Spurlos

Ich beobachte, wie sie bedächtig jede Frucht und jede Knolle einzeln auf das Laufband legt. Solche Leute sehe ich beim Einkaufen jetzt immer öfter: radikale Verpackungsvermeider. Kein Plastik, keine Folie, kein Papier. Und nach der Bezahlung stopfen sie dann auch alles einzeln und unverpackt in ihre verfilzten Rucksäcke. Man kennt das aus den Bioläden, jetzt ist es auch bei den großen Discountern üblich. Sie haben die Leute also nicht umsonst mit ihren grünen Wohlfühl-Kampagnen zugedröhnt. REWE ist nachhaltig, EDEKA ist Bio, LIDL spendet für Pandabären und Nena rettet den Planeten mit Möhrchen von PENNY. Jetzt fühlen sie sich also auch hier zuhause. Und sie wollen sich nicht daran mitschuldig machen, wenn irgendwo ein Delfinbaby an einer deutschen Gemüseverpackung erstickt. Also rollt auch die Dame vor mir ein Tomätchen, drei Radieschen, ein Petersilien-Strunk und noch ein paar dreckige Kartoffeln über das Band, und ich stelle mir vor (irgendwie muss ich die Wartezeit ja überbrücken), wie sie vorhin vielleicht noch kräftig in der Nase gebohrt hat und hier gerade mehr Krankheiten verteilt als die berühmte Kloschüssel aus Trainspotting (The Worst Toilet in Scotland, remember?) … In Zeiten der allgemeinen Virenpanik ein unterhaltsamer Gedanke. Ist die Ausrottung der menschlichen Rasse schlussendlich nicht auch der konsequenteste Umweltschutz? Später wird die Kassiererin ihr Warenband großflächig mit Chemikalien säubern und die Reste in einer Plastiktüte entsorgen. Aber da ist die Gemüseschubserin längst über alle Berge, überzeugt, alles richtig gemacht zu haben. Unterwegs wird sie sich vielleicht noch mit einem Coffee-To-Go stärken, natürlich nur aus fairen, per Esel herangekarrten Genossenschafts-Bohnen und ohne Becher. Sie wird sich den Kaffee frisch in den offenen Mund gießen lassen. So wird sie dann das mit veganer Mandelmilch gestreckte Gesöff gurgeln, während sie eine große Zucchini auf dem Kopf balanciert (der Rucksack ist bereits voll) und auf ihrem in der nachbarschaftlichen Kolchose liebevoll reparierten Second-Hand-Fahrrad in den Sonnenuntergang schlingert – nachhaltig, keine Spuren hinterlassend, sich selbst langsam auslöschend im dunkler werdenden Horizont.

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