I’ve seen the future, brother, it is murder

So, meine Lieben, es ist soweit: ich mache den Laden dicht. Zumindest für die nächsten zwölf Monate. In genau einem Jahr, am 7. Januar 2023, werde ich noch einmal hier vorbeischauen und dann auch entscheiden, ob ich die Radikale Heiterkeit weiterführen werde. Was wird sich bis dahin geändert haben, da draußen, in der Welt, an der „Lage“? Wird da wohlmöglich etwas implodieren – mal abgesehen von den Nervensystemen jener, die immer noch glauben, mir sinnlose Vorschriften machen zu können? Wird der fünfhundertste Coronny-Sprößling nach dem zweiundvierzigsten Booster im Hirn von Karl Lauterbach zu einem neuartigen Turbohusten mutieren und die Menschheit endgültig ausradieren? Wird das noch interessieren? Wird dann überhaupt noch jemand einen Unterschied bemerken? Meine persönliche Wahrsagerin Ludmilla Kannstemalwiedersehnowa riet mir zum Anfang des Jahres, mich warm anzuziehen. Kann aber auch am Wetter liegen.

Bussi!

Sent from my iBunker


Give me crack and anal sex
Take the only tree that’s left
And stuff it up the hole in your culture
Give me back the Berlin wall
Give me Stalin and St. Paul
I’ve seen the future, brother, it is murder

Leonard Cohen, The Future

Allesandersplatz

Ich laufe die Karl-Marx-Allee hinauf, die letzte Strecke zwischen Strausberger Platz und Alexanderplatz. Ich hatte es schon erwähnt: ich bin in dieser Gegend aufgewachsen, in diesem weitläufigen potemkinschen Dorf, nicht nur hier, aber auch. Mir gehört das hier also praktisch alles. Das Kino International zum Beispiel: dort habe ich als Jugendlicher zum ersten Mal Mondsüchtig gesehen, bis heute einer meiner Lieblingsfilme. Im hinteren Teil des Gebäudes, in der ehemaligen Bertolt-Brecht-Bibliothek, trug ich mich als 10-Jähriger in die Wartelisten für Der Zauberer der Smaragdenstadt ein und später als 30-Jähriger habe ich in den selben, zum Nachtclub umfunktionierten Räumen getanzt. Gefeiert habe ich auch gegenüber im Café Moskau. Retro-Gedanken vor Retro-Palästen. Dann kommen die alten Funktionshochhäuser: Haus des Lehrers, Haus des Reisens. In letzteres zog irgendwann der Weekend Club ein (noch mehr Erinnerungen an durchtanzte Nächte), gibt es den eigentlich noch? Äußerlich hat sich hier nicht viel verändert. Nur das Haus der Statistik ist komplett entkernt, auf das Dach haben sie jetzt den Namen „Allesandersplatz“ montiert. Ein spinnertes Kunstprojekt, gefördert vom Senat, es geht wohl um sozialistische Stadtplanung. Passt. Auf dem Alex selbst lauert die übliche Hölle, inzwischen wieder ergänzt um einen Weihnachtsmarkt. Vor einigen Jahren wurde damit begonnen, die Weihnachtsmärkte vor terroristischen Anschlägen zu schützen. Zuerst mit Betonpollern, die sollten gegen tunesische LKW-Fahrer helfen. In diesem Jahr kamen noch Schutzzäune hinzu. Die sollen nun gegen Menschen helfen, die nicht bereit sind, auf Zuruf einen QR-Code hochzuhalten, um die vorgeschriebene Anzahl ihrer Oberarm-Einstiche nachzuweisen. Glühweinsaufen in Käfighaltung.

