Someone in a Tree (eine Liebeserklärung)

Another hundred people just got off of the train and came up through the ground, while another hundred people just got off of the bus and are looking around at another hundred people who got off of the plane and are looking at us who got off of the train and the plane and the bus, maybe yesterday. It’s a city of strangers …

So singt sich eine junge Frau ebenso hektisch wie beschwingt durch ihre erste große Theaterrolle in mein Ohr. Das Jahr ist 1970, das Bühnenstück heißt Company, und dieser Song, der mir gerade mehr als fünfzig Jahre später die Bahnfahrt versüßt, heißt, nun ja, Another Hundred People. Er ist Teil meiner neuen Sondheim-Playlist. Ich summe mit und schaue dem Maskenvolk zu, wie es sich in und aus den Türen drängelt. Wie aufmerksame Leser längst bemerkt haben, bin ich der glorreiche Overlord eklektischer Musiklisten, denn in den letzten zwölf Monaten ging es in diesem Blog ja öfter um Musik – öfter als in den Jahren zuvor, bilde ich mir ein. An zwei Stellen erwähnte ich dabei auch kurz den Namen Stephen Sondheim. Tatsächlich hatte ich noch im Herbst darüber nachgedacht, ihm hier auch einen eigenen, etwas ausführlicheren Text zu widmen, irgendeine Auskunft darüber, was diesen Mann und sein Werk für mich so besonders macht. Dann aber dachte ich: Ach was, Sondheim ist mittlerweile über 90, warte einfach, bis er stirbt, lange wird’s wohl nicht mehr dauern, dann hast du wenigstens einen Anlass. Am frühen Morgen des 27. November saß ich dann schlaflos an meinem Laptop, kippte mir einen viertel Liter Johnnie Walker hinter die Binde und las plötzlich die Todesnachricht. In diesem Augenblick wusste ich: Ich hatte Sondheim ermordet, für einen Blog-Beitrag. Ich bin ein Monster! Ein Monster mit einem Auftrag. Noch in der selben Nacht tippte ich erste Notizen zusammen, während ich mir zum hundertsten Mal Being Alive anhörte und bitterlich in den nächsten viertel Liter Johnnie Walker heulte. Und jetzt dürfen Sie nachlesen und gerne auch hören, was ich, genau einen Monat später und mittlerweile wieder leidlich nüchtern, über den verstorbenen Maestro zu sagen habe.

And another hundred words just got off of my brain …

Being Alive

Was ich an Stephen Sondheim vor allem schätze: Er hat für Erwachsene geschrieben. Keine Selbstverständlichkeit, erst recht nicht im kommerziellen Musiktheater, das in den letzten Jahrzehnten leider immer mehr zu einer infantilen Idioten-Bespaßung verkommen ist (siehe Starlight Express, Mamma Mia! sowie sämtliche Disney-Musicals, die Liste des Grauens ist endlos). Sondheim hat dagegen auf die Intelligenz seines Publikums vertraut, ihm auch mal abseitige Themen und komplexe Kompositionen zugemutet. In seinen besten Momenten ist ihm dabei die perfekte Balance zwischen Anspruch und Leichtigkeit gelungen. So wie in Company, einem Stück, das eigentlich keine Handlung hat. Es sind lose aneinander gereihte Skizzen über Ehen und Beziehungen in New York City – lauter kleine neurotische Perlen, albern, sarkastisch, manisch, teilweise atemlos vorgetragen. Allein das Intro ist eine Offenbarung. Der einzige dramaturgische Faden ist eine Überraschungsparty, die nicht stattfindet, weil das Geburtstagskind nie erscheint. Bobby, der letzte Single zwischen lauter Ehepaaren, wird 35, und seine Freunde sind besorgt, machen sich Gedanken, warten auf ihn, nerven … Bobby, Bobby, Bobby Darling, we’ve been trying to call you … Wer jemals in seinem Freundeskreis der Einzige ohne Partner war, kennt wahrscheinlich diese Situationen, diese ständige Besorgnis der Anderen, dass man wohlmöglich einsam und allein zugrunde geht. Schließlich singt der geplagte Bobby sich dann frei: Being Alive ist der emotionale Höhepunkt von Company und eine jener finalen Schmetter-Balladen, die die Leute vor Begeisterung auf die Sitze springen lässt. Die für mich beste, weil erschütterndste Version sang Raul Esparza in einer Wiederaufführung von 2006. Eine achtminütige Tour de force, an deren Ende man sich wieder einmal fragen wird, was denn nun besser ist im Leben: sich in Beziehungen aufzureiben, den oder die Eine zu finden, oder eben doch lieber allein zu bleiben.

