Per Anhalter durch den Posthumanismus

Seit Keanu Reeves in einem düsteren Treppenhaus die selbe Katze zwei mal hintereinander sah, wissen wir: ein Déjà-vu ist nur ein Fehler in der Matrix, bzw. die freundliche Erinnerung daran, dass wir wohlmöglich in einer simulierten Realität leben. Ganz ähnlich geht es mir, wenn ich wieder mal ein paar junge spanische Hipster erblicke, die fast genau so aussehen wie ostdeutsche Kunststudenten aus den 80ern. Es ist der gleiche Look, die gleiche Ästhetik, dieser Mix aus Ausstellungsbesucher- und Dissidenten-Chic, nicht mal ironisch gebrochen, nur eben zum zwölften Mal aufgewärmt. Nach der Simulationshypothese von Nick Bostrom besteht die mindestens 33-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass wir alle (Sie, ich, dieser Blog, die Bundesregierung, Donald Trump, die spanischen Hipster und der Geist von Karl Lagerfeld) tatsächlich nur Teil einer gigantischen Simulation sind – programmiert von einem posthumanen, Pizza-fressenden Superhirn. Und dem gehen halt auch mal die Ideen aus, daher die Déjà-vus und diese ständigen Retro-Trends. Mein Rat zum Wochenende sowie für den Rest dieses ganzen „Lebens“: die rote Pille vor dem runterschlucken immer erst gründlich zerkauen. Und vor allem: #LearnToCode!

Werbeanzeigen

Unter Leuten – The Musical

Yesterday’s weirdness is tomorrow’s reason why. 
(Hunter S. Thompson)

Schauplatz Victoria-Bar, vier Uhr morgens. Ich sitze vor meinem zwölften Wodka-Martini und weiß nicht mehr genau, warum ich eigentlich hier bin. Unter dem Tisch liegt Ben Becker und isst Erdnüsse, die Stimmung ist ausgelassen. Neben mir sitzt eine Frau und lallt mir ins Ohr. Sie verwechselt mich mit jemandem, ich glaube mit Tom Tykwer. Sie ist ganz schön geladen, war heute schon auf mindestens fünf verschiedenen Berlinale-Empfängen. Seit dem frühen Abend pitcht sie tourettehaft ihre Drehbuch-Konzepte durch die Stadt und jetzt bin ich wohl dran. Sie würde wirklich gerne die Lebensgeschichte von Greta Thunberg verfilmen, mit Emma Schweiger in der Hauptrolle. Wir sollten das jetzt machen, meint sie, denn wenn wir das nicht machen, macht es ein anderer! Na, dann machen wir das jetzt mal schnell, sage ich, schließlich bin ich jetzt Tom Tykwer und hackedicht. Die Tür geht auf und Dieter Kosslick fällt herein. Auch er weiß eigentlich nicht, warum er hier ist, aber er hat draußen den roten Fußabtreter gesehen und dachte, er schaut mal rein. Alte Gewohnheit. Alle lachen, hahaha, der Glamour-Dieter, der weiß, wie man einen Auftritt hinlegt! Saalrunde, jetzt wird nachgetankt! Heike Makatsch kommt vorbei und fragt, ob wir ihren Hund gesehen hätten – einen alkoholsüchtigen Mops, der aussieht wie Moritz von Uslar. Die Pitcherin hängt mir immer noch am Ohr. Was richtig Großes will sie endlich mal machen, lallt sie, eine Juli-Zeh-Verfilmung, einen Tatort, oder was mit Cate Blanchett! Ob ich nicht zufällig die Nummer von Cate Blanchett hätte? Alles langweilig, lalle ich zurück, sie soll sich mal was neues trauen, Prost, meine Liebe! Jetzt kommt sie in Schwung … Ja, wir müssen die Leute mal wieder aus den Sitzen hauen, den Zeitgeist ficken, mal was richtig kontroverses machen … was mit Nazis und Klimawandel und allem drum und dran, aber edgy und experimentell, denk an Fatih Akin, Schlingensief, Werner Herzog, nur viel krasser … auf Netflix, mit einem Nachwuchsregisseur, der Asperger hat und seine Schauspieler anschreit … Ich fange an zu singen … Schließlich einigen wir uns dann auf einen apokalyptischen Klima-Thriller, in dem ein sprechender Mops namens Greta (gespielt von Udo Kier) im Hambacher Forst ein unterirdisches Folter-Labor betreibt und aus den Knochen von AfD-Wählern Solarbatterien herstellt – zu gleichen Teilen episch und splatterhaft erzählt, Cloud Atlas meets Deutsches Kettensägenmassaker meets Stalker meets Unterleuten, aber als Musical und in schwarz-weiß. Wir müssen das jetzt machen, rufe ich, sonst macht das ein anderer! Dann rutsche ich vom Stuhl und streite mich mit Ben Becker um die letzten Erdnüsse. Cut!

