Merrily we roll along

Guten Abend, meine Damen und Herr*innen, ich begrüße Sie zur Idiotenschau. Das wichtigste zuerst: Meike und Sascha haben sich getrennt. Berlins digitalstes Ehepaar ist nicht mehr, schon seit letztem Jahr. Klingt eher unaktuell, ist es aber nicht. Denn Meike macht keine halben Sachen und hat schon kurz nach der Trennung ein Buch über den Anfang und das Ende der männlichen Zivilisation veröffentlicht, mit dem sie noch immer fleißig Klinken putzt. Das Private ist politisch, natürlich, erst recht bei Mighty Meike und erst recht auf Twitter, und daher wird ihr Beziehungsmüll auch weiterhin zu gesellschaftlicher Relevanz hochgejazzt. Sascha Lobo dagegen ist offenbar schon wieder neu verheiratet, mit einer ähnlich sendungsbewussten Trulla, nur eben einem jüngeren Modell. Soll vorkommen. Jeder nur eine Tüte Popcorn bitte. Von den Promi-News zur Politik: Die Taliban weigern sich, die Frauenquote umzusetzen, deshalb werden ihnen jetzt die Hartz-IV-Bezüge gekürzt. So geht Außenpolitik mit harter Hand. Und für den plötzlichen Popularitätsschub von Olaf Scholz gibt es eine ganz einfache Erklärung: Bitte klicken Sie hier. Die Fähigkeit, im richtigen Augenblick ein süßes Hundebaby in die Kameras zu halten, unterscheidet den Polit-Profi eben noch immer von den Amateuren aus der zweiten Reihe. Apropos Wahlkampf: rennen die jungen Leute (wie von einschlägigen ÖRR-Aktivisten immer wieder hartnäckig verbreitet) einig und geschlossen den apokalyptischen Angstneurosen einer schwedischen Autistin hinterher, so gebührt ihnen unser aller tränenreicher Dank. Stellt sich allerdings heraus, dass sie in Wirklichkeit vielleicht doch lieber die FDP wählen, so handelt es sich dabei um eine von finstereren Mächten ferngesteuerte unverantwortliche Rasselbande, die schleunigst umerzogen gehört. Deutschen demokratischen Dank für Ihre Gebühren.

Düstere Gedanken, ohne erkennbaren Zusammenhang: Neulich schaute ich mir ein altes Interview mit David Foster Wallace an, bei dem er, wie so oft, ein Bandana trug, also diesen seltsamen, einst modischen Kopfverband. Es war quasi sein Markenzeichen. Damit sah er immer ein wenig aus wie ein Mitglied der Suicidal Tendencies – was leider sehr ironisch ist, da er bekanntermaßen Selbstmord beging. David Foster Wallace litt seit seiner Jugend an schweren Depressionen und nahm wohl auch entsprechend lange Medikamente dagegen ein. Irgendwann hielt er es trotzdem nicht mehr aus. Im Alter von 46 Jahren erhängte er sich an einem Balken seines Hauses. Ein Schriftsteller, der sich erhängt, wird natürlich umgehend zur Kultfigur, vor allem wenn er ein solches Buch hinterlässt. Infinite Jest bzw. Unendlicher Spass – hat das überhaupt jemand gelesen? Ich jedenfalls nicht. Stattdessen schaue ich mir Interviews mit dem Autoren an, das ist schon anstrengend genug. Infinite Jest schien mir schon immer eines jener Werke zu sein, durch das Kritiker sich pflichtbewusst durchwühlen und das sich Bildungs-Poser gerne ins Regal stellen – das aber niemand wirklich vollständig erfasst, geschweige denn verstanden hat. So wie frühere Generationen den Ulysses. Ich mag mich irren, also noch einmal die Frage: Wer hat’s gelesen? Ich bitte um Handzeichen.


An dieser Stelle folgen wieder einige Glotz-Empfehlungen – ein paar ausgewählte Dokumentarfilme, die ich (wo sonst) auf Netflix entdeckt habe. Trailer verlinke ich diesmal nicht, Googeln’se das Zeug doch selbst. Bei Interesse.

