Ethik gerettet, Debatte ersoffen

Die einen verstecken die Hälfte ihrer Texte hinter Bezahlschranken, die anderen lassen sich mit aktiviertem Adblocker überhaupt nicht mehr lesen. Erwischt man dennoch mal ein Gratisangebot ohne Werbebanner, so darf man sich durch eine Mauer von Warnhinweisen und Spendenaufrufen klicken. Ein großer Teil des Online-Journalismus hat sich mittlerweile derart verbarrikadiert, dass ich mich frage, für wen da eigentlich noch geschrieben wird. Für mich jedenfalls nicht, denn ich ignoriere aus Prinzip sämtliche Zwangs- oder Bettelangebote. Für mich gibt es kaum etwas Wertloseres als die tägliche Kommentarflut zum aktuellen Weltgeschehen, egal für wie kompetent und qualifiziert sich die jeweiligen Absender halten. Natürlich verstehen sie sich alle als Bewahrer von Demokratie und Meinungsvielfalt, und dafür wollen sie auch bezahlt werden. Dabei weiß Jakob Augstein heute auch nicht besser über Donald Trump oder die Lösung der Flüchtlingskrise Bescheid als mein Friseur.

Die Einzigen, die offenbar noch mehr von sich eingenommen sind als die Berufsschreiber hinter ihren Paywalls, sind deren Leser. Was passiert, wenn die mal ganz ungeschützt mit einer etwas abweichenden Wortmeldung konfrontiert werden, kann man derzeit bei der ehrwürdigen ZEIT beobachten. Dort hat eine gewisse Mariam Lau in ihrem Beitrag nicht etwa zum Ertränken von afrikanischen Flüchtlingen aufgerufen (wie man aufgrund des unverzüglich einsetzenden Entrüstungssturms vermuten musste), nein, sie hat lediglich das moralische Dogma einer unbedingten Solidarität mit selbsternannten Seenotrettern infrage gestellt. Es ist eine Sichtweise, die man nicht teilen muss, die sich aber durchaus aushalten lässt – sofern man es denn mit der Meinungsvielfalt tatsächlich ernst meint. Stattdessen bedauert die Redaktion, dass sich so viele Leser „in ihrem ethischen Empfinden verletzt“ gefühlt haben. Wer fünf Euro pro Woche für Qualitätsjournalismus bezahlt, hat bei der ZEIT offenbar Anspruch auf Schutz vor gesundgeitsschädlichen Debatten. So präsentiert sich die aktuelle deutsche Streitkultur: überspannte Christen im Kampf um die moralische Überlegenheit, die sich gegenseitig als Gutmenschen oder Faschisten beschimpfen. Jesus-Fucking-Christ! Die Dehumanisierung der Anderen findet wohl nicht nur im Mittelmeer statt. Alles weitere erfahren Sie beim Friseur ihres Vertrauens.

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13 Kommentare zu „Ethik gerettet, Debatte ersoffen

  1. Mariam Lau ist alles andere als ungeschützt, sie weiß eine Redaktion, eine Rechtsabteilung, die grundgesetzlich garantierte Presse- und Meinungsfreiheit, einige Kollegen und jede Menge besorgter Bürger hinter sich.

    Irgendwie müssen Sie aber einen anderen Artikel gelesen haben als ich oder eine andere Mariam Lau meinen, denn die spricht sich nicht nur in Die Zeit, sondern auch u.a. im Deutschlandfunk ausdrücklich für Abschreckung von Flüchtlingen/Migranten aus.

    Von einem Dogma unbedingter Solidarität mit selbsternannten Seenotrettern ist bei Laus aktuellem Artikel nicht die Rede, sondern sie vertritt die Meinung, Ertrinkende hätten nicht von NGOs, sondern staatlich, bzw. von Frontex gerettet zu werden. Was komplett gaga ist, indem die NGOs überhaupt erst in Erscheinung traten, als sich die europäischen Staaten aus der Seenotrettung zurückgezogen hatten und Frontex keine Seenotrettungs-, sondern eine Grenzschutzagentur ist (die sich über Aufstockung ihrer Mittel und Verzehnfachung ihres Personals freuen darf).