red

Im Reich der Zähne und der Tränen

Anlässlich der 1000. Staffel von Germany’s Next Topmodel möchte ich hier einen Text abladen, den ich vor ungefähr sechs Jahren nach dem damaligen Finale eben jener wunderbaren Sendung verfasst habe und den ich bisher, soweit ich weiß, noch nicht im Internet veröffentlicht hatte. Bekanntermaßen sind Keith Richards und Heidi Klum die einzigen Menschen, die den nächsten Atomkrieg überleben werden, aus ihnen wird dereinst die neue Superrasse entstehen. Bis dahin gilt: immer schön einen Fuß vor den anderen, Personality zeigen und Gas geben – denn die Konkurrenz schläft nicht!


Ein Sandsturm zieht auf. Erbarmungslos peitschen Millionen kleiner Steine in das aufwendig geschminkte Gesicht eines Mädchens. Sie sitzt in einem offenen Helikopter und versucht, nach unten zu schauen. Gleich wird sie hinabgeworfen werden, fünfhundert Meter in die Tiefe, während sie für einen vorbeifliegenden Fotografen posieren soll. „Sexy! Sexy! Sexy!“ schreit eine Stimme irgendwo aus den wirbelnden Sandmassen. Wenn sie unten ankommt – in der mongolischen Wüste, in Dubai oder mitten auf dem Gaza-Streifen (sie hat während ihrer interkontinentalen Mission der letzten Wochen etwas Überblick verloren) – dann wird sie ihrem Ziel wieder einen Schritt näher sein. Vorausgesetzt sie überlebt den Aufprall und das nächste Foto-Tribunal … 

Als ich aufwache, ist es kurz vor Mitternacht. Ich habe das große Finale verpasst. Ich reibe mir die Augen und schalte den Fernseher ein. Dort stehen zwei Blondinen mit Moderationskärtchen auf einer zerstörten Großraumbühne. Überall liegt Konfetti. Es scheint vorbei zu sein, die Schlacht ist geschlagen. Aber die Blondinen kündigen noch ein Heidi Klum-Special an, das dem Zuschauer alles über den schillernden Werdegang des deutschen Weltstars verraten soll. Vielleicht gibt es da draußen ja wirklich noch Menschen, die noch nicht genug über sie wissen. Und so erfahre ich zum fünfhundertsten Mal, dass es ein Bikini war, der die zentrale Rolle auf ihrem Weg zum Ruhm spielte. Insgesamt wird Frau Klum hier als genau das präsentiert, wofür sie die Journaille ihres Heimatlandes so verachtet: eine mopsfidele Vermarktungsmaschine mit sehr vielen weißen Zähnen, die sie uns bei jeder passenden Gelegenheit wie eine Waffe entgegenblitzen lässt. In diesem Moment wird mir klar, dass ich gar nichts verpasst habe, die Gewinnerin stand längst fest, sie heißt wie immer: Heidi! Heidi! Heidi! Das ist alles, was ich wissen muss. Die Mission ist erfüllt, die Demütigungen sind überstanden und die Namen der Opfer bereits vergessen. Einmal, es liegt bereits Jahre zurück, da strahlte am Ende der gleichen Veranstaltung so etwas wie Wahrhaftigkeit aus Heidi Klum heraus. Es war spät, wieder war alles voller Konfetti. Sie wurde in eine Kulisse geschoben und vor laufender Kamera gefragt, wo denn ihre Familie sei. Für diesen kurzen Augenblick hörte ihr Gebiss auf zu blitzen und sie sprach: „Die wissen gar nicht genau, was ich hier mache, und das ist eigentlich auch ganz gut so.“

Zähne und Tränen, das sind die wesentlichen Bestandteile dieses bizarren Wettbewerbes, der Rest sind niedere Instinkte, eine niedere Komik und ein noch viele niedereres Vokabular. Worte aus einer anderen Welt, einer Welt ohne Sinn und Grammatik, einem debilen Reich, das sich selbst genügt. Ja, niedrig ist diese Sprache – so niedrig, dass sie nicht einmal mehr am Boden liegt, sondern bereits eingesickert ist in die oberen Erdschichten, wo sie sich mit all dem Konfetti, den Tränen und dem Blut der Opfer vermischt. Aus diesem faulenden und nährreichen Humus wird schon bald wieder neues Leben entstehen.

