I am human and I need to be loved

Da habe ich also in meinen Musik-Archiven gewühlt und beschlossen, da mir gerade sonst nichts besseres einfiel, den DJ in mir zu reaktivieren. So wie früher, als ich noch regelmäßig meinen Freundeskreis mit obskur-eklektischen Playlists beglückt habe. Und was haben wir gerade? Den Monat des schwulen Stolzes? Dann gibt es jetzt also schwule Musik. Im weitesten Sinne. Ich finde es jedenfalls hilfreich, mir hier eine thematische Klammer zu bauen. Ein Gruß geht an dieser Stelle nebenbei mal wieder an den ollen Maschinisten (der Circle Jerk darf nicht abreißen), der mir das heiterste Zitat des Tages bescherte. Bei „Halb Osteuropa hielt die Schenkel geöffnet und den Darmausgang in die Luft“ habe ich fast meine Kaffee ausgespuckt vor lachen. In dem Zusammenhang: War es das denn jetzt für die #ZeroCovid-Gouvernanten? Können die sich jetzt wieder auf #ZeroSugar, #ZeroCo2 und #ZeroBrain konzentrieren? Irgendwas gibt es ja scheinbar immer in Grund und Boden zu verbieten. Ja, der Kampf währet ewig und das Endziel ist stets der Nullpunkt! Aber zurück zur Musik. Also dann, ihr gottlosen Homos und alle, die es noch werden wollen – hier kommt sie, die Playlist des Schmerzes, der Schönheit und des Dramas! Die Links zu den einzelnen Songs stehen jeweils unter dem Text.


K.D. Lang – My Old Addiction (1997)

Sanft geht es los. Die von mir seit vielen Jahren verehrte K.D. Lang hat es geschafft, dass ich mich als militanter Nichtraucher in ein Album verliebt habe, das sich thematisch praktisch nur ums Rauchen dreht. Dabei könnte sie eigentlich auch vom Rasenmähen singen, es würde ganz sicher genau so großartig klingen. Einmal habe ich sie live gesehen. Am Ende des Konzertes setzte sie sich vorne an den Bühnenrand und zündete sich eine Zigarette an. Sofort versammelte sich ein Pulk begeisterter Lesben zu ihren Füßen. Es wirkte wie ein vertrautes Ritual: die androgyne Diva raucht und die Fans huldigen ihr. Ein Marlene-Dietrich-Moment. Passiert das am Ende jedes ihrer Konzerte? Vielleicht können sich ja ein paar nikotinsüchtige Lesben bei mir melden und mich darüber aufklären. My Old Addiction  ist übrigens eine Coverversion und heißt im Original Chet Baker’s Unsung Swan Song.

My old addiction changed the wiring in my brain


Patrick Wolf – Tristan (2005)

Haben Sie diesen blonden deutschen Bubi beim diesjährigen ESC gesehen, mit seiner Jukulele und diesem grenzdebilen Liedchen, das klang wie eine Frühstücksflocken-Werbung? Was wäre wohl passiert, wenn man dem rechtzeitig Patrick Wolf vorgespielt hätte? Hätte das geholfen? Hätte, hätte, Perlenkette. Darf man der offiziellen Biografie von Patrick Wolf Glauben schenken, dann zog dieser bereits im zarten Alter von 16 Jahren allein in ein leerstehendes Haus, wo er fortan mindestens zwölf Instrumente spielte und an seiner eigenen Legende strickte. Ein früher Befreiungsschlag, er konnte wohl einfach nicht anders. 

My name is Tristan and I’m alive!


La Lupe – Puro Teatro (1969)

Vorhang auf für die ultimative kubanische Drama-Queen, unvergleichliche Performerin, Voodoo-Priesterin und Gran Cantante La Lupe! Noch vor Celia Cruz galt sie in den 60er Jahren als „Queen of Latin Music“. Lange sollte ihre Regentschaft leider nicht andauern. 1992 verstarb sie viel zu früh und völlig verarmt in der Bronx. Was für ein Theater! Wenn Sie „Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“ von Pedro Almodóvar gesehen haben, kennen Sie dieses Lied vielleicht noch aus dem Abspann. Sollte mich selbst demnächst ein Nervenzusammenbruch ereilen, so kann ich mir wirklich keine bessere Untermalung vorstellen.