Die mit Abstand beste Nachricht des ausgehenden Jahres war für mich die, dass William Shatner im stolzen Alter von 90 Jahren endlich ins Weltall fliegen durfte. Gut, es waren vielleicht nur fünf Zentimeter über der Erdatmosphäre, aber immerhin: die Richtung stimmte und ein Kreis hat sich geschlossen, nicht nur für Captain Kirk. Der Gedanke an eine private Weltraumreise scheint mir derzeit wieder recht verlockend. Viele reden gerade vom Auswandern, aber einfach nur das Land oder den Kontinent zu wechseln, wird uns auf Dauer wohl auch nicht vor der freidrehenden Endzeitpanik unserer Mitmenschen schützen. Und ein Krieg ist immer gleich so anstrengend. Nein, wenn schon Eskapismus, dann richtig: Space is the place!

Schwere Zeiten (auf Wiedervorlage)

Liebe Lesende, werte Darbende, folgendes Geständnis wird Sie vielleicht nicht besonders überraschen: Ich habe noch nie eine Folge von Game Of Thrones gesehen. Ein Zitat daraus ist mir trotzdem geläufig: „Winter is coming!“ Traditionell gilt ja der November als die härteste Nuss im Kalender (trübes Wetter, hustende Menschen, erhöhte Selbstmordraten), aber auch der Dezember hat neben all dem Advents- und Weihnachtskitsch reichlich düstere Gedanken zu bieten. Die Populärkultur liefert dazu einige Beispiele. Was will ich Ihnen damit sagen? Stellen Sie sich bitte auf schwere, ja möglicherweise sehr schwere Zeiten ein. Auf einen schweren November, einen harten Dezember und auf bleierne Ostern! Von dem darauffolgenden mörderischen Sommer ganz zu schweigen. Natürlich nur, sofern Sie von den zuständigen öffentlichen Orakeln nicht längst auf Dauerschwere eingeschworen worden sind. Und sofern Sie nicht Michelle Hunziker heißen, denn dann haben Sie das Schwerste ja schon hinter sich. Inspiriert wurde ich zu dieser eindrücklichen Warnung durch Schwester Spahn, Mutti Merkel und den Kollegen Driesen. Ehre, wem Ehre gebührt.

Straße der Besten

You only get one shot, do not miss your chance to blow
This opportunity comes once in a lifetime

(Eminem, Lose yourself)


Kandidaten gab es zahlreiche, gewinnen können nur die Besten. Die Bronzemedaille für herausragende Leistungen im Bereich Öffentlichkeitsarbeit geht in diesem Jahr an einen Hamburger Innensenator, der unfreundliche Twitter-Kommentare gerne mit Polizei-Einsätzen beantwortet und den deshalb alle nur noch Pimmel-Andy nennen. Streisand-Effekt im Endstadium. Silber geht an einen ehemaligen BRAVO-Posterboy, der in einer Leipziger Hotel-Lobby fünf Minuten zu lange warten musste, daraufhin öffentlich in sein iPhone heulte und aus dem Stand einen Antisemitismus-Skandal produzierte. Deutscher Jussie Smollett. Die unangefochtene Spitzenposition aber gehört jener amerikanischen Sportreporterin, die in einem Moment kreativer Erleuchtung „Fuck Joe Biden!“ zu „Let’s go Brandon!“ umdichtete und damit das goldene Meme 2021 schuf. Bitte erheben Sie sich jetzt zum Applaus!

Smalltalk für den Sektempfang danach: Wussten Sie, dass Andy Grote, Olaf Scholz und Donald Trump am selben Tag Geburtstag haben?

