Altstoffsammlung

Dem edlen Weltgeist, vielleicht auch nur meinem fortgeschrittenen Alter sei’s gedankt, dass ich so gut wie nie zu meiner politischen Gesinnung befragt werde. Nehme ich aus Jux an einem dieser Online-Tests teil, durch die man eben jene Gesinnung angeblich ermitteln kann, so kommt meist eine Mischung aus antideutschem oder anarcho-libertärem Hippietum heraus. Dafür gibt es in diesem Land keine wirklich große Lobby. Ich bin somit mein eigener Lobbyist und halte es sowieso zunehmend mit Nietzsche, der Überzeugungen als Gefängnisse bezeichnete – oder auch mit dem großen Robert Anton Wilson, der Belief Systems gerne mit BS abkürzte, was gemeinhin ja auch für Bullshit stehen kann.

Mir tun Menschen mit felsenfesten Überzeugungen leid, sie haben es in diesen unübersichtlichen Zeiten wahrlich nicht leicht. Vor allem bedauere ich jene, die sich noch immer unbedingt als politisch „links“ verorten und gleichzeitig einen Großteil ihrer Zeit mit der mühsamen Diskussion darüber verbringen, was das eigentlich sein soll: links. Was haben Karl Liebknecht, Ulrike Meinhof, Erich Honnecker, Inge Meisel, Heinrich Böll, das Hausbesetzer-Kollektiv „Rote Grütze“ und Gregor Gysi gemeinsam? Sie alle waren oder sind links, auf ihre eigene Art. Geeint im Kampf für eine gute und gerechte Welt, zerstritten in der Wahl ihrer Methoden (wahlweise Tarifverhandlungen, Guerillakampf oder politische Umerziehung). Ich denke, grundsätzlich existiert links nur gegenüber von rechts. Wer sich links verorten will, braucht also den Sparringspartner in der anderen Ecke. Ohne Ungerechtigkeit keine Gerechtigkeit, ohne schwarz kein weiß, ohne Ying kein Yang … blablabla, sprich: ohne Kontrast keine Sichtbarkeit. Vielleicht wird daher das Prädikat „rechts“ auch bevorzugt von links verliehen, bleibt es doch der einzig verlässliche Garant für die eigene Sichtbarkeit. Die Rechten werden daher mit wachsender Identitätskrise der Linken auch immer zahlreicher, denn nur der Feind vermag noch zu vereinen. Oder auch nicht, denn schon flackert die nächste linke Sammlungsbewegung am Horizont. Die Linken haben mittlerweile mehr Abspaltungen, Seperations- und Sammlungsbewegungen hinter sich als die christliche Kirche. Die aktuelle deutsche Linkspartei entstand schließlich auch nur aus einer Sammlung der ehemaligen SED und einem Haufen Oskar-Lafontaine-Plakaten, das ist noch gar nicht so lange her. Nun soll also wieder neu gesammelt werden, denn: linker geht immer.

Parteiversammlung

Wer sich nur weit genug links versammelt, landet irgendwann … nein, nicht rechts, sondern erst einmal beim Genossen Kim Jong-un. Von ihm geht entsprechend gesetzmäßig nun auch der neue Weltfrieden aus – zumindest bis Präsident Matschbirne das Ganze wieder mit seinem Hinterteil (also seinem Twitter-Account) einreisst. Was werden wir wohl eher erleben: die Abrüstung Nordkoreas oder Sahra Wagenknecht als Bundeskanzlerin? Und was ist davon zu halten, dass die Autokorrektur meines Textprogramms aus „Verortung“ ständig eine „Verrottung“ machen will? Jetzt machen Sie sich über all das mal ein paar hübsche Gedanken.

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Ein Kommentar zu „Altstoffsammlung

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