Süßes oder Saures! (Poststrukturalistische Diabetes)

Eigentlich wollte ich etwas über das Ende des SPEX-Magazins schreiben, aber jetzt wird daraus wohl ein Text über BTS. Auf jeden Fall geht es um Popkultur. BTS? 방탄소년단!!! Sollten Sie Kinder im schulfähigen Alter haben, die Ihnen neuerdings auf koreanisch antworten, dann wissen Sie, was sich dahinter verbirgt – die Bangtan Boys, die aktuellen Helden des K-Pop und wahrscheinlich auch die neue Weltregierung. Ich selbst habe keine Kinder, könnte das Ganze als Vertreter einer älteren Generation also entspannt ignorieren. Könnte … in etwa so wie ich zuvor schon Justin Bieber, Taylor Swift, One Direction oder Cardi B hätte ignorieren können. Irgendwann aber war der Sog zu stark und ich habe mir all diese schon zehn Milliarden mal geklickten Videos dann doch angeschaut, mit dem Fuß gewippt und das so clever produzierte catchy-klebrig-bunte Zeug nicht mehr aus dem Kopf bekommen. Warnung: die Videos von BTS sind derart bunt und zuckersüß, dass man bei zuschauen Diabetes bekommt. Vielleicht ist das ja der zeitgemäße Ersatz für den grassierenden Hang zur zuckerfreien Ernährung. Irgendwoher muss die Energie schließlich kommen, und nur von Johnny Cash und Free Jazz wird man auf die Dauer eben auch nicht satt. „Süßes oder Saures!“ lautet das Motto der Saison. Möge die Macht mit den Jungs aus Südkorea sein und mit all den kreischenden Teenagern, die für sie in diesen Tagen vor Konzerthallen übernachten. Auf dass sie sich in ferner Zukunft dann über die Popstars der nächsten Generation wundern dürfen – über irgendein sexy Androiden-Quartett im Jahr 2050, vielleicht ja dann wieder in schwarz-weiß und mit Death Metal vom Mars.

sarah-takforyan-594225-unsplash_S

Hätte es die Bangtan Boys schon vor zwanzig Jahren gegeben, so hätte sie vielleicht ein findiger SPEX-Redakteur mit Michel Foucault quer gerechnet und daraus eine hippe poststrukturalistische Titelstory gesponnen. Soweit das Klischee in meinem Kopf. Jetzt bin ich also doch noch bei meinem ursprünglich geplanten Thema gelandet. Das Überraschendste an der Nachricht, dass die SPEX zum Ende des Jahres nun endgültig eingestellt werden soll, ist wohl die Tatsache, dass es sie überhaupt noch gibt. Professioneller Kultur- und Musikjournalismus ist tot, mausetot. Das interessiert schon lange keinen mehr. Und von der einst legendären Clique Kölner Salon-Marxisten und ihren mitunter anstrengenden Pop-Diskursen ist in den letzten Jahren nur noch ein Nischenmagazin von vielen mit Berliner Adresse übrig geblieben. Das Leser-Forum der SPEX war einst übrigens das erste soziale Netzwerk, das ich online genutzt habe, noch lange vor Myspace oder Facebook. Wir waren ein munterer Haufen Klugscheißer damals. Einige der Forumsteilnehmer hatte ich später auch persönlich kennengelernt, war mit ihnen im Berghain tanzen oder auf der Reeperbahn saufen. Musik war immer dabei, wird es auch in Zukunft sein, süß und sauer. Ohne geht es nicht im Leben.


Foto: Sarah Takforyan / Unsplash

Advertisements

Sommer der Liebe

Wenn die SED-Erben in Berlin ein Loveparade-Revival veranstalten, auf dem ein paar hunderttausend Feelgood-Aktivisten unter dem Motto #unteilbar die Welt in Gut und Böse aufteilen, dann sind wir angekommen im endlosen hirnverbrannten Sommer der Liebe 2018. Ich frage mich, ob die öffentliche Protestkultur in dieser Stadt schon immer so infantil und karnevalistisch war oder erst seitdem sie geschäftsmäßig vom rosa Einhorn-Senat organisiert wird. Und ich düse düse düse düse im Sauseschritt und bring die Liebe mit von meinem Himmelsritt …

P.S. An dieser Stelle auch noch ein herzliches Goodbye an den kürzlich verstorbenen Dieter Thomas Heck!

