs the question of why Der Spiegel even invested in Relotius’ three week trip to the U.S., whether they should demand their money back from him, and what kind of institutional breakdown led to the supposedly world-class Der Spiegel fact-checking team completely dropping the ball on this one. („Der Spiegel journalist messed with the wrong small town“, Medium)

Und schließlich, weil immer wieder passend: „In der Tat ist Der Spiegel keineswegs ein Nachrichtenblatt. Der redaktionelle Inhalt besteht vielmehr aus einer Sammlung von ‚Stories‘, von Anekdoten, Briefen, Vermutungen, Interviews, Spekulationen, Klatschgeschichten und Bildern. Gelegentlich stößt der Leser auf einen Leitartikel, eine Landkarte, eine statistische Tabelle. Unter allen Mitteilungsformen kommt diejenige am seltensten vor, nach der das Magazin benannt ist: die schlichte Nachricht. („Die Sprache des Spiegel“, Hans Magnus Enzensberger, 1957)