Die Kuratierung der Welt

An der Bushaltestelle am Hauptbahnhof sitzt ein dicker alter Mann im Rollstuhl und raucht Kette. Neben ihm steht eine leere Flasche Billigfusel auf dem Boden, dahinter lächeln drei junge Frauen in geblümten Blusen von einem H&M-Plakat. Ich stehe vor einer öffentlichen Plastik, einer Kunstinstallation, wie man sie in dieser Gegend häufig sieht. Diese hier nenne ich „Multiples Organversagen / Frühling / TXL“ . Mit ein wenig Geschick lässt sich damit sicher gutes Geld verdienen, denke ich. Alles, was ich dafür brauche, ist eine Kamera, einen zugekoksten Galeristen und eine Kulturwissenschaftlerin, die mir einen Erklärtext für die Sammler drechselt, so in die Richtung „Soziale Materialien evozieren die Zyklizität menschlicher Existenz in fluiden Identitäten“. Bingo. Hauptsache es wird in einen spinnerten Kontext eingeordnet. In Berlin lassen sich an einem durchschnittlichen Wochenende die Werke von gut eintausend (mehr oder weniger erfolgreichen) zeitgenössischen Künstlern betrachten, am Gallery Weekend locker doppelt so viele. Nageln Sie mich bitte nicht auf diese Zahl fest, aber es wird wirklich ziemlich viel Zeug ausgestellt, es gibt hier inzwischen wahrscheinlich mehr Galerien als Gemüseläden. Irgendetwas lässt sich immer kuratieren. In der Brunnenstraße drehte sich letztes Jahr ein brasilianischer Performance-Künstler in Strapsen so lange im Kreis, bis er sich übergeben musste – ging für 20.000 Euro weg, Wertsteigerung garantiert. Künstler ist, wer sich dazu erklärt und dies von der richtigen Blase bestätigt bekommt. „Kann ick ooch!“ hustet der dicke Mann und rollt in den Sonnenuntergang, ich hinter ihm her.

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