Eierköppe am Rande des Nervenzusammenbruchs

Leute, die unter der Menschheit gelebt und sie überlebt haben, sind als Täter und Sprecher einer Gegenwart, die nicht Fleisch, doch Blut, nicht Blut, doch Tinte hat, zu Schatten und Marionetten abgezogen und auf die Formel ihrer tätigen Wesenlosigkeit gebracht. Larven und Lemuren, Masken des tragischen Karnevals, haben lebende Namen, weil dies so sein muß und weil eben in dieser vom Zufall bedingten Zeitlichkeit nichts zufällig ist.

(Karl Kraus, „Die letzten Tage der Menschheit“)


Es ist noch gar nicht so lange her, kurz nach dem Beginn des neuen Jahrtausends war es, da beschloss eine kleine Gruppe gewitzter amerikanischer Studenten, aus einigen zutiefst menschlichen Bedürfnissen (Essen fotografieren, fremden Leuten die Meinung geigen…) ein großartiges und profitables Imperium zu errichten. „Hier“, so sprachen sie zu den Menschen, „habt ihr eine Bühne, um euch darzustellen“, und die Menschen taten es eifrig und zahlreich und sie bezahlten mit den digitalen Spuren ihrer Selbstdarstellungen. Irgendwann verloren die ersten von ihnen darüber den Verstand. „Oh nein!, so riefen sie, „Die dunkle Macht des Imperiums hat mein Leben zerstört!“ Sie jammerten, schlugen sich gegenseitig die Köpfe ein und riefen nach strengeren Gesetzen. Nur Einige meinten noch verschmitzt: „Aber Spaß hat es doch auch gemacht.“

ramelowbildschirmfoto 2019-01-20 um 11.49.58screenshot-twitter.com-2019-01-20-11-29-57-237worldrecordegg

Abbildungen: Soziale Medien 2019 (auszugsweise)

Für das Beste im Mann?

Liebe männliche Leser, fühlen Sie sich von dem folgenden Werbespot feminisiert, nachhaltig entmannt, vielleicht sogar kastriert? Oder einfach nur genervt? Sprechen Sie bitte offen und frei über Ihre Gefühle.

Der Lärm, der gerade um diese neue Marketing-Kampagne von Gillette gemacht wird, ist natürlich maßlos übertrieben. Dass Hersteller sich an hippe soziale Wohlfühl-Trends hängen, um das Image ihrer Produkte aufzuwerten, ist ja nun kein neues Phänomen mehr. Erinnern wir uns zum Beispiel daran, wie das Model Kendall Jenner mit nur einer Pepsi-Dose sämtliche modernen Protestbewegungen befriedet hat. Jetzt ist eben gerade der Kampf gegen die „toxische Männlichkeit“ an der Reihe. Die Botschaft bestätigt dabei nur das, was sich die moderne heterosexuelle Frau von ihrem Partner so alles erwünscht: Stark soll er sein und sensibel zugleich, ja die wahre Männlichkeit soll sich eigentlich erst in seiner Verletzlichkeit zeigen. All zu weinerlich soll er aber bitte auch nicht sein. So ein wenig Durchsetzungskraft wäre schon gut, aber bitte nicht zu viel. Der Mann soll die Frau nicht einschränken, ihr im Zweifelsfall den Vortritt lassen. Rücksichtsvoll soll er sich präsentieren, verständnisvoll und gerecht. Ein wahrer Gentleman also, ein edler Ritter, der sich heldenhaft und schützend vor die Schwachen stellt, der seinen Kindern ein leuchtendes Vorbild ist, das Dach repariert, die Rechnungen bezahlt und die Welt jeden Tag ein ganz kleines, herzerwärmendes Stückchen weit zu einem besseren Ort für uns alle macht. Der beste aller möglichen Männer. Ein Mann wie aus dem Märchenbuch. Dass jetzt so viele empörte Männer aus der realen Welt gleich zum Boykott sämtlicher Gillette-Produkte aufrufen, zeigt, dass die Kampagne offenbar einen wunden Punkt getroffen hat. Das mit der Aufmerksamkeit hat also schon mal funktioniert – ob sich die nun auch günstig auf die Umsatzzahlen auswirkt, bleibt abzuwarten. Denn am Ende wollen sie schließlich auch nur ihre überteuerten Rasierklingen verkaufen. Um nichts anderes geht es.

