All about Susi

Wer schon immer mal wissen wollte, für wen der Deutschlandfunk Kultur eigentlich sein Programm gestaltet – also all die hochwertigen Features und Hörspiele über Ingeborg Bachmanns wiederentdeckte Notizblöcke oder die Geschichte des afghanischen Hip-Hops – hat nun Gewissheit: die Adressatin heißt Susanne Wagner, ist 48 Jahre alt, stammt aus Leipzig und ist die offizielle Musterhörerin des Kultursenders. Joachim Huber vom Tagesspiegel zitierte am vergangenen Sonntag merkbar amüsiert aus Frau Wagners Muster-Biographie. Weil es auf englisch immer noch eleganter klingt, sage ich einfach mal: you can’t make this shit up. Lesen Sie selbst:

„Nach dem Mauerfall geht sie ins Sehnsuchtsland Italien, danach studiert sie in Freiburg Architektur und lernt 1995 Niko aus Dubrovnik kennen. Sie bekommen 1997 eine Tochter, trennen sich 2000. Wechsel nach Frankfurt am Main, Susanne Wagner geht mit Matti aus Helsinki eine Verbindung ein, ein zweites Kind wird geboren. Heute hat sie eine Firma für nachhaltige Architektur, sie kämpft gegen steigende Mieten in Sachsenhausen, unterstützt ein Mädchen­-Schulprojekt in Simbabwe.“

Wäre ich bösartig gesinnt, würde ich dem Deutschlandfunk anhand dieses vordergründig progressiven Lebenslaufs nun ein latent rassistisches und eurozentrisches Weltbild unterstellen. Schließlich hätte Susanne Wagner ja auch mit Samuel aus Simbabwe eine Verbindung eingehen und ein Hilfsprojekt in Dubrovnik unterstützen können. Aber ich will mal nicht so kleinlich sein, außerdem zieht sich der öffentliche Rundfunk derzeit schon ausreichend selbst durch den Kakao. Fragen Sie mal beim Berkeley Institute für angewandte Geldverschwendung nach. Nein, ich möchte die Geschichte von Susi, Niko und Matti viel lieber zum Anlass nehmen, mir meine eigene Musterleserin vorzustellen. Natürlich ist es eine Frau, denn Männer lesen nicht, sind allgemein recht grob und ungebildet und interessieren sich einen Dreck für den Mietspiegel in Sachsenhausen. Nun denn: die Musterleserin der Radikalen Heiterkeit heißt Carlotta-Sophia Schibulski, ist 36 Jahre alt und wurde in Mönchengladbach geboren. Nach dem Studium der schwarzen Magie in Heidelberg zog sie jahrelang durch die Karpaten, bekam vier Kinder von fünf verschiedenen Zirkusartisten (Magie!) und betreibt heute ein nachhaltige Casting-Agentur für dicke tätowierte Sekretärinnen, die im Fernsehen Brautkleider anprobieren möchten. Und im Herbst eröffnet der Papst eine Herrenboutique in Wuppertal.

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