Spaßberater außer Haus

Zunächst haben wir herausgefunden, dass die neue Spaßkultur tatsächlich weit verbreitet ist. Wenn Sie beispielsweise durch die Büros von Inventionland in Pittsburgh, Pennsylvania, gehen, einem Ideen-Labor, dann könnten Sie meinen, Sie seien auf einem Kinderspielplatz. Es gibt dort ein Piratenschiff, ein Baumhaus und einen gigantischen Schuh. Das ist ernst gemeint, dort sind Arbeitsplätze eingerichtet. Andere Firmen holen sich sogenannte Funsultants, Spaßberater, ins Haus, die sich Dinge für die Angestellten ausdenken. Es werden auch Komiker angeheuert oder Ausflüge organisiert, bei denen man Dinge tut, die Spaß machen sollen. Das gibt es auch an unserer Fakultät. Wir hatten kürzlich einen Ausflug, da sollten wir Beat-Boxen. Das war bizarr. Mehrere international bekannte Professoren versuchten, Michael Jacksons Billie Jean zu imitieren.

(André Spicer, „Arbeit ist Scheiße“, brand eins 03/2017)

Die Radikale Heiterkeit macht Sommerpause. Bis Ende August. Oder bis Oktober. Lassen Sie sich überraschen. Bis dahin verbleibe ich mit folgendem wertvollen Gedanken (frei nach Heiner Müller): Der Mensch ist etwas, in das man hineinredet, bis der Mensch aufsteht aus den Trümmern des Gesabbels.

Coward

Abbildung: Noël Coward in der Wüste von Nevada, 1955

Muss i denn, muss i denn … zum magnetischen Dienst?

Jetzt befinden wir uns hinter der Bühne, in der Garderobe von Sabine Sangitar. Sie hat die weltweit erste Kryonschule gegründet und ist Medium der neuen Zeit. Hallo Sabine. Du hast, wie gesagt, die erste Kryonschule auf der ganzen Welt ins Leben gerufen. Wie kam es denn überhaupt dazu?

Ja, also dazu muss i sag’n, dass i ja schon sehr lange Medium bin. Angefangen hat es eigentlich schon mit der Geburt – bin in ein Elternhaus geboren worden, was mi sehr spirituell erzogen hat, hab viele Jahre einen Lehrer gehabt, und hab lange Zeit die Christus-Energie gechannelt. Und irgendwann kam eines Abends nach getaner Arbeit die Wesenheit Kryon, die i nicht kannte, und hat mi daran erinnert, dass i einst ein Versprechen abgelegt hab: Medium der neuen Zeit zu sein und die 48 Schritte der Wirklichkeit durchzugeben, also die Botschaften weiterzuleiten, und das Ganze ist dann … hat sich dann als die Kryonschule gestaltet.

Und hast du dann auch gleich gesagt: „Ja, okay, mach ich“ oder wie war das?

Ja, ma hat ja immer die Wahl. Also selbst wenn man ein Versprechen abgeben hat, heißt es nicht, dass man es einlösen muss. Ich war eine erfolgreiche Familien-Therapeutin und mir war klar, wenn i des annehme, muss i alles andere canceln …

Ich unterbreche an dieser Stelle und fasse den Rest des Interviews wie folgt zusammen: Die Sabine hat dann tatsächlich alles andere gecancelt und channelt seitdem hauptberuflich die Wesenheit Kryon. Ja, Kryon vom magnetischen Dienst, genau der! Dass dieser nun bevorzugt mit bayerischem Akzent zur Menschheit spricht, kam der Sabine dabei sehr gelegen, denn … nun, hören Sie selbst. In Sabine Sangitars Kryonschule dreht sich alles um die Vermittlung der 48 Schritte des Erwachens. Ursprünglich sollten es nur 45 Schritte sein, aber Sabines Steuerberater riet ihr, noch drei draufzupacken. So ist dann die Kryonschule auch nicht ganz billig. Dafür lernt man dort aber u.a. die Aktivierung der 12-Strang-DNS, die Ausbildung des eigenen Lichtkörpers, Telekinese und schließlich Teleportation. Was man dadurch in Zukunft an Fahrtkosten einspart, lässt die großzügigen Überweisungen an den magnetischen Dienst leicht verschmerzen. Wie bin ich nur auf diese Website geraten? Ich weiß es nicht mehr. Ich muss wohl gerade „Kryonik“ gegoogelt haben (bei den warmen Temperaturen der letzten Tage kommt man schon mal auf die Idee, sich dauerhaft einfrieren zu lassen) und werde dann irgendwo falsch abgebogen sein. Was ich aber weiß: das Universum macht keine Fehler. Es ist die neue Zeit, so viel ist klar. Der magnetische Dienst braucht mich! Und während ich diese Zeilen niederschreibe, erhöhe ich jeden einzelnen Buchstaben mit meiner Energie. Sie werden diese Energie spüren. Versprochen.