    Nicht aushalten kann ich Laus Verständnis der Menschenrechte. Sie scheint die AEMR nicht als universal gültige, unteilbare, unveräußerliche Menschen-, sondern als exklusive Europäer- oder Deutschen-Rechte mißzuverstehen.

    Laut Die Zeit waren es btw. nicht viele, sondern nur einige Leser, deren ethisches Empfinden Die Zeit verletzt glaubt. Ich glaube ja eher, daß Die Zeit inzwischen massenhafte Abo-Kündigungen erhalten hat.

    Was aber bringt Sie auf die Idee, die Debatte sei ersoffen? Nach meinem Eindruck fängt die gerade erst an. Ob dabei Ethik und vor allem: mühsam errungenes Recht (wie Artikel 1 GG, GFK, EMRK, AEMR) gerettet werden kann, ist noch nicht raus. Die Flüchtlinge sind „nur“ die ersten, die die Erodierung von Grundrechten trifft.

  2. Ich fürchte, Sie haben meine Formulierung komplett missverstanden: Als „ungeschützt“ habe ich nicht Frau Lau bezeichnet, sondern die Leser, die mit ihrem Text „konfrontiert“ wurden. Liebe Dame von Welt, es ist offensichtlich, dass Ihnen bei diesem Thema die Sicherungen durchbrennen (wie viele Texte haben Sie mittlerweile dazu auf Ihrem Blog veröffentlicht?) – schade, dass dabei offenbar auch jegliches Ironie-Verständnis auf der Strecke bleibt. Wir beide haben schon den selben Artikel gelesen, interpretieren ihn aber offenbar anders. Ich lese da nichts von Abschreckung oder exklusiven Menschenrechten für Europäer, sondern eher die Frage nach Verantwortlichkeiten. Diese Frage kann man natürlich für sich anders beantworten, muss man deshalb aber immer gleich mit der demagogischen Keule draufhauen? Genau damit ersäuft (bzw. erschlägt) man nämlich Debatten.

    1. Sie haben in einem Punkt recht, mir fehlt Ihr Ironie-Verständnis und Mariam Laus kalter Blick, den Sie/sie angesichts des Sterbens an der Festung Europa für angebracht halten.

      Ein simples Tut mir leid, Ihren Kommentar tagelang ignoriert zu haben hätte es aber auch schon getan, an Stelle Ihrer Befunde von offensichtlich durchbrennenden Sicherungen und immer gleich mit der demagogischen Keule draufhauen, mit denen Sie Ihrem Wunsch nach Debatte und Ihrem Engagement gegen Dehumanisierung Ausdruck verleihen.

      1. Ja sicher, wir lachen uns hier schlapp über die Toten im Mittelmeer – ich und die böse Frau Lau. Nur Sie besitzen ausreichend Herz und Empathie und können das Thema ideologisch korrekt einordnen. Genau so funktioniert Demagogie, meine Liebe: Jeden, der die eigene Sichtweise nicht teilt, pauschal zum Menschenfeind zu erklären. Danke.

        Für die Veröffentlichung von Kommentaren gibt es hier keine Express-Garantie, ich schaue nämlich nicht dreimal am Tag in meinen WordPress-Account. Und jetzt regen Sie sich bitte mal wieder ab.

    1. Und ich bin froh über alle, die froh sind. Liebe Annika, die Dame v. Welt ist vor lauter Empörung offenbar nicht mehr in der Lage, einfache Satzzusammenhänge zu verstehen (siehe oben) und reagiert beleidigt, wenn sie darauf hingewiesen wird. Soll vorkommen. Wenn wir uns alle immerzu verstehen würden, müssten wir das Internet wegen Langeweile unverzüglich abschalten.