Bob Ross: Happy Accidents, Betrayal & Greed

Was ich hier gelernt habe: Als Bob Ross mit seinen putzigen Do-it-yourself-Videos auch hierzulande bekannt wurde (ich glaube, das war in den späten 90ern), war der Mann selbst längst mausetot und sein Erbe wurde von einer raffgierigen ehemaligen Geschäftspartnerin vermarktet. Diese hatte sich noch kurz vor dessen Tod und gegen seinen ausdrücklichen Willen den Namen Bob Ross vertraglich unter der Nagel gerissen und verdient mit Bob Ross Inc. bis heute Millionen. Sein eigener Sohn, den Ross ursprünglich als Nachfolger vorgesehen hatte, klagte dagegen, ging bisher aber leer aus. Was ich außerdem gelernt habe: Erfinder der kitschigen Express-Landschaftsmalerei war eigentlich der in Ostpreußen geborene Wilhelm Alexander, Bob Ross verhalf ihr allerdings aufgrund seiner einschmeichelnden TV-Präsenz zum weltweiten Durchbruch. Was ich nicht gelernt habe: Ein schneebedecktes Gebirge in nur 20 Minuten zu malen.

John Was Trying to Contact Aliens

Ein besonderes Porträt, ebenso kurz wie anrührend. Wir lernen einen echten Außenseiter kennen, einen Mann namens John Shepherd, der zurückgezogen im Haus seiner Großeltern lebt und dort im Laufe der letzten 30 Jahre eine monströse Anlage zusammengebastelt hat, mit der er unermüdlich Außerirdische zu kontaktieren versucht. Da der sensible und sympathische Kauz außerdem noch über eine umfangreiche eklektische Musiksammlung verfügt, beschallt er das Weltall nicht einfach mit kryptischen Signalen, sondern abwechselnd mit Jazz, deutschem Progrock und Reggae aus den 70ern. Irgendwann lernt John dann allen Wahrscheinlichkeiten zum Trotz einen Gleichgesinnten kennen, einen Freund und Lebenspartner. Und da sitzen sie dann beide, bärtig, langhaarig und glücklich, mitten in der amerikanischen Provinz. Zwei Aliens, die sich gefunden haben. Sehr schön.

Best Worst Thing That Ever Could Have Happened

„Dein Leben musst du vorwärts leben, verstehen wirst du es rückwärts“. Selten passte dieser Kalenderspruch besser als auf die Geschichte, die hier erzählt wird, und das gleich im doppelten Sinn. Es ist die Geschichte eines legendären Flops. 40 Jahre ist es mittlerweile her, da landete Stephen Sondheim, der Großmeister des anspruchsvollen Musiktheaters, zwischen zwei fulminanten Erfolgen – Sweeney Todd (1979) und Sunday in the Park with George (1984) – auch mal einen richtigen Misserfolg. Sein Titel: Merrily We Roll Along, ein Musical über die Träume junger Menschen (basierend auf einem gleichnamigen Theaterstück aus den 30er Jahren), und das, was ca. 25 Jahre später aus diesen Träumen geworden ist. Auf der Bühne wird ihre Geschichte rückwärts erzählt, das heißt die Protagonisten sind am Anfang des Stückes um die 40, verbittert und zynisch, und am Ende wieder so jung und hoffnungsvoll wie ihre Darsteller. Denn, und das sollte wohl der Clou sein, die Besetzung von Merrily We Roll Along bestand ausschließlich aus noch unbekannten Nachwuchsdarstellern, einige davon noch im Teenager-Alter. Eine charmante Idee, aber irgendetwas daran hat damals nicht funktioniert. Nach einer Serie chaotischer Voraufführungen, spontaner Umbesetzungen sowie fast durchgehend vernichtenden Kritiken wurde das Stück vorzeitig abgesetzt. Was sich die jungen Darsteller als Start einer glänzenden Broadway-Karriere erhofften, zerplatzte so innerhalb weniger Wochen im Nichts. Einer von ihnen war übrigens Jason Alexander, der dann zehn Jahre später als George Costanza in Seinfeld berühmt wurde. Er und einige andere der nach dieser frühen Enttäuschung sehr unterschiedlich verlaufenen Biographien finden am Ende zu einer Art Broadway-Klassentreffen wieder auf der Bühne zusammen. Sie stimmen die alten Lieder wieder an und liegen sich heulend in den Armen: „Growing up, understanding that growing never ends“ … Ein faszinierendes Beispiel für Life imitating art. Für Sondheim-Nerds natürlich besonders lohnend, mit jeder Menge Originalaufnahmen, Interviews und Proben von 1981.

