Ein Krampf

Wie war das noch beim alten Weinstein? Je schneller die öffentliche Distanzierung, desto erfolgreicher verlief die Schadensbegrenzung. Was Hollywood sein #MeToo, ist der hiesigen Unterhaltungsbranche nun (nachdem die Akte Wedel ja nicht so richtig in Schwung kam) ihr #NichtMeinEcho. Und ja, ich glaube, ich habe gerade einen neuen Hashtag erfunden, Applaus! Wie gut sich die Verleihung dieses Musikpreises als Bühne für moralisches Schaulaufen eignet, konnte seinerzeit schon beim Eklat um die Gruppe Frei.Wild beobachtet werden. In diesem Jahr ging es also um ein paar erfolgreiche Proll-Rapper und ihre geschmacklose Reime. Wie schockierend oder antisemitisch man die findet, sei jedem selbst überlassen – verboten scheinen sie jedenfalls nicht zu sein, sonst würden sie sich in Deutschland wohl kaum so gut verkaufen. Dafür wird der Echo verliehen: für Verkaufszahlen, nicht für Intelligenz oder edle Gesinnung.

Ist der Parental Advisory-Sticker eigentlich noch im Einsatz? Ursprünglich als Warnung vor jugendgefährdenden Inhalten gedacht, erwies sich dieser schnell als verkaufsfördernde Maßnahme. Ähnlich wird das wohl auch bei der aktuellen Echo-Empörung funktionieren: Mit jedem Politiker, Pianisten oder Punk-Senioren, der sich jetzt öffentlich distanziert, klicken wieder ein paar Jugendliche mehr die Werke von Kollegah und seinen Kollegen an.

Parental_Advisory_label

Distanziert hat sich auch die Stadt Konstanz, und zwar von ihrem eigenen Theater. Dort wird an diesem Freitag, dem 20. April, Georges Taboris „Mein Kampf“ unter der Regie von Serdar Somuncu aufgeführt. Somuncu trägt gerne dick auf, das ist bekannt, diesmal vielleicht zu dick?

Verehrte Zuschauerinnen und Zuschauer,

Die Aufführung von Mein Kampf beginnt schon mit dem Kartenkauf. Sie können sich entscheiden: Mit dem regulären Erwerb einer Eintrittskarte in der Kategorie ihrer Wahl bieten wir Ihnen an, im Theatersaal einen Davidstern als Zeichen der Solidarität mit den Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zu tragen. Sie haben auch die Möglichkeit kostenlos ins Theater zu gehen: Für eine Freikarte erklären Sie sich bereit, im Theatersaal ein Hakenkreuz-Symbol zu tragen. Die Symbole erhalten Sie vor der Vorstellung am Einlass zum Zuschauerraum. Mit Verlassen des Zuschauerraums sind die Symbole abzugeben.

Die Bloggerin Jennifer Nathalie Pyka hat sich im Zusammenhang mit der Konstanzer Theaterpremiere einige interessante Gedanken zur deutschen Vergangenheitsbewältigung gemacht. Es ist der letzte Text, den ich lese, bevor ich das Büro verlasse. Ein sonniger Frühlingsabend. Ich laufe am Stelenfeld vorbei, in dem sich wie üblich Schulklassen aus aller Welt tummeln. Selfies werden gemacht. An der Ecke sehe ich ein gelbes Schild: „Hitler – wie konnte es geschehen?“, die Werbung für eine Ausstellung im Berlin Story Bunker. Ein Lautsprecher ist zu hören, eine Kundgebung. Am Brandenburger Tor schimpft jemand auf Israel. Alles wie immer.

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