You are not Madonna, Girl!

Ich erinnere mich an den Sommer 2001. Es war kurz nach dem berühmten Coming Out von Klaus Wowereit und noch eine gefühlte Ewigkeit bis zum 11. September. Madonnas Drowned World Tour war in der Stadt, eine ganze Woche lang. Die Berliner Presse berichtete darüber wie über einen Staatsbesuch. So erfuhren wir unter anderem, dass das Kindermädchen der kleinen Lourdes in einem Bioladen in Mitte Karotten und Fenchel gekauft hatte. Karotten und Fenchel! Für Lourdes! In Mitte! Seitdem ist sämtliches Gemüse in diesem Bioladen gesegnet. When you call her name, its like a little prayer. In diesem Sinne: auf die Knie zum Gebet!

madonna_polaroid

Es hätte auch anders kommen können. Sie hätte auch einfach nur als Ex-Freundin von Jean-Michel Basquiat im Gedächtnis einer kleinen Kunstclique hängen bleiben können. Oder als DJ-Groupie, als eines von diesen frechen, lauten und schrill gekleideten Mädchen, die nachts die Danceteria unsicher machten und vom großen Durchbruch träumten. Sie wäre heute nur eine Ehemalige, eine Veteranin, die ab und zu in Kultursendungen der dritten Programme darüber berichten darf, wie das damals so war, Anfang der 80er Jahre in New York City, in der goldenen Ära des Materialismus, als ein gewisser Donald Trump zum König der Stadt aufstieg, während ihr der halbe Freundeskreis an AIDS wegstarb. Eine Randnotiz wäre sie, ein nostalgisches Polaroid, mehr wohl nicht. Stattdessen berichten heute andere Ehemalige darüber, wie das damals so war, als eine gewisse Madonna zur Königin der Welt aufstieg und die goldenen Ära des Materialismus besang. Rosanna Arquette hätte da z.B. ihre ganz eigene Geschichte zu erzählen: Als sie 1984 mit den Dreharbeiten zu „Desperately Seeking Susan“ begann, war sie noch fest davon überzeugt, für eine Hauptrolle unterschrieben zu haben. Bei der Premiere im Frühjahr 1985 war daraus eine Nebenrolle und aus dem Film ein PR-Vehikel für ihre Kollegin geworden, die plötzlich berühmter war als sie (in der Zwischenzeit war „Like A Virgin“ erschienen und Andy Warhol saß in der Jury von Madonna-Look-alike-Wettbewerben). Madonna hat bisher noch jeden Film plattgewalzt, in dem sie mitwirkte. Meist im eher ungünstigen Sinne, hier aber stimmte alles: der Ort, die Zeit, die Rolle und die Cheez Doodles.

Mehr als drei Jahrzehnte sind seitdem vergangen. Kinder, wo ist die Zeit geblieben? Morgen wird Madonna stolze 60 Jahre alt. Vielleicht sollten wir uns einfach darüber freuen, dass es sie überhaupt noch gibt, nachdem so viele ihrer berühmten Kollegen von einst (Michael, Prince, Whitney, George und wie sie alle hießen) längst von der eigenen Drogensucht dahin gerafft wurden. Den Traum von ewiger Jugend und Fitness kann sie heute zwar nur noch mit der Hilfe von robusten Stützkorsetts und jeder Menge Botox weiterträumen, aber wer sind wir elendigen Kleinbürger schon, ihr das auszureden? Lasst uns lieber zu ihren Ehren in Strapsen auf dem großen Friedhof der Pop-Leichen tanzen, lasst uns dazu kabbalistische Räucherstäbchen anzünden, wilden Sex mit jungen Unterwäschemodels haben und nebenbei noch ein paar Waisenkinder aus Malawi adoptieren! Schlafen können wir schließlich auch noch, wenn wir tot sind.

Nein, das ist nicht Madonna, das Original gibt es hier.


Polaroid: Richard Corman, 1983

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