Mit Musik klingt alles besser

Now I am a worker, I’ve suffered the way that you do,
I’ve been unemployed, and I’ve starved and I’ve hated it too,
But I found my salvation in Peron, may the nation
Let him save them as he saved me!

(Evita, A New Argentina)

Kennen Sie die Geschichte von dem Mann, der sich seit 25 Jahren ausschließlich von Pizza ernährt? Sein Motto lautet: „Pizza ist wie Sex. Sie ist auch gut, wenn sie schlecht ist.“ Das lässt sich über Martin Schulz nicht behaupten. Wenn der schlecht ist, dann aber richtig. So schlecht, dass selbst Menschen, die sich seit 25 Jahren von nichts anderem als der Hoffnung auf die Erneuerung der Sozialdemokratie ernähren, mittlerweile auf Diät sind. So schlecht, dass er aus Sandra Maischberger die Speerspitze des kritischen Journalismus macht. Das einzige, was Martin Schulz in deren letzter Sendung klar gemacht hat, ist, dass es für die Mehrheit der Deutschen tatsächlich keinen Grund mehr gibt, die SPD zu wählen. Es wäre aber nett, wenn sie es dennoch täten, so Schulz, denn schließlich sei Gerhard Schröder doch gegen den Irak-Krieg gewesen (wissen Sie noch?), und überhaupt: wenn Frau Maischberger nicht so fiese Fragen stellen würde, wären seine Umfragewerte auch nicht so schlecht. Er ist doch ein Mann aus dem Volke, ein ehemaliger Arbeitsloser, ein trockener Alkoholiker, ein Kämpfer, einer, der nur das beste für die Menschen will! Es hat doch alles so gut angefangen, lasst ihn jetzt nicht im Stich! Von Ferne hört man die Gattin singen: Es gibt nur Einen, der die Arbeiterklasse anführen kann, er lebt für eure Probleme, er teil eure Ideale, er unterstützt euch, er liebt euch, er ist einer von euch! Wie sonst könnte er mich lieben? Hörst du das, Andrew Lloyd Webber? Einsam flattert eine rote Fahne im Wind.

tumblr_oqivsaT0aJ1rte5gyo4_1280

In Planung: „Schulz – The Musical“

Gottes Beuteltiere

Ich hatte gehofft, dem großen Christenschubsen zu entkommen. Am frühen Abend bin ich dann aber doch in einen Schwarm dieser frommen Rucksackträger geraten. Sie tragen immer Rucksäcke, wirklich jeder Einzelne von denen. Weshalb eigentlich? Und wer bitte soll die hässlichen Beutel alle durchsuchen? Eine viertel Million gottverdammter Rucksäcke. Haben wir mittlerweile nicht mindestens Sicherheitsstufe Zwölfeinhalb? Dunkelrot? Terror Grande? Der größte Teil des Kirchentags-Budgets wird übrigens vom Berliner Senat aus Steuergeldern finanziert. Obwohl nur ca. 16 Prozent der Hauptstädter Mitglied der Evangelischen Kirche sind, Tendenz abnehmend. Man hofft wohl darauf, dass die Rucksäcke ausreichend Zaster zurück in die Stadt tragen. Return on Investment. Dabei sind Protestanten doch für ihre Knauserigkeit bekannt, auch 500 Jahre nach Luther. Die meisten übernachten irgendwo privat oder unter einer Brücke. Zum Essen bringen sie sich Früchteriegel mit. Nicht einmal die Taschendiebe werden was davon haben.

Worst. Job. Ever.

