Erst kommt das Saufen, dann kommt die Moral

Aber eines Abends wird ein Geschrei sein am Hafen
Und man fragt: Was ist das für ein Geschrei?
Und man wird uns lächeln sehn bei unsren Gläsern
Und man sagt: Was lächeln die dabei? …*

Freitagnachmittag am Spreeufer. Wenige Schritte vom Berliner Ensemble entfernt, lebt der Geist von Bertolt Brecht auf einer Karte weiter, die über 50 einheimische Weißweine aufführt. Brechts Steakhaus müsste eigentlich Brechts Rieslinghaus heißen. Auf Nachfrage empfiehlt uns der pfiffige Kellner einen der billigsten, denn „den trink ick ooch immer jerne!“. Wir vertrauen dem guten Mann sofort, bestellen davon gleich zwei Flaschen, dazu nur eine kleine Käseplatte, und empfehlen uns somit als Alkoholiker alter Schule. Der Stoff ist auch auch dringend nötig, denn der Großteil der übrigen Gäste besteht, wie an dieser Ecke nicht anders zu erwarten, aus einem grauenhaft gekleideten Touri-Pöbel. Zweihundert Meter weiter nördlich geht es visuell nicht ganz so barbarisch zu. Die Arbeitsbienen aus den Büros der Reinhard- und Schumannstraße, die ich kurz zuvor hinter mir gelassen hatte, diese ganzen Pitcher und Pusher, Coder und Kicker, Mover und Shaker, Lobbyisten und Strategen, die flitzen noch in halbwegs akzeptablen Klamotten durch die Gegend. Aber hier unten am Ufer sind die Leinen los, hier ist die große internationale Mutanten-Fiesta in vollem Gange. Speckschwarten quellen unter knappen Freizeitfetzen hervor. Man möchte spontan erblinden oder sich zwei ultrastarke Sonnenbrillen übereinander aufsetzen. Berlin lebt von diesem hässlichen Mob, die Pitcher und Pusher bringen wohl noch nicht genug rein. Watt soll man machen, wa, Prost, runter mit dem Zeuch, denn den trinkt der Kellner ooch immer jerne! Ich werde angerufen, in Moabit gab es eine Schießerei, überall Polizei, Großfahndung, ich soll die Turmstraße möglichst meiden. Der Täter floh auf einem Fahrrad. Auf einem Fahrrad. Wer möchte denn von einem Fahrradfahrer erschossen werden? Auf der Flucht hat er wahrscheinlich noch Pfandflaschen zurückgebracht. Diese Stadt ist wirklich das letzte. 

*frei nach:

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