Merrily we roll along

Guten Abend, meine Damen und Herr*innen, ich begrüße Sie zur Idiotenschau. Das wichtigste zuerst: Meike und Sascha haben sich getrennt. Berlins digitalstes Ehepaar ist nicht mehr, schon seit letztem Jahr. Klingt eher unaktuell, ist es aber nicht. Denn Meike macht keine halben Sachen und hat schon kurz nach der Trennung ein Buch über den Anfang und das Ende der männlichen Zivilisation veröffentlicht, mit dem sie noch immer fleißig Klinken putzt. Das Private ist politisch, natürlich, erst recht bei Mighty Meike und erst recht auf Twitter, und daher wird ihr Beziehungsmüll auch weiterhin zu gesellschaftlicher Relevanz hochgejazzt. Sascha Lobo dagegen ist offenbar schon wieder neu verheiratet, mit einer ähnlich sendungsbewussten Trulla, nur eben einem jüngeren Modell. Soll vorkommen. Jeder nur eine Tüte Popcorn bitte. Von den Promi-News zur Politik: Die Taliban weigern sich, die Frauenquote umzusetzen, deshalb werden ihnen jetzt die Hartz-IV-Bezüge gekürzt. So geht Außenpolitik mit harter Hand. Und für den plötzlichen Popularitätsschub von Olaf Scholz gibt es eine ganz einfache Erklärung: Bitte klicken Sie hier. Die Fähigkeit, im richtigen Augenblick ein süßes Hundebaby in die Kameras zu halten, unterscheidet den Polit-Profi eben noch immer von den Amateuren aus der zweiten Reihe. Apropos Wahlkampf: rennen die jungen Leute (wie von einschlägigen ÖRR-Aktivisten immer wieder hartnäckig verbreitet) einig und geschlossen den apokalyptischen Angstneurosen einer schwedischen Autistin hinterher, so gebührt ihnen unser aller tränenreicher Dank. Stellt sich allerdings heraus, dass sie in Wirklichkeit vielleicht doch lieber die FDP wählen, so handelt es sich dabei um eine von finstereren Mächten ferngesteuerte unverantwortliche Rasselbande, die schleunigst umerzogen gehört. Deutschen demokratischen Dank für Ihre Gebühren.

Düstere Gedanken, ohne erkennbaren Zusammenhang: Neulich schaute ich mir ein altes Interview mit David Foster Wallace an, bei dem er, wie so oft, ein Bandana trug, also diesen seltsamen, einst modischen Kopfverband. Es war quasi sein Markenzeichen. Damit sah er immer ein wenig aus wie ein Mitglied der Suicidal Tendencies – was leider sehr ironisch ist, da er bekanntermaßen Selbstmord beging. David Foster Wallace litt seit seiner Jugend an schweren Depressionen und nahm wohl auch entsprechend lange Medikamente dagegen ein. Irgendwann hielt er es trotzdem nicht mehr aus. Im Alter von 46 Jahren erhängte er sich an einem Balken seines Hauses. Ein Schriftsteller, der sich erhängt, wird natürlich umgehend zur Kultfigur, vor allem wenn er ein solches Buch hinterlässt. Infinite Jest bzw. Unendlicher Spass – hat das überhaupt jemand gelesen? Ich jedenfalls nicht. Stattdessen schaue ich mir Interviews mit dem Autoren an, das ist schon anstrengend genug. Infinite Jest schien mir schon immer eines jener Werke zu sein, durch das Kritiker sich pflichtbewusst durchwühlen und das sich Bildungs-Poser gerne ins Regal stellen – das aber niemand wirklich vollständig erfasst, geschweige denn verstanden hat. So wie frühere Generationen den Ulysses. Ich mag mich irren, also noch einmal die Frage: Wer hat’s gelesen? Ich bitte um Handzeichen.


An dieser Stelle folgen wieder einige Glotz-Empfehlungen – ein paar ausgewählte Dokumentarfilme, die ich (wo sonst) auf Netflix entdeckt habe. Trailer verlinke ich diesmal nicht, Googeln’se das Zeug doch selbst. Bei Interesse.