You’re nothing but a dirty, dirty old man
You do your thinking with a one track mind
Keep talkin‘ about heaven glory
but on your face is a different story

(Nina Simone, Funkier than a Mosquito’s Tweeter)

Wenn Donald Trump versucht, als Präsident ein „Problem“ zu lösen, macht er mindestens zwölf neue auf, das ist inzwischen bekannt. Eine Frage, die mich seit seinem Wahlkampf begleitet: Ist Trump die Endstufe des republikanischen Traums? Wie lange dauert es wohl noch, bis er sie alle mit in den Abgrund reißt? Und wie tief wird dieser Abgrund eigentlich sein? Es spielt keine Rolle. Sie werden es sowieso den Demokraten und der linksliberalen Presse in die Schuhe schieben, und die wiederum den Russen. Donald Trump spielt nicht nach den Regeln, auch das ist bekannt. Trump tritt nicht in Fettnäpfchen, er legt sich in zehn Meter breite Kuhfladen, mit dem Gesicht zuerst. Wie sich das anfühlen muss, seinen Boss aus einem dieser stinkenden Haufen wieder herauszureden, konnte man in dieser Woche am Gesicht von Sarah Huckabee Sanders ablesen, der temporären Ersatz-Dampframme von Sean Spicer. Am Mittwoch – kurz nach der Entlassung des FBI-Chefs, Trumps bisher wohl größter Kuhfladen-Aktion – trat Frau Huckabee vor die amerikanische Presse und erklärte in ihrem Eröffnungs-Statement, dass heute der Geburtstag ihrer Tochter Scarlett sei und die Journalisten daher bitte „nett“ zu sein haben. Fun Fact: der Vater von Sarah Huckabee Sanders, Mike Huckabee, ist der Lieblings-Politiker von Chuck Norris. Und ja, sie hat ironischerweise einen Mr. Sanders geheiratet, und ja, sie hat gerade die Journalisten gebeten, nett zu ihr zu sein – schließlich hat doch die kleine Scarlett heute Geburtstag, verdammt noch mal! Hätte Mel Brooks in den 70er Jahren eine Science Fiction Komödie über das Weiße Haus im Jahre 2017 gedreht, hätte sie ganz genau so ausgesehen.

Nicht nur CNN bezeichnet Donald Trump mittlerweile offen als geistesgestört. Auch Sarah Huckabee Sanders wird wissen, dass ihr Präsident nicht alle Tassen im Schrank hat, und dass es eigentlich vollkommen egal ist, was sie oder ihre Kollegen da jeden Tag auf den Presse-Briefings vortanzen, da Trump sowieso nur noch per Twitter, Fox News und innerhalb seiner eigenen Echokammer kommuniziert. Als Mami Huckabee begriff, dass niemand ihrer Bitte nach Nettigkeit nachkommen würde, entgleiste ihr recht schnell die Mimik. Es würde mich nicht wundern, wenn sie an diesem Mittwoch auf Scarletts Geburtstagsparty noch ein wenig Guantanamo mit den lieben Kleinen gespielt hat. Irgendwo muss der Druck schließlich hin.

Was weg muss, muss weg

Bekanntermaßen gibt es endlos viele Gründe, sich über Berlin aufzuregen. Am schönsten echauffieren sich natürlich immer noch die Berliner selbst, allen voran die guten alten Kiez-Opas. Zu denen gehört inzwischen auch dieser Kollege von der Berliner Zeitung. „Wenn ich etwas in Berlin nicht mehr ertragen kann, dann ist es die Unsitte, mit großer Selbstverständlichkeit auf Englisch vollgerülpst zu werden“ schreibt Jochen-Martin Gutsch. Und wenn ich etwas in Berlin nicht mehr ertragen kann, dann ist es das verbitterte Gejammer dieser alternden Ost-Bohéme, die auf dem besten Wege ist, das mentale Erbe der Wilmersdorfer Witwen anzutreten. Je älter sie werden, desto mehr jammern sie: Berlin ist übergeschnappt und peinlich. Berlin ist keine Weltstadt. Berlin hat Minderwertigkeitskomplexe. Berlin ist dies, Berlin ist das. Man kann hier keinen Kaffee mehr bestellen und deutsch gesprochen wird auch nicht mehr. Coffee? Ick gloob, ick spinne! Früher war mehr Mauer und mehr Gemütlichkeit, da war die Stadt noch überschaubar und nicht diese globalisierte, babylonische Hipsterhölle mit ihren dünnbeinigen jungen Menschen und diesen ganzen komischen Kaffeesorten! Das wird man ja wohl noch sagen dürfen! Apropos Großeltern in der Großstadt: Wissen Sie, worum uns die internationale Presse, inklusive der New York Times, ganz sicher schon bald beneiden wird? Um die original Berliner Hass-weg-Oma. Die Hass-weg-Oma ist sozusagen der verlängerte analoge Arm der Anti-Hass-Sprech-Bewegung. Dafür wird sie gleichzeitig vom Berliner Senat gelobt und von der Staatsanwaltschaft wegen Sachbeschädigung verfolgt. Crazy Shit. Coffee anyone?