Heiner Müllers Jacke

Anlässlich einer Diskussion über Postmodernismus haben Sie von der „Arbeit am Verschwinden des Autors“ gesprochen. Wollen Sie sich und Ihre Kollegen zum Schweigen bringen?

Müller: Das habe ich wahrscheinlich gesagt, weil mich das Thema nicht interessierte. Darin kam meine Unlust zum Ausdruck. Die Veranstaltung war für mich eine Möglichkeit, umsonst nach New York zu kommen. Man wollte aber unbedingt von mir eine Rede hören. Also habe ich, damit man den Flug bezahlt, etwas abliefern müssen. Das Problem ist doch immer, dass ein Schriftsteller automatisch lügt, wenn er redet.

(Heiner Müller im Interview mit der ZEIT, 1987)


Wir sind immer noch auf der Suche nach Heiner Müllers Jacke. Warum? Mein bester Freund hatte Anfang der 90er Jahre einen Studentenjob als Kartenabreißer am Berliner Ensemble. Irgendwann, die genaueren Umstände sind mir entfallen, trug er dann plötzlich die Jacke von Heiner Müller. Jedenfalls soll Müller sie wohl auch mal getragen habe, so geht die Legende. In meiner Erinnerung war es eine braune Rauleder-Jacke, vielleicht auch eher ein Mantel. Mein Freund behielt die Jacke dann einfach und das gute Stück reiste in den folgenden Jahren mit ihm von Berlin aus durch die Weltgeschichte, nach Hamburg, Vancouver, Südafrika und werweißwohin. Heute wissen wir nicht mehr, wo sie abgeblieben ist. Sie liegt wohlmöglich noch in einem dunklen Keller in Hamburg oder Berlin. Vielleicht ist sie in einem Second-Hand-Shop gelandet oder bei der Altkleidersammlung. Es könnte also sein, dass irgendwo da draußen ein exzentrischer Mensch, vielleicht ein Obachloser, mit der Jacke von Heiner Müller herumläuft und es nicht weiß. Irgendwann einmal, vielleicht zu seinem 100. Geburtstag, wird der Heiner aus seinem Grab auferstehen, die alte Jacke finden und damit eine Nacht lang auf dem Wasser der Spree wandeln. Darüber werde ich dann ein Theaterstück schreiben, Arbeitstitel: Germania 4 – Gespenst an toter Jacke. Fragment. Schrei. Lüge. Heute wäre Heiner Müller (1929–1995) runde 90 Jahre alt geworden.

Läuft.

Heute Morgen gab es Gehacktes auf Twitter. Leider nicht mehr ganz frisch, es war eher Gammelfleisch, was der große #Hackerangriff da so alles an die Öffentlichkeit beförderte: Adressdaten, E-Mails, Chat-Verläufe, Urlaubsfotos und Bewerbungsschreiben von Politikern und einigen C-Promis – ein teilweise bis zu zehn Jahre alter, langweiliger Datenberg, mit dem eigentlich niemand wirklich etwas anfangen kann (glauben Sie mir, ich habe mir einen Teil davon angeschaut) und der die Betroffenen wohl einfach nur mal ordentlich erschrecken sollte. Weshalb das Ganze ausgerechnet auf einem Twitter-Account geleakt und dort einen ganzen Monat lang unbemerkt blieb? Denken Sie sich dazu bitte eine nette Verschwörungstheorie aus oder nehmen Sie es (so wie ich) einfach als Beweis für die Digital-Kompetenz der hiesigen Behörden. Die entsprechenden Accounts sind mittlerweile offline, dafür tobt munter der Expertenwettstreit mit den üblichen Phrasen („Was bisher bekannt ist!“, „Was jetzt zu tun ist!“). Außerdem hat natürlich wieder die Stunde der Symbolbilder geschlagen: magische Schlüssellöcher, Matrix-Tapeten und gesichtslose Gestalten in Kapuzenpullis – eben alles, was erscheint, wenn man bei shutterstock & Co. „Cyber“ in die Suchleiste tippt. Denn so sieht es nun einmal aus, das Internet: jede Menge herumfliegende grüne Zahlen, die unsere Demokratie kaputt machen. Bleiben Sie wachsam!

data

Abbildung: Achtung, irgendwo da drinnen sind die alten Einkaufslisten von Renate Künast versteckt! Quelle: geleakt.