      1. Ach lieber ob, so sehr ich deinen Zynismus mag, wenn er so umschlägt in die reine Freude am draufhauen, dann wünschte ich mir, es träfe nicht ausgerechnet die, die sich viel Zeit und Mühe machen, möglichst umfassend zu informieren.

        Ich habe den Text von Lau auch gelesen, mit sehr gemischten Gefühlen. Am Ende des Tages ersaufen da echte Menschen im Meer und wenn hundertmal mehr ersaufen, weil die Schlepper noch mehr aufs Meer schicken, in dem Wissen, dass sie wahrsscheinlich gerettet werden, dann verbietet sich der Satz, es wäre besser, die grundguten Seenotretter würden lieber zuhause bleiben.

        Wir schwadronieren doch hier vom bequemen Sofa aus. Keiner von uns hat je einen Menschen ertrinken sehen (hoffe ich) und keiner von uns ist in so einer Not, dieses Risiko eingehen zu wollen – letztendlich wissen wir gar nicht, wovon wir reden.

      2. Liebe Annika, ich kann die unguten Gefühle bei diesem Thema durchaus verstehen. Draufhauen tut aber vor allem die werte Dame v.W., in dem sie anderen Kälte und Menschenfeindlichkeit unterstellt, nur weil die ihren Standpunkt nicht uneingeschränkt unterschreiben möchten. Ich habe die Dame bisher auch für ihr Engagement geschätzt, sie hat aber auch sehr klar umrissene Feindbilder, die ich nicht teile. Niemand hat gefordert, Menschen ertrinken zu lassen oder gar internationale Grundrechte abzuschaffen – das wird auch dadurch nicht wahrer, dass es gewisse Blogger ständig wiederholen. Es wurden lediglich Fragen gestellt, in meiner Lesart auch Fragen nach moralischer Selbstüberhöhung. Wer Fragen „verbieten“ will, hat selbst moralisch leider längst kapituliert, egal wie sehr er oder sie sich auf der richtigen Seite wähnt. Und genau darum geht es hier: um diese dogmatische Art, eine Debatte zu führen bzw. eben nicht zuzulassen, indem man Kontrahenten zu Unmenschen erklärt. „Umfassend“ informiert wird man dadurch nur über die Ideolgie der Verfasser. Und bitte nicht Sarkasmus mit Zynismus verwechseln (ein sehr beliebter Fehler).

  3. Lieber ob,
    bevor die Mißverständnisse hier noch weiter ins Kraut schießen: der kalte Blick (Beispiel) ist nicht meiner Empörung/moralischen Selbsterhöhung, bzw. Kapitulation/sehr klar umrissenen Feindbildern/dogmatischen Art, eine Debatte zu führen/durchbrennenden Sicherungen/demagogischen Keule usw.usw. geschuldet, sondern der wird von Mariam Lau für nötig gehalten. Sie schrieb auf Twitter (via MEEDIA, Lau ist die erste und m.W. einzige, die mich auf Twitter blockiert hat): „Man muss sich mit einer gewissen Kälte über das Thema beugen.
    Tut mir leid, falls ich mit fehlenden Anführungszeichen zum Mißverstehen beigetragen habe und den Satz „Irgendwie müssen Sie aber einen anderen Artikel gelesen haben als ich oder eine andere Mariam Lau meinen“ hätte ich mir auch besser gespart, bzw. den link zum Deutschlandfunk gleich mitgeliefert. Tut mir leid!