Female Trouble

Es war eine dieser Dinner Parties, wie sie in fast jeder Folge stattfinden. Die Frauen kamen zusammen, begrüßten sich überschwänglich, Bussi links, Bussi rechts, sie tranken ein paar Gläser eisgekühlten Pinot Grigio und plauderten. Ein Drehbuch brauchten sie nicht, denn die Dynamik ihrer Zusammenkunft würde von ganz alleine dazu führen, dass die Stimmung nach nur wenigen Minuten dramatisch kippt. Es würde eine Konfrontation geben, keine Frage. Mindestens zwei der Frauen würden dann hysterisch herumschreien, sich gegenseitig ihre Drinks ins Gesicht kippen und wutentbrannt die Szene verlassen. Tränen, Close-Ups und … Cut!

Andy Cohen kommt in die Hölle. Zumindest wenn es nach den Tugendwächtern gediegener Unterhaltungskultur geht. Ich mag Andy Cohen, aber ich komme ja selbst auch in die Hölle. Andy ist ein kleiner Junge Ende vierzig, der sich im Süßwarenladen der US-amerikanischen Medienlandschaft reich und zufrieden gefuttert hat. Und der darüber immer noch jeden einzelnen Tag abwechselnd staunen und hysterisch kichern kann. Andy Cohen ist Produzent, TV- und Radio-Moderator, Autor und Society-Luder  – ein Hans Dampf in allen glitzernden Gassen. In New York ist er der Nachbar von Sally Field, der beste Freund von Sarah Jessica Parker und Anderson Cooper sowie überhaupt mit allem bekannt und vernetzt, was Rang, Namen und mindestens drei Platin American Express-Kärtchen besitzt. Vor allem aber ist er der Mastermind hinter den Real Housewives of (New York, Beverly Hills, Atlanta uws. – sie breiten sich aus wie Metastasen) … Dingenskirchen, einem der erfolgreichsten Reality-Trash-Programme der letzten Jahre. Das Rezept ähnelt dem vergleichbarer Formate: ein Haufen Wahnsinniger macht sich vor der Kamera zum Affen. Im Fall der Housewives-Serien ist das eine Gruppe überspannter Luxusweiber, die sich mit künstlich inszenierten Dramen gegenseitig durch die Gegend mobbt. Es ist wie auf dem Schulhof eines sozialen Problembezirkes. Nur dreißig Jahre später, mit jeder Menge Bling, Botox und Xanax. Aber es funktioniert. Einige der Housewives haben durch diese Sendung bereits sehr lukrative Medienkarrieren hingelegt. Damit ist eigentlich alles gesagt. Sollten Sie noch nichts von diesem Elend dieser faszinierenden Welt gehört haben und sich vielleicht gerade ein wenig von den französischen Präsidentschaftswahlen ablenken wollen (und auf diesem Wege gleich noch gratis ein paar Gehirnzellen verlieren wollen), dann schauen Sie doch mal hier.

andyc
See you in Hell, Andy! (Quelle: instagram.com/bravoandy)

Was hatte ich erwartet? Nur weil Freundin X mir wieder einmal – ganz ehrlich und ganz im Vertrauen – erzählt hatte, wie kaputt das Leben von Freundin Y ist, was das für eine überspannte Ziege sei, wie die ihren Mann betrügt und er sie natürlich auch, dass sie über ihre Verhältnisse lebt, ihre Kinder nicht richtig erzieht, schwer alkoholabhängig ist und sicher bald in der Psychiatrie landen wird, heißt das noch lange nicht, dass X und Y nicht die allerbesten Freundinnen sind und immer füreinander da sein werden. Natürlich. So funktionieren Frauenfreundschaften. Zumindest einige. Glauben Sie mir, ich habe es erlebt. Die Housewives sind real und sie sind überall. Zum Wohl!