Bob Ross: Happy Accidents, Betrayal & Greed

Was ich hier gelernt habe: Als Bob Ross mit seinen putzigen Do-it-yourself-Videos auch hierzulande bekannt wurde (ich glaube, das war in den späten 90ern), war der Mann selbst längst mausetot und sein Erbe wurde von einer raffgierigen ehemaligen Geschäftspartnerin vermarktet. Diese hatte sich noch kurz vor dessen Tod und gegen seinen ausdrücklichen Willen den Namen Bob Ross vertraglich unter der Nagel gerissen und verdient mit Bob Ross Inc. bis heute Millionen. Sein eigener Sohn, den Ross ursprünglich als Nachfolger vorgesehen hatte, klagte dagegen, ging bisher aber leer aus. Was ich außerdem gelernt habe: Erfinder der kitschigen Express-Landschaftsmalerei war eigentlich der in Ostpreußen geborene Wilhelm Alexander, Bob Ross verhalf ihr allerdings aufgrund seiner einschmeichelnden TV-Präsenz zum weltweiten Durchbruch. Was ich nicht gelernt habe: Ein schneebedecktes Gebirge in nur 20 Minuten zu malen.

John Was Trying to Contact Aliens

Ein besonderes Porträt, ebenso kurz wie anrührend. Wir lernen einen echten Außenseiter kennen, einen Mann namens John Shepherd, der zurückgezogen im Haus seiner Großeltern lebt und dort im Laufe der letzten 30 Jahre eine monströse Anlage zusammengebastelt hat, mit der er unermüdlich Außerirdische zu kontaktieren versucht. Da der sensible und sympathische Kauz außerdem noch über eine umfangreiche eklektische Musiksammlung verfügt, beschallt er das Weltall nicht einfach mit kryptischen Signalen, sondern abwechselnd mit Jazz, deutschem Progrock und Reggae aus den 70ern. Irgendwann lernt John dann allen Wahrscheinlichkeiten zum Trotz einen Gleichgesinnten kennen, einen Freund und Lebenspartner. Und da sitzen sie dann beide, bärtig, langhaarig und glücklich, mitten in der amerikanischen Provinz. Zwei Aliens, die sich gefunden haben. Sehr schön.

Best Worst Thing That Ever Could Have Happened

„Dein Leben musst du vorwärts leben, verstehen wirst du es rückwärts“. Selten passte dieser Kalenderspruch besser als auf die Geschichte, die hier erzählt wird, und das gleich im doppelten Sinn. Es ist die Geschichte eines legendären Flops. 40 Jahre ist es mittlerweile her, da landete Stephen Sondheim, der Großmeister des anspruchsvollen Musiktheaters, zwischen zwei fulminanten Erfolgen – Sweeney Todd (1979) und Sunday in the Park with George (1984) – auch mal einen richtigen Misserfolg. Sein Titel: Merrily We Roll Along, ein Musical über die Träume junger Menschen (basierend auf einem gleichnamigen Theaterstück aus den 30er Jahren), und das, was ca. 25 Jahre später aus diesen Träumen geworden ist. Auf der Bühne wird ihre Geschichte rückwärts erzählt, das heißt die Protagonisten sind am Anfang des Stückes um die 40, verbittert und zynisch, und am Ende wieder so jung und hoffnungsvoll wie ihre Darsteller. Denn, und das sollte wohl der Clou sein, die Besetzung von Merrily We Roll Along bestand ausschließlich aus noch unbekannten Nachwuchsdarstellern, einige davon noch im Teenager-Alter. Eine charmante Idee, aber irgendetwas daran hat damals nicht funktioniert. Nach einer Serie chaotischer Voraufführungen, spontaner Umbesetzungen sowie fast durchgehend vernichtenden Kritiken wurde das Stück vorzeitig abgesetzt. Was sich die jungen Darsteller als Start einer glänzenden Broadway-Karriere erhofften, zerplatzte so innerhalb weniger Wochen im Nichts. Einer von ihnen war übrigens Jason Alexander, der dann zehn Jahre später als George Costanza in Seinfeld berühmt wurde. Er und einige andere der nach dieser frühen Enttäuschung sehr unterschiedlich verlaufenen Biographien finden am Ende zu einer Art Broadway-Klassentreffen wieder auf der Bühne zusammen. Sie stimmen die alten Lieder wieder an und liegen sich heulend in den Armen: „Growing up, understanding that growing never ends“ … Ein faszinierendes Beispiel für Life imitating art. Für Sondheim-Nerds natürlich besonders lohnend, mit jeder Menge Originalaufnahmen, Interviews und Proben von 1981.