Fußnoten und Wurstsalat

Was ich bis jetzt in meiner eigenen kleinen Twitterblase schon gelernt habe: Es gibt ein unerschöpfliches Arsenal an flachen Witzchen und Wortspielen, die Herren Erdogan, Böhmermann und Kavanaugh sind nicht ganz unumstritten, Michael Avenatti schläft nie, Don Alphonso erzählt auch hier gerne dieselbe Geschichte in unendlich vielen Varianten („In Bayern ist die Welt noch in Ordnung und bitte schauen Sie sich jetzt mal dieses Foto von einem Fahrrad an!“) und Menschen, die sich über Rundfunkgebühren aufregen, twittern gleichzeitig über alles, was um 20.15 Uhr in der ARD läuft. Außerdem sah ich gerade die eindrucksvolle Nahaufnahme eines Wurstsalates. Aber auch das: drei humorvolle US-Akademiker haben – sozusagen aus Notwehr heraus – einen Haufen sozialwissenschaftlicher Nonsens-Aufsätze verfasst und diese an entsprechende Fachmagazine verschickt. Veröffentlich wurden davon unter anderem eine feministische Interpretation von Hitlers „Mein Kampf“ und etwas über Rape Culture unter Hunden beim Gassi gehen in Portland. Oder so ähnlich. Ach, lesen Sie es doch selbst! Ich denke nun darüber nach, am sozialwissenschaftlichen Institut der Humboldt-Uni ein Paper über intersektionale Pussy Positivy queerer Wurstsalatkultur einzureichen. Alternativ-Vorschläge werden gerne angenommen. When the going gets weird, the weird turn pro.

Being Fred Armisen

In wohl jedem Familienstammbaum sind mehr oder weniger finstere Geheimnisse verborgen, zumindest gibt es ein paar weiße Flecken, also unbekannte Größen. Wenn man da nur lange genug wühlt, findet sich mitunter Erstaunliches. Wer hätte zum Beispiel nicht gern den unehelichen Nachkommen eines Königshauses in seiner Ahnenreihe, eine glamouröse transsexuelle Spionin oder wenigstens einen legendären Axtmörder? Ich bin in der Hinsicht nun etwas neidisch auf den Schauspieler Fred Armisen. Dessen Großvater war – das ist kein Witz – ein zu seiner Zeit berühmter japanischer Tänzer und Choreograf, der im Berlin der 30er Jahre vom Propaganda-Ministerium der Nazis angestellt wurde, gleichzeitig als Geheimagent für die Japaner arbeitete, in Wirklichkeit aber von einem Jahrtausende alten koreanischen Adelsgeschlecht abstammte. All dies durfte der zurecht erstaunte Fred Armisen (und ich nachträglich mit ihm) im Rahmen von „Finding your Roots“ erfahren. In dieser Sendereihe wurden schon viele prominente Familiengeheimnisse enthüllt (unter anderem, dass Carly Simon Wurzeln in Kuba hat oder Jimmy Kimmel entfernte Verwandte in Thüringen), mit der Geschichte von Fred Armisens Großvater konnte aber bisher niemand mithalten. Dabei ist Armisens eigener Lebenslauf auch schon recht drollig: er war bereits Punkmusiker, Mitglied der Blue Man Group, einer der schrägsten Darsteller bei Saturday Night Live und zwischenzeitlich mit einer Scientologin verheiratet. Er ist außerdem der Schöpfer von Portlandia sowie einer Talking-Heads-Parodie-Band und kann nach eigenen Angaben den Inhalt jedes beliebigen Buches allein anhand der Umschlaggestaltung treffsicher wiedergeben. Ich nehme stark an, dass er nebenbei mindestens auch noch undercover für den KGB arbeitet. Manchmal wäre ich wirklich gerne Fred Armisen.