    Der Trick mit dem „lediglich Fragen stellen“ aber ist gutes altes Manipulationsrepertoire auf Blöd-Niveau, um einerseits fragwürdige Behauptungen vor dem Presserat und – im Extremfall – der Justiz in Sicherheit zu bringen. Andererseits: ebenso, wie verneinende Botschaften nur schlecht wahrgenommen werden, wird auch bei bestimmten Fragen das Fragezeichen kaum zur Kenntnis genommen. Man kann mit Sicherheit davon ausgehen, daß diese Wahrnehmungslehre allen Journalisten bekannt ist und u.a. die Frage „Oder soll man es lassen?“ kein unbeabsichtigter Lapsus von Die Zeit/Zeit Online war. Vielleicht interessiert Sie, was Thomas Knüwer über die Verschiebung des Overton-Fensters schreibt (wobei er im Bezug auf Mariam Lau nicht ganz richtig liegt, sie hat sich schon vor einem Jahr nach ihrem Aufenthalt auf der Sea Eye ähnlich, z.T. wortgleich geäußert).

    Vielleicht ziehen Sie versuchshalber in Erwägung, daß ich Sie persönlich gar nicht, sondern nur Ihre Lesart z.T. in Frage gestellt habe und daß ich weder Fragen im allgemeinen noch Mariam Laus Weltsicht im speziellen verbieten will. Bitte gestehen Sie mir zu, daß ich mich mit Laus Texten schon eine ganze Weile beschäftige und ich weder Aussagen treffe, die ich nicht belegen kann noch Meinungen unbegründet vertrete noch meine Weltsicht schwarz/weiß oder dogmatisch ist.
    Ich habe in der Tat 1ne kompromisslose Haltung, nämlich zu Grund- und Menschenrechten, deren Erodierung am Umgang mit Flüchtlingen/Migranten überdeutlich wird. Mir macht das Scheißangst.

    1. „Fragwürdige Behauptungen“ vor der Justiz in Sicherheit bringen? Ist das Ihr Ernst? Meine liebe Dame, Sie sind wesentlich dogmatischer als Sie sich das eingestehen wollen, wähnen sich damit aber moralisch offenbar im Recht und damit unangreifbar. Ich kann Ihre Angst sowie ihre ständige Panikmache nicht teilen, tut mir leid. Zumindest geben Sie zu, dass Frau Lau, anders als Sie, sich tatsächlich schon mal an Bord eines Rettungsschiffes aufgehalten hat.

      1. Nils Markwardt hat einen schönen Essay geschrieben – Festungen aus Illusionen

        Wer Politik und Moral bei der Abschottung trennen will, verkennt nicht nur, dass die Abschottung im Kern die moralische Frage, nämlich jene nach Leben und Tod betrifft. Er müsste auch diese Trennlinie dann zumindest selbst einhalten und auch die eigenen Wertbestände vor jeder politischen Diskussion abgeben.

        Warum tut Ihnen leid, daß Sie meine Angst nicht teilen? Seien Sie doch froh!

        Zumindest gebe ich zu? Bin ich in ein Verhör geraten? Habe ich je behauptet, Lau sei nicht auf der Sea Eye mitgefahren? Das kann man bei Zeit Online nachlesen, unter dem schönen Titel: „Sollen wir sie sterben lassen?“

        Wenn ich irgendetwas nicht bin, dann unangreifbar.
        Was ich aber bin: hier raus.
        Null Interesse an einer „Debatte“, die sich auf schräge Unterstellungen beschränkt.

      2. Vice Versa, meine Beste. Zur abschließenden Klärung: ich hatte nicht vor, mit Ihnen eine Debatte zu führen. Ich habe hier lediglich einen Kommentar zu einer anderen Debatte veröffentlicht, den Sie im Ton und Inhalt offenbar nicht aushalten. Sie selbst arbeiten in Ihren eigenen Beiträgen zu diesem Thema (und auch in Ihren Kommentaren hier) fast ausschließlich mit Unterstellungen, nur wollen Sie dies partout nicht erkennen. Und nachträglich noch zu Ihrer „kompromislosen Haltung“: Zu einer Haltung gehört zuerst einmal, dass man sich als reale Person mit realem Namen der Öffentlichkeit stellt. Aus der Anonymität heraus Leute zu diffamieren, ist das Gegenteil davon.

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