Jim & Andy: The Great Beyond

Dass Jim Carrey nicht alle Tassen im Schrank hat, ist bekannt. Nie zuvor, und wahrscheinlich auch nie wieder danach, wurde dies aber deutlicher als während der Dreharbeiten zu Man on the Moon, in dem er Andy Kaufman spielte. Wobei er ihn eben nicht spielte, Jim Carrey war Andy Kaufman. Und er hat diesen, jegliches Method Acting überschreitenden Wahnsinn, mit dem er damals sämtliche Kollegen und selbst Regisseur Miloš Forman die letzten Nerven raubte, dokumentarisch festhalten lassen. Die Produzenten von Man on the Moon hielten die Aufnahmen jahrelang unter Verschluss, weil sie einen Image-Schaden sowohl für den Film als auch für dessen Hauptdarsteller befürchteten. Nun aber kann man sich diese herrliche Shit Show in all ihrer Pracht anschauen. Es gibt hier allerdings doch weitaus mehr zu sehen als den vermeintlich außer Kontrolle geratenen Ego Trip eines Schauspielers. Indem er derart konsequent in seiner Rolle aufging, ließ Carrey sein großes Vorbild Andy Kaufman tatsächlich wiederauferstehen – und zwar so realistisch, dass selbst Kaufmans Schwester irgendwann überzeugt war, mit dem echten Andy zu reden. Irre. Anarchisch. Großartig. Unvergleichlich. Und am Ende doch noch ein Link.

Ens Käufens und ens Einkaufspritz (Freiheit, Bratwurst, Orgasmus!)

In meinem Traum jagt mich der Chefredakteur des Tagesspiegel mit einer riesigen Injektionsnadel durch das IKEA-Bällebad. „Ich schieß dir den Booster in deine Kniescheiben, du Sau!“ schreit er mit der Stimme von Sophie Rois (ich hatte mir vorm Einschlafen noch dieses alte Schlingensief-Hörspiel reingezogen), während die Antifa-Jugend Lichtenberg ihn mit lauten „Spritze rein! Spritze rein!“-Sprechchören anfeuert. „Jedens Käufens muss ens Einkaufskorbsens!“ ruft mir der Filialleiter hinterher, der aussieht wie Lann Hornscheidt. Ich flüchte über die Küchenabteilung auf den Parkplatz. Dort wird gerade der Millionste Impfling im Drive-In gefeiert, er erhält ein goldene Bratwurst – Jubel und donnernder Applaus, die Nationalhymne erklingt. Alle sind vor Ort: ARD, ZDF, RBB, RTL, CNN, Al Jazeera, Rezo, Merkel, Böhmermann, Barbara Schöneberger und der Kinderchor der deutschen Bischofskonferenz. „Jesus hätt‘ sich impfen lassen“ stimmen sie ihr fröhliches Lied an, bald rufen alle nur noch „Jesus! Jesus! Jesus!“ David Hasselhoff befragt die Leute in der Autoschlange. „Es ist wie damals nach der Maueröffnung“, erzählt Yvonne (54) mit zitternder Stimme, „Wir sind extra aus Strausberg angereist, mein Mann, die Kinder und ich, seit heute morgen um sechs sind wir unterwegs!“ Hasselhoff dreht sich zur Kamera: „Da hören Sie es: Eine Schlange in die Freiheit! Und am Ende wartet die Bratwurst als Belohnung, so wie damals die Banane! Are you looking for Freedom? Was für ein historischer Moment! Das ist der Wahnsinn! Die Menschen hier sind überglücklich und dankbar, Emotionen pur, das müssen Sie gesehen haben! Wir schalten jetzt zu meiner Kollegin Dunja Hayali, die gerade live auf TikTok ihre Blutgefäße streamt. Dunja, can you here me? Dunja?! Dunjaaa!!!“ „Jaaa, Danke, David! Es ist ein so überwältigendes Gefühl, den Impfstoff zu spüren! Mit Worten kaum zu beschreiben … Happy! Relieved! Released! So lange mussten wir warten, jetzt endlich ist es soweit! Und ich glaube, ich kann wohl für alle hier sprechen, wenn ich sage: Ich freu mich auf den nächsten Schuss!“ Die Menge ist nun vollkommen außer Rand und Band, Menschen verlassen spontan ihre Autos, fallen sich solidarisch in die Arme, überall Tränen der Freude, fliegende Bratwürste, spontane Orgasmen. „Wie damals!“, ruft Yvonne, „wie damals!“ Dann sind plötzlich die Würste alle, IKEA geht in Flammen auf und ich wache auf.