Jim & Andy: The Great Beyond

Dass Jim Carrey nicht alle Tassen im Schrank hat, ist bekannt. Nie zuvor, und wahrscheinlich auch nie wieder danach, wurde dies aber deutlicher als während der Dreharbeiten zu Man on the Moon, in dem er Andy Kaufman spielte. Wobei er ihn eben nicht spielte, Jim Carrey war Andy Kaufman. Und er hat diesen, jegliches Method Acting überschreitenden Wahnsinn, mit dem er damals sämtliche Kollegen und selbst Regisseur Miloš Forman die letzten Nerven raubte, dokumentarisch festhalten lassen. Die Produzenten von Man on the Moon hielten die Aufnahmen jahrelang unter Verschluss, weil sie einen Image-Schaden sowohl für den Film als auch für dessen Hauptdarsteller befürchteten. Nun aber kann man sich diese herrliche Shit Show in all ihrer Pracht anschauen. Es gibt hier allerdings doch weitaus mehr zu sehen als den vermeintlich außer Kontrolle geratenen Ego Trip eines Schauspielers. Indem er derart konsequent in seiner Rolle aufging, ließ Carrey sein großes Vorbild Andy Kaufman tatsächlich wiederauferstehen – und zwar so realistisch, dass selbst Kaufmans Schwester irgendwann überzeugt war, mit dem echten Andy zu reden. Irre. Anarchisch. Großartig. Unvergleichlich. Und am Ende doch noch ein Link.

7 Kommentare zu „Merrily we roll along

  1. Das lange Warten auf den nächsten Beitrag hat sich gelohnt! Und ja doch, ich habs gelesen (den Ulysses).
    Die Rezensionen zu Infinite Jest ließen einen zu anstrengenden Spaß erwarten. In einem Buch einfach vorzublättern, das habe ich noch nicht gelernt.

  2. Ach, was habe ich dich vermisst!

    Zu Wallace: Natürlich habe ich das Buch und natürlich habe ich es nicht gelesen. „Schrecklich amüsant“ hingegen schon. Er sagte mal (sinngemäß), dass Depressive sich nicht wegen Todessehnsucht umbringen wollen, sondern weil sie die Depressionen nicht mehr aushalten und sich folglich von ihr (und eigentlich nur von ihr) befreien wollen.
    https://www.nzz.ch/feuilleton/buecher/im-haifischmaul-der-depression-1.17657327 – eine Rezension der Biographie über ihn – wie von dir geschrieben ,-)

    1. Ach, ach, ach! Herzlichen Dank, auch für den nzz-Link. Von der Fede zwischen David Foster Wallace und Bret Easton Ellis hatte ich bisher noch gar nicht gewusst. Ich bin selbst natürlich Team Ellis (das ist wie mit den Stones und den Beatles, Star Trek und Star Wars, Taylor Swift and Kanye West – man muss sich wohl entscheiden).

      1. Und ich wusste nichts von Pickeln und Transpiration. Dass er mit Franzen (den ich anbete) befreundet war, machte ihn mir sympathisch und das kleine hübsche Buch über die Kreuzfahrt hinterließ wohl einen falschen Eindruck bei mir.

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