Teatro lo tuyo es puro teatro 


Etienne de Crecy – Prix Choc (1996)

Die späten 90er waren eine gute Zeit zum tanzen und die beste Musik dazu kam aus Frankreich. Von Etienne de Crecy, Alex Gopher, Laurent Garnier, Benjamin Diamond, Stardust, Daft Punk, Cassius und wie sie alle hießen … French House war das glamouröse und humorvollere Gegenstück zum dumpfen Loveparade-Gestampfe. Damals passte ich noch in T-Shirts der Größe XS und habe meinen Hintern zu diesen Klängen unter den besseren Discokugeln der Stadt geschwungen.

Bumm-Bumm-Bumm …


Xiu Xiu – I Luv The Valley Oh (2004)

Ein Song wie eine offene Wunde. Worum es hier genau geht, erschließt sich mir bis heute nicht. Es klingt brutal, nach Missbrauch, Trauma, Selbsthass, Verzweiflung, Suizid – genug Stoff für eine lebenslange Therapie, der sich hier in der Mitte in einem einzigen kurzen Urschrei entlädt. Auch dazu ist Musik schließlich da: um die ganze Scheiße rauszuschreien, wie einen Blutschwall in die Welt zu spucken. Die anderen müssen es dann aufwischen. 

And I won’t rest while you break my will, Je t’aime the valley, Je t’aime the valley OHHH!!!

A Man and his Pussy: Jamie Stewart von Xiu Xiu


Johnny Hartman – Down in the Depths (1956)

Wo könnte man wohl den eigenen emotionalen Tiefpunkt besser besingen als im höchsten Gebäude der Stadt? Hoch oben über den Menschen, die sich sorgenfrei in den Nachtklubs amüsieren, während man seinen Liebeskummer selbstmitleidig in teurem Champagner ersäuft, hier im Penthouse im 90. Stock. Das Original dieses Cole-Porter-Klassikers stammt aus dem Musical Red, Hot and Blue und wurde 1936 erstmals von Ethel Merman auf einer Broadway-Bühne geschmettert. Ich selbst wurde zum ersten Mal durch die üppige Swing-Version von Lisa Stansfield mit dem Lied bekannt gemacht (auf dem Cole Porter Tribute-Sampler Red, Hot + Blue von 1990). Am besten gefällt mir allerdings die Version von Johnny Hartman, einem heute etwas in Vergessenheit geratenen Jazz-Sänger, der zu seinen besten Zeiten auch ein großartiges Album mit John Coltrane aufnahm. 

I’m deserted and depressed in my regal eagle’s nest, down in the depths on the ninetieth floor


Rufus Wainwright – The Art Teacher (2004)

Es gibt wenige Musiker, die ich so nachhaltig vergöttere wie diesen. Vielleicht noch Prince oder Dvořák, es sind wirklich nicht viele. Die ersten vier Alben von Rufus Wainwright gehören für mich bis heute zu den besten und originärsten Werken zeitgenössischer Musik. Zweimal habe ich ihn in Berlin live erlebt, einmal in der Volksbühne und einmal in der Kreuzberger Passionskirche. Letzteres war tatsächlich eine Art Erweckungserlebnis, nie hat mich ein Konzert derart emotional aufgewühlt. Rufus stammt aus einer bekannten kanadischen Musikerfamilie, ist aber (ebenso wie seine Schwester, siehe den nächsten Eintrag in der Liste) schon früh erfolgreich und pompös aus deren Schatten getreten. Ich kenne wirklich niemanden, der sensibles Songwriting so kunstvoll mit Camp und operettenhaftem Pomp verbindet wie dieser Mann. Erwähnte ich schon seine ersten vier Alben? Unbedingt anhören!