Armisen

Foto: © billy-kidd.com

Junkfood

Dieses Jahr hatte ich mit ein paar ebenso edlen wie naiven Vorsätzen begonnen. Ich wollte endlich weniger Zeit online verschwenden, konkret: keine Nachrichten mehr lesen, keine Blogs, kein Social-Media-Gedöhns. Konsequentes digitales Detox, endlich Ruhe im Karton! Stattdessen wollte ich mich auf die Arbeit und mein Privatleben offline konzentrieren. Natürlich habe ich das Ganze dann nicht mal zwei Tage durchgehalten. Die Sucht war stärker als ich. Aber ich kämpfe weiter … Inzwischen habe ich es geschafft, wenigstens mein Facebook-Profil zu deaktivieren, also vorübergehend. Bei einer kurzen Stichprobe nach einigen Wochen habe ich dann festgestellt, dass ich dort tatsächlich nichts verpasst habe. Wirklich absolut gar nichts. Die selben Leute posten das selbe Zeug, genau wie letztes Jahr oder auch schon vor fünf Jahren. Ich wusste bereits vorher, wer von meinen Kontakten welches Thema wie kommentieren würde, wer sich #wirsindmehr aufs Profilbild geklebt haben würde, wer schon wieder neue Urlaubs- oder Hundebilder, Jogging- oder Flugzeugmeilen gepostet und wer mal wieder den Weltuntergang ausgerufen hatte. Und genau so war es dann auch. Wahrscheinlich ist das mein eigentliches Problem: die meisten Menschen sind so furchtbar langweilig und berechenbar. Aber ohne sie geht es selbstverständlich auch nicht. Statt konsequent auf kalten Entzug zu gehen, habe ich also einfach nur die Droge gewechselt und mische ab jetzt auch noch in diesem Irrenhaus Twitter mit, wo ich mit Geschnatter über Feminismus, Tomatensuppe, besessene Toaster und den Penis von Donald Trump verzweifelt um Follower bettele. Gott steh mir bei!

Stürmisch

„If we don’t do this today, we won’t have an economy tomorrow.“
(Ben Bernanke, damaliger US-Notenbankchef, während einer Krisensitzung am 18. September 2008)

Auf eines ist in der Hurrican-Saison immer Verlass: CNN-Außenreporter, die sich sturmgepeitscht an vorbeifliegenden Straßenschildern festhalten und mit letzter Kraft „Jetzt geht’s los! Jetzt geht’s los!“ in die Kameras schreien – so auch beim Monstersturm Florence, der gerade North Carolina überflutet. Währenddessen macht das politische Kasperle-Theater in Berlin kurzzeitig Pause. Hurricans oder Tsunamis sind hierzulande derzeit nicht sehr wahrscheinlich (es kann aber nicht schaden, den Wetterbericht entsprechend zu verfolgen, man kann ja nie wissen!), weshalb die deutsche Presse zumindest innenpolitische Stürmchen immer wieder dramatisch herbeischreiben muss. Angesichts solcher Lichtgestalten wie Martin Schulz („I’ll huff and I’ll puff and I’ll blow the AfD away!“ … frei nach den Drei kleinen Schweinchen) scheint das aber auch sehr verlockend. Quizfrage: Sind die Sozialdemokraten die Lehman Brothers der deutschen Politik? Die SPD hält sich ganz offensichtlich immer noch für too big to fail, wird aber schon bald ganz jämmerlich absaufen. Für die Rettung der Gebrüder Lehman war 2008 bekanntermaßen kein Steuergeld mehr übrig. Das Buch zur Stunde hieß damals „A Colossal Failure of Common Sense“ … ein freundlicher Lektüre-Tipp für Willy Brandts verpeilte Erben.

 

Near, far, wherever you are …


Was ich der deutschen Gesellschaft gerne empfehlen würde: mehr Humor, mehr Selbstironie, mehr Lockerheit, mehr Klarheit, mehr Grips, mehr Freiheit, mehr wahre Anarchie, mehr Niels Ruf. Was diese Gesellschaft dagegen täglich am Fließband produziert: mehr Angst, mehr Filterblasen, mehr Moral-Apostel, mehr Krawallschachteln, mehr Empörte, Betroffene, Opfer, Depressive, Verklemmte, mehr Richter, Priester, Inquisitoren, Nazijäger, Stasi-Informanten, mehr Gouvernanten, Mami-Blogger und vegane Kuchenbäcker, mehr Hooligans, Reichskanzler, Sozialisten, Betonköpfe, Bekloppte jeder denkbaren Gestalt und Gesinnung. Das Land dreht durch, die Rettungsboote werden knapp. Popcorn anyone?