Einen Spiegel! Dass ich mir in die Fresse speien kann!

Schon bald feiert die Radikale Heiterkeit ihren siebten Geburtstag. Am 17. Mai 2014 erschien hier der erste Beitrag, damals noch unter dem oben stehenden Motto, einem Zitat aus Heiner-Müllers „Die Umsiedlerin“. Durch diese erste Assoziation und weil ich netterweise bald vom Kiezneurotiker verlinkt wurde, der wiederum eine tendenziell eher links drehende Leserschaft anzog, hatte auch ich bald ein entsprechendes Völkchen an den Hacken. Irgendein Provinz-Marxist wollte mir gar einen Preis verleihen. Kein Problem, macht alles nichts, Missverständnisse passieren und Ironie ist nun mal nicht jedermanns Sache. Dabei hatte ich mich bereits in jenem ersten Text vom Mai 2014 über das schon damals überholte Links-Rechts-Geseier lustig gemacht. Das war in den folgenden Jahren dann auch eine Art roter Faden: für selbstgerechte Ideologen, egal welcher Farbe und Fasson, hatte und habe ich nur Spott übrig, davon aber reichlich.

Müllers Zitat könnte aktuell wieder von Nutzen sein, da sich einige TV-Darsteller nach der geradezu lächerlich harmlosen Aktion #allesdichtmachen offenbar schon zu Distanzierungen und Widerrufen genötigt sehen. Lange haben sie wirklich nicht durchgehalten. Gerade noch über Angstmacherei gespottet (viel zu spät und viel zu vorsichtig), holt die Angst sie umgehend selbst wieder ein. Sie räumen Fehler ein und geloben Besserung. Öffentlicher Druck, Existenzangst, Arsch auf Grundeis, so kriegen sie die Leute am Ende immer zurück in die Spur. Das hat Tradition, von der katholischen Inquisition über die chinesische Kulturrevolution bis hin zu den Twitter-Prangern unserer Tage. Heute droht keine öffentliche Verbrennung mehr und kein Gulag – wir wollen ja nicht übertreiben – die Aussicht, in irgendeinem beschissenen Tatort nicht mehr mitspielen zu dürfen, reicht schon vollkommen.

Und JA, sage ich, und dreimal JA zu eurer Kritik, Kollegen – mit einem Vorbehalt: dass sie nicht hart genug war, sondern eine Schönfärberei! Denn dreimal schwärzer bin ich als ihr mich abgemalt habt! Einen Spiegel! Dass ich mir in die Fresse speien kann!

Heiner Müller, Die Umsiedlerin oder Das Leben auf dem Lande, 1961

Die Uraufführung von Heiner Müllers „Umsiedlerin“ wurde 1961 zum politischen Eklat. Warum? Müller provozierte durch eine respektlose Satire am sozialistischen Kollektivierungswahn der frühen DDR-Jahre. Der junge Manfred Krug konnte damals im Publikum herzlich darüber lachen, die SED fand es weniger witzig. Das Urteil: konterrevolutionär, antihumanistisch und antikommunistisch. Verbot. Sämtliche an der Aufführung beteiligten Studenten wurden von der Stasi noch in der selben Nacht einzeln verhört und dazu gezwungen, sich schriftlich vom Stück, dem Autor und der Regie zu distanzieren. Müller selbst wurde daraufhin aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen, der Regisseur B.K. Tragelehn wurde „zur Bewährung“ in einen Braunkohletagebau geschickt. Zurück in die Gegenwart: Jemand wie Jan Josef Liefers hat durch seine Ost-Vergangenheit wohl den Vorteil, hier noch Zusammenhänge zu erkennen. Vielleicht bewegt er sich daher auch angstfreier durch die derzeitige Situation als seine Kollegen. Wer diesen Mist schon mal durchgemacht hat, ist eben besser gewappnet. Diejenigen aber, die es eigentlich angehen sollte – all die keifenden Haltungsfunktionäre, die nun wieder nach Konsequenzen und Bestrafung rufen – die werden auch diesmal die Ironie nicht verstehen und die Tradition nicht begreifen, in die sie sich freiwillig stellen.


Der ehemalige Kiezneurotiker, heute Maschinist, beklagt in diesem Zusammenhang gerade wieder einmal den Verlust seiner einstigen politischen Heimat. Er tut das nicht zum ersten Mal und er ist damit sicher auch nicht alleine. Ein guter Text, der aber langsam auch etwas redundant wirkt. Denn dass ehemals progressive Bewegungen, sobald sie selbst die Nomenklatura stellen, sich ebenso totalitär und machtbesoffen aufführen wie die Mächtigen, die sie einst bekämpft haben, ist eine historische Binsenweisheit. Dabei ist es egal, ob sich diese Leute nun durch eine blutige Revolution, den „langen Marsch durch die Instanzen“ oder einfach nur durch erfolgreiche Lobbyarbeit nach oben gedrängelt haben. Die Dynamik ist immer die selbe. Links Hop – Rechts Hop, der ganze Quatsch dient dabei nur dem Machterhalt von Bürokraten, denn wer sich derart ideologisch aufeinander hetzen lässt, ist eben auch leichter kontrollierbar. Politische Heimat am Arsch. Ich selbst habe nie eine gebraucht. Weshalb sollte ich mir auch eine Rolle in einem Spiel zuschreiben lassen, das ich weder erfunden noch mir selbst je freiwillig ausgesucht habe? Im besten Fall werde ich in dieser Position in Ruhe gelassen, im schlimmsten Fall härter bekämpft als der politische Gegner. Denn ein Gegner erkennt wenigstens die Macht an. Ich nehme diese Kasper gar nicht erst ernst. In diesen Sinne: Weiter machen und weiter lachen!


Als vorgezogenes Geburtstagsgeschenk an mich und alle Leser, die bis hierhin durchgehalten haben, hier noch ein paar spontan ausgewählte Juwelen aus sieben Jahren Radikaler Heiterkeit, mehr oder weniger passend zur obigen Thematik:

3 Kommentare zu „Einen Spiegel! Dass ich mir in die Fresse speien kann!

  1. Schön, dass es Deinen Blog gibt!
    Jetzt was anderes: Könntest Du bitte Volker Bruch das Schild aus dem Gesicht nehmen? Das ist doch … also … nun. 🙂
    Danke!

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