He asked us what our favorite work of art was, and never could I tell him, it was him


Martha Wainwright – Bloody Mother Fucking Asshole (2005)

Rufus’ kleine Schwester. Keine sehr faire Beschreibung, aber das ist sie nun mal. Beide haben ein eher angespanntes Verhältnis zu ihrem Vater, und wie sich schon am Titel unschwer erkennen lässt, hat Martha dieses Verhältnis in einer deutlich aggressiveren Art verarbeitet als ihr feinsinniger Bruder. Denn Bloody Mother Fucking Asshole ist nichts anderes als die Abrechnung mit einem abwesenden, egomanischen Vater. Da kommt Stimmung auf zum Weihnachtsfest! Ich weiß nicht, was genau in dieser Familie alles schief gelaufen ist, aber Martha Wainwright hat ihre Stimme trotzdem gefunden – rau, verletzlich und unvergleichlich. 

Poetry has no place for a heart that’s a whore 


Blumfeld – Tausend Tränen Tief (1999)

Erst kürzlich hörte ich mich noch einmal durch das Gesamtwerk von Blumfeld (wodurch sich unter anderem auch der letzte Beitrag in diesem Blog erklärt). Vor allem die ersten beiden Alben haben mich dabei plötzlich ganz neu aufgepeitscht. Alles braucht seine Zeit, und zur Zeit der frühen Blumfeld-Ära hatte ich wohl gerade kein Ohr für deutsche Texte. Dann kam „Old Nobody“ und „Tausend Tränen tief“. Ein Schock, zumindest für viele alte Fans der „Hamburger Schule“. Schlager-Pop? Kitsch? Gefühle? Watt’n datt? Ganz große Kunst ist das, sage ich. Nichts weniger. Kudos an Jochen Distelmeyer, dass er sich das getraut hat und auch an Helmut Berger, dass er da mitgemacht hat.

Ein Lied von zwei Menschen, wie Liebe sich anfühlt


Joanna Newsom – Good Intentions Paving Company (2010)

Diese Frau. Also wirklich. Am Anfang ihrer Karriere trieb sie mit ihrem schrillen Organ und ihrem Harfenspiel so manchen Kritiker die Wände hoch. Vielleicht hatten sie ihr deshalb auch das unselige Etikett „Freak Folk“ angeheftet – eine Schublade, die ebenso dämlich ist wie eigentlich jede Schublade, die sich der Musikjournalismus über die Jahre so ausgedacht hat. Joanna Newsoms eigenständiges Talent war schon immer unbestreitbar, in den folgenden Jahren sollte es sich nur noch wunderlicher und wunderbarer entfalten. Mit Joni Mitchell wurde sie verglichen, mit Rickie Lee Jones und natürlich mit Kate Bush. Aber sie lebt und musiziert in ihrer ganz eigenen Welt. 

I’ve been fessing, double-fast, addressing questions nobody asked

Die Frau hat einen Vogel: Joanna Newsom


Elaine Stritch – Ladies Who Lunch (1970)

Wenn ich Martha Wainwrights Stimme als rau beschrieben habe, dann haben wir es hier mit einer Kettensäge zu tun. Elaine Stritch wurde für die Uraufführung von Stephen Sondheims Musical „Company“ nicht engagiert, weil sie eine großartige Sängerin war, sondern weil wohl niemand anderes diese bitterböse Hymne auf reiche gelangweilte Society Ladies so markerschütternd herausschreien konnte wie sie. Ein Monument des postmodernen Zynismus. I’ll drink to that!

A toast to that invincible bunch, the dinosaurs surviving the crunch. Let’s hear it for the ladies who lunch – Everybody rise!!!


Scott Walker – Plastic Palace People (1968)

Meinen Lebensabend stelle ich mir idealerweise so vor: Auf der weitläufigen Terrasse meiner überdimensionierten Strandvilla mit Blick auf den Pazifik tanze ich, bereits am frühen Nachmittag hackedicht abgefüllt mit den Schätzen meines hochwertigen Weinkellers, in einem Designer-Kaftan zu Scott Walker, am liebsten zu seinem zweiten Solo-Album. So soll es sein, viel mehr brauche ich nicht. 

Don’t pull the string, don’t bring me down, don’t make me land


Lady Gaga & Kermit, the Frog – Gypsy (2013)

Was soll ich dazu sagen? Schöner, alberner, bombastischer und berührender wird es nicht mehr. Lady Gaga wurde einst mit dem Album „The Fame“ berühmt. Ruhm und Berühmtheit waren ein Konzept, dass sie auf der Überholspur mit fast täglich neuen Kostümen und Ideen karikierte. Heute, so scheint es, ist sie dort angekommen, wo alle erfolgreichen Entertainer wohl irgendwann landen – in einer Blase selbstgerechter Weinerlichkeit, die Lippen aufgespritzt, das Konto gut gefüllt, den nächsten Filmvertrag schon in der Tasche. Zwischendurch aber hat sie dann auch immer mal wieder so etwas abgeliefert, und dafür muss man sie einfach lieben.

I don’t wanna be alone forever, but I love gypsy life


Robin Guthrie & Harold Budd – Neil’s Theme (2004)

In dem Film „Mysterious Skin“ gehen zwei Jungs mit der gemeinsamen Erfahrung eines sexuellen Missbrauchs sehr unterschiedlich um. Der eine macht dicht, verdrängt und glaubt fortan daran, von Außerirdischen entführt worden zu sein, der andere wird zum Stricher. Gewalt und Poesie formen hier eine faszinierende Einheit. Der Soundtrack von Robin Guthrie (dem Mitbegründer der Cocteau Twins) und Harold Budd passt dazu wie angegossen. Sphärisch, verträumt, außerirdisch.

Neil’s Theme


t.a.t.u. – How Soon Is Now? (2002)

Der Begriff queer bedeutete ursprünglich ja mal so etwas wie schräg, sonderbar oder suspekt. In diesem Sinne passt diese schauerlich-schöne Coverversion bestens ins Konzept. Wenn hier eines bewiesen wird, dann dass man einen wirklich guten Song nicht zerstören kann. In meinem fiktiven Drehbuch zu einer postapokalyptischen Komödie sitzt Morrissey einsam in einer Moskauer Karaoke-Bar und muss sich das anhören. Er hat wie immer schlechte Laune. Spätestens aber, wenn die beiden t.a.t.u.-Mädels „I am human and I need to be loved, just like everybody else does!“ von der Bühne knödeln, erweicht sein Herz, er springt auf und stimmt mit ein. 

You shut your mouth, how can you say I go about things the wrong way?


George Michael – Freedom! ’90 (1990)

Auch hier singt jemand vom Berühmt sein, vom Hadern mit dem eigenen Image und von den Fesseln der Musikindustrie. Was George Michael hier geschaffen hat, vor allem auch in der Verbindung mit dem legendären Video, ist nichts weniger als die geniale Verschmelzung von Rebellion und Glamour auf der allerhöchsten Stufe. Eine Hochzeit von Verweigerung und Größenwahn. Billig war das nicht. Es treten auf: Linda Evangelista, Naomi Campbell, Tatjana Patitz, Christy Turlington und Cindy Crawford sowie ein paar männliche Models, die damals leider nicht ganz so berühmt waren. Der Sänger selbst hatte sich herausgenommen aus dem Spiel, nur die brennende Lederjacke und die explodierende Gitarre erinnern noch an ihn. Regisseur des Videos war David Fincher. Ja, wer denn sonst? Vielleicht war das bereits das Ende des Pop, wie wir ihn kannten. Vor mehr als 30 Jahren. Verdammt!

All we have to do now is take these lies and make them true somehow

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