Raul Esparza – Being Alive

Finishing the Hat

Die Museums-Szene in Ferris Bueller’s Day Off, kennen Sie die? Sollten Sie eigentlich. Jeder sollte die kennen. Am Ende der Szene steht Ferris‘ Freund Cameron alleine und wie hypnotisiert vor einem Gemälde. Er sieht in das Gesicht eines kleinen Mädchens, versinkt tiefer und tiefer darin, bis er nur noch Punkte wahrnimmt, Farbe, die Struktur der Leinwand, schließlich nichts. Der Regisseur John Hughes erklärte das in einem Kommentar sinngemäß so: Je mehr er hinschaut, desto weniger sieht er. Gleichzeitig hat er Angst, dass je mehr man ihn selbst (Cameron) anschaut, auch immer weniger sieht. Da ist nichts. Er ist niemand. Bitte sehr, zwanzig Sekunden Existenzialismus, mitten in einer 80er-Jahre-Teenie-Komödie. Allein deshalb sollte man diese Szene kennen. Und was hat das jetzt mit Stephen Sondheim zu tun? Der hat über das selbe Gemälde ein ganzes Musical geschrieben, und zwar schon zwei Jahre vor Ferris Bueller. Ein Zufall? Oder hat sich John Hughes wohlmöglich davon inspirieren lassen? Welcher Künstler kommt schon ohne Inspiration aus? Danach folgt dann die eigentliche Arbeit, die Technik, die das Chaos in Ordnung verwandelt, Punkte zu Bildern, Bilder zu Szenen und Töne zu Harmonien. Sunday in the Park with George ist nicht nur eine fiktive Geschichte über die Entstehung eines berühmten Gemäldes, sondern eine Studie über Kreativität sowie über die Isolation und Besessenheit eines Künstlers. Die Parallelen zu Sondheims eigener Arbeitsweise sind dabei offensichtlich. Es ist die gleiche Akribie, mit der Georges Seurat einst aus einzelnen Farbtupfern ein impressionistische Bild komponierte, die gleiche Konzentration, mit der er sich jedem einzelnen Detail widmete, und sei es nur ein einfacher Hut. Nicht umsonst nannte Sondheim seine später veröffentlichten Textsammlungen „Finishing the Hat“ und „Look, I made a Hat“. Er hätte sie auch „Look, I made a Song“ nennen können. Aber er hat eben auf die Intelligenz seines Publikums vertraut, immer schon, das erwähnte ich ja bereits.

Im Finale von Sunday in the Park with George fasst der Maler noch einmal das Prinzip zusammen, das wohl auch den Komponisten beschäftigt: Order, Design, Tension, Composition, Balance, Light and Harmony. Um am Ende wieder von vorn anzufangen: White: a blank page or Canvas. His favorite. So many possibilities. Aber zurück zum Hut: auch in diesem Fall möchte ich nicht die Originalaufnahme empfehlen, sondern eine recht aktuelle Version von 2017. Was auch hier natürlich wieder am Interpreten liegt. Wer nicht auch gerne Jake Gyllenhaal beim singen, erst recht bei den Proben zu einem Sondheim-Stück zuschaut, der werfe den ersten Stein!

Jake Gyllenhaal – Finishing the Hat

Someone in a Tree

Weshalb diese Überschrift? Es ist der Name jenes Songs, der Sondheim nach eigenen Aussagen von all seinen Kompositionen am meisten am Herzen lag. Ein Song, so seltsam und abstrakt wie das Bühnenstück, aus dem er stammt. Wie um Himmelswillen kam der Mann nur auf die Idee, ein Musical über die Wiederaufnahme der japanisch-amerikanischen Handelsbeziehungen im 19. Jahrhundert zu schreiben? Im Kabuki-Stil. Wie nur? Pacific Overtures ist unbestritten eines der obskureren und anspruchsvollsten Werke Sondheims, und eines seiner am seltensten aufgeführten. Auch ich habe etwas Zeit gebraucht, um damit warm zu werden. Aber je mehr ich mich gerade in Someone in a Tree hinein hörte, desto mehr habe ich mich darin verliebt, ja bin fast süchtig danach geworden. Sondheim spielt hier kunstvoll mit wechselnden Perspektiven, lässt vier unterschiedliche Stimmen ein historisches Ereignis rekonstruieren, von dem es eigentlich keine Aufzeichnungen gibt, nur subjektive Erinnerungsfetzen und Fragmente. Es fällt mir schwer, meine Faszination für diese merkwürdige kleine Stück Musik in Worte zu fassen, deshalb lasse ich hier stattdessen gleich vier verschiedene Interpretationen für mich sprechen.

Someone in a Tree – Original Broadway Cast Recording, 1976
Sozusagen der Goldstandard.

Someone in a Tree – Anatomy of a Song
Die selbe Besetzung bei den Proben mit Sondheim am Piano.

Someone in a Tree – Live at Lincoln Center, 2015
Dass sich hier einige erfahrene Broadway-Darsteller an mehreren Stellen verhaspeln, zeigt, was für eine Herausforderung dieses Stück auch für seine Interpreten sein kann.

Someone in a Tree – A Sondheim 90th Birthday Celebration, 2020
Die Lockdown-Version, erst letztes Jahr aufgenommen. So satt ich diese Video-Konferenz-Optik inzwischen auch habe, drollig ist es dennoch. Und es beweist, dass Sondheim sogar auf zoom funktioniert.

It’s the fragment, not the day
It’s the pebble, not the stream
It’s the ripple, not the sea
That is happening
Not the building but the beam
Not the garden but the stone
Only cups of tea
And history
And someone in a tree


Rest in Harmony, Stephen Sondheim, 1930 – 2021


Bonusmaterial für alle, die noch nicht genug haben:

„Why Sondheim’s Music is so addictive“ – eine persönliche, ebenso analytisch wie liebevoll gemachte Hommage – sehr empfehlenswert!

„A Little Priest“ (aus Sweeney Todd) – Eine famose Hymne auf den Kannibalismus und ein großartiges Beispiel für Sondheims Wortwitz. It’s man devouring man, my dear! And who are we to deny it in here?

Über die Aufnahmen des Original Cast-Albums von Company wurde 1970 ein Dokumentarfilm gedreht, der in einzelnen Teilen noch auf Youtube zu sehen ist. Hier eine kleine Zusammenfassung:

Das Finale von Sunday in the Park with George – Nichts als Schönheit:

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