Deutschland im August 2021. Tugässa ägäinst Korrona. Alpha, Beta, Gamma, Delta, Epsilon, Zeta, Eta, Theta, Greta, Jota, Kappa, Lambda, Lorem-ipsum, Gummizelle … Fortsetzung folgt. Ich tauche erst einmal wieder ab. Macht’s gut, ihr alten Cracknutten! Bis zum Herbst.

Domo Arigato, Mr. Roboto

Science Fiction des Monats: die Bundeswehr startet ihr eigenes Weltraumkommando. Hurra, endlich wird den irren Milliardären aus den USA mal gezeigt, wo der Hammer hängt! Weltraumkommandeur*in Annegret Kramp-Karrenbauer hat zu diesem Zweck auch schon ein Schild enthüllt, in spätestens 50 Jahren sind dann die ersten deutschen Space-Panzer unterwegs. Auch im Bereich der Künstlichen Intelligenz geht es voran: Bereits im nächsten Jahr soll der Bundes-Android Lauterbach durch ein brandneues, störungsfreieres Update ersetzt werden. Karl 22 wird noch mehr Kompetenzen haben als sein Vorgängermodell und die Bürger schnell, unbürokratisch und ungefragt mit Expertenwissen zu den Themen Heuschnupfen, Schlammcatchen, Gender, Glutenfreie Ernährung, Klimawandel, transhumanistische Genetik und Herrenmode versorgen. Barrierefrei und in einfacher Sprache. *bleep-bleep*

Glotz-Content des Monats: Mr. Robot (auf Amazon Prime). Wieder so eine Serie, die erst mit einigen Jahren Verspätung bei mir angekommen ist. Ein zwiespältiges Erlebnis war das. Die ersten beiden Staffeln sind wirklich überragend. Großartige Atmosphäre, originelle Erzählung, toller Soundtrack (der Original Score stammt von Mac Quayle, der u. a. auch die Musik zu The Assassination of Gianni Versace beisteuerte). Dabei sind die Themen nicht wirklich neu: Das gespaltene Ich, die Suche nach der eigenen Identität in einer dystopischen Gesellschaft, Überwachung, Paranoia, Revolution, alles ist drin … aber es passt. Bis der Geschichte irgendwann die Luft ausgeht. Denn mit der dritten Staffel stürzt sie leider mächtig ab, wirkt zerfasert und nur noch planlos. Sehr schade. Mir kam es so vor, als wäre die Hacker-Serie irgendwann selbst gehackt worden – von ein paar überforderten Regie-Azubis, die mit den Figuren nichts mehr anzufangen wussten. Die Hauptfigur hat mich allerdings schon vorher genervt. Die Sache mit seiner dissoziativen Persönlichkeitsstörung, anfangs noch der Motor der ganzen Story, erschien mir irgendwann nur noch als ein überstrapazierter Running Gag. Der Knabe entwickelt sich überhaupt nicht weiter, er scheint im Gegenteil mit fortschreitender Handlung immer dümmer zu werden. Fahrig und dauernuschelnd torkelt er durch eine Welt, die er zwar nicht versteht, aber permanent zu „retten“ versucht. Wesentlich überzeugender sind hier die zahlreichen charismatischen Nebenfiguren, deren Geschichten aber entweder gar nicht oder leider nur sehr unbefriedigend zu Ende erzählt werden. Stattdessen gibt es jede Menge unsinnige Gimmicks, Seitenhiebe auf Trump und die blutig gefolterte Tochter von Meryl Streep zu bewundern. Das Finale verspricht dann ganz kurz doch noch eine clevere Auflösung, ersäuft am Ende aber in larmoyantem Kitsch. Geh ins Licht, Mr. Robot, geh ins Licht!

Schließlich sind da noch die vielen offensichtlichen Referenzen: The Matrix, Fight Club, 12 Monkeys … sowie eigentlich jeder Hackerfilm, den ich bisher gesehen habe. Und es gibt einige Szenen, die sind so eindeutig an David Lynch angelehnt, dass es fast schon eine Frechheit ist. Bei Lynch ist Surrealismus ja Programm, hier wird er dagegen wie eine alberne Garnitur dazwischen gestreut. Auf Wikipedia ist zu lesen, dass der Regisseur Sam Esmail Mr. Robot ursprünglich als Film konzipiert hatte. Wäre er mal bei diesem Konzept geblieben. Das ist Ding eindeutig zu lang und ihm am Ende offenbar über den Kopf gewachsen. Vielleicht ist das alles aber auch nur mein ganz persönliches Problem. Ich habe vermutlich einfach schon zu viel gesehen. Die allwissende bloggende Müllhalde muss ihre Festplatte wohl einfach mal wieder neu formatieren, oder am besten gleich ins Feuer werfen, so wie es die Hacker in Mr. Robot tun. Und die ganze Film- und Serienindustrie gleich hinterher. Burn, Hollywood, burn!


Abbildung: Screenshot aus dem besseren Teil von Mr. Robot

Meine Opfer sind bei den Gedanken

Was der AfD die Messermorde, sind den Klimahüpfern die Flutkatastrophen (wahlweise auch 30 Grad im Schatten, irgendwas mit Wetter jedenfalls). Es wird wie auf Bestellung Schuld verteilt und Wahlkampf gemacht. Oder eben abgewiegelt und zur Mäßigung aufgerufen. Wie es gerade passt. Denn wenn der Feind bekannt ist, hat der Tag Struktur (offizielles Dalai-Lama-Zitat). Textbausteine und Trauerkerzen gibt es in jedem Fall gratis oben drauf. In diesem Theater bleibt kein Auge trocken und kein hohle Phrase ungenutzt: Merkel hat mitgemessert, Weidel hat mitgeschossen und Laschet hat mitgeregnet. Im Sozialismus wäre das alles übrigens nicht passiert. Schauen Sie doch nach Kuba. Die Leute haben vielleicht nichts zu futtern, aber wenigstens stimmt die CO2-Bilanz. Die wissen einfach nicht, wie gut sie es haben. Buena Vista Tunnelblick. 

Gott ist eine Umschalttaste

Viel war in letzter Zeit über den Wandel der deutschen Sprache zu lesen. Über Gender-Sternchen und Binnenlaute, über die Abschaffung der Damen und Herren sowie die inklusive Umwandlung von Bundestrojanern (neu: auskundschaftende Personen) und sonstigen Terroristen (neu: Terrorisierende). Aber sind damit die Potentiale von Rechtschreibung und Grammatik wirklich schon ausgeschöpft? Wenn Ihnen das alles noch nicht weit genug gehen sollte, wenn Sie die deutsche Schriftsprache grundsätzlich als experimentelle Performance begreifen und Texteditoren gerne richtig bluten lassen, wenn Sie darüber hinaus ein Herz für Gott und Vaterland haben, sich für Chemtrails, den Nahen Osten, die Bilderberger, Schusswaffen, Solarenergie, Zahnersatz und das ewige Leben interessieren, dann schauen Sie unbedingt bei DEN GERMANEN vorbei! Hier werden Sie nicht nur formal, sondern auch inhaltlich überwältigt werden. Tatsächlich haben DIE GERMANEN in Personalunion ihres Gründers, Vorsitzenden und offenbar einzigen Mitgliedes ein Textwerk zusammengestellt, das in seiner schieren Ausführlichkeit alles in den Schatten stellen wird, was Sie bisher im Internet gelesen haben. Denken Sie an eine Mischung aus Ulysses, der Bibel und dem Telefonbuch, garniert mit gut der Hälfte aller jemals bei Youtube veröffentlichten Aufklärungsvideos. Ver-STEHEN Sie, was I-C-H Ihnen damit SAGEN will ???

House of Cards (Saure Gurken Edition)

Wenn man schon abschreibt, dann sollte man sich wenigstens nicht erwischen lassen.
(Claudia Roth, 2011)


Frühjahr 2021: Ganz Deutschland ist im Impffieber. Ganz Deutschland? Nein. Irgendwo in Berlin wird eine Kandidatin ins Rampenlicht geschoben. Jung, frisch, pausbäckig, grün, Liebling der Medien, was kann da schon schief gehen? Der STERN jubelt, der SPIEGEL ist außer sich und das ZDF bekommt feuchte Höschen. Zur Begleitung der anrollenden PR-Kampagne wird auch noch schnell ein Buch auf den Markt geworfen. Natürlich hatte die Kandidatin keine Zeit, das Buch selbst zu schreiben. Stattdessen liefert ihre Praktikantin dem dazu eilig angemieteten Journalisten die wichtigsten Stichpunkte: Alles Neu, alles Grün, Jetzt, Morgen, Übermorgen, Zukunft, Klima, Quote, Gerechtigkeit, Windmühlen, Jesus, Europa, Friede, Freude, Eierkuchen. Der Journalist nimmt die Stichpunkte und rennt damit durchs Internet, denn auch er hat keine Zeit und die Deadline für den Druck war vorgestern. Die so zusammen gestoppelten Textbausteine werden gerade noch rechtzeitig zwischen zwei Buchdeckel gepresst und ab geht die Post. Wird schon keiner merken, machen doch alle so und außerdem liest die Scheiße doch sowieso niemand. Die Kandidatin braucht halt was um es in die Kamera zu halten bei den Presse-Terminen. 

Drei Monate später. Krisenstimmung. Irgendjemand hat die Scheiße wohl doch gelesen. Und gegoogelt. Und dann das Ergebnis mit den öffentlichen Auftritten der Kandidatin, bei denen sie meist das rhetorische Geschick eines Teletubbies zur Schau stellt, gegengerechnet. Dann kommen Geschichten über verschlampte Parteigelder, schiefe Lebensläufe und fragwürdige Stipendien. Der Wind dreht sich, Anne Will wird unfreundlich und die taz bläst zum Angriff. Auf ihrem Anrufbeantworter ist das Lachen von Martin Schultz zu hören. Das Wahlkampfteam versichert der Kandidatin, dass sie nichts falsch gemacht habe, die Umfragen weiterhin top sind und dass sie diese ganz offensichtlich direkt aus Moskau gesteuerte faschistische Hetzkampagne schon bald im Stahlgewitter demokratischer Aufrichtigkeit zerschmettern wird